Sally on the Blog

Sprachentwicklung re-reloaded

November 26th, 2010

Die Sprachentwicklung unserer Kröte im Kleinkindalter schreitet unaufhaltsam voran. Noch vor 4 Wochen - wenn mir die plötzliche Stille, nachdem er abends schlief, fast unheimlich war - hätte ich geschworen, es gäbe keine Möglichkeit, den Tag mit noch mehr Worten zu füllen, aber ich werde täglich eines Besseren belehrt. Dabei erträgt er keine Sekunde, dass man ihm nicht zuhört oder sich unverschämterweise auch noch mit anderen Leuten über Belanglosigkeiten unterhält, wie z.B. mit seinem Bruder über die völlig verhauene Mathearbeit oder mit seinem Vater über die gar sonderbare Pleite auf dem Haushaltskonto. Nichtigkeiten, welchen er oftmals mit forschem Griff an mein Kinn und Herandrehen meines Kopfes in seine Richtung sowie mit den Worten “rede mit mir” begegnet. Morgens verhindert er ein geruhsames Lesen der Zeitung bei Kaffee, indem er auf meinem oder Herrn P.s Schoß sitzt, die Cranberrys aus unserem Müsli fischt, auf phantasievolle Weise die Bilder der Zeitung kommentiert und verlangt, dass man ihm das Geschriebene darin vorsänge. Seit den Vorbereitungen zum Laternenfest in der Kinderkrippe ist er der festen Überzeugung, geschriebener Text sei ausschließlich zum Singen da. Da ich morgens der eher kraftlose und nicht sonderlich wehrhafte Typ bin, fällt es mir sehr schwer, meinen Willen durchzusetzen und das Feuilleton nicht gesanglich darzustellen.

A propos Laternenfest: Wir freuten uns schon tagelang darauf und sprachen über Dunkelheit, Laternen, Kerzen, Laufen, Singen und Kuchen essen. Als es soweit war, an einem eiskalten Abend mit Schneeregen, lief das Kind genau 20 Meter weit und verlangte daraufhin, getragen zu werden. Als ich mich weigerte, erlebte die gesamte erstaunte Laternenfestgemeinde, wie ein durchgeknallter Zweijähriger sich schreiend in den Matsch wirft und strampelt. Sie zogen mit hochgezogenen Augenbrauen singend an uns vorüber und schüttelten verständnislos den Kopf, während ich mich für meine Entscheidung, zum Laternenfest zu gehen und den Vater indes zum Schulelternabend des Bruders zu schicken, ohrfeigen hätte können. Nachdem er seine Laterne wütend zu Boden geworfen hatte und ein Kinderwagen sie platt walzte, war mein Maß voll. Ich klemmte mir das Rumpelstielzchen unter den Arm und lief energischen Schrittes unter Fluchen nach Hause, wo das Kind noch lange bitterlich weinte, weil alle anderen Kinder singen und Kuchen essen durfte und er - der bedauernswerte Tropf - als Einziger nicht.
Beim Abendessen erzählte ich Herrn P. vom Laternendesaster und endete mit den Worten, dass ich wohl eine nervenschwache Rabenmutter sei. Daraufhin ergriff das kleine Sprachwunder meinen Arm und erklärte mir bedauernd: “Der Papa mag keine Rabenmutter, Mama.”

Mit Zunahme seines Wortschatzes steigt der Grad an Frechheiten im sprachlichen Inhalt und damit auch der Peinlichkeitslevel bei Begegnungen in der urbanen Öffentlichkeit. Wir mussten erleben, wie der reizende kleine Kerl sehr deutlich im Bus darüber sinnierte, dass die Frau vor uns mit dem Kopftuch wohl eine Hexe sei und warum der Mann vom Paketdienst so ein dreckiges Gesicht habe. Selbstredend haben wir einem politisch korrekten Erziehungsstil Rechnung getragen und dem Nachwuchs kindgerecht die Sache mit dem Migrationshintergrund erklärt sowie die Existenz von Hexen komplett negiert. Seitdem erklärt er beim Anblick kopfbetuchter Frauen begeistert allen zwangsweise Beteiligten, dass diese (zeigt mit dem Finger darauf) Frau keine Hexe sei und man vor solchen sowieso keine Angst haben müsse.
Kürzlich freute er sich lautstark über eine Nachbarin meiner Mutter, die wir beim Einkaufen getroffen hatten, weil die Frau sich als Löwe verkleidet hätte. Die einen Pelzmantel tragende Dame ließ darüber den nötigen Humor vermissen und ich übte mich ein weiteres Mal im unbeteiligt in die Ferne blicken. Inzwischen gelingt es mir schon ganz gut, aber ich werde dennoch nach wie vor mit dem kleinen Orakel in verwandtschaftliche Beziehung gesetzt. Nächstens werde ich einfach sagen, ich sei vom Jugendamt und hätte den Satansbraten gerade seinen Eltern entrissen.

Was diese kindlichen kleinen Arglosigkeiten noch übertrifft, sind die offensichtlichen Respektlosigkeiten gegenüber uns, seinen liebenden Erzeugern. Diese kommen oftmals so unverhofft und direkt, dass uns der Mund vor Staunen offen steht und wir um pädagogisch sinnvolle Reaktionen ringen. Manchmal leider vergeblich, denn es kommt vor, dass wir uns die Mundwinkel mit den Händen festhalten, um nicht laut loszulachen.

Gestern zum Beispiel waren drei Köpfe Mangold in der Abokiste. Zum Abendessen servierte ich dementsprechend Pasta mit in Knoblauch gebratenen getrockneten Tomaten und Mangold. Das große Kind bemühte sich, sein Würgen zu unterdrücken und versuchte, auf schreckliche Bauchschmerzen zu verhandeln. Auf meinen barschen Hinweis, Mangold sei gut fürs Gehirn und er solle deshalb sofort zu essen anfangen fragte mich der Kleine, was ein Gehirn eigentlich sei. Ich antwortete ihm, dass das Gehirn der Kopf ist, woraufhin der naseweise Zwerg ein paar Mangoldblätter zu Boden fallen ließ, ihnen bedauernd nachschaute und seinem Vater dann beschied: “Der Mangold soll in Deinen Kopf rein”. Ein paar Tage zuvor - es gab keinen Mangold sondern Pfannkuchen - antwortete er beim Abendessen auf die Frage nach seinem Tag mit einem kurz angebundenen “esse gerade, spreche nicht mit dir” und schaffte unter Schmatzen unglaubliche 3 Pfannkuchen.

Die geheimnisvollen Geschichten um das nahende Christkind und den Nikolaus interessieren ihn indessen sehr, aber alle unsere Versuche, seinen Charakter mittels schwarzer Pädagogik zu formen, sind bislang gescheitert. Unsere Drohungen, vom Nikolaus geschimpft und keine Schokolade zu bekommen, wenn er sich morgens stetig weigert, sich anziehen zu lassen, sind fruchtlos. Stattdessen erzählt er uns täglich, was der Nikolaus ihm alles bringen wird und überrascht uns z.B. mit der Information, dass er ein scharfes Messer bekäme. Solcherlei Mitteilungen lassen uns pazifistischen Eltern an all unserer bisherigen Erziehung zweifeln, welche sich beim ersten Kind - das vom lebensgroßen James-Bond-Papp-Aufsteller seines Onkels lange behauptete, dieser hätte eine Bohrmaschine in der Hand - durchaus bewährt hatte.

Neulich antwortete der Kleine auf die Frage meiner Freundin, was er sich denn zu Weihnachten wünsche, “ein Schießgewehr,” woraufhin sie mich mit großen Augen fragte, ob man diese Energien nicht irgendwie musisch umsetzen könne und dass ich ihm im Rahmen von Delinquenzprävention wohl besser einen Waldorfkindergartenplatz suchen solle. Seit meinem pädagogischen Bankrott beim Laternenfest denke ich ernsthaft darüber nach.

SallyP.

Die Schönen und das Biest

November 13th, 2010

Vor nicht allzulanger Zeit lag ich mit nacktem Oberkörper eingeölt und entspannt auf einer Liege und ließ mir von einem brutal gut aussehenden Mann den Rücken massieren. Während ich mir noch vorstellte, mit einem verheiratet zu sein, der mir täglich nach der Arbeit den verspannten Nacken lockert und wochenends die Ayurveda Ganzkörperbehandlung verpaßt, deutet der Masseur auf meine Schulter und sagt mit schrecklich nüchterner Stimme, dass ich da einen seltsamen Fleck hätte und er sowas noch nie gesehen habe und ich mich doch bitte in hautärztliche Behandlung begeben solle. Weil Herr P. - und vor ihm schon andere Lebensabschnittsgefährten - schon lang darauf insistiert haben, bin ich also widerwillig zu einer Dermatologin aus den Gelben Seiten gegangen. Die warf einen kurzen Blick auf den Fleck und sagte dann in derbsten Bayerisch, dass das gewiss kein Krebs nicht sei. Gleichwohl verwies sie mich an eine Kollegin, welche ein paar Wochen später zunächst 10 Euro Praxisgebühr und dann 30 Euro dafür kassierte, dass sie mir hinter den Ohren, unter den Brüsten, zwischen den Zehen und an anderen unsäglichen Stellen nach vermeintlich bösen Flecken suchte. Man muss sich vorstellen, die Frau ist blutjung und sieht aus wie  Barbie in brünett. Groß, schlank, perfekt geschminkt, in schmeichelndem Arztkittel und mit neckischem Pferdeschwanz. Ich hingegen splitterfasernackt und nach der einen oder anderen Schwangerschaft und Schokoladenorgie an manchen Körperstellen mit kleineren Unzulänglichkeiten behaftet. In solchen Situationen starrt man angestrengt aus dem Fenster und wünscht sich, eine unbedarfte Bourbonvanilleschote auf Madagaskar zu sein.

