Sally on the Blog

Während ich neulich am Sonntag Vormittag den Riesenstapel Papier auf unserem Schreibtisch entweder bearbeiten, abheften oder in den Papiermüll bringen wollte, erteilte ich dem großen Kind den Auftrag, einen Gutschein für Omas Geburtstagsgeschenk zu entwerfen. Sie wünschte sich einen schicken Schreibtisch und von allen Beteiligten Gutscheine für das Schicke-Schreibtische-Geschäft. Ich versorgte mein Kind also mit den wesentlichen Informationen Oma, Geburtstag, malen, Tisch, Gutschein. Dann überließ ich ihn sich selbst und der künsterlischen Freiheit und wühlte mich durch Rechnungen, Mahnungen, Schulinformationen, Versicherungsangebote, Steuerunterlagen und nicht zuletzt durch die durcheinander geratenen Kontoauszüge aus vier Jahren für drei verschiedene Konten.

Als ich später wieder nach ihm sah, war der zeichnerische Teil beendet. Auf dem Blatt zu sehen war eine äußerst detailgetreue und künstlerisch hochwertige Abbildung eines Tisches. Eines Eßtisches. Darauf befanden sich erlesenste Speisen und zwar jeweils die Lieblingsspeise aller am Gutschein beteiligter Familienmitglieder. Ich atmete tief durch und wies ihn darauf hin, dass die Oma sich ja eigentlich einen Schreibtisch wünschte. Sein stolzer Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen und er meinte: “Oh, hab ich vergessen.” Ich zog also innerlich die Augenbrauen hoch und bat ihn, den Gutschein noch als das zu beschriften, was er war und beugte mich dann wieder über den Locher und die Bescheinigungen der Krankenversicherung zum Lohnersatz für Kinderbetreuungstage. Als das Bild fertiggestellt war, prangte in riesigen Krakellettern über dem Eßtisch: Gutsche für eine Schreibfisch.

Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich bin ein impulsiver Mensch und ich gestehe hiermit reuevoll, dass der Schreibfisch mir ein bißchen das Kraut ausgeschüttet hat und ich dies vor dem zerstreuten Kind nicht zu verbergen wußte.

Es ist ein Kreuz. Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom schimpft sich dieser Zustand, der Kinder traurig und ihre Eltern wahnsinnig macht. Zum Glück haben wir die Träumervariante erwischt, d.h. in der Regel fällt das Kind nicht negativ auf, wenn es überhaupt auffällt. Leider bringt dies aber auch mit sich, dass man lange damit lebt und darauf wartet, dass der Träumer endlich aufwacht.

Im Kindergarten wurden wir wegen seiner “Verhaltensstörung” zum Gespräch bestellt. Dort wurde uns vorwurfsvoll gesagt, dass unser Sohn auffällig oft mit Blick in den Himmel in der Sandkiste läge, den Sand langsam durch die Hände rieseln ließe und an der Umwelt keinen Anteil mehr nähme. Und wir wurden darauf hingewiesen, dass es nicht sein könne, dass das Kind zum Stuhlkreis und zum Mittagessen immer eine Extraeinladung bräuchte. Damals erklärten wir die Erzieherinnen kurzerhand für wichtigtuerische Dilettantinnen und vergaßen die Angelegenheit, bis die Schulärztin bei der Schuleignungsuntersuchung auf ihr Papier schrieb: “Stark unkonzentriert. Schulreif?”

Mit der Einschulung des Träumers begannen die Schwierigkeiten, denn erstmalig wurde ein gewisses Maß an Selbständigkeit von ihm verlangt. Im Winter der ersten Klasse verlor er ungelogen 6 Paar Handschuhe, 3 Mützen, 1 teure und eine billigere Winterjacke, ein Federmäppchen und einen Schuh. Ich regte mich wahnsinnig auf, kaufte alle Dinge nach und schob alles auf das schlechte Schulsystem, welches die Kinder viel zu früh in sein kinderfeindliches Terrorregime einzog. Kurz bevor ich wahnsinnig wurde, kam der Sommer und es gingen nur noch Sonnenkäppis verloren, die waren billig und der Verlust war nicht so adrenalintreibend für die Mutter. Die Klassen waren klein und die Lehrerin hatte gute Nerven und stupste mein Kind bereitwillig an, wenn es die Flugzeuge im Himmel beobachtete statt die Tüpfelchen auf dem Ä zu machen.

Heute, knapp vier Jahre später kann er sich immer noch nicht merken, die Jeans zu Hause auszuziehen, weil sie vom vielen am Boden Knien beim Comics Lesen nach 5 Tagen Löcher haben. Seit Jahren versuche ich, mich nicht mehr aufzuregen, sondern trage regelmäßig 5 Hosen zur Schneiderin und bezahle 3,50 Euro pro Knie, wenn ich die Flicken selber mitbringe und 5 Euro, wenn sie die Flicken stellt. Ich habe sogar mal die Schneiderin gewechselt, weil ich ihre Ausführungen dazu, wieso ihr gut erzogener Sohn KEINE Löcher in den Hosen hätte, nicht mehr ertrug. Auf den Herbstflohmärkten kaufe ich jährlich Handschuhe und Mützen in ausreichender Menge, um ihn nicht doch irgendwann verzweifelt anschreien zu müssen, wenn er zum 20. Mal mit blau gefrorenen Ohren nach Hause kommt und auf die Frage nach dem Verbleib seiner Mütze verwundert: “Weiß ich nicht, hab ich sie nicht auf?” fragt.

Andere Kinder werden größer, selbständiger und verständiger. Meines kann sich die morgendliche und abendliche Badroutine nicht merken und so frage ich täglich, wenn er rauskommt, ob er auf dem Klo war, sich die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen hätte. Und täglich geht er mit traurigem Gesicht wieder zurück und verrichtet, was er vergessen hat. Allmorgendlich weise ich ihn auf den Zahnpastarand um seinen  Mund hin, weil er nach dem Zähneputzen nicht ans Ausspülen gedacht hat. Manchmal kommt er aus dem Bad gar nicht mehr raus und ich finde ihn irgendwann gedankenverloren literweise Seife aus dem Spender drückend beim Hände waschen. Zwei Mal pro Woche radle ich vor der Arbeit an seiner Schule vorbei und bringe ihm den Hausschlüssel, zwei Mal mache ich es vor Zorn nicht und er sucht sich Unterschlupf bei einem Freund und einmal wöchentlich ruft er mich mittags in der Arbeit an und erzählt mir stolz, dass er den Schlüssel nicht vergessen hat. Manchmal streichelt mir die Lehrerin mitleidsvoll über den Arm, wenn ich wegen des Schlüssels ihren Unterricht störe. Eines Tages werde ich ihr weinend in die Arme fallen.

Seine schulischen Leistungen sind gut, aber nie sehr gut, obwohl er schlau ist und mühevoll, aber beharrlich lernt. Aber dass Satzenden einen Punkt haben und man danach groß weiterschreibt ist genauso schwierig zu verinnerlichen wie es schier unmöglich ist, bei Matheaufgaben in der richtigen Zeile zu bleiben und nicht plötzlich den Teiler der vorherigen Aufgabe zum Rechnen zu verwenden. Wort- und Satzenden werden einfach vergessen und manche Aufsätze lesen sich, als wäre er beim Schreiben auf einem LSD-Trip gewesen, so durcheinander ist sein Satzbau.

Das Gymnasium haben wir nur nach der Kürze des Schulweges ausgesucht. Es kommt häufig vor, dass er verloren geht, weil er in die falsche U-Bahn-Richtung eingestiegen ist und dies erst an der Endhaltestelle gemerkt hat oder weil er schlichtweg vergessen hat, nach Hause zu kommen. Ich warte täglich, dass endlich auch auf unserer U-Bahn-Linie ein Mobilfunknetz vorhanden ist und erwäge heimlich, ihm wie die Beckhams einen Ortungschip in den Oberarm implatieren zu lassen.

Von den beiden nächsten Schulen haben wir uns für die entschieden, welche keine Wanderklassen hat, denn die Vorstellung, wie unser Träumer alle 45 Minuten rechtzeitig ein neues Klassenzimmer finden soll ohne seine kompletten Schulsachen innerhalb eines Tages im gesamten Schulgebäude zu verstreuen, ist ein Grauen. Wahrscheinlich würde er schon in der ersten Woche im schwarzen Schulloch verschwinden und noch wahrscheinlicher gäbe es auch dort  kein Mobilfunknetz oder er hätte ausgerechnet an dem Tag sein Handy vergessen.

Ich wühle mich täglich mit dem Vorsatz aus dem Bett, ihm an diesem Tag keine Vorwürfe zu machen, mich nicht aufzuregen und immer daran zu glauben, dass aus diesem Kind etwas ganz Besonderes werden wird. Und abends gehe ich schlafen und zerfleische mich vor Selbstvorwürfen, weil ich doch wieder wegen vergessener Jacken, schlampigen Hausaufgaben und vulkanausbruchartigen Seifenschaumüberläufen im Bad gemeckert habe. Unsere Kinderärztin schlägt eine Behandlung mit Stimulanzien vor, aber ich frage mich, ob es richtig ist, Kindern so etwas zu geben. Wäre es nicht einfacher, eine Pille zu erfinden, die Eltern geduldiger, ausgeglicher und vor allem reicher machte, damit sie mehr Mützen nachkaufen und das Kind auf Privatschulen mit Klassenstärken von 12 Kindern schicken können? Ich würde die sofort nehmen. Ich schwöre.

Übrigens habe ich beim Papieresortieren neulich auch meine alten Grundschulzeugnisse gefunden. Im Jahreszeugnis der 1. Klasse ist zu lesen:

Die aufgeweckte Schülerin arbeitet im Unterricht zeitweise gut mit, läßt sich aber leicht ablenken und träumt viel. Es passiert häufig, daß sie Hausaufgaben vergißt oder etwas nicht findet. Sich über längere Zeit zu konzentrieren, bereitet ihr noch Schwierigkeiten….Beim Schreiben bemüht sie sich um ein einheitliches Schriftbild. Das Auswendigschreiben geübter Texte und Wörter gelingt nicht immer fehlerlos. Auch beim Abschreiben ergeben sich immer wieder Leichtsinnsfehler….Ihre Leistungen leiden jedoch unter ihrer flüchtigen Arbeitsweise.”

SallyP.


Heute Morgen im Büro ging ich an mein Postfach und fand darin meine Gehaltsabrechnung mit einem ausgewiesenen Endergebnis in unerwarteter Höhe. Sofort schrieb ich Herrn P. eine Email mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrter Herr P.,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass ich aufgrund herausragender Leistungen eine Gehaltserhöhung bekommen habe und diesen Monat daher unglaubliche xxxx Euro zum Familieneinkommen beitragen werde. Ich fordere Sie daher dringend auf, in Ehrfurcht vor mir zu erstarren und mir von nun an täglich nach dem Frühstück zu huldigen.