Die Situation erinnerte mich an meine erste Schwangerschaft und meine damalige Frauenärztin. Die war 25 Jahre älter als ich, hatte Falten, graue Haare und eine bodenständige Praxis in einem gräßlichen 70er-Jahre-Bau. Als ich im 8. Monat und ziemlich elefantös war, zog sie um und verpaßte sich in der Münchner City mit Blick auf die Frauenkirche eine neue Corporate Identity. Eine riesige Praxis im luxussanierten Altbau, moderne Gemälde von langbeinigen  nackten, liegenden Frauen im Flur und mit appetitlichen Sprechstundenhilfen mit Honigstimmen und Wespentaillen aus dem Sprechstundenhilfenklonkatalog. Im Wartezimmer lief ein Fernseher mit Werbespots zu Faltenreduzierung, Besenreißerentfernung, Fettreduktion durch Lipolyseinjektionen, Entfernung von Warzen und anderen ekelerregenden Häßlichkeiten, mit welchen sich nur der billige Pöbel rumschlägt. Mit Brüsten in Doppel-D-Baumwollzelten, Wasserbeinen und schwangerschaftsbedingten Hämorrhoiden fühlt man sich an solch einem Ort wie eine häßliche fette Kröte, die aus Versehen bei der Hochzeit der rosa Glitzerlibellen aufgetaucht ist. Die Ärztin war plötzlich blond und faltenlos und schien gar keinen richtigen Bock mehr auf so naturgegebene Widerlichkeiten wie meine Schwangerschaft zu haben. Als ich mal eine Freundin hinschickte und man dieser der Empfang verweigere, weil fortan nurmehr Privatpatienten behandelt wurden, suchte ich mir eine neue Ärztin, von welcher man sich vorstellen konnte, dass sie mindestens drei Krampfadern hatte und angesichts eines auf einer öffentlichen Toilette eingefangenen Pilzes nur müde lächelte.

Dermatologenbarbie machte dann - für weitere 45 Euro - Fotos von jedem Fleck auf meinem Körper und lies mir keine Gelegenheit, dabei die jeweils günstigste Pose bei möglichst schmeichelndem Licht-Schatten-Arrangement zu finden und ich glaube, sie wird die Fotos im Anschluß auch nicht mit Weichzeichner bearbeiten.

Den Fleck an der Schulter befand sie für äußerst seltsam und wollte ihn amputieren . Ich wies sie darauf hin, dass ihre Kollegin der Auffassung war, der Fleck sei nicht bedenklich, was sie mit hochgezogenen Augenbrauen ignorierte und ihre Sprechstundenhilfe anwies, mir einen Termin für die OP zu geben. Ergeben fand ich mich also heute in aller Herrgottsfrühe in der Praxis ein und durfte eine halbe Stunde lang mit nacktem Oberkörper auf der Seite liegend die wunderbaren Brüste der knackigen und um diese Uhrzeit noch außerordentlich wohlriechenden Sprechstundenhilfe vor meinem Gesicht genießen und zuhören, wie dem Stein des Anstoßes auf meiner Schulter der Garaus gemacht wurde.
Als ich mich wieder angezogen hatte, verlangte ich, das Corpus delicti betrachten zu dürfen. Immerhin war es ein Teil von mir, von welchem ich mich in aller Form verabschieden wollte, zumal es mir lange ein zugegebenermaßen etwas seltsam aussehender Begleiter war, an dem ich selbst niemals Anstoß genommen hatte und der lediglich von der Riege Männer in meinem Leben, die meiner nackten Schulter nahe genug kamen, gehässig schlecht geredet wurde.
Was sich im Glas befand, erinnerte mehr an einen halben Regenwurm, denn an einen Leberfleck. Die Ärztin blickte ob meines Erstaunens darüber ebenfalls hinein und meinte achselzuckend: Komisches Ding, das ist sicher kein Krebs.

Gestern habe ich in der Büroküche die Espressokanne A auf die Herdplatte B gestellt, um für meine Kolleginnen und mich die vormittägliche Dopingration zu bereiten. Ich schaltete B - vermeintlich - an und ging in mein Büro zurück, um nur eben noch die Wasserkaraffe zu holen. Dort sortierte ich zunächst meine Post, beantwortete 4 Emails und führte ein Telefonat, ehe ein seltsames Gefühl in mir hochstieg und ich nach 3 Sekunden in Schockstarre wie von der Terantel gestochen in die Küche rannte. Ich kämpfte mich mit brennenden Augen durch den weißen Nebel, riß die Fenster auf und griff geistesgegenwärtig nach einem Geschirrtuch, um die glühende Espressokanne C von der Herdplatte D zu reißen und zischend ins Waschbecken zu schmeissen. Ich hatte den Espresso nicht nur vergessen, sondern auch noch die falsche Herdplatte mit der falschen und leeren Kanne darauf eingeschalten. Der Henkel und sein Freund, der Deckelknopf von Kanne C hatten sich verflüssigt und liefen in neuer Gestalt um die Herdplatten A und D herum. Aus den Büros kamen hustend meine Kolleginnen angelaufen und nahmen mich angesichts meines kalkweißen Gesichts nacheinander in den Arm und versicherten mir, dass das jedem passieren könne.

Ob das stimmt? Kann das wirklich jedem passieren? Es war nicht das erste Mal, dass ich den Espresso vergessen hatte, doch bislang hatte ich es immer rechtzeitig vor dem Schmelzpunkt des Henkels geschafft. Ein paar Tage zuvor hatte ich einen Kinderarzttermin einfach vergessen, obwohl ich am Morgen mit Herrn P. noch darüber gesprochen hatte. Noch ein paar Tage zuvor hatte ich ihm eine temperamentvolle Predigt darüber gehalten, dass man 10-jährige Kinder bei Dunkelheit nicht alleine U-Bahn fahren läßt und er deshalb unseren Abkömmling abends vom Sport holen müsse. Wer aber vergaß, rechtzeitig von der Arbeit daheim zu sein, um das Kleinkind indes ins Bett zu bringen, war ich, die Rabenmutter mit dem Siebhirn. Herr P. ist inzwischen schon dazu übergegangen, mir in regelmäßigen Abständen Erinnerungsemails ins Büro zu schreiben und Bestätigungsantworten zu verlangen. Am Sonntagabend gleicht er meinen Terminkalender mit seinem ab und ergänzt meinen mit rotem Filzstift um die vergessenen Eintragungen. Ich ahne, dass ich zu Weihnachten einen PDA bekommen werde, den ich an einer nicht zu öffnenden Stahlkette am Herzen tragen muss und der mich mit mittelstarken Stromstößen an alles Wichtige erinnert.

Später fragte ich eine der eben meinem Mordanschlag entgangenen Kollegin, ob es möglich sei, in meinem jugendlichen Alter bereits an Alzheimer zu leiden oder ob sie nicht vielmehr glaube, dass es Rinderwahnsinn sein könnte und mein Gehirn langsam zu einem löchrigen Schwamm würde. Sie verneinte beides und riet mir zu einem besseren Streßmanagement. Streß? Bislang dachten Herr P. und ich ja, unbesiegbar zu sein und zwei Vollzeitjobs und Karriereambitionen, ein Zweitstudium, eine umtriebige Großmutter und die Kleinigkeit eines Immobilienkaufs mittels straffer Organisation, Disziplin, Rotwein und viel Liebe und Humor zu stemmen. Zuweilen bedeutete das, etwas unkonventionelle Organisationsformen zu verwenden und z.B. während der Arbeitszeit 12 Päckchen mit Kleinkinderklamotten aus Ebay-Verkäufen zur Post zu bringen und stattdessen das Protokoll der letzten Teambesprechung am Samstag Abend zu Hause am Laptop zu schreiben, während Mann und Kind “Wetten dass…?!” schauen und das Kleinkind selig schläft. Gleichzeitig hatte Herr P. oft Mühe, seiner Kollegin die Bemühungen, alle unwilligen Handwerker für die neue Wohnung vom Büro aus zu koordinieren, verständlich zu machen. Langfristig konnte sie nur zum Schweigen gebracht werden, indem er aufopferungsvoll ihre dauernd verschwundenen Dateien im System wiederfand und ihr täglich aufs neue erklärte, wie man Dateien im eigenen Ordner speichert und ihnen vorher auch noch sinnvolle Namen gibt. Beim Sommerfest in der Kinderkrippe gaben wir Torten vom Konditor überlegen lächelnd als selbstgebacken aus und beim Abschlussfest der Grundschule prahlte ich mit einer Tüte voll diverser kalter Vorspeisen vom Edelitaliener, die mich einen halben Wochenlohn kostete, nur um nicht selbst die halbe Nacht lang Zucchini in Knoblauchöl zu braten, weil auf der Liste der mitzubringenden Dinge nur noch “Antipasti” übrig war. Ich warte noch auf den Tag, an dem ich mal schnell genug bin, mich bei den “15 Brezen” oder “5 Liter Saft” einzutragen. Bei den Elternabenden in der Schule achteten wir darauf, immer ganz hinten zu sitzen, damit niemand unser Gähnen bemerkte und bei der Wahl der Klassenelternsprecher machten wir uns regelmäßig sehr klein und ich betrachtete konzentriert meine Fingernägel.

Eine Weile ging das auch gut und wir wurden für unsere vermeintlichen Multitaskingfähigkeiten und unseren geringen Schlafbedarf im Bekanntenkreis bewundert. Dass sich der schöne Schein aber nicht unbegrenzt aufrecht halten lassen würde, zeichnete sich spätestens ab, als meine hilfreiche Mutter ausfiel und wir unsere Arbeitszeiten inklusive Überstunden mit den Kinderbetreuungszeiten der Verwahranstalten nur noch vereinbaren konnten, wenn täglich jeweils einer von uns um 6.30 Uhr im Büro war. Von da ab wurde der Radius unserer Augenringe größer und ich hatte Schwierigkeiten, meinem Chef - Single und nie vor 9.30 Uhr im Büro - zu erklären, warum ich “schon” um Viertel nach Vier gehen müsse und die Umsetzung seiner wahnsinnig spontanen und selbstverstänlich genialen Idee noch bis zum nächsten Morgen zu warten hat. “Kinder…,” fragt er mich seither oft mit hochgezogenen Augenbrauen, “ich wusste gar nicht, dass Sie welche haben!”. Natürlich verkneife ich mir eine überraschte Erwiderung darüber, dass ihm der Begriff “Kinder” und die Bedeutung des Wortes überhaupt geläufig sind und träume von dem Tag, an dem ich die Chefin in diesem Laden bin und alle kinderlosen Mitarbeiter/innen in die Regisratur verfrachte und dem Rest eine 30-Stunde-Woche verpasse, die völlig flexibel abzuleisten ist. Bei bester Bezahlung und selbstverständlich unter Vorhaltung eines Betriebskindergartens mit flexiblen Öffnungszeiten und Bioessen auf Firmenkosten. Jawohl. Und einer Teamassistentin, die täglich und unaufgefordert für alle Espresso mit einem Hauch Milchschaum bereitet und lächelnd ein Johanniskrautdragee dazu reicht. Und die regelmäßig dafür sorgt, dass der Rauchmelder gewartet wird.

SallyP.

Kürzlich durften wir leider feststellen, dass wir pleite sind, was wir sehr schade fanden. Die vielen Latte Macchiati in der Mittagspause und die dauernd notwendigen Neuanschaffungen von Kinderschuhen haben dafür gesorgt, dass Herrn P.s und mein Konto jeweils negative Zahlen aufweisen. Bedauerlich, denn meine Weihnachtswunschliste ist lang und meine Vorstellungen von einem komplett neuen Wohndesignkonzept umfassend. Um die liebe Uschi von der Leyen nicht bald um 5 Euro mehr pro Monat anwinseln zu müssen, schien es also unabdinglich, unsere Ausgaben und unseren Lebensstandard zukünftig unseren Reallöhnen anzupassen.
Leider ist das in einer Metropole, in welcher die Leute Porsche als Zweitwagen fahren und Arbeitszimmer für ihre Wäscheständer vorhalten, nicht ganz einfach, denn man möchte ja auch nicht auffallen.
Als die Vernunftbegabtere dieser Familie beschloss ich nun also ein umfassendes Sparpaket, welches vom Rest der Familie leider nur sehr oberflächlich mitgetragen wurde. Der Maßnahmenkatalog sah zuallererst vor, alle in Vorratsschrank, Tiefkühltruhe und Kühlschrank befindlichen Nahrungsmittel zu verwerten und zu essen. Das Entsorgen von essbaren Dingen war von nun an bei Strafe verboten, was vor allem dem genusssüchtigen Herrn P. - ein Einzelkind - , der gerne mal aus dem Bauch heraus und nach individueller Tagesverfassung teuren Käse oder chilenisches Hochlandrinderfilet kauft, sehr schwer fällt. Als er neulich der Hauswirtschaftsbeauftragte des Tages war, bekam er den Auftrag, für den vegetarischen Linsenauflauf am Abend alle Zutaten zu kaufen, welche im - an der richtigen Seite aufgeschlagenen - Kochbuch aufgeführt waren, außer die sich bereits in rauhen Mengen im Vorratsschrank befindlichen roten Linsen. Ich informierte ihn weiterhin darüber, dass ich an diesem Tag voraussichtlich spät nach Hause käme. Unvorsichtigerweise ging ich davon aus, dass die kognitive Transferleistung, also die Verbindung beider Informationen, für einen im akademischen Maße begabten Menschen im Rahmen des Möglichen sei und ich mich demnach also unmittelbar nach meiner Heimkehr am Abend an den gedeckten Tisch setzen dürfte, um im Kreise meiner geliebten Familie kostengünstigen, aber wohlschmeckenden Linsenauflauf zu speisen.

Einer inneren Stimme folgend rief ich aus der Arbeit noch zu Hause an, bevor ich im Begriff war, das Büro zu verlassen. Da versicherte mir der Koch noch, dass er alsbald gedenke, mit der Zubereitung des Abendessens zu beginnen, aktuell jedoch noch bei den Müllhäuschen mit unserer vollbusigen Nachbarin im Fachgespräch bezüglich der Erziehung von Kleinkindern in der Autonomiephase sei. Ich erinnerte freundlich daran, dass der geplante Auflauf zuallervorderst aus klein geschnittenem Gemüse bestünde, welches sich leider nicht von selbst in mundgerechte Stücke teilen wolle und machte mich auf den Weg heim. Als ich dort ankam, fand ich meinen Mann mitsamt der Nachbarin immer noch ins Gespräch vertieft. Immerhin schienen beide bereits die Mülltüten entsorgt zu haben. Als Herr P. mich erblickte, rief er mir nervös lächelnd sofort entgegen, dass er in Sachen Abendessen umdisponiert hätte und seine Familie angesichts des Sonnenscheins und seiner überschäumenden Liebe auf eine Pizza einladen wollte. Ich ließ ihn schwören, dass er dies auf Kosten seiner geheimen Ersparnisse und nicht zu Lasten des gemeinsamen Haushaltskontos tun würde. In der Küche fand ich den kompletten Einkauf für das Linsenauflaufrezept inklusive der doppelten Menge an benötigten Linsen, was wohl der tiefsitzenden Angst meines Mannes, nicht satt zu werden, anzulasten ist. Seither haben wir im Küchenschrank rote Linsen, um Uschi von der Leyens ganzes Kabinett mit Auflauf zu versorgen. Immerhin ließe sich auf diesem Wege die inflationären geistigen Blähungen eines kompletten Arbeitsministeriums umleiten.

Einige Tage später, Herr P. hatte seinen vermeintlichen Sieg über mein auf Gemüse basierenden Sparkonzeptes fast schon wieder vergessen, legte ich nach. Ich schwor dem gehäuften Genuß von Fleisch, welcher nicht nur teuer, sondern bekanntermaßen auch ungesund und überdies die Würde von tierischem Leben verachtend ist, ab und bestellte kurzerhand die Öko-Gemüsekiste. Und zwar die Jumbo-Ausführung. Fortan sollte sich meine Familie von ökologischen Saisonnahrungsmitteln ernähren und Fleisch nur noch Sonntags und von Tieren, welche so glücklich waren, dass sie sich freiwillig und unter seligem Lächeln dem Metzger zum Opfer boten, auf den Tisch kommen.
Gelegenheit zur langsamen Gewöhnung gab es nicht, denn in der ersten Gemüsekiste befand sich gleich ein Medizinball großer Hokkaidokürbis. Dessen Anblick ließ Herrn P. das Blut in den Adern gefrieren, denn nichts haßt er so sehr, wie Kürbis. Sofort entbrannte die alljährlich wiederkehrende herbstliche Diskussion, ob Kürbis auf dem Mist wüchse und damit Abfall und für Menschen ungenießbar sei oder vielmehr eine Delikatesse, und ob man als ökologisch bewußte Familie nicht saisonalen Lebensmitteln den Vorzug geben müsse und ob es nicht überhaupt viel besser sei, so wenig Fleisch wie möglich zu essen, weil die Kinder von den ganzen Hormonen im Fleisch viel schneller wüchsen und deswegen in den Unterhaltungskosten - vor allem für Schuhe und Winterjacken - unverhältnismäßig teuer kämen.Herr P. , ein prinzipiell ruhiger, sozial verträglicher Mensch, dem nichts so wichtig wie der Familienfrieden ist und der sich deshalb sogar zum zehnten Mal “Dirty dancing” ansehen würde, bleibt in der Kürbisdiskussion hart und schwört hochfeierlich beim Leben seiner Mutter, von diesem Kürbis nichts zu essen. Auch nicht im Falle eines weiteren Weltkrieges.

“Pumpkin, mein Liebster,” schrieb ich ihm einen Tag später per SMS in die Arbeit, “egal was passiert, vergiß nicht, dass Du ein verantwortungsvoller Familienvater bist, der seinen Kindern in Sachen gesunder Ernährung ein Vorbild sein muss. Küsse, Honeybunny”.
Lange erhielt ich darauf keine Antwort und so schnippelte ich den hübschen Hokkaido, den mein Liebster mitleidslos in den Garten unter die verwelkten Sonnenblumen gestellt und ihm mit Türsteherstimme verkündete, dass er bei uns keinen Zutritt hätte, in kleine Würfelchen. Ich schwitzte diese mit Zwiebelchen und Knoblauch in Prosecco an und ließ alles bei kleiner Hitze köcheln, bis ich es mit einem Schuß Sahne und inflationär viel Parmesan zu Pasta servierte. Das große Kind überlegte mit sorgenvollem Stirnrunzeln, was wohl der Vater sagen würde, wenn er heimkäme und eliminierte den Geschmack des Abendessens mit Hilfe von viel Salz, 5 Gläsern Apfelschorle und mit dem angestrengtem Versuch, ausschließlich durch den Mund zu atmen. Das Kleinkind schrie beim Anblick seines Tellers sofort zornig nach Joghurt.
Der Vater kam mit Verweis auf die streikenden Busfahrer spät und hatte erstaunlicherweise keinen großen Hunger. Ich ignorierte die aus seiner Jackentasche hängende Fischmac-Verpackung und den Ketchupfleck auf seinem Hemd, schickte ihm haßerfüllte Blicke und aß betont würde- und genussvoll meine Nudeln. Später am Abend kündigte ich an, ihm demnächst mit dem Besitzer des Gemüsekistenvertriebs davonzulaufen und mit diesem und einem Dutzend geschnitzter Kürbisköpfe wilden Gruppensex zu haben. Er hielt nur müde dagegen, dass er die Kinder dann so lange mit Burger und Pommes füttern würde, bis das Jugendamt sie zu mir verbrächte. Er hätte sein Gehalt dann endlich wieder für sich allein hätte und plane, es in Leberkässemmeln mit zweierlei Senf zu investieren.