Mit freundlichen Grüßen,

SallyP.

Den Rest des Tages kreisten meine Gedanken darum, was ich mir von dem vielen Geld alles kaufen könnte, obwohl noch einige Tage vergehen werden, bis der Reichtum mein Konto erreicht haben wird.

So ist das. Kaum kommt man unverhofft zu ein bißchen Geld, schon ist es quasi verplant und ausgegeben. Wer jährlich hoffnungsvoll seine Einkommenssteuererklärung macht, weiß wovon ich spreche. Jedes Jahr malt man sich schillernd aus, was man sich von der zu erwartenden Rückzahlung alles kaufen wird. Wir z.B. planen davon in diesem Jahr extraordinär gute Bergschuhe für mich und Herrn P., eine italienische Markise für die Terrasse, den längst überfälligen Einbauschrank mit großem Schuhregal im Flur und einen Kurztrip nach Barcelona ohne Kinder. Erfahrungsgemäß reicht die Summe der Rückzahlung nicht annähernd für auch nur einen dieser Wünsche, zumal man sich ja auch meist nicht vor September dazu aufraffen kann, die Steuererklärung überhaupt fertig zu machen und abzuschicken. Und wer dann noch - wie ich - einer nach Niederbayern ausgelagerten Bearbeitungsstelle des Heimatfinanzamtes zugehörig ist, der weiß sowieso, was Warten ist.

Neulich habe ich unseren echt repräsentativen und einer in einer Stadt, in der Kinder neuerdings zum Lifestyle gehören, lebenden Familie angemessenen High-Class-Kinderwagen verkauft. Das Kleinkind läuft ja nun selbst, wenn es nicht gerade in Verweigerungshaltung und Trotzrotz ausstoßend am Boden liegt oder vom Fahrradanhänger aus die vorbeiziehende Welt kommentiert. Der Kinderwagen hat sich auf ebay gut verkauft und eines Abends standen also typische Vertreter der schicken neuen Münchner Elterngeneration schwanger bei uns im Wohnzimmer, um das begehrte Stück abzuholen. Wir unterhielten uns angeregt über angesagte Geburtskliniken, in welchen man sich kurz nach dem empfängnisverheißenden Eisprung bereits anmelden muss, um zu den wenigen Privilegierten zu gehören, die das Wunder der Geburt dort erleben dürfen und nicht zwischen all dem Pöbel einer schnöden Uniklinik entbinden müssen. Wir besprachen auch, wo man den Geburtsvorbereitungskurs in exklusivem Ambiente unter seinesgleichen erleben kann und von einfühlsamen und homöopathisch weitergebildeten Designer-Hebammen bei Weizengrascocktails wertvolle Hinweise zur Vermeidung von Schwangerschaftsstreifen und bodenorientierten Brüsten bekommen könne und die sanfte Geburt per Akkupunktur fast garantiert ist. Kurz bevor ich soweit war, alle feine Zurückhaltung zu vergessen und den beiden die Wahrhheit zu berichten, nämlich dass die Geburt schmerzhaft, blutig und grauenvoll sein würde und die Nabelschnur durch das stilvolle Ambiente der Geburtstklinik auch nicht in Herzform springen wird und dass alle Geburstsvorbereitung für die Katz ist, wenn man mittendrin ist, eine Melone durch eine eiergroße Öffnung zu pressen während der eigene Mann mit schriller Stimme an die Pferdeatmung aus dem Kurs erinnert und dass man für eine Perdiuralanästhesie plötzlich morden würde, obwohl man sich vorher 9 Monate lang breit darüber ausgelassen hat, dass etwas anderes als eine völlig natürliche Geburt überhaupt nicht in Frage käme und dies lediglich eine Frage von Willensstärke und weiblichem Selbstbewußtsein sei und dass die Akkupunkturnadeln im kleinen Zeh fast genauso weh tun, wie Preßwehen. Bevor ich die beiden aber von Fundis zu Realos machen konnte, wollten sie sich verabschieden und rangierten den Kinderwagen in Richtung Terrassentür. Um den Weg dafür frei zu machen, musste ich im Gang zwischen Küchenzeile und Kochinsel rückwärts gehen und fiel dabei in die offene Tür der Spülmaschine. Es dauerte eine Weile, bis ich mich unter käferartigem Rudern mit allen Gliedmaßen aus meiner mißlichen Lage befreit hatte, mit verharmlosendem Lächeln wieder stehen und unseren Besuch mitsamt Kinderwagen hinaus komplimentieren konnte. Beide verschwanden unter mitleidsvollen Beteuerungen, während Herr P. sich den Bauch hielt vor Lachen ob des definitiv nicht stylischen und gänzlich uncoolen Anblicks, den ich geboten hatte. Die linke Seite meines Rückens sowie die Verlängerung bis in den Schenkel war noch tagelang blau und die Spülmaschine funktionierte fortan nur noch, wenn man die Tür unmittelbar nach Einschalten mit einem schräg zwischen Herd und Spülmaschine geklemmten Küchenstuhl fixierte und die Kinder anwies, den Stuhl nicht mal anzuschauen, da beim kleinsten Lufthauch die Konstruktion ihren Halt verlor und die Maschine zu spülen aufhörte.

Bis der Mensch vom Kundendienst Zeit fand, sich an einem Tag in einem Zeitfenster zwischen 8 Uhr und 15 Uhr zu uns zu bequemen, vergingen 3 Wochen. Als er dann kam, baute er schlecht gelaunt innerhalb von 10 Minuten Ersatzteile im Wert von 13 Euro ein, trank 3 Tassen Kaffee und verlangte im Anschluß mit barscher Stimme eine 3-stellige Summe von mir und zwar zahlbar in bar und sofort. Normalerweise verfügen wir nicht über größere Summen Bargeld im Haus, aber in der Schreibtischschublade befanden sich erfreulicherweise noch die losen Scheine aus dem Erlös des Kinderwagens. Kinderwagen amortisiert Spülmaschine sozusagen, welch ein Glück.

Letzte Woche bin ich mit meinem Kleinkind in eines der Stadtviertel geradelt, in welchem man als Prototyp der neuen Münchner Style-Familie leben muss. Eigentlich wollte ich dort eine Freundin besuchen, da wir aber viel zu früh dran waren, nutzte ich die Gelegenheit und betrat ein Kinderschuhgeschäft, um der Kröte die längst überfälligen Sandalen zu kaufen. Kinderschuhe sind ja ein ganz eigenes Thema. Der Kinderschuhkauf ist ja mindestens eine so komplexe Angelegenheit wie das Finden einer geeigenten und modernen Maßstäben entsprechenden Geburtsklinik. Erst recht, wenn man ein so groß- aber äußerst schmalfüßiges Kind hat, wie ich. Als ich nach langem Suchen zwischen Schuhen, welche in Farben, Ausführung und Beschaffenheit für vieles geeignet waren, aber nicht für die normalen Basistätigkeiten von Zweijährigen (laufen, springen, Sand spielen) fand ich scheinbar bodenständige Sandalen. Leider hielt der Laden sie nicht in der benötigten Größe vor, aber die Verkäuferin erklärte mir sehr kompetent, dass ich mit meiner Wahl ein ausgezeichnetes Auge bewiesen hatte, denn die Schuhmarke sei die allerneuste Entdeckung im italienischen Luxuskinderschuhsegment und sie könne sie mir aufgrund guter Verhandlungen zu einem unglaublich günstigen Preis anbieten. Ich zeigte mich angemessen beeindruckt, denn der Name der Schuhmarke erinnerte eher an eine franzözische Niedrigpreisprostituierte, denn an italienische Luxusschuhe. Als ich den Preis hörte, war ich versucht, ihr zu erklären, dass ich Schuhe kaufen und nicht die Füße meines Kindes mit Gold verkleiden wollte, aber ich hielt mich mit Mühe zurück. Ich bedauerte also lautstark und außerordentlich, dass die benötigte Größe nicht vorhanden waren und verließ Luft schnappend den Laden. Nachdem mit einem Sommer aber in diesem Jahr ja sowieso kaum mehr zu rechnen ist, brauchen wir auch gar keine Sandalen.

Am Nachmittag erhielt ich Herrn P.s Erwiderung per Email:

Sehr geehrte Frau P.,
meine besten Glückwünsche zu Ihrer monetären Verbesserung! Zur Planung Ihrer Ausgaben werde ich Ihnen gerne einige Vorschläge und Ausgabepositionen mitteilen, nachdem meine eigenen Haushaltsstelle eine kritische Masse erreicht hat.

Beste Grüße,

Herr P.

Da war es schon. Das Geld aus meiner Gehaltserhöhung sollte ich möglichst also ausgeben, bevor ich es in Fingern oder auf dem Konto habe, da sich der Bedarf erfahrungsgemäß unmittelbar mit den Möglichkeiten ergibt. Ich werde mir also den lila Stein für meinen Ring am besten gleich morgen besorgen, sonst kommt am Ende übermorgen der Sommer und ich muss den Kindern doch noch Schuhe besorgen. Ich schrieb also  zurück:

Sehr verehrter Herr P.,

bedauerlicherweise haben sich ganz aktuell ungeahnte Bedarfe ergeben, was bezogen auf die von Ihnen erwähnten Haushaltsstellen eklatante Verschiebungen der Prioritäten bedeutet. Wir bitten also frühestens im November bei Auszahlung des Weihnachtsgeldes um erneute Vorsprache und Beantragung Ihrer Begehrlichkeiten. Mit freundlichen Grüßen…

SallyP.

Hausfrauenreport

Mai 27th, 2010

Meine Güte…hiermit entschuldige ich mich förmlichst bei allen Vollzeitmüttern, über die ich jemals heimlich oder öffentlich gelästert habe. Ich nehme alle hämischen Gedanken zurück, denn ich war im Unrecht und bin mir dessen seit heute ehrlich und wahrhaftig bewußt. Wie es zu dieser edlen Erkenntnis kam?

Es begab sich, dass die Kinderkrippe eine Woche ihre Tore schloß und Frau P. also Urlaub nehmen mußte, um die kleine Ich-Maschine selbst zu hüten und zu erziehen. Herrn P.s wichtige Geschäfte verhinderten, dass er sich daran beteiligte und so sah ich mich urplötzlich damit konfrontiert, von früh bis spät ein Kleinkind in meiner ureigensten Verantwortung zu haben. Dabei  konnte ich noch nicht einmal auf die tatkräftige Unterstützung des Kröten-Bruders hoffen, da dieser sich seiner geschwisterlichen Pflichten mittels Flucht in ein Pfadfinderlager entzogen hatte. Infam.

Plötzlich muss man sich um ausgewogenes und altersgerechtes Essen Gedanken machen und um regelmäßige Essenszeiten sowieso. Nix mehr mit schnell in die Kantine huschen und zwischen zwei Terminen schnell das 2,80 Euro Menü herunter schlingen sondern pünktlich um 11.45 Uhr ein vitaminreiches und frisches Essen servieren, welches dem  Gourmet-Kleinkind auch noch schmecken soll, damit er sich nicht genötigt sehen muss, sein Mißfallen durch Katapultieren des Essens in die Vorhänge auszudrücken.

Sonst ist ja für gesunde Ernährung, gewaltfreie und dennoch zeitgemäß klare Erziehung sowie Förderung sämtlicher künstlerischer Talente die Kinderverwahranstalt zuständig, welcher man dafür monatlich ein Vermögen überweist. In aller Regel ist das Geld aber gut angelegt, denn wochenends zieht man das Kind dann hübsch an und führt es aus und alle Leute sagen dann, wie wohlerzogen es sei, wie gesund es aussähe und wie unglaublich strophensicher es das Lied von der Hexe Wackelzahn zum besten geben könne. Man selbst steht stolz lächelnd daneben und kann sich als Beruf und Familie perfekt vereinende Mutter arschgut vorkommen.

Stattdessen bin ich nun voll im Kleinkindmutterstreß und hetze vom vitaminreichen Einkauf zum Spielplatz zur Wäscherei und wundere mich dauernd, wieso ich es nie rechtzeitig schaffe, zum Mittagsschlaf wieder zu  Hause zu sein und woher eigentlich der ganze Sand immer kommt, wenn ich das schlafende Kind vom Fahrradanhänger in sein Bett trage.  Zudem sehe ich nun ständig meine Wohnung bei Tageslicht, bin entsetzt über deren Zustand und insbesondere darüber, wie Südseite-Fenster bei Sonnenschein um die Mittagszeit aussehen können, obwohl Herr P. sie doch vor Weihnachten akribisch geputzt hat.

Nachmittags klappere ich täglich all meine lange vernachlässigten gesellschaftlichen Verpflichtungen ab und besuche also eine kindbesitzende Freundin oder Kollegin nach der anderen. Dabei muss ich mich auch was meinen Fahrradfahrstil betrifft, gewaltig umgewöhnen, denn mit Kind im Anhänger hinten muss man sich gut überlegen, ob man als stylisch-coole Radlerin über der rechts-vor-links-Regel oder der Bedeutung von roten Ampeln steht und ob man dem LKW-Fahrer auf der Kapuzinerstraße den Mittelfinger zeigt und ihm analfixierte Schimpfwörter nachbrüllt, bis er stehen bleibt und im Begriff ist, mit wutrotem Kopf auszusteigen. Mit Anhänger ist man im Zweifel nicht sehr schnell und wendig und das Kleinkind will unmittelbar wissen: “Mama, hast Du gesagt?”

Auf dem Heimweg gestern wollte ich -  natürlich viel zu spät - noch eben schnell im Supermarkt vorbei und hatte aber die Rechnung aber meine sehr müde kleine Kröte gemacht. Ohne es zu wollen, befand ich mich mitten in der Eltern-Königs-Disziplin:

Einkaufen mit einem in der Autonomiephase befindlichen Kleinkind ohne Chip für den Einkaufswagen.

Was soll ich groß darüber sagen? Ich habe vernünftig mit ihm gesprochen, später viel gebettelt und gefleht, wir haben lange und laut diskutiert und ab der Wursttheke lautstark gestritten, obwohl ich zur großzügigen Konzession bereit war, einen 1-Liter-Eimer Joghurt voller Zuckerersatzstoffe und Geschmacksverstärker zu kaufen und das Kind diesen auch  noch selbst tragen zu lassen. Von der Gemüsetheke zum Kassendurchgang habe ich ihn dann unter den mißbilligenden Blicken aller Leute an einem Arm geschleift, denn im anderen hatte ich den kompletten Einkauf. Im Kassendurchgang lag er neben dem geplatzten  Joghurteimer schreiend am Boden und ich versuchte beim Bezahlen so zu tun, als seien es weder mein Kind noch mein Joghurteimer. Bevor ich die Einkäufe verstaute, manövrierte ich ihn weiterhin schreiend in die Ecke beim Augang, wo er die vorbeifahrenden Einkaufswagen nicht so störte wie im Kassendurchgang. Dort wurde er von vielen teilnahmsvollen Menschen bemitleided und gefragt, warum so ein armes Butzerl denn so weinen müßte und wo denn die Mami (vorwurfsvoll suchender Blick) von dem armen Schneckerl sei. Und damit das Butzerl nicht weiter so traurig sein mußte, bekam es es auch noch einen Schokoriegel geschenkt, den ich ihm am liebsten aus der Hand gerissen und mir zur Beruhigung meiner Nerven quer in den Mund gesteckt hätte. Aber damit hätte ich ja zugegeben, die Rabenmutter zu sein. Nächstes Mal sollte ich solche Leute darauf hinweisen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten, denn das Jugendamt hätte für den nächsten Tag bereits einen für kleine Butzerl geeigneten Heimplatz organisiert.

Die Fahrt nach Hause verbrachte das arme Schneckerl dann glücklich Schokolade mampfend und aufmerksam in der kostenlosen Rezeptezeitschrift des Supermarktes lesend im Fahrradanhänger, während ich wild fluchend nach Hause strampelte und schwor, nie wieder Urlaub zu nehmen, sondern künftig im Büro zu wohnen.

SallyP.

Mein Kind sei nicht im Trotzalter, sondern in der Autonomiephase, sagte mir neulich meine Freundin, die Psychologin, als ich mich über meine mißliche Lebenssituation beschwerte. Dieser Abschnitt im Kleinkindalter sei wichtig zur Entwicklung der Ich-Stärke, der Willensbildung sowie zur Ablösung von den Eltern und zur Selbstbehauptung sowieso. Ich solle also aufhören, andauernd negative Gefühle auf das Kind zu projizieren und stattdessen den Entwicklungsfortschritten und den damit verbundenen Eigenheiten kraftvoll und bejahend entgegen treten.

Sicherlich ein ganz großartiges Konzept, nur leider ist kraftvoll ein Begriff, welcher so gar nicht mehr zu mir passen mag, seit jeder Tag mit einem Tobsuchtsanfall beginnt, weil wir dem Autonomieprotagonisten das Gesicht waschen wollen und damit endet, dass er uns auf dem Wickeltisch mit seinen Beinen blaue Augen schlägt, weil er das Anziehen von Schlafanzügen für einen Verstoß wider die UN-Kinderrechtskonvention hält und äußerst kraftvoll seinen Protest dagegen ausdrückt.

Begonnen hat dieser Entwicklungsabschnitt, der untrennbar verbunden scheint mit der Phase unaufhaltsamer Grauhaarvermehrung bei der Mutter, mit der Aufnahme des Wortes “NEIN” in den aktiven Sprachschatz. Das Wort “Ja” dagegen hat er bis heute nicht verinnerlichen können. Eine Weile hat er jede Frage, egal welche, mit im besten Falle einem freundlichen “Nein” und Kopfschütteln und meistens eher mit einem zornigen “NEIN!” und sofortigem auf den Boden schmeissen und strampeln beantwortet. Später wurde daraus ein vehementes “Mag i niiiiiiiiit” oder auch alternativ “Laß mich” und “Geh weg”. Bisweilen kam es sogar vor, dass wir nach vielerlei Diskussionen aufgaben und ihn genervt aufforderten, dann eben bockig zu sein und gerne auch die ganze Nacht in seiner Zorntränenpfütze liegen zu bleiben und er auch darauf noch mit hochrotem Gesicht “Mag i niiiiiiiit!” schrie und sich in unsere Waden verbiß.

Weiteres zentrales Element der Autonomiephase ist bekanntermaßen die Entdeckung des Wörtchens “ich” im kindlichen Sprachgebrauch, welches zunehmend die Nennung des eigenen Vornamens ersetzt. Bei uns ist es seit einiger Zeit soweit und wir hören mit Begeistertung seine Befehle, die den ganzen Tag in einem Ton auf uns einpeitschen, der an pakistanische Militärausbildungslager erinnert. “Trinken will ich” und “Gabel brauch ich” sind nur wenige davon. Ersteres möchte er selbstredend aus einem richtigen Glas und es gehört zu seinen autonomen Bestrebungen, die Apfelschorle darin nur zum Teil selbst zu trinken und zum weit größeren Teil kreative Ideen damit umzusetzen, die uns schon schwer bereuen haben lassen, das neue Parkett geölt und nicht lackiert zu haben. Zweiteres benutzt er gerne dafür, Tomatenschiffchen katapultartig gegen das Terrassenfenster fliegen zu lassen und danach zu schreien: “Tomate will ich!”

Seit ich neulich Geburtstag hatte, behauptet er nun täglich beim Frühstück, er hätte Geburstag (”Burtstag hab ich”) und fordert dazu “Geschenk will ich und Kuchen essen auch”. Dazu singt er sich selbst ein Ständchen und läßt sich hochleben.

Neulich im Biergarten, während Herr P. und ich kraftlos unsere Müdigkeit in einer Maß Bier ertränken wollten, ging das kleine Ich-Monster mit seinem großen Bruder auf Wanderschaft. Wieder kam er mit offen ausgestreckter Hand und der Forderung: “Geld brauch ich und Karussel will ich”. Als ich die Preise für eine Karusselfahrt sah, setzte ich in Gedanken schon einen Brief ans Familienministerium mit einer Forderung nach der längst überfälligen Erhöhung des Kinderfreibetrages auf. 1,10 Euro für eine Runde Karussel… und wir sprechen hier nicht von einem 400 Meter hohen Rollercoaster mit 6 Loopings im six flags magic mountain, sondern vom Kinderkarussel in Münchens schönstem Biergarten. Als ich klein war, fuhr mein Opa selig oftmals mit dem Radl und mir im Sitz vorne dran dorthin, bestellte sich eine Maß Bier nach der anderen und drückte mir eine Stange Zehnerl in die Hand. Ich weiß bis heute noch, wie sich viele Zehn-Pfennig-Stücke in der halbholen Hand anfühlen. Damals kostete die Karussel-Fahrt jeweils eine solche Münze und wenn das Geld alle und ich fertig war, hatte mein Opa meist schon ein rotes Gesicht und wir fuhren beide glückselig und etwas wackelig nach Hause.

Das Karussel ist dasselbe geblieben, der Preis hat sich dagegen verelffacht und um wieviel teurer die Maß Bier heutzutage ist, möchte ich gar nicht wissen. Wenn man davon ausgeht, dass wir dort noch oft sitzen und den Frust über unsere gescheiterten Erziehungsbemühungen im Alkohol ertränken, wäre es mittelfristig sowieso billiger, das Karussel einfach zu kaufen und mit den Einnahmen für ein Leben lang ausgesorgt zu haben. Das Ding wäre eine 100prozentige Wertanlage - vor allem angesichts der derzeitigen griechischen Krisen - denn Kinder, die ihre Eltern mittels emotionaler Epressung dazu bringen, sie für jeden Preis der Welt Karussel fahren zu lassen, wird es immer geben.