Bei genauerer Überlegung stellt sich mir die Frage, ob dieser Plan nicht auch tatsächlich der Ausweg aus unserer Haushaltsmisere sein könnte und ob ich mich infolgedessen nicht morgen in Reizwäsche und grellrotem Lippenstift in die leere Austauschökokiste setze.

SallyP.

Vor nicht allzulanger Zeit schrieb mein großes Kind als Hausaufgabe einen Brief an den Bürgermeister. Darin bat es ihn ihn darum, alle Autos in München zu verbieten, damit die Welt nicht so gefährlich sei. Als ich einige Tage später den Lokalteil der Zeitung aufschlug, fragte ich mich, ob die Lehrerin die Briefe nicht vielleicht heimlich an den Empfänger weitergeleitet hatte. Es war zu lesen, dass die Stadtregierung durch verschiedene kreative Maßnahmen die Anzahl der Fahrradfahrer unter den Münchner Verkehrsteilnehmern deutlich zu erhöhen plane. Darunter fanden sich so innovative Aktionen wie die Suche nach Münchens Radlstar auf gigantischen Plakaten, die den Mitarbeitern in städtischen Gebäuden für geraume Zeit den Ausblick aus den Fenstern verwehrte. Besonders anheimelnd fand ich aber die Idee, künftig ein Fahrrad-Maskottchen auf den Straßen unterwegs sein zu lassen, den sog. “Radl-Joker”, den die Oppositon sofort abwertend den Radl-Kasperl taufte. Ich war begeistert von der Idee und stellte mir diese Figur mit Superkräften und fliegendem Heldenumhang vor; wie der Blitz radelnd durch die Stadt und immer in der selbstlosen Mission, Fahrradfahrer vor irren Fußgängern und testosteronüberschäumenden Autofahrern zu bewahren.
Tagtäglich gerate ich in Situationen, in welchen ich mir sehnsüchtig den Radl-Kasperl mit Armmuskeln so dick wie meine Oberschenkel herbeiwünsche. Wenn ich auf der Lindwurmstraße scharf bremsen muss, obwohl ich gerade im Anlauf vorm Sendlinger Berg bin, weil eine junge Frau in Röhrenjeans und Stiefeln mit Highend-Kinderwagen telefonierend und in den Himmel schauend auf dem Radlweg steht, dann soll er kommen. Das Handy soll er ihr aus der Hand reißen und fünf Mal mit ihrem Kinderwagen darüber fahren. Und dann soll er mich wieder anschieben, so dass ich wie auf Flügeln den Berg hochfahre und eine Silberglitzerspur hinter mir lasse, während die aufgetakelte Kuh mir und meinem Helden nachsieht und dabei neidisch seufzt.

Wenn morgens auf der Bayerstraße ein Porschefahrer mit Starnberger Kennzeichen von der anderen Straßenseite in eine Einfahrt schert um kurzfristig umzudrehen und ich nur in letzter Sekunde durch eine Vollbremsung verhindern kann, an seiner Autotüre klebend zu sterben und mir bei diesem Rettungsmanöver den Lenker ins Schambein ramme, dann soll er wieder wie aus dem Nichts auftauchen, mein Held. Den Yuppiearsch soll er am Polokragen aus seinem Cabrio ziehen, mit der Faust am Hals an die Hauswand drücken und ihn 200 Mal schwitzend sagen lassen, dass Fahrradfahrer auch Verkehrsteilnehmer sind, auf die zu achten ist. Dann ritzt er ihm mit seinem Siegelring das ADFC-Logo auf die Motorhaube und läßt ihn verstört weiterfahren.
Den Taxifahrer, der mir vor dem Luxushotel am Bahnhof die Vorfahrt nimmt, zwingt er, mit einem Dreirad ohne Rückspiegel auf allen vier Straßen rund um den Bahnhof die Linksabbiegerspur zu benutzen.
Und den südländischen Macho mit Bierbauch, den ich mühsam überhole, obwohl er wackelig den Fahrrad- und Gehweg annektiert und der sich dann an der nächsten Ampel doch wieder vor mich rein batzt, holt er vom Fahrrad runter. Er erklärt ihm in deutlichem Ton, dass man Fahrradfahren auch erst lernen müsse, der Rechtsverkehr für alle gelte und es ein Irrglaube sei, zu meinen, das Testosteron würde sich sofort verflüssigen und den nächsten Gulli hinabfließen, wenn man sich von Frauen überholen läßt.
Auf der Goethestraße packt er den Touristen, der mich gerade angeschrien hatte, ich solle gefälligst aufpassen, obwohl er mit 1000 anderen Oktoberfestbesuchern auf der Straße lief und ich äußerst vorsichtig in Schlangenlinien um alle herumgefahren bin. Er zieht ihm den albernen Weißwursthut vom Kopf und erklärt ihm dann geduldig den Unterschied zwischen Straße und Gehweg. Und weist ihn darauf hin, dass in dieser Stadt - auch wenn er und 2 Millionen andere Leute das nicht glauben können - auch zur Oktoberfestzeit viele, viele Menschen tatsächlich ein ganz normales kleines Spießerleben führen. Sie stehen unvorstellbarerweise früh auf, wollen pünktlich in der Arbeit und abends wieder daheim sein. Nachts wollen sie schlafen und auf dem Weg zur U-Bahn nicht in eine Pfütze von Erbrochenem steigen. Und darüber hinaus möchten sie gerne auf der Straße fahren und sehen die Fußgänger insofern lieber auf dem Gehweg. Danach packt er den Schreier hinten an der billigen Lederhose und hievt ihn leichthändig aufs Trottoir. Den blöden Hut gibt er ihm übrigens nicht zurück.

Soweit zu meinen Träumen, die sich bis jetzt leider nicht bewahrheitet haben. In Wirklichkeit tut dieser Clown so Dinge, wie Radlfahrer darauf aufmerksam machen, wenn sie auf der falschen Straßenseite oder nachts ohne Licht fahren. Er erklärt ihnen den Sinn von Einbahnstraßen und mahnt zur Vorsicht gegenüber den Fußgängern. Nie zieht er unachtsame Rechtsabbieger unter den Autofahrern heraus und läßt sie die Vorteile des rechtzeitigen Blinkens erklären. Stattdessen quält er mich und meinesgleichen mit der Furcht, von einem in albernen Blau gekleideten Clown mit orangener Bommelmütze in aller Öffentlichkeit angehalten und gedemütigt zu werden. Man muss jetzt fürchten, unverhofft von diesem Narren auf dem Gehsteig ausgebremst zu werden, obwohl man Schrittgeschwindigkeit gefahren ist oder an der Ampel zurückgeschickt zu werden, um zu beweisen, dass man rot und grün unterscheiden kann.

Einen Wiesn-Kasperl, der Touristen, welche kein Bier vertragen, die Wirkweise und Gefahren von zuviel Bierkonsum erklärt, hat die Stadtverwaltung aber noch nicht erfunden, oder? Der minderjährige Mädchen darauf hinweist, dass ein Dirndl aus Sicherheitsgründen besser über den Arsch hinaus reichen sollte und der besoffene Vorstädter zwingt, ihr Erbrochenes selbst aufzuwischen. Einer der Italiener, die im Park übernachten und sogar ihre größeren Geschäfte dort verrichten, mit einem 5 Jahre andauernden Stadtverweis bestraft und Männern mit käsigen Stöckchenbeinen das Tragen von Lederhosen verbietet.

Am liebsten wär mir ja, der würde aussehen wie George Clooney und mir jeden Morgen die Haustür aufhalten, mein frisch geputztes Fahrrad reichen und dann auf dem gesamten Arbeitsweg alle Fußgänger, Autofahrer und Touristen von der Straße putzt, bis ich vorbeigefahren bin. Ich würde auch allen huldvoll winken, ich schwöre. Kann darüber mal jemand mit dem Oberbürgermeister sprechen?

SallyP.

Von Pipi und Kacka

August 20th, 2010

Wir haben großen Anlaß zur Freude! Unser Kleinkind ist nun etwas über zwei Jahre alt und hat die Freuden der Toilette und an allem, was damit verbunden ist, entdeckt. Wann hört diese Phase, die wohl völlig normal ist, auf und mündet in einem regelhaften Benutzen der Toilette für große und kleine Geschäfte ohne Verstopfung derselbigen mit ganzen Klopapierrollen? WANN, hä?

Angefangen hat es damit, dass er vor ein paar Wochen nurmehr nackt sein wollte. Ständig riß er sich die Kleider und die Windel vom Leib, sprang wie ein Affe auf LSD durch die Wohnung und schrie: “Ich bin der nackte Frosch!”. Dabei bildete sich unter ihm öfter mal eine Pfütze oder auch ein Häufchen, was angesichts eines heissen Juli kein Problem war, denn wir hielten uns zumeist draußen auf. Die große eklige Wurst in der Sandkiste schoben wir einfach auf den Hund vom übernächsten Nachbarn und schütteln seither empört den Kopf, wenn dieser mit seinem Herrchen vorbei kommt.

Als er aber merkte, dass diese seltsamen Absonderungen irgendetwas mit ihm, dem nackten Frosch, zu tun haben und in direkter Verbindung mit dem lustigen kleinen Zimmer, das man absperren kann und in dem sich die vielen spaßigen Papierrollen befinden, stehen, fing der Wahnsinn an. Dauernd fordert er nun, auf die Toilette gesetzt zu werden und ignoriert anhaltend unsere Bitten, seinen Schniepel nach UNTEN zu halten. Neuerdings schickt er uns auch immer raus und verfügt, dass die Tür geschlossen sein möge. Eine Forderung, welcher wir nur zögerlich nachkommen, seit er sich eingesperrt hat und wir nicht gleich die passende Münze gefunden hatten, die in den Außenschlitz passte. Anschließend mußten wir das Zimmer generalreinigen, denn er versuchte sich mit der Klobürste in surrealer Malerei auf den Wandfließen. Seither klebt vorsorglich eine 2-Cent-Münze mit Klebeband außen oben an der Toilettentüre.

Vereinbarungen, wie z.B. “Du sperrst Dich aber nicht ein, ja?”, “Du nimmst Dir aber nur ein kleines Stück Klopapier zum Abputzen” und “Du rufst, wenn Du fertig bist, und stehst nicht einfach auf, ja?” kann man aber noch nicht zuverlässig mit ihm treffen, denn er nickt immer mit ehrenhafter Miene und bricht anschließend jedes Versprechen eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken.

Seit es dauernd regnet und wir viel zu Hause sind, versuche ich, ihn wieder an das Tragen von Windeln zu gewöhnen, was sich leider schwierig gestaltet. Vor kurzem hat eine Kita-Erzieherin zu Herrn P. gesagt, wir mögen dem Kind doch bitte Unterhosen besorgen, denn Kinder, die anhaltend Bodies trügen, würden länger nicht sauber. Daraufhin lief der brave Herr P. in seiner Mittagspause in die City und kam abends mit - ungelogen - 20 Unterhosen wieder nach Hause. Zwei davon zierten Darth-Vader-Aufdrucke, was mich sehr befremdete. Unlängst verbot er nämlich dem großen P.-Kind das Tragen eines T-Shirts mit Totenkopf-Aufdruck in der Schule. Ich untergrub diese Erziehungsalbernheit unmittelbar und schickte das Kind unter verständnislosem Kopfschütteln mit dem T-Shirt in die Schule, worauf mir mein Mann eine Szene machte, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Ich erklärte ihm, dass heutzutage sogar die Religionslehrerinnen Totenköpfe auf den Turnschuhen hätten und schimpfte ihn einen widerlichen Spießer, der wohl vergessen hätte, wie ihm seine Mutter seinerzeit das “F.i.c.k.e.n, B.u.m.s.e.n, B.l.a.s.e.n”-Shirt der Toten Hosen einfach weggeworfen hatte, nachdem sich die Schulleitung telefonisch bei ihr beschwerte. Bis heute fordert er es vergeblich von ihr zurück.

Also trägt mein Kleinkind nun Krieg-der-Sterne-Unterhosen und besteht nicht mehr nur darauf, ein nackter Frosch zu sein, sondern dabei auch noch Unterhosen zu tragen. Er schwört täglich feierlich, NICHT in die Wohnung, auf die Couch, unter den Tisch oder sonstwohin außer in die Toilette zu pinkeln und tut es doch ständig. Wie das passieren kann, wo er doch eigentlich die gefühlte Hälfte des Tages auf der Toilette verbringt, ist mir ein Rätsel, zumal er inzwischen auch wirklich oft erfolgreich hinein trifft.
Neulich hat er auf mein altes Fotoalbum mit den Kommunionbildern gepinkelt. Er fand wohl auch die gräßliche Mireille-Matthieu-Frisur schrecklich, die mir meine Eltern für diesen Tag hatten machen lassen.

Übrigens wirbt ein großes schwedisches Möbelhaus für seine Sofas dafür, dass sie familiengeeignet seien und die Bezüge sich abziehen und waschen ließen. Die Schweden haben mir aber nicht gesagt, was man machen soll, wenn das Kind auf die nicht abziehbare Armlehne pinkelt, weil es von dort gerade den Salto beim Nacktturmspringen der Frösche in Unterhosen üben wollte. Man rubbelt also mit Seifenwasser am Pinkelfleck rum und hofft, dass das Pipi schnell nach innen in den Sofakern fließt. Mein großes Kind setzt sich nur noch nach mißtrauischem und angeekeltem Abtasten des Sofas darauf.

Gleichzeitig bekommen die stubenreinen Mitglieder dieser Familie jetzt immer interessierten Besuch, wenn wir auf der Toilette sitzen. Vorbei sind die Zeiten, wo man die einzigen ruhigen fünf Minuten der Woche freitags mit dem SZ-Magazin und Axel Hacke auf dem Klo verbringen durfte. Immer kommt jetzt der nackte Frosch hinzu und möchte detailliert darüber sprechen, was man gerade tut oder zu tun im Begriff ist und ob man anschließend das trockene oder das feuchte Toilettenpapier benutzen wird. Und immer heult er hinterher frustriert, weil man ihm nicht erlaubt hat, die lustige Klobürste zu benutzen.

Wann mündet dieses etwas schwierige Verhalten in regelhafter Toilettenbenutzung? Wie oft muss ich noch bereuen, dass wir unser schweineteures Parkett aus Designgründen nur geölt, und nicht lackiert haben?
Wann darf man damit rechnen, dass dieses ewige Fäkalthema wieder etwas in den Hintergrund rutscht und wir wieder über hungrige Raupen und den Maulwurf Grabowski sprechen können?

SallyP.

Ein Mutter-Sohn-Tag

August 20th, 2010

Hilfe, das war mal ein Tag! Da ist ein Bürotag mit 6 Sitzungen hintereinander, in zu engen Schuhen und mit einer Laufmasche an der Wade, die man durch elegante Beinverrenkungen unkenntlich machen will, Zuckerschlecken dagegen. Das große P.-Kind ist aus dem Pfadfinderurlaub wieder zurück und muss diese Woche beschäftigt werden, was schwierig ist, wenn alle Kumpels in Mallorca, Ägypten und in der Türkei sind.
Da trifft es sich gut, dass es hier am Ort dieses Jahr wieder eine gigantisch große und perfekt organisierte Kinderspielstadt gibt. Dort kann man sich als Kind fast täglich von früh bis spät in verschiedenen Berufen verdingen, Geld dabei verdienen und mittels sinnlosen Taxifahrten oder im Restaurant bei von anderen Kindern gebratenem Schweinebraten mit Knödel wieder dem kapitalistischen Geldkreislauf zuführen. Leider findet der ganze Spaß am anderen Ende der Stadt statt, weshalb man das Kind dort nicht einfach so hinschicken und lassen kann.

Also schält man sich in seinem Sommerurlaub frühmorgens aus dem Bett, um rechtzeitig dort zu sein. Immerhin sind die guten Jobs schon kurz nach der Morgenöffnung vergeben und der anspruchsvolle Sohn hat ja nicht Bock auf irgendeinen Job. Er träumt von Bürgermeister und/oder Chefkoch, was auch in einer Spielstadt nicht von heute auf morgen funktioniert, sondern ein gewisses Alter und damit einhergehend auch das nötige Maß an Korrupt- und Verschlagenheit sowie das angemessene Kapital für Bestechungsgelder voraussetzt.
Über all das verfügten wir nicht, als wir heute Morgen natürlich doch zu spät dort ankamen. Ich ließ ihn 20 Mal beim Leben seines Vaters schwören, dass er das Handy anlassen, das Gelände keinesfalls verlassen und sich vom verdienten Geld nicht ausschließlich Eis kaufen würde und zog mit meinem Kleinkind von dannen. Irgendwie mußten wir den Tag dort in der Nähe totschlagen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Dort bleiben konnten wir nicht, denn mein 2-Jähriger fand es unerträglich, ca. 2000 Kinder malen, hämmern, basteln, Taxifahren und als Polizisten verkleidet herumlaufen zu sehen, ohne mitspielen zu dürfen. Nach einer Stunde, in welcher er zumeist zornig heulend am Boden lag, gab ich auf und schleifte ihn in den naheliegenden Park. Dort schlief er Gott sei Dank im Buggy ein und ich hatte etwas Zeit, mit dem langhaarigen Italiener des Espresso-to-go-Standes, welcher von Ferne aussah wie ein Plumpsklohäuschen, zu flirten und mir dabei einen gefühlten Liter Espresso ausgeben zu lassen. Als das Kind mit voller Windel aufwachte, kühlte unser zartes Liebespflänzchen unmittelbar wieder ab. Schade.

Den nächsten Flirt hatte ich mit dem jungen Mann zum Mitreisen vom Kinderkarussel, wo ich zehn Fahrchips in der Hoffnung kaufte, dass der Nachmittag schnell rumginge. Das Karussel drehte sich, mein Kleiner saß abwechselnd im Hubschrauber, Polizeiauto, rosaroten Panther und Feuerwehrauto und beschwerte sich, wenn die Hupen nicht laut genug funktionierten. Gleichzeitig versuchte ich mit niedergeschlagenem Blick, den anzüglichen Zungenbewegungen meiner neuen Eroberung auszuweichen und schielte rückwärts zum Espressoitaliener, der aber schon eine neue, blondere, jüngere, flachbäuchigere und wahrscheinlich kinderlose Eroberung gemacht hatte. Schlampe!