Neulich im Wartezimmer der Schulberatung, wo wir darauf warteten, erklärt zu bekommen, dass das bayerische Schulsystem keine Antworten auf die Verschrobenheiten unseres Großen hätte, stand ein lila Stuhl. Der Zwerg kletterte hinauf und erläuterte mir, dass der Stuhl lila sei. Ich bejahte diese Aussage erfreut, was offenbar nicht die erhoffte Reaktion war, denn sofort ließ er sich vom Stuhl auf den Boden gleiten, hämmerte mit beiden Fäusten in den Boden und schrie “Rot, rot, rot, Stuhl, roooooooooooooooooooooot, Mama!”. Ich stritt eine Weile mit ihm, aber unter den mißbilligenden Blicken der anderen Wartenden fühlte ich mich zunehmend unbehaglich und räumte irgendwann wie Orwells Winston Smith in “1984″, der unter Folter irgendwann einwilligte, drei Finger zu sehen, obwohl ihm zwei gezeigt wurden, flüsternd ein, dass der Stuhl rot sei.

Heute erklärte mir meine Freundin die Psychololgin, dass es bei Kindern in der Autonomiephase wichtig sei, es als pädagogisch versierter Elternteil möglichst nicht auf Machtkämpfe ankommen zu lassen. Wenn diese doch unvemeidbar seien, gälte es unbedingt, diesen Kampf keinesfalls zu verlieren, da sonst die Pubertät über alle Maßen schlimmer werden würde.

Wie ist das denn, wenn die kleine willensstarke Ich-Maschine mich so mürbe gemacht hat, dass meine Farbkenntnisse schwinden und lila vor meinen Augen zu rot wird? Bin ich dann nur farbenblind oder habe ich eine strategisch wichtige Schlacht im großen entwicklungspsychologischen Krieg verloren?

SallyP.

Neulich, beim Abendessen war es soweit: Die kleine trotzige Kröte hatte die Tomate unter den Tisch geworfen statt sie zu essen und das Gurkenstück kichernd in meiner Apfelschorle versenkt, nachdem es ausschließlich die Wurst vom Brot gefuttert und sich anschließend die Butter in die Haare geschmiert hatte. Nach mehrmaliger Aufforderung meinerseits, mit dem Essen nicht zu spielen und auch das Brot seinem eigentlich Zweck zuzuführen, ist mir ein Tomatenschiffchen torpedoartig im Gesicht gelandet. Daraufhin habe ich gebrüllt, dass es mir mit der ewigen Batzerei beim Essen jetzt dann reicht und gleich der Watschnbaum umfällt, was in hiesigen Gefilden soviel bedeutet, wie dass man demnächst geneigt sein könnte, Ohrfeigen zu verteilen.
Da flüsterte das große Kind dem kleinen ganz formalistisch und wichtigtuerisch ins Ohr, dass Gewalt in der Erziehung verboten sei und die Mutter solcherlei Drohungen nicht wahr mache, man aber dennoch um diese Tageszeit auf der Hut sein müsse, was das anhaltende Werfen von Gemüse beträfe.

Nicht, dass ich eine Gegnerin des Rechts auf gewaltfreie Erziehung wäre, aber wenn man zwei Kinder in schwierigen Phasen hat, dann gerät man doch ab und an in emotionale Ausnahmezustände, vergißt sämtliche modernen Erziehungsvorstellungen und wünscht sich den Rohrstock zurück.  Wennschon nicht, um den mißratenen Fratzen die Lust am ordentlichen Essen nahe zu bringen, dann wenigstens um sich selbst per Schlag auf den Hinterkopf in gnädige Bewußtlosigkeit zu befördern, bis die Sprösslinge Abitur haben und aus dem Haus sind.

Ich habe ein Kind im Trotzalter, welches bereits nach der Neugeborenenphase trotzphasenspezifische Verhaltensweisen zeigte, was offenbar seinem Grundcharakter entstammt oder seinem Sternzeichen zuzuschreiben ist. Dementsprechend durchleben wir hier gerade die Doppeltrotzphase oder - anders ausgedrückt - den [I]Trotzphasen-Superpursuit Mode[/I]. Wenn ich nicht von jeher eine Befürwörterin von frühkindlicher Krippenverwahrung gewesen wäre, dann würde ich spätestens jetzt jeden Preis der Welt bezahlen, um das Kind tagsüber in die Hände fachlich versierter Erzieherinnen geben zu dürfen. Sein sonst umfänglicher Wortschatz beschränkt sich momentan im Wesentlichen auf das Wort “Nein” und die Sätze “Mag ich niiiiiiiiiiiiiiiiiit”und  “Lass mich”. Am allerliebsten drückt er sich aber neuerdings völlig wortlos aus, pantomimisch quasi, und das auf geradezu verblüffend deutliche Art und Weise. Bitte ich ihn z.B. Abends, seinem Bruder beim Tischdecken zu helfen, sagt er im günstigsten Falle gleichgültig “nein” und geht weg. Wahrscheinlicher ist die Variante, dass er den Tisch zwar decken will, aber nicht so, wie der bürgerliche Spießer sich das vorstellt. Statt Gläsern stellt er dann den Gästeaschenbecher und die Ramazzottigläser auf den Tisch und wirft sich kreischend auf den Boden, wenn ich ihm den Wunsch, sich selbst ein riesiges Fleischmesser an seinen Platz zu legen (”Messer brauch ich”) verwehre. Meine pädagogische Methode der Wahl ist dann meist, ihn zu ignorieren, was bei seinem Bruder großartig funktioniert und mich im Glauben bestärkt hat, dass man in Sachen Erziehung immer nur seines eigenen Glückes Schmied ist und ich eines der ganz großen Naturtalente in Sachen Pädagogik bin. Was dies betrifft, bin ich inzwischen eines Besseren belehrt, denn ich sehe mich neuerdings oftmals damit konfrontiert, dass der kleine Zornpinkel vor nichts zurückschreckt, mich aus der Haut fahren und mich selbst und alle pädagogischen Dogmen vergessen zu lassen. Es kommt vor, dass er mutwillig die Teller vom Tisch fegt, mit seinem Holzgemüse aus der Kinderküche schmeißt und mich beim Versuch, den strampelenden Wutsack in sein Zimmer zu tragen, schlägt, kratzt und beißt. Letzteres oftmals unter dem ungläubigen Staunen seines friedliebenden großen Bruders, der dann nurmehr flüstert: “Sowas hab ich nicht gemacht, gell, Mama?” “Stimmt!” stelle ich dann genervt fest und wir denken beide sehnsüchtig an die Zeiten zurück, wo er noch ein verwöhntes Einzelkind war und ich im Nachbars- und Bekanntenkreis als Vorzeigemutter fungierte. Heutzutage gehöre ich eher zu den Müttern, über die man im Supermarkt mißbilligend den Kopf schüttelt und deren Nachbarn erwägen, anonym die Supernanny zu bestellen.

Sogar wenn ich entnervt aufgebe und ihm nach minutenlangem Streit und Diskussion, z.B. über die Frage, ob man ein  Recht auf ein windelfreies Dasein hat, obwohl man regelmäßig Häufchen unter dem Küchentisch hinterläßt oder von der Sofalehne auf den Boden pinkelt, resignativ anbiete, er solle doch machen was er wolle, schreit er noch “NEIIIIIIIIIN, mag ich niiiiiiiiiiiiiiiit!” und klammert sich zornig an mein Bein. Kommt das Jugendamt im Notfall auch, um die Mutter ins Heim zu stecken? Kommt daher der Name “Müttergenesungswerk”? Ist das Müttergenesungswerk eine große Besserungsanstalt für aus der Haut gefahrene Rabenmütter? Kann man sich das mit Zaun um einen großen Garten vorstellen, in welchem zombieartige Frauen mit weit aufgerissenen Augen in Bademänteln rumlaufen und “Mag ich niiiiiiiiiiiiit!” flüstern?

Gleichzeitig lebe ich auch noch mit einem Vorpubertierendem zusammen. Dieses einst so brave Vorzeigekind treibt mich aktuell auch regelmäßig in den Wahnsinn. Was dieser Halbwüchsige, für den ich vor lauter Wachsen gar nicht mehr weiß, wo ich so viele neue Hosen und Schuhe herbringen soll, wie er bräuchte, im Kopf hat, ist mir ein völliges Rätsel. Spätestens seit der Einschulung sind ihm die täglichen Routineabläufe im Bad geläufig, aber neuerdings muss man ihm jeden Morgen und jeden Abend daran erinnern, dass man beim Zähneputzen die Zahnbürste bewegen und sich danach den Mund auswaschen muss und dass es von Vorteil ist, sich anschließend auch noch das Gesicht zu waschen, denn Zahnpastaflecken zeigen sich erst später auf dem Schulweg, wenn sie in Gänze getrocknet sind. Stattdessen beschäftigt er sich täglich mehrmals ausgiebig mit dem Haargel, welches ihm eine gute Tante zu Ostern geschickt hat. Davon schmiert er sich so viel in die Haare, dass darin wahrscheinlich bald Schlammmonster ein biotopisches zu Hause finden werden. Für wen er dies allerdings tut, bleibt unklar, denn das weibliche Geschlecht findet er nach wie vor nicht erwähnenswert. Vor kurzem mußte er ein Referat über “Pfadfinder” halten und fing beim Üben immer an der Stelle, wo es um den gemischtgeschlechtlichen Ansatz der Weltpfadfinder- und Weltpfadfinderinnenbewegung ging, verdächtig zu nuscheln an und hätte am liebsten behauptet, richtige Pfadfinder könnten nur Jungs sein.
Was er gedankenverloren andauernd mit dem Flüssigseifenspender macht, kann ich nur erahnen, aber neuerdings müssen wir ständig Nachfüllseife kaufen und seine Hände sind dabei keineswegs sauberer. Als ich vor ein paar Tagen aber zum wiederholten Male angeekelt beim Zähneputzen ausspuckte, weil meine Zahnbürste furchtbar seifig schmeckte, bat ich Herrn P. inständig darum, mit seinem Ältesten ein sehr ernstes Wort zu sprechen, da mir sonst demnächst die guten Worte ausgehen würden.

Übrigens hat das Kind uns davon, dass es Donnerstags in der Schule ein Referat halten müsse, am Dienstag Abend ganz nebenbei erzählt. Und dass es dafür Farbfolien bräuchte, ebenfalls. Die Kollegin, welche ich am nächsten Morgen gehetzt zwischen zwei Terminen bat, mir den Foliendruck am Farblaserdrucker zu erklären, hat zwei erwachsene Jungs und versicherte mir, dass man eigentlich eine von der Familienministerin persönlich überreichte Urkunde und tosenden Applaus aller Mitglieder des Kinderschutzbundes bekommen müßte, wenn man Kinder uneingeschränkt gewaltfrei erzogen und groß gebracht hätte. Sie selbst hätte es geschafft, erzählte sie mir nicht ohne einen Anflug von Stolz, räumte aber ein, dass ihr großer und muskelbepackter Ehemann sie in all den Jahren einige Male unter Aufbietung all seiner Kräfte davon abhalten mußte, in rasender Wut den Watschnbaum zu fällen.