Als mein Zwerg im Traktor saß, wurde ich darauf hingewiesen, dass er aufgrund seines jungen Alters dort wieder aussteigen oder die Mutti zur Sicherheit mitfahren müsse. Ersteres war undenkbar, denn mein Kleiner verfügt bekanntermaßen über das, was man gemeinhin einen “starken Willen” nennt. Also schwang ich mich aufs Karussel, hielt mich im Verlauf der Fahrt krampfhaft am Lenkrad des Traktors fest und beschwor den Espresso, in meinem Magen zu bleiben, während mein Kleiner anhaltend “Mama, geh weg, ich fahr alleine!” schrie. Wir drehten uns zu “Hello Again” von Howard Carpendale gefühlte eine Million mal im Kreis, während mir der Karusselmann unentwegt zublinzelte.

Auf dem Rückweg erwarb ich an einem lateinamerkanischen Stand noch eine allerliebste Kinderstrickjacke mit aufgesticktem Schaf, Elefant und Sonne für wenig Geld. Später fiel mir ein, dass diese Jacken wahrscheinlich von peruanischen Kindern unter dem Zwang von Drogenbossen gestrickt werden, nicht zur Schule gehen dürfen und vom Verdienst ihre Familien ernähren müssen. Oh Gott, kann ich die Jacke noch zurückbringen? Komme ich dafür nun in die Hölle? Kann ich das aufwiegen, indem ich eine peruanische Kinderpatenschaft übernehme?

In der Spielstadt zurück mischten wir uns im Elterncafè unter die anderen wartenden Eltern. Leider war für die Bespaßung der Alten nicht annähernd so gut gesorgt, wie bei IKEA für die Kinder. Außer Gurkenbroten, Eis und Kaffee gab es nichts zu kaufen, zumindest nicht für reales Geld. Ersteres schmiss mein Kleinkind angeekelt sofort zu Boden und Letzterer lag mir karrusselbedingt immer noch schwer im Magen. Also aßen wir viel Eis und schlugen die Zeit tot, indem wir Regenwürmer suchten und so taten, als angelten wir mit kleinen Stöckchen Fische, was eine nachmittagsfüllende Tätigkeit sein kann.
Andere Eltern hatten Laptops, die Zeitung oder historische Romane dabei. Ich die trotzige Kröte. Super.

Am späten Nachmittag gab ich auf, suchte im Gewühl nach meinem großen Kind und fischte ihn aus einer Hochschul-Vorlesung zum Thema “Glück”. Ich erklärte ihm 20 Mal den Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause und fuhr dann - nach mir die Sintflut - mit der Kröte heim, die im Bus bester Laune mit der mehrmals laut wiederholten Frage, ob der - indische - Mann gegenüber im Sitz eigentlich angemalt sei, Interesse an ethnischen Vielfältigkeiten zeigte.

Eben ist das große Kind auch völlig heile und problemlos nach Hause gekommen und zeigte mir glückselig die vielen Scheine selbstverdientes Spielgeld. Morgen will er wieder hin und Taxifahrer werden. Mein Kleiner will wieder Traktor fahren.

Ich will heute nur noch bald schlafen und möglichst weder von heissen Italienern noch von noch heisseren Karusselmännern träumen.

SallyP.

Rollentausch…

August 12th, 2010

…hatten wir neulich mal, als Herr P. projektbezogen eine Woche lang früher auf Arbeit mußte. Normalerweise stehe ja ich, die Mutter in dieser Familie, in aller Herrgottsfrühe auf, mache allen Frühstück und mir Kaffee und verschwinde dann, kurz nachdem die Kinder aufgestanden sind und ich sie liebevoll geküßt habe, in mein Büro, wo ich mich nicht damit auseinandersetzen muss, was der Morgen mit Kindern für ein Horror sein kann, wenn man Zeitdruck hat. Herr P.  jammert mir regelmäßig die Ohren voll, wie zornig der Kleine ist, wenn er angezogen werden soll, während er gerade furchtbar busy dabei ist, alle seine Kuscheltiere in die Waschmaschine zu stecken und um wieviel langsamer der Große wird, je mehr die Zeit drängt, in die Schule zu gehen. Ich zucke dann nur arrogant die Achseln, betrachte mit hochgezogenen Augenbrauen meine Fingernägel und stelle ungefragt fest, dass dies alles wohl nur eine Frage von Selbstorganisation und Disziplin sei.

Dies zu beweisen, hatte ich letzte Woche Gelegenheit. Mein Mann machte sich also jeden Morgen schön fein schon um sieben Uhr pfeifend vom Acker und hinterließ mir beide Kinder und das Frühstücksgeschirr. Die Zeitung hätten wir in dieser Woche abbestellen können, denn ich kam an keinem einzigen Tag dazu, auch nur die Überschrift auf der Titelseite oder die Wettervorhersage zu lesen. Der Große bettelte beim Wecken nach immer weiteren fünf Minuten und schlief, nachdem ich ihn liebevoll an den Ohren sein Hochbett hinunter und in die Küche gezerrt hatte, am Frühstückstisch fast ein. Das von mir liebevoll mit Johannis- und Blaubeeren bereitete Müsli befand er als widerlich aufgeweicht und als ich ins Bad wollte, um mir den Lidstrich zu setzen und die Augenringe zu verdecken, hatte er sich darin eingesperrt, um sich die halbe Dose Wachs in die Haare zu schmieren und sich die Finger anschließend in meinem Handtuch sauber zu rubbeln. Endlich hatte ich ihn weitergebracht und gewunken, bis er um die Ecke zur Schule war, da fiel mir ein, dass gute Mütter ihren Kindern ein Pausenbrot für die Schule machen. Beschämt versuchte ich wenigstens dem anderen Kind eine verantwortungsvolle Mutter zu sein und sang ihm also das improvisierte Lied vom besten Zahnputzdrachen der ganzen Welt, während er sich unter Strampeln und ohrenbetäubendem Schreien gegen die Zahnbürste im Mund wehrte. Wie mein Blazer und der Badspiegel nach der Zahnreinigung mit der elektrischen Bürste in einem zum Schreien geöffneten Mund aussahen, muss ich nicht erwähnen, oder?

In Ruhe schminken konnte ich mich nur, weil ich jeden Handgriff auch am interessierten Kleinkind vollführte, was letztendlich einen skurril aussehenden Zweijährigen mit Lidstrich, Wimperntusche und altrosa Lippenstift zur Folge hatte. Den versuchten Trick, die Puderbürste für ihn nur gespielt in die Puderdose zu tauchen, ließ er mir nicht durchgehen und achtete penibel darauf, dass der Puder ordentlich in seinem Gesicht und auf meiner schwarzen Hose staubte. Ich war natürlich schon umgezogen, als er mir mitteilte, dass er nun ein Kacka machen müsse. Ich widerstand der Versuchung, ihn einfach aufzufordern, sein Geschäft in die Windel zu verrichten und die Krippenerzieherinnen den Rest erledigen zu lassen. Also zog ich ihm hektisch die Windel wieder aus und sah mich überraschend damit konfrontiert, dass die Dinge schon erledigt waren. Auf hohen Absätzen versuchte ich krakenartig, die auf dem Badboden in alle Richtungen davon rollenden Kügelchen einzusammeln und gleichzeitig das begeisterte Kind davon abzuhalten, sich zu bewegen.

Als wir in der Kindertagesstätte ankamen, war ich zum dritten und er zum zweiten Mal umgezogen und ich völlig fertig. Der Puder auf meiner Stirn suppte mit Schweiss vermischt in meinen Ausschnitt und die weiße Bluse, erst recht, als ich am Boden kniend unter den Kinderbänken den rechten Löwenhausschuh suchen mußte.

Auf die Nachfrage der Erzieherinnen, ob das Kind auch wirklich - wie gefordert - mit Sonnenschutz eingecremt war, log ich skrupellos und sah zu, dass ich ins Büro kam, wo ich wenigstens 5 Minuten Zeit für einen Espresso hatte, bevor ich in einer Sitzung so tat, als sei ich ausgeruht, konzentriert, kreativ, spontan und aufnahmefähig.

Vorher schrieb ich Herrn P. aber noch eine Email in die Arbeit mit dem Hinweis, dass ich mir morgens bei Kaffee und Zeitung sogar noch in aller Ruhe die Fußnägel lackiert hatte und trotzdem eine halbe Stunde früher in der Kita war, als er sonst. Das Geheimnis der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei gleichzeitig gutem Aussehen liegt schlichtweg in der Fähigkeit zu skupelloser Lüge, einem guten Abdeckstift und einem Reservepaar Feinstrümpfe unter den DIN A 4 Briefumschlägen in der Schreibtischschublade im Büro.

SallyP.

Bayerische Verpflanzungen

August 2nd, 2010

Das letzte Wochenende habe ich damit verbracht, das Leben meiner Oma in Kisten zu verpacken und ihr regelmäßig neue Schneuztücher zu reichen, weil alles so furchtbar schlimm ist. Die große Katastrophe besteht darin, dass sie ihre 3-Zimmer-Wohnung, in der sie ziemlich genau seit 50 Jahren lebt, verlassen und in eine Wohnung ziehen muss, die nur halb so groß ist. An dieser unsäglichen Frechheit ist ihrer Meinung nach die SPD schuld, selbstverständlich, denn die trägt für die Miseren im Leben meiner Oma meistens die Verantwortung, wenn es nicht grad die Grünen oder noch schlimmer, der satanische Gysi höchstpersönlich, sind. Mein bayerischer Opa hat ja zeitlebens aus alter Arbeitertradition rot gewählt und dieses in patriachalier Manier auch für sein Weib verfügt. Ich glaube, sie hat dies widerwillig immer befolgt, aber seit er aufgrund seiner cholerischen Schimpferei auf BMW-Fahrer und Preißen viel zu früh einem Herzkasperl erlegen ist, genießt sie die Freiheit, zu wählen was sie will und das ist aus reiner Trotzreaktion und um der postmortalen Emanzipation von meinem Großvater willen nun mal nicht die SPD, punktum.