Vor der Phase sei nach der Phase, sagte kürzlich eine Freundin und Mutter von drei Kindern zu mir. Offenbar hat die Natur mit den Phasenpausen dafür gesorgt, dass Eltern Zeit zur Regeneration, Tönung der neuen grauen Haare und Formulierung weiterer hehrer Erziehungsgrundsätze haben.

SallyP.

Die nestfliehende Mutter

April 16th, 2010

Neulich bei einem Familienfest erzählte ich der Runde von der am nächsten Tag beginnenden Tagung am anderen Ende Deutschlands, an welcher ich teilzunehmen im Begriff war. Diese berufliche Reise war die erste ihrer Art nach meiner inzwischen nur noch schwer nachvollziehbaren, aber ja bekanntlich in die Tat umgesetzten, Idee des zweiten Kindes in fortgeschrittenem Alter. Der Familienkreis zeigte sich - bis auf den plötzlich etwas blasser scheinenden Herrn P. - begeistert und malte sich  mit mir in den schillernsten Farben die Vorzüge einer solchen Reise aus. Wir stellten uns vor, wie ich täglich bis Viertel nach 7 schlafen würde, weil das Frühstück erst um 8 Uhr begänne und ich mich in aller Ruhe duschen, anziehen und schminken könne ohne gleichzeitig noch Milch fürs Fläschchen bereiten zu müssen, welche immer dann überkocht, wenn ich dabei bin, mir das zweite Auge zu tuschen. Wie ich mir konzentriert die Haare glatt fönen würde, ohne dem Vorpubertierenden zum 200. Mal zu erklären, dass eine halbe Tube Haargel auf dem Kopf die Frauenwelt nicht williger werden läßt, wenn man dabei immer das Zähneputzen vernachlässigt. Wie ich mir meinen Kaffee nicht selber bereiten müsse und es zum Frühstück auch nicht die mühsam selbst gewürfelte Ananas mit Haferflocken gäbe, sondern ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit Deko-Tomaten auf dem Käse und geringelten Gürkchen auf der Wurst. Tagsüber würde ich strahlend gut aussehend, ohne Augenringe, das anwesende Fachpublikum mit meiner Intelligenz, meinem Fachwissen und meiner exorbitanten Schönheit betören und abends beim 3-Gänge-Menü im Tagsungshotel vor geistreichem Witz nur so sprühen. Anschließend würde ich ein Schlummerbad im riesigen Hotelwhirlpool nehmen und einen Prosecco zur Entspannung trinken während mir der äußerst gutaussehende Star-Referent den Rücken massiert und mir aufmerksam die Hornhautfeile reicht.

Meine Mutter schwor, dafür zu sorgen, dass Herr P. als alleinerziehender Vater die paar Tage lang ganz großartig zurechtkommen und beim Jonglieren von Haushalt, Job und Kinder eine Bestfigur machen würde und so packte ich meinen Trolley mit hohen Schuhen und weißen Blusen und rasierte mir die Beine. Ich saß zum ersten Mal seit langem wieder alleine im ICE, an einem Platz am Fenster mit Tischchen und Netzanschluß für den Laptop und nicht im Mutter-Kind-Abteil wo garantiert außer einem selbst immer noch eine Mutter mit Säugling sitzt, der immer dann schlafen muss, wenn das eigene Kind lauthals die Moritat von der “Hexe Wackelzahn” singt und welcher vor Blähungen schreit, wenn das eigene Kind gerade friedlich eingeschlafen ist. Ehrlich, ich fühlte mich wie die Gräfin Cox und stellte mir bis zur nächsten Haltestelle vor, ich sei eine kinderlose Singlefrau auf dem Weg zur Vorstandssitzung eines DAX-Unternehmens um dort der anwesenden Aktionsärsschaft meine ausgebuffte Strategie zum großangelegten Stellenabbau und zur Gewinnmaximierung vorzulegen.

In Ulm stieg eine alte Dame ein und nahm wortlos neben mir Platz. Sie hatte einen Koffer, eine Tüte und 3 Rosen bei sich und las in einem Buch. Kurz darauf verspürte ich ein dringendes Bedürfnis und bat meine Nachbarin, mich vorbei zu lassen. Sie schien genervt und kramte umständlich ihre Sachen zusammen, damit ich passieren konnte. Eine Stunde später, wir waren noch nicht in Stuttgart, musste ich wieder, denn erstens hatte ich morgens eine Kanne Kaffe getrunken und zweitens achte ich penibel auf genügend Wasserzufuhr während des Tages. Da die Dame gerade eingeschlafen war, drückte ich die Schenkel zusammen und konzentrierte mich auf die vorbeiziehenden schwäbischen Landschaften. Irgendwann ging es aber nicht mehr, und ich erschreckte die Dame zu Tode mit meiner wirklich zart geflüsterten Bitte, mich doch bitte noch einmal…. Sie seufzte tief und es dauerte wiederum einige Minuten, bis sie ihre Sachen zur Seite geschafft hatte und insbesondere die Rosen so drapiert hatte, dass der beckenbodenmuskelschwache Trampel ihnen keinen Schaden zufügen könne.

Noch einmal eine Stunde später dasselbe Spiel und die Dame war nun sichtlich ungehalten. Auf dem Weg zur Toilette mußte ich zudem immer noch an einem Werbeplakat für Medikamente auf pflanzlicher Basis gegen Blasenschwäche vorbei und empfand das als als äußerst unsensibel der Bahn gegenüber ihren Kunden angesichts der Enge engen Verhältnisse in der zweiten Klasse. Im weiteren Verlauf der Fahrt fühlte mich neben der Alten, die bis Kassel, wo sie dann ausstieg, nicht ein einziges Mal auf die Toilette mußte, wirklich unwohl und hoffte im weiteren Verlauf der Reise angstvoll, dass meine Blase sich nicht neuerlich füllen würde. In Wahrheit hatte sie wahrscheinlich einen Kathether oder gute Einlagen und kam sich damit mir gegenüber brutal cool vor.

Nach einer mühevollen Fahrt also am Tagungsort angekommen wurde ich mit Kaffee und Brezen begrüßt, welche so labberig schmeckten, als hätte Bayern sie als Entwicklungshilfe per Schneckenpost nach Norddeutschland geschickt. Fast unmittelbar hatte ich eine Eroberung gemacht. Ein Mann mittleren Alters, der fast unmittelbar nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln schwallartig von sich, seinem Häuschen ganz in der Nähe, seinem gräßlichen Job, seiner wirklich schlimmen Bandscheibe und seiner Abneigung gegen  Tagungen erzählte. Ich erinnerte mich, dass Herr P. noch am Morgen mit zu Schlitzen verengten Augen drohte, jeden potentiellen Tagungsbeischläfer zum Eunuchen zu machen und mußte unwillkürlich losprusten, denn angesichts meiner glorreichen Eroberung hätte sogar der eifersüchtige Herr P. schallend gelacht.

Mit meinem Aufriß im Schlepptau hörte ich zwei langweilige Eingangsreferate und verursachte wiederum saalweites erbostes Schnauben, weil ich mehrmals zur Toilette mußte und über der Elternzeit die goldene Regel vergessen hatte, niemals mit klappernden Absätzen in der ersten Reihe zu sitzen, wenn man vorher Kaffee getrunken hatte.

Anschließend hatte ich kurz Zeit, mein Gepäck in mein Zimmer zu schaffen und durfte feststellen, dass der Tagungsort nicht nur eine wunderschöne alter Klosteranlage war, sondern die Gästezimmer gleichwohl an Mönchskemenaten erinnerten, und zwar sowohl, was die Größe des Zimmer als auch die Ausstattung betraf. Von einer Hornhautbürste keine Spur. Ich war froh, ein Buch mitgebracht zu haben, denn Radio und TV waren nicht vorhanden, ein Internetzugang sowieso nicht und lediglich die Bibel zur Verschaffung von keuscher Bildung und Kurzweil präsent.  Den Whirlpool suchte ich ebenfalls vergeblich.

Beim Abendessen traf ich meinen Freund wieder, dem es nicht zu peinlich war, die Angestellten darum zu bitten, ihm ein Reservierungsschildchen an einen auserwählten Platz zu stellen. Wie ein Gockel brüstete er sich vor mir langatmig damit, die Abwechslung nicht allzu sehr zu lieben und deshalb bei solchen Gelegenheiten immer auf einem ihm angestammten Platz im Speisesaal zu beharren. Ich zeigte mich verständnisvoll und überlegte derweil, ob ich  mich ebenfalls um eine Reservierung am anderen Ende des Saals bemühen sollte.

Später entfloh ich meinem Verehrer mit dem Verweis auf schreckliche Migräne und befand mich bereits um 21 Uhr in meinem Zimmer wo ich mangels anderer Gelegenheiten noch kurz las und dann vergeblich versuchte einzuschlafen. Herr P. hatte mir zwar wohlweislich meine Wärmflasche eingepackt, jedoch stellte sich heraus, dass nördlich der Donau offenbar kein Wasser aus der Leitung fließt, welches heiß genug ist, um mir die Füße zu wärmen. Auch das lange und zunehmend verzweifelte Telefonat mit Herrn P. konnte diesen Zustand nicht verbessern und das Mönchsbett war so klein, dass ich darin allein immer noch weniger Platz hatte als zu Hause mit einer sich ständig wälzenden 2-jährigen kleinen Zornkröte und dem rosa Schnuffelschaf darin.

Der nächste Vormittag verging mit Diskussionen in Arbeitsgruppen, wobei ich aufgrund von schrecklicher Müdigkeit geistig nicht auf der Höhe war und auch das mit der atemberaubenden Schönheit war so eine Sache… Plötzlich in einem anderen Teil Deutschlands, wo alle möglichen Bäume, Büsche und Gräser schon blühten, hatte ich schlagartig Heuschnupfen mit tränenden Augen und dicken Lidern bekommen und nicht einmal genügend Taschentücher dabei, um mir dezent die Nase zu putzen.  Stattdessen zog ich dieselbe im 2-Minuten-Takt hoch. Immerhin konnte ich sichergehen, dass damit keiner mehr auf den Fleck den Dekotomatenfleck auf meiner Bluse, der sich offenbar beim Frühstück dahin gestohlen hatte, achtete.

Mittags, ich hatte mich inzwischen meinem Schicksal und meinem neuen Freund ergeben, gab es Zwiebelkuchen, was mir angesichts von Kleingruppenarbeit am Nachmittag unpassend erschien. Einen Tag später wurde Linseneintopf serviert und da war ich dann sicher, dass sich hinter der Menüauswahl die klösterliche Absicht verbarg, zwischenmenschliche Tagungskontakte zugunsten eines fachlich distanzierten und keuschen Austausches zu verhindern.