Der Fairneß halber sollte an dieser Stelle erwähnt sein, dass es mitnichten nicht die rot-grüne Stadtregierung ist, die Schuld an der Tunnelmisere trägt. Vielmehr wurde Mitte der 90er Jahre die Untertunnelung aller drei Hauptverkehrsknotenpunkte in einem Volksbegehren durchgesetzt, an dem sich meine Oma sicher nicht beteiligte, weil sie sowas einen neumodischen Krampf findet.  Meine liebe Omi wohnt nun also nahe am Tunnelbau und so fragt sich die ganze Familie mit wachsender Besorgnis seit ca. 10 Jahren, was wohl aus ihr werden soll, wenn die alten Häuser durch die Untertunnelung mit monströsen Dinosaurierbohrern in sich zusammenfallen, zumal der Hagel von 1984 schon irreparable Schäden an den Häusern hinterlassen hat.

Meine Großeltern lebten in den Nachkriegsjahren - “die schwierige Zeit”, wie meine Oma das nennt - am Standrand im Gartenhäusl einer Arztvilla. “Hausfrau” wurde die Arztgattin genannt und ein arg schrecklicher Besen muss sie gewesen sein, indem sie meine Oma ganz von oben herab behandelte und gleichzeitig meinen gutaussehenden Opa allerweil zum Rasenmähen und zu Hausinstandsestzungsarbeiten verpflichtete und ihn dabei in ihr Dekollet schauen hat lassen. Und das, obwohl sie für das Hinterhaus ohne fließend Wasser und Isolierung eine arg unverschämte Miete verlangt hat, aber eine ganz arg unverschämte schon, was ja nicht weiter verwunderlich ist, weil die Großkopferten den Hals niemals nicht voll kriegen. Das weiß man ja.

Jedenfalls bot sich eines Tages die Gelegenheit, in eine für damalige Verhältnisse feudale Wohnung in einer neuen Siedlung, welche ausschließlich für Familien gedacht und schon zu dieser Zeit fortschrittlich kommunal gefördert war, zu ziehen. Damals kamen sich meine Großeltern damit vor wie Könige, zumal die neue Behausung über Gasofen und fließend kaltes Wasser verfügte und sich im Hof ein Wäsch(e)aufhängplatz sowie Grünanlagen befanden, von welchen die Kinder immer vertrieben wurden. Auf der Wiese hinterm Haus hat sich begeben, dass meine Mutter den 3 Jahre älteren dicken Franz so verdroschen hat, dass er es nie wieder wagte, ihrer Schwester und meiner Tante die Schulbrotzeit abzunehmen und als meine Oma vom Schlafzimmerfenster brüllte, sie solle sofort von dem Buben runtergehen und seine Ohren loslassen, soll meine Mutter geantwortet haben, dass sie das keinesfalls tue, wo sie ihn doch gerade erst zu Boden gebracht hätte. Diese Geschichte wird zum Leidwesen meiner Mutter anläßlich jedes Familienfestes erzählt und meine sämtlichen verflossenen Männer sind angesichts dieser Heldensaga vor meiner Mutter in Ehrfurcht erstarrt. Die Wiese gibt es noch, aber den Hollerbusch, welchen ich zum Zwecke der Fertigung von Hollunderblütensirup alljährlich gerupft habe, haben sie letztes Jahr gefällt.

Nach dem Umzug also in ein bürgerlicheres Leben fiel schnell die Entscheidung, dass meine Oma ihr Hausfrauenleben aufgeben solle, da sie die Armut und Abhängigkeit leid war und auch ein Stück vom Wirtschaftswunderkuchen abhaben wollte. Der Kindergarten der nahen katholischen Pfarrgemeinde nahm die Kinder meiner Großeltern aber nicht auf. Wenn man meiner Oma Glauben schenken darf, dann nur, weil sie vor der Hochzeit evangelisch war und nur wegen den siebengescheiten katholischen Pfaffen schnell noch zur Firmung mußte, bevor sie heiraten und damit das ungeborne Kind legalsieren durfte.  Ihre Kinder kamen im städtischen Kindergarten unter, aber ich schwöre, sie betritt diese Kirche bis heute nicht und nimmt lieber die Fahrt in die Frauenkirche in der Innenstadt auf sich, weil man da ja auch freilich den Erzbischof sehen kann. Und oft erzählt sie mir die Geschichte von der dicken Pfarrschwester, die jährlich bei ihnen klingelte um das Kirchgeld einzutreiben, worauf sie ihr immer mit dem Hinweis darauf, dass die Pfarrei ihre Kinder nicht in den Kindergarten genommen  hätte, die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, katholisch hin oder her.

Viel später bin ich zu großen Teilen in dieser Siedlung aufgewachsen und immerhin durften wir schon auf den Wiesen spielen, solange es keine Ballspiele zwischen 11 und 16 Uhr mittags waren oder solange die weißhaarige Frau Vollstatter im Erdgeschoss nicht über das Schläfchen von ihrem Hans wachte. Die Kinder waren lange ausgezogen und nach und nach auch die Männer verstorben und heute sitzt meine Omi fast jeden Abend mit den verbliebenen Frauen, die fast ausnahmslos Urgroßmütter sind, auf Klappstühlen unten in der Wiese, weil es oben wegen der schlechten Isolierung sowieso viel zu warm ist. Sie richten die jeweils nicht Anwesenden aus oder trauern wahlweise auch um die Verstorbenen oder kommen sich arschgut vor, weil eine von ihnen im Pflegeheim gelandet ist und sie selbst aber noch lange nicht, obwohl ihnen die Knochen weh tun. Eine von ihnen hat ein Verhältnis mit einem 10 Jahre jüngeren Jugoslawen angefangen und hat seither Besseres zu tun, was die Gerüchteküche bezüglich seiner Liebschaften bis über die andere Seite des mittleren Ring hinaus schürt. Selbst ich hab ihn schon vom Radl aus im Park mit einer Anderen busseln sehen und dies selbstredend brühwarm bei Radler und Regensburger Würschteln - was sie  für Schonkost hält - meiner Oma berichtet, die daraufhin sofort den Klappstuhl aus dem Keller holte und ihr Wissen mit den Nachbarinnen zu teilen.

Von guter Gegend ist längst keine Rede mehr. Aus den Wohnungen wurde zunehmend sozialer Wohnungsbau und inzwischen werden die  heruntergekommenen Behausungen an Obdachlose vergeben, was meine Oma selbstgerecht sein läßt und mich wiederum in Sorge um sie. Einer ihrer Nachbarn ist seit langem als - sagen wir mal vorsichtig - auffällig bekannt. Bisher konnten wir uns aber über seine Erzählungen über seine Wasserdiät, die ihn schrecklich abmagern hat lassen, belustigen und manchmal über seine  Besuche, die im hölzernen Treppenhaus übernachteten und dabei nicht genug auf ihre Zigarettenkippen achteten, echauffieren. Neuerdings klingelt er aber oft bei meiner Oma und bittet sie um Geld und Brot, was allein bei meiner Oma schon ein großer Fehler ist, da sie für die Nöte von psychisch Kranken und die völlig unzureichende Berechnung von Bedarfen von ALG-II-Empfängern keinen Sinn hat. Dass er diese Bitte aber zumeist aber in weißem Hemd und ohne Unterhose vorbringt, läßt mich erschaudern und meine Oma hingegen zu Ausführungen über die zunehmende Widerwärtigkeit von Männern in höherem Alter spekulieren und auch darüber, dass sie alles sehen wollte, aber den nackerten Deppen von gegenüber eigentlich nicht und sein Anblick auch kein schöner war.  Mit dem anderen Nachbarn hat sie es sich verscherzt, als sie wegen einer vermeintlichen Sexorgie mit Zwangsprostiuierten mitten in der Nacht die Polizei geholt hat. Wie sich herausstellte, ist er nur ein  Freund von zu lauten Action-Computerspielen. Leider hat er dabei einen Joint geraucht und seither ist er auf meine Oma nicht mehr gut zu sprechen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wir reden schon lange auf sie ein, sich eine adäquatere Behausung in einer etwas bürgerlicherer Gegend zu suchen. Seit sie aber 2 Wochen nicht mehr mit mir geredet hat, weil ich sie angeblich entmündigen und ins Pflegeheim stecken wollte, obwohl ich ihr nur von dem Betreuten Wohnen bei uns ums Eck erzählt habe, habe ich mich tunlichst rausgehalten. Über die Entscheidung der teuflischen Stadtregierung, den Tunnel nun bei ihr vorm Haus zu graben und die damit verbundenen Abrisse der Häuser war ich ehrlich gesagt nicht traurig. Sie bekommt eine neue Wohnung, die natürlich aufgrund ihres Singledaseins viel kleiner ist. Mit Aufzug, Heizung, Balkon. Ein Traum wahrhaftig und dies ganz in der Nähe. Sie kann also weiterhin mit den noch lebenden ehemaligen Nachbarinnen zusammensitzen und darüber reden, dass der Supermarkt am Eck schon vor 20 Jahren beschissen, überteuert und die Wurst nicht frisch war. Aber sie ist bockig und traurig, weil sie eigentlich tot umgefallen sein wollte, bevor der Mittlere Ring untertunnelt wird. Nun ist es soweit und sie hat immer noch keine schwerere Krankheit als ihren Alterszucker, den sie mit Regensburger Würschtln und Brezen behandelt und die schmerzenden Knochen. In ihren Kleiderschränken hat sie Klamotten aus fünf  Jahrzehnten und weint, wenn ich ihr vorsichtig sage, dass der Fuchskopfumhang mit Obergebiss - vor welchem ich schon als kleines Mädchen schrecklich Angst hatte - wirklich nicht mehr zeitgemäß ist und in die Tonne muss. Sie weint dann und will mir weissmachen, dass alle Mode eines Tages wieder kommt, so auch der Fuchskopf und die Handtasche aus Bussardfedern und Plastikummantelung und der Schultergurt aus Goldkettchen.

Ihr Doppelbett und die ganze Schlafzimmerlandschaft kann sie nicht mitnehmen, weshalb sie eine Beschwerde beim Oberbürgermeister erwägt, aber mit der SPD will sie ja eigentlich gar nix zu tun haben. Ich packe Kisten, diskutiere mit ihr über jedes Stück und höre gleichzeitig ihre Fluchtgeschichten aus dem Krieg. Offenbar erinnert dieser Umzug sie daran und retraumatisiert sie, dabei zieht sie nur 10 Hausnummern weiter und wird in einigen Jahren den Lärm und die Abgase von Starnberger Porschefahrern nicht mehr ausgesetzt sein, weil die Autos untenrum fahren und die Gegend wieder eine Bessere wird. Aber das ist nicht das was sie wollte.

Sauberkeitserziehung

Juli 2nd, 2010

Heute beim Mittagessen im Kolleginnenkreis kam die Frage auf, warum sich offenbar nur wenige der Toilettenbenutzerinnen bemüßigt fühlen, eine neue Klorolle auf den Halter zu hängen, wenn die alte leer ist. Eigentlich gehöre ich zu jenen mit ausgeprägtem Gemeinsinn. Ich nehme also regelmäßig die Geschirrhandtücher zum Waschen mit nach Hause, wische den Kühlschrank in der Teeküche aus und besorge brav neuen Espresso, auf dass keine von uns einen plötzlichen Schock durch Koffeinabfall durchleben muss, was angesichts der sehr individuellen Persönlichkeit unseres Chefs einem Todesurteil gleich käme. In diesem Fall aber mußte ich einräumen, dass ich niemals eine Klorolle wechsle und mir das sogar richtiggehend abgewöhnt habe. Aus Protest, jawohl. Ich lebe mit drei männlichen Wesen zusammen und habe lange versucht, das Wechseln von Toilettenpapier in den Familienalltag zu integrieren, leider vergebens. Die Erfindung von Klorollenhalterungen scheint in der Welt von aufrecht gehenden XY-Chromosomen nutzlos zu sein, außer sie weisen das Design eines nackten Frauenhintern auf. Zu einer Anschaffung einer solchen konnte ich mich aber bisher noch nicht durchringen. Um meinen Protest aber wenigstens nonverbal zu artikulieren, wechsle ich Klorollen seit einiger Zeit nicht mehr und habe sogar eine eigene kleine geheime Klopapierrolle im Korb mit den Putzmitteln über der Waschmaschine. Dort, wo man sie nicht auf den ersten Blick sieht und ich aber dennoch aus sitzender Haltung heraus noch mit ausgestrecktem Arm hinfassen kann. Mein geheimes Privatklopapier sozusagen. Und wenn die Rolle leer ist, entsorge ich das Innenleben und lege mir liebevoll eine neue Rolle zurecht in dem Wissen, dass sie immer da sein wird, wenn ich sie brauche. Die Zeiten, in welchen ich die frische Rolle aufgehängt habe und dann aber im Bedarfsfall immer in demütigend sitzender Haltung verzweifelt rufen musste, bis sich jemand ob meines Anblicks kichernd erbarmt und Klopapier brachte, sind vorbei. Manchmal entdecke ich eine andere Rolle auf dem Badewannenrand, unter der Heizung, auf der Waschmaschine oder - naß - neben dem Halter für elektrische Zahnbürsten. Oftmals gibt es aber im Bad kein Klopapier außer meiner Geheimrolle im Versteck und ich stelle fest, dass es offenbar manchmal tagelang niemanden stört. Mit gutem Willen könnte man unterstellen, dass offenbar der Rest der Familie gerne ausschließlich das feuchte Toilettenpapier benutzt.

Im Büro mache ich es gewohnheitsmäßig genauso. Ich schmeisse die verbrauchte Rolle zwar weg, hänge die neue aber nie auf, sondern stelle sie nur auf den Eimer für Damenhygieneartikel. Gott sei Dank ist es noch nicht soweit, dass ich im Büro auch ein Versteck bräuchte, aber schließlich muss ich mir dort die Toilette nur mit Anhörigen meines eigenen Geschlechts teilen. Hoffentlich.

Wenn man mit Kindern zusammenlebt, muss man sowieso Abstriche machen, oder man schlittert zwangsläufig über die Jahre in eine seelische Behinderung aufgrund von anhaltender hygienischer Frustrationen. Es scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein, Kindern nachhaltig eine angemessene Körperhygiene und Badorganisation zu vermitteln. In 10 Jahren habe ich meinem Großen sicherlich an die tausend Mal erklärt, wie man sich die Zähne putzt und das Gesicht wäscht. Wir haben ihn an unseren täglichen Hygienemaßnahmen teilhaben lassen, entsprechende Fachliteratur vorgelesen und kindgerecht nachbesprochen. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich wundere, dass er nach gefühlten 3 Sekunden wieder aus dem Bad kommt, nachdem ich ihn gerade zum Zähneputzen geschickt habe. Und wenn er dann geputzt hat und einige Zeit vergangen ist, kann man an seinen Mundwinkeln erkennen, dass er zwar Zahnpasta im Mund hatte, aber es bleibt völlig unklar, was er weiterhin damit gemacht hat, außer sie sich definitiv NICHT aus dem Mund zu waschen. Neulich habe ich ihn dabei erwischt, wie er sich mit der Hand 3 Tropfen Wasser ins völlig verschwitzte Gesicht gespritzt hat und die Spritzer anschließend mit dem Handtuch im Gesicht verrieben hat. Selbstredend mit meinem Handtuch, obwohl ich seit Jahren strickte Handtuchtrennung vollziehe und zwar immer gekennzeichnet durch rosa (NUR DIE MAMA) und hellblaue Handtücher (für alle, die nicht die Mama sind). Ich dachte, diese einfach zu behaltende Farbwahl könne dazu beitragen, dass ich mein Handtuch für mich alleine habe, aber weit gefehlt. Um in einem sandigen Gesicht mittels wenigen Tropfen Wasser außergewöhnliche surrealistische Dreckverzerrungen herzustellen, sind rosa Handtücher offenbar ganz besonders gut geeignet. Ich erwäge neuerdings, auch mein Handtuch zu verstecken, habe aber noch keinen guten Platz gefunden. Vielleicht sollte ich mein Handtuch als Duschvorhang tarnen oder so.

Wie oft erklärt man Kindern mühevoll die zu verrichtenden Tätigkeiten nach dem Toilettengang, vor allem nach größeren Geschäften? Die erfahrenen Eltern hier wissen, woran man erkennt, dass die Sprösslinge die entsprechenden Handlungsabläufe nicht internalisiert haben. Eine Freundin von mir meint sogar, ihr Sohn würde dem Klopapier nur kurz seinen Hintern zeigen, bevor er es in der Toilette versenkt, obwohl ihm oft und akribisch erklärt wurde, wie genau das Papier zu verwenden ist.

Meinen Kleinen sehe ich neuerdings oft, wie er mit der elektrischen Zahnbürste spielt, das Ding ratternd an die Wände hält und dabei begeistert “Bohrmaschine bin ich!” ruft. Ich habe dem Treiben bisher milde lächelnd zugesehen, bis ich ihn vor einigen Tagen dabei erwischt habe, wie er mit meinem - rosa - Zahnbürstenaufsatz in der Kloschüssel gebohrt hat.

Meine Kolleginnen mit großen Kindern haben mich diesbezüglich getröstet und geschworen, dass sich die gute Erziehung auf die lange Sicht hin durchaus lohnen würde, denn immerhin sei zu beobachten, dass heranwachsende Buben unmittelbar mit gesteigertem Interesse am anderen Geschlecht plötzlich wissen, wie man sich die Zähne putzt und dass man das Gesicht ruhig unter den Wasserhahn halten kann, ohne dass Gefahren zu befürchten sind. Ich wurde aber leider auch weiterhin darüber informiert, dass Pubertierende - und insbesondere Jungs - auch ab einem gewissen Alter zunehmend anfangen, schlechte Gerüche zu verströmen. Eine Kollegin berichtete von der LAN-Party ihres 17-Jährigen neulich bei ihnen im Keller. Nachdem 10 Jugendliche sich brav im Flur die Plastikturnschuhe ausgezogen hatten und in den Keller verschwunden waren, konnte man diesen nur noch betreten, wenn man tunlichst nicht durch die Nase atmete.

Ich habe das auch schon festgestellt. Bis zu einem gewissen Alter riechen Babies und Kleinkinder ganz wunderbar. Später tun sie das nicht mehr, sondern riechen nach dem, was sie tagsüber so tun und oft nach Hundekacke, weil sie beim Laufen in den Himmel starren und nie in die Gegenrichtung