Heute, im Zug nach Hause, saß ich allein und freute mich daran, halbstündlich auf die Toilette zu rennen und so viel Kaffee zu trinken, wie ich wollte. Als in Karlruhe tief Bayrisch sprechende Leute einstiegen und sich im Bordrestaurant ein Weißbier besorgten, überfiel mich ein erwartungsfrohres Kribbeln und im verregneten München hörten auch meine Augen zu jucken und meine Nase zu laufen auf. Zu Hause überfiel mich ein hyperaktives Kleinkind mit den Rufen “Mami Zug Zug Zuuuuuuuuuuuug!” und ich verbrachte die Zeit bis zum Abendessen damit, im Polonaiseschritt mit zwei Kindern um die Kochinsel zu laufen und dabei “Tschutschutschu, die Eisenbahn, wer will mit nach Hause fahren…” zu gröhlen.

Zum Essen sitze ich übrigens ab jetzt immer jeden Tag an einem anderen Platz und zur nächsten Tagung fahre ich nur, wenn sie in mindestens einem 4-Sterne-Hotel und nicht mehr als 200 km bzw. weiter als 2000 km weit weg stattfindet. Und außerdem finde ich, dass Wärmflaschen und Wasserkocher in jedem Hotelzimmer vorhanden sein sollten. Oder wahlweise auch Clooney-Imitate, die zum Füße wärmen kommen.

SallyP.

Am Freitag Abend verließ mich kürzlich Herr P., der sich nach einer anstrengenden Bürowoche in sein Anarchistenoutfit mit verwaschenem Kapuzenpullover und löchrigen Turnschuhen geschmissen hatte, um mit alten Freunden in heruntergekommenen Kneipen mal wieder den Punkrock zu fühlen und die Halsabschürfungen von der Krawatte verheilen zu lassen. Weil ich mich alleingelassen, mißachtet und ungeliebt gefühlt und deshalb gemault habe, forderte er mich auf, mich wal wieder schriftstellerisch zu betätigen. Mir fiele aber nichts ein, jammerte ich, denn ich hätte eine künstlerische Schaffenskrise und überhaupt wolle ich lieber die Wiederholung des Tatorts sehen und dabei auf der Couch einschlafen. Da verwies er mich mit verheißungsvollem Grinsen auf eine Liste im Steuerungsbereich meiner Website, auf der sich sämtliche Suchwörter finden, mit welchen Menschen auf der Internetseite meines Blogs gelandet sind, und radelte pfeifend und ohne Helm und Lichter davon.

Ich folgte brav seinen Verheißungen und betrat unverhofft neue Welten. Da haben Leute Begriffe wie “wieviele Beine hat eine Pute” oder “gehäkelter Maulwurf” gegoogelt und sind so auf meiner homepage gelandet. Abgefahren, oder? Was für Menschen sind das, die nicht wissen, wieviele Schlegel ein Truthahn hat und was bringt sie dazu, die Antwort doch eines Tages erfahren zu wollen? Haben die durch ein Versagen im Eignungstest zum Veterinärsberuf plötzlich Ahnung davon bekommen, dass sie eine Bildungslücke haben oder sind das Leute, welchen im Traum eine 3-beinige Pute erschien und die sich nun vergewissern wollten, dass der ordinäre deutsche Stalltruthahn in der Regel zweifüßig ist? Oder handelt es sich vielmehr um Mitmenschen, die angesichts eines großen Familienessens Hoffnung haben, im Internet Puten mit Keulen entsprechend der Anzahl der Gäste bestellen zu können? Genmanipuliert selbstredend. Oder können genmanipulierte Puten auch Bio sein? Ich werde das bei Gelegenheit mal googeln und bin gespannt, auf was für einer Art Blog ich dann lande.

Interessant war auch die Suche nach “will wieder Windeln tragen”. Zunächst denkt man da an genervte Mütter von Dreieinhalb-Jährigen, die wegen eines neuen Geschwisterchens die Eltern an den Rand des Wahnsinns treiben, indem sie regridieren und wieder in die Hose machen und nach dem Fläschchen verlangen. Bei näherem Hinsehen wird aber deutlich, dass das Thema “Windeln” weit mehr beinhaltet als die Sauberkeitserziehung von Kleinkindern. Es gibt offenbar eine unüberschaubar große Community von Leuten, die es lieben, entweder ihre Partner zu wickeln oder selbst wieder Windeln zu tragen und sich wickeln zu lassen. Viele Blogs befassen sich damit und bei genauerer Recherche gerät man auch auf Foto-Love-Storys zum Thema und wünscht sich plötzlich, wieder ahnungslos zu sein. Ein Windel-Fetisch. Dass es das gibt, wußte ich nicht, obwohl ich bis dato davon ausging, nicht naiv zu sein.

Ein weiterer Suchbegriff, der auf überraschende Fetische schließen läßt, lautet “Nacktfotos von Uromas aelter als 80 Jahre”. Da ist man sprachlos, oder? Ich habe nicht gewagt, selbst danach zu googeln, weil meine Seele noch von den Windelbildern beschadet war und in meiner Heimatstadt ein akuter Mangel an Psychotherapeuten herrscht. Und obwohl ich mir ernsthaft Sorgen um die Würde der Greisinnen mache, empfinde ich doch Mitleid mit all jenen, die nur mit Bildern von Damen jenseits des 80. Lebensjahres froh werden können. Ist das nicht sehr schwierig? Der Stoff bei so einer Sucht ist sicherlich schwer zu beschaffen oder muss ich davon ausgehen, dass ich am Bahnhof nur den richtigen Leuten die Parole “Oma nackig” zuraunen und einen Fuffi zustecken muss, um entsprechendes Bildmaterial zu erhalten?

Wieviel würde denn ein Windeln tragender Mann in der Altersspanne 90+ kosten? Geht das über die kostenlose Google-Bildersuche oder muß ich dafür mein Paypal-Konto oder gar wieder die Connection am Bahnhof bemühen?

Ich hab dann mal ganz unbefangen Herrn P. gefragt, ob er sich denn von mir mal wicklen lassen würde. Er meinte, das Rascheln in der Hose würde ihn eventuell stören und er sei sich nicht sicher, ob seine Haut die Flüssigkeit in den Feuchttüchern vertrüge. Wir haben die Angelegenheit dann vertagt auf den Zeitpunkt, wenn wir unser Kleinkind nicht mehr wicklen müssen und neue Herausforderungen suchen.

Gesucht wurde weiterhin “Sally Toilettenpapier” was mich auf die Idee des SallyP.-Merchandising brachte. Werden die Leute sich eines Tages, wenn ich reich und berühmt bin, den Hintern mit SallyP.-Klopapier putzen und soll ich nicht vielleicht auch noch gleich feuchtes Toilettenpapier dieser Serie herstellen lassen? Für die Windelfreunde? Und was wird darauf gedruckt sein? Eine Auswahl von Texten, die man auf der Toilette lesen kann, wenn gerade nicht Freitag ist und das Magazin der Süddeutschen zur Verfügung steht? Oder meine Silhouette?

Trotz langer Überlegungen bin ich hingegen nicht darauf gekommen, was hinter der  Suche nach “zeigt keine Verletzungen Tier grinsen Faultier” stecken könnte. Besitzt da jemand ein Faultier, welches entgegen aller Gewohnheit plötzlich gute Laune hat und der Besitzer sich Sorgen wegen dieser Wesensveränderung macht? Überlegt er, ob das Tier eventuell innere oder seelische Verletzungen erlitten hat und infolgedessen eine Persönlichkeitsveränderung durchlebten mußte? Sind Faultiere denn eher depressive Charaktäre?

Fragen über Fragen, die ich sehr gerne an dieser Stelle zur Diskussion stelle.

Einst - vor gefühlten hundert Jahren - absolvierte ich ein sozialwissenschaftliches Studium im Rahmen dessen es mich in ein Proseminar zum Thema “Geschlechtsspezifische Erziehung in feministischem Kontext” verschlug. Die Professorin dort vertrat auf Grundlage von Theorien Frau Badinters und Frau Beck-Gernsheims die Auffassung, kleine Jungs würden ausschließlich durch Sozialisation und Erziehung zu dem gemacht, was sie hinterher als Männer seien. Demnach ernten wir Mütter, was wir säen und sind selbst schuld, wenn unsere süßen Jungs mit 16 immer noch im Stehen pinkeln und sich intelligenzreduzierte Dummchen zur Freundin suchen. Mit Anfang 20 hing ich an den Lippen dieser Frau und legte einen feierlichen Eid ab, meine potentiellen Kinder völlig geschlechtsneutral zu erziehen, d.h. beiden Geschlechtern also alle möglichen Entwicklungen offen zu lassen.

Ich hatte mir immer sehr ein Mädchen gewünscht. Oder zwei. Aber mindestens eins. In beiden Schwangerschaften hatte ich schon Namen und beim ersten Mal sogar rosa Kleidchen in Größe 56 weil die Gynäkologin meinem vermessenen Wunsch auch noch Vorschub leistete und den Schniepel beim Ultraschall offenbar mit der Nabelschnur verwechselte. Der Gerechtigkeit halber (jeder bekommt was er verdient und das Leben ist kein Wunschkonzert) aber habe ich - wie jeder weiß - zwei Buben bekommen. Ich verfüge also inzwischen über insgesamt 12 Jahre Erfahrung in der Aufzucht von XY-Chromosomträgern und kann in der Rückschau auf Teile meines Studiums nur noch bitter lachen.

Herr P. und ich leben ein von Geschlechtsspezifika freies Eheleben und sind unseren Kindern große Vorbilder in Sachen Gleichberechtigung, Partnerschaftlichkeit, gerechte Verteilung von Haushaltsaufgaben, Teilnahme an Elternabenden und Karrierechancen, Beiträgen zum Familieneinkommen, Erwerbsarbeit und Erziehungsaufgaben. Theoretisch zumindest. Praktisch kann ich besser kochen und Herr P. den schweren Bohrhammer besser halten, was aber nicht heißt, dass wir nicht dennoch ab und an beides täten. Mit schwankdendem Erfolg.

Unsere Jungs jedoch erziehen wir konsequent frei von geschlechtspezifischen Rollenanforderungen. D.h. dass wir zum Geburtstag Werkzeugkästen und Babypuppen schenken und Herr P. unserem Kleinkind zeigt, wie man Letzteres wickelt. Das heißt weiterhin, dass wir mit unserem Großen lange Gespräche darüber führen, wieso er zu akzeptieren hat, dass in der Fußballmannschaft der Mittagsbetreuung auch Maria mitspielt und dass es nicht uncool ist, im Handarbeitsunterricht ein Murmelsäckchen zu häkeln.

Der Erfolg ist bisher zweifelhaft, denn die Babypuppe wird vornehmlich als Dummy für inszenierte Spielzeugautocrashs oder als Fallschirmspringer vom Hochbett eingesetzt. Das Murmelsäckchen hat letztendlich meine Mutter gehäkelt und Maria hat nach einigen Wochen die Fußballkarriere aufgegeben und besucht nun - wie die anderen Mädchen - ebenfalls die Kunst-AG.

Ich sehe mich also dem Schicksal ausgeliefert, zwei XY-Chromosomträger zu den Männern großziehen zu müssen, welche meiner Idealvorstellung von einem “neuen” Mann entsprechen, obwohl ich gegen die genetische Vorbestimmung keine Chance habe. Unterstützt werde ich dabei von Einem, der es gut meint, aber dennoch seinem eigenen übermächtigen Y verfallen ist und deshalb nur bedingt eine Hilfe sein kann.

Beispielsweise kämpfe ich erfolgreich gegen die Stehpinklerei an. Keiner der hier lebenden männlichen Wesen würde es wagen, sich bei der Verrichtung urinaler Bedürfnisse vor die Toilette zu stellen anstatt sich darauf zu setzen. Dies aber nicht aus Einsicht, sondern vielmehr geschürt durch die Angst vor der hormonell indisponierten Mutter und ihren Zornausbrüchen, was zur Vermutung Anlaß gibt, dass die durchaus positiven Verhaltensweisen nicht nachhaltig sind und mit dem Auszug aus dem elterlichen Nest sofort verschwinden. Außerdem wird die Sitzpinkellösung meines Erachtens völlig überschätzt. Wer mit Sitzpinklern zusammenlebt weiß, dass sich die Problematik der Urinspritzer nur verschiebt, und zwar vom Boden hinter der Toilette auf den unteren Rand der Klobrille vorne.  Insbesondere Kinder neigen nämlich dazu, nicht nach unten in die Toilette hinein zu strullern, sondern vielmehr nach vorne und im günstigsten Fall die Klobrille unten sowie die Schüssel zu verschmutzen. Bei ausreichend Druck rinnt es sogar vorne die Schüssel entlang nach unten.

Zumeist stört mich das nicht weiter, denn die Reinigung des Bades steht in der heimischen Aufgabenverteilung bei Herrn P.  auf der Liste und außerdem habe ich mir das Gästeklo kürzlich mangels Raumalternativen als “mütterliches Rückzugszimmer” eingerichtet. Mit rosa Toilettenumpuschelung, Vergrößerungsspiegel zum Zwecke des gezielten Oberlippenbartzupfens, feuchtem Toilettenpapier mit Rosenduft und goldener Klobürste. Das entspannte Verweilen garantiert eine Auslage aktueller Zeitschriften wie Brigitte, Emma, Gala sowie dem SZ-Magazin. Dahingegen liegt im allgemein zugänglichen Bad eher der Sporteil der Tageszeitung und Mickymaushefte. Wäre der Kleine nicht noch Windelträger, fände sich dort sicherlich auch das Buch vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gekackt hatte.  A propos… das Fäkalthema. Wenn man mit männlichen Wesen zusammenlebt, fällt zuallererst auf, dass der Humor ein anderer ist. Bei uns zu Hause wird vornehmlich über Fäkal- und Genitalwitze gelacht und zwar vorwiegend auf Grundschulniveau. Einer der ersten Dreiwortsätze meines Kleinkindes war “Bruder pups gemacht”, gefolgt von schallendem Gelächter und dem Versuch seinerseits, durch intensives Pressen einen eigenen Witz beizutragen. Lernen am Modell nennt man das in der Pädagogik. Was soll man dem als Frau entgegenhalten? Wenn ich zur Verrichtung meiner Flatulenzen in meine rosa Toilette gehe, kriegt das ja keiner mit und kann es dementsprechend auch nicht nachahmen.

Wenn wir den Großen beim gemeinsamen Abendessen nach seinem Schultag befragen, kommt es nicht allzu selten vor, dass wir in den Genuss von den Witzen des Tages der Klasse 4c kommen, welche meist pointenlos, dafür aber reichhaltig an fäkalem Inhalt sind. Und erstaunlicherweise kann der Vater oftmals herzhaft darüber lachen, während ich die Einzige bin, die - mit leisem Stimmchen untergehend im allgemeinen Gröhlen - auf Benimmregeln beim Essen hinweist. Offenbar triggert das Wort “Pups” bei männlichen Wesen unmittelbar die Humor-Synapsen im Gehirn, während meinesgleichen einfach nur der Appetit vergeht.

Als ich mich wegen einer Magen-Darm-Grippe vor kurzem ins nächstgelegene (nicht rosa) Klo stürmte, unentschieden, ob ich mich zuerst darauf setzen oder davor knien sollte, stieß ich - weil ich mich Gott sei’s gedankt für Letzteres entschied - auf eine kleine Vorrichtung, welche unter der Brille angebracht war. Als ich dieses Ding nach Beendigung des Grundes meines Toilettenbesuchs näher in Augenschein nahm, stelle ich fest, dass es sich um einen sog. “Klospritzer” handelte. Einen Scherzartikel, welcher mittels Saugnapf unter der Brille befestigt wird und Toilettenbesuchern beim Hinsetzen Wasser in den Hintern spritzt. Extrem lustig, insbesondere in Anbetracht meiner aktuellen Verfassung. Ich war nie gefährdeter, meine Anti-Gewalt-Pädagogik über Bord zu werfen, aber mein schwacher Zustand hinderte mich Gott sei Dank daran, ein Fall fürs Jugendamt zu werden.

Die neueste Lieblingsbeschäftigung meines Kleinen ist das Ausziehen seiner Strumpfhose, Aufreißen des Bodies sowie Entledigung der Windel, um dann 1000 Mal unter lautstarkem Gröhlen und Ziehen am Allerheiligsten von der Sofalehne aufs Sofa zu springen und jeden Sprung mit lautem “Achtung, 1, 2, 4, ich kooooome” anzukündigen. Wer weiß, vielleicht wird daraus die künftige olympische Disziplin des Nacktturmspringens? Unter Berücksichtung der ewig vergessenen 3 könnte es auch Nacktturmspringen für Dyskalkuliker bei den Paralympics werden.

Nun könnte man meinen, in einer Familie mit 5 X-Chromosomen hätte die Weiblichkeit noch die Oberhand gegenüber der drei Y, aber weit gefehlt. Ypsilone haben Dreifachwirkung, glaube ich, oder sie nehmen einfach keine Rücksicht.

Demnächst haben wir Alumnitag an der Hochschule. Vielleicht gehe ich hin und frage meine alte Professorin geradeheraus, ob sie weiterhin bei dem Blödsinn bleiben will, den sie uns einst verzapft hat oder ob sie inzwischen Jungs zur Welt gebracht hat und sich damit dem realen Leben gestellt hat.

Leidgeprüfte Grüße,

SallyP.

Gestern bin ich im Umkleideraum der Kinderkrippe ganz unfreiwillig in eines dieser Ambitionierte-Mütter-Gespräche geraten. Da habe ich gelernt, was ein aktiver Wortschatz ist. Nämlich das, was die lieben Kleinen so den ganzen Tag von sich geben. Nicht das, was sie schon verstehen, nein, sondern das, was sie einigermaßen verständlich daherplappern. Wenn ich also beim Abendessen zornig mit der flachen Hand auf den Tisch schlage und brülle, dass mit der Batzerei jetzt Schluß ist - kruzefix - und der Rucolaflan gefälligst in den Mund von dem Terrorzwerg reingeht und nicht katapultartig über und unter den Tisch geschossen werden soll und die Kröte mittels teuflischem Grinsen deutlich macht, dass sie verstanden hat… dann ist das nicht der aktive Wortschatz, sondern der passive. Wenn er daraufhin aber sagt: “Mama, fitz, fitz, batzrei” dann ist das ein Vierwortsatz mit einem aktiven Wortschatz bestehend aus den Wörtern Mama, kruzefix und Batzerei.

Er kann jetzt auch zählen. Die Finger, die Treppen, die Familienmitglieder - alles wird unaufhörlich unter Mißachtung der 3 gezählt. Was an dieser Zahl so verkehrt ist, konnte ich noch nicht herausfinden, aber er vergißt sie immer. Das ist wie mit der Farbe Grün, die kann er auch anhaltend nicht benennen. Oder will nicht. Grün hat man dieses Frühjahr offenbar einfach nicht und die Drei wurde schon immer überbewertet.

Wenn Herr P.  auf der Leiter steht und für das Vorhangseilsystem mühsam Löcher in die Betonwand bohrt, ich den Staubsauger halte und das große Kind die Leiter hält, rennt der Zwerg ganz wichtig mit dem Meterstab herum und zählt: Einweivierfünf…
Um ihn von der Leiter weg und in Schach zu halten, beauftrage ich ihn, immer 15 zu messen. Fünfzehn findet er ein tolles Wort, hält sofort den Meterstab an alle Wände und zählt 15. Herrn P.  fällt ein Dübel runter, ich bücke mich und krieche danach. Das kleine Sprachwunder setzt sich auf meine Waden, hält mir den Meterstab an den Hintern und sagt: Mami Popo Fünften.
Stimmt, sagt sein Vater, sags der Mama ruhig, die glaubt immer, ihr Popo sei 23.

Verstecken spielen steht neuerdings auch hoch im Kurs bei uns. Der Kleine hält sich die Hände vors Gesicht und ruft: 1, 2, 4, ich kooooooooooomeeeeeeeee. Währenddessen versteckt sich sein großer Bruder immer unterm Schreibtisch, wo ihn der Kleine nie findet. Er rennt dann suchend umher und fragt uns irgendwann weinend, wo sein großes Idol abgeblieben ist. Wir geben ihm den Tipp, Piep einmal zu sagen und das macht er dann auch, hört die Antwort aber nie, weil er sich selbst auch immer gleich lautstark PIIIIIIEP antwortet. Wenn er ihn gefunden hat, ist er immer aufs Neue begeistert und beklatscht sich unter Baavoooooooo-Rufen selbst. Will dann der Große mal suchen und fängt an, mit dem Gesicht in die Couch gedrückt zu zählen, versuchen wir fast gewaltsam, den Rotzzwerg in ein Versteck zu locken. Das scheitert aber meist daran, dass er sein Gesicht Wange an Wange mit seinem großen Bruder ins Sofa drückt und ebenfalls wieder zählt.
Überhaupt hört er auf uns nie, tut aber immer das, was sein Bruder ihm sagt. Weigert er sich am Tisch, das Brot zum Käse zu essen, muss man den Großen nur bitten, sehr genüßlich in sein Brot zu beißen und dabei hmmmmmmmmmm zu machen, schon futtert auch der Kleine das Brot, von welchem man vorher noch hätte annehmen müssen, dass es schimmelverseucht und aus Rosenkohlpulver gebacken ist.  Das funktioniert übrigens auch mit Thymian-Hustensaft. Dafür, dass der Große ihn todesmutig vor den Augen seines Bruders trinkt, belohnen wir ihn hinterher heimlich mit Gummibären. Pädagogik ist, wenn der Zweck die Mittel heiligt.

Diese Vorliebe fürs Versteckspiel kann aber auch ganz schön nerven. Wenn ich Nachmittags mit dem warmen Wintermantel und den hohen Schuhen in die Krippe komme um die Kröte abzuholen, dann möchte ich, dass es möglichst schnell geht. Die heizen dort viel, ich schwitze und möchte heim, denn der Große wartet schon. Erst muss ich den Zwerg aber im Bewegungsraum aus dem Tunnel rausziehen, denn freiwillig kommt er nicht. Dann ziehe ich ihm in gebückter Haltung (wir erinnern uns an die hohen Schuhe und die Winterjacke) unter Schreien und Wüten die Schneehose, Jacke und Schuhe an und wenn wir dann fast zur Tür raus sind, rennt er weg und versteckt sich in der tollen Riesenschachtel im Flur. Ich hasse diese Schachtel. Die wurde von ambitionierten Erzieherinnen dorthin gestellt, um Kinder mit einfachen Mitteln zu erfreuen. Oder aber, um die Elternfolter in der Abholsituation noch weiter zu erhöhen. Ich würde diese Schachtel täglich am liebsten nehmen und vor der Krippenleitung mit bloßen Händen in minikleine Stücke reißen. Stattdessen krieche ich aber wieder am Boden und versuche, den menschgewordenen Flummiball aus der Schachtel zu fischen und unter dem Arm geklemmt nach Hause zu tragen.

Im Bus quatscht er die Leute distanzlos auf ihr AUA an, wenn sie einen Pickel haben und kommentiert jeden Pups mit Kackapups macht. Dammte Seiße ist sein Lieblingswort, seit ich mir den Zeh an der Treppe gestoßen habe und wenn sein Bruder Kumpelbesuch hat, steht er unablässig vor der geschlossenen Kinderzimmertür und ruft in den Spalt aaaloooooooooo, auch bielen hinein, bis sie ihn genervt mitspielen lassen.

Aber was das Austesten sprachlicher Möglichkeiten betrifft, hat man ja an Kindern bis ins Erwachsenenalter hinein seine helle Freude. Neulich saß ich mit dem Großen in der Straßenbahn, wo er sich immer ein Stück weit von mir wegsetzt. Angeblich, weil er hinten raus schauen will, aber ich glaube, in Wahrheit bin ich ihm peinlich.
Ich saß also vermeintlich allein und wurde mittels bedeutsamen Augenbrauen- und Zungenbewegungen von einem Mann angeflirtet. Ich wußte nicht recht damit umzugehen und schaute weg, was den Mann dazu animierte, auch noch lockende Geräusche von sich zu geben. Ich liebe sowas.
Beim Aussteigen schmiegte sich mein Sohn an mich und der Mann fragte ihn entsetzt, ob ich etwa seine Mutter sei. Ja, piepste mein Sohn vertrauensvoll und wollte draußen von mir wissen, was mit dem Mann gewesen sei. Ich sah mich dann zu Erklärungen bezüglich des Balzverhaltens seltsamer männlicher Artgenossen genötigt und hoffe, er wird in Zukunft meine Theorien dazu, wie man Frauen wirklich beeindruckt, kompetent umsetzen können.

Beim Abendessen erzählte er Herrn P. sensationsheischend, dass heute in der Trambahn ein Mann die Mama angebaggert hätte. Dieser gab sich empört, wollte wissen, wer und wann das war, was mich veranlaßte, kokett mit meinen Reizen anzugeben und deutlich zu machen, dass ich durchaus noch Chancen hätte und man sich meiner nicht allzu sicher sein dürfe.

Unser Großer hatte das Geplänkel mißverstanden und wollte die Scheidung seiner Eltern damit verhindern, indem er seinem Vater tröstend zurief: Nein, Papa, das war doch nur so ein besoffener alter Sack!

Übermorgen werde ich mit dem linguistischen Wunderzwerg eine weite Zugreise machen und sehe den 6 Stunden einfache Fahrt bereits angstvoll entgegen. Hoffentlich begegnen wir nicht vielen Leuten mit Pickeln und stattdessen vielen, die einen ähnlich gelagerten Fäkalhumor haben wie wir, und sich auch ebenfalls gerne über Maulwürfe mit Fäkalhaufen auf dem Kopf unterhalten.

SallyP.

Gestern kam eine Email von Großtante Gitti aus Köln mit einem ambitionierten “Hellau” und “Alaaaaaaaaf” und Grüßen zum Karneval. Im Anhang ein Foto von sich als volltrunkenes Funkenmariechen und ihrem neuen Lover, dem Seemann.

Nun hat ein bayerischer Vater - und damit genetisch bedingt grundgrantiger Mensch - so seine Schwierigkeiten mit derlei Festivitäten und entsprechend brummelte Herr P. bloß was von das hieße ja wohl Fasching und der sei nicht für g’spinnerte Erwachsene sondern für Kinder.

Und weil wir von letztgenannter Spezies gleich zwei Exemplare zum Zwecke der Aufzucht in unseren Haushalt aufgenommen haben, müssen wir unseren Grant jedes Jahr ausblenden und uns ebenfalls in den Faschingsspaß begeben.
Der Vorpubertierende äußerte in diesem Jahr den Wunsch, ein Jedi-Ritter zu sein. Als ich dies vernahm, mußte ich mich doch wundern, denn als Sohn pädagogisch anspruchsvoller Eltern durfte der 9-jährige die Star-Wars-Trilogie selbstredend nicht sehen. Wie sich herausstellte, hatte er aber schon vor Monaten den ersten Teil bei seinem Freund Justin kennengelernt und war völlig im Bilde. Justins Eltern hatten es entweder nicht für nötig befunden, uns zu unserer Meinung diese Form der Medienerziehung betreffend zu fragen bzw. haben gar nicht mitgekriegt, was ihr Sohn in seinem Zimmer mit eigenem Fernseher so alles treibt, wenn es gerade so schön still darin ist.

Den Wunsch nach der Jedi-Robe schlug ich dem Kind zunächst ab, denn die Ausgabe für eine originale Obi Wan Kenobi-Robe erschien mir zu groß angesichts des Fensters, welches das feinmotorisch minderbegabte Kind vor kurzem zerstört hatte. Ich hatte im Schlafzimmer gelüftet und zu diesem Zwecke ein T-Shirt in die Spalte geschoben. Als ich das Kind bat, das Fenster zu schließen, versuchte es eben dies mit aller Gewalt und kam auch nach minutenlangem Drücken und dagegen Stemmen noch nicht darauf, dass sich etwas zwischen Fenster und Rahmen befinden könnte. Als er mir genervt berichtete, dass das Fenster sich seltsamerweise nicht mehr schließen lasse, schwante mir schon Ärger.

Wie sich herausstellte, war die Befestigung im Rahmen unwiderruflich kaputt und eine Reparatur voraussichtlich teuer. Angesichts dieser drohenden Ausgabe strich ich dem Kind den Jedi-Verkleidungswunsch und war stolz, endlich Konsequenzen aufgezeigt zu haben und hart geblieben zu sein. Selbst als das Kind und Herr Kenobi senior mich tagelang nur stumm mit traurigen Augen anschauten, blieb ich hart.

Der Fensterreparaturmann kam, hörte die Geschichte und zerfloß vor Mitleid mit dem armen Bub. Er reparierte das Fenster umsonst und verbuchte es unter Gewährleistungsverpflichtung der Baufirma. Am selben Tag brachte der grobmotorische Obi Wan Kenobi eine Eins in Mathe und wünschte sich zur Belohnung, sich von seinem Taschengeld selbst ein Jedikostüm kaufen zu dürfen. Herr P.  entschied wohlweislich ohne Rücksprache mit der konsequenten Mutter, dass der Bub das Kostüm bekäme und die Strafe ungewidmet würde in eine Taschengeld-Spende für Erdbebenopfer in Haiti.

Als ich davon hörte und mich vor vollendete Tatsachen gestellt sah, gelang es mir nur noch, die Spende an den Kinderschutzbund umzuleiten. Mir war sehr daran gelegen, dass Kinder, deren Eltern angesichts solcher Fensteraffären weniger beherrscht und pädagogisch versiert waren, davon Nutzen hatten.

Am Abend vor dem großen Faschingsfest wollte ich mein müdes Haupt zur Ruhe betten und sah meinen Wecker stehengeblieben. Wie sich herausstellte, hatte Obi Wans Vater die Batterien entfernt, um das Laserlichtschwert seines Sohnes leuchten zu lassen. Dass die Mutter morgens rechtzeitig zur Arbeit in die Kantine des Sternenverwaltungshauptquartiers kommt, erschien den beiden belanglos. Im Zweifel hätten sie wohl den Schuldnerberater gerufen, um mit dem Laserlieferanten eine Ratenzahlung oder gar Stundung zu vereinbaren.

Die wichtigen Kostümierungsfragen wurden bei uns auch im Team diskuttiert. Die Tochter der einen Kollegin wollte unbedingt Unterwasserfee werden, was in der Mittagspause die Frage aufwarf, ob es sich dabei um ein meerjungfräuliches Wesen oder eher um eine Art Amphibiennymphe handelt. Die Tochter der anderen bestand darauf, als Hund kostümiert zu werden. Die Eltern waren überrascht, da das Kind all die letzten Jahre eine Prinzessin war und die Wandlung zum Hund unvorhergesehen kam. Von der Prinzessin auf den Hund gekommen quasi. Offenbar hat das Kind in einem Jahr einen riesigen Schritt von kindlicher Naivität in Richtung Realitätsbezug getan.

Unser Zwerg war in der Krippe “Pinguwin” und kann inzwischen täuschend echt den Watschelgang eines gehbehinderten Pinguins nachahmen. Beim Faschingsumzug hier im Viertel saß er hingegen dick vermummt als Drache im Schneeanzug in der Kraxe auf dem Rücken seines Vater und brüllte regelmäßig furchterregend “Kapfensoße!” und meinte damit die Krapfenfüllung, die er mit Vorliebe aus dem Krapfen zu puhlen versucht. Aus des Drachen Nüstern kam nicht Feuer, sondern furchteinflößender grüner Rotz, was die Verkleidung außerordentlich authentisch werden ließ.

Nun ist der Fasching fast vorbei. Obi Wan Kenobis Schwert leuchtet nicht mehr und der kleine Pinguwin ist mit seiner Verkleidung, deren ursprüngliche Farben aufgrund der mit Krapfensoße verklebten Konfettis nicht mehr erahnbar sind, schlafen gegangen und träumt von Rotze-Drachen.

Die Drachenmutter und der Jedivater sind froh, dass das Treiben vorbei ist und haben sich fest vorgenommen, sich für den Faschingsumzug im nächsten Jahr auch mindestens einen albernen Hut zuzulegen. Wir könnten uns bei Tante Gitti aus Köln sicherlich das nötige Equipment leihen.

Alaaaaaaaaaaaf!

SallyP.

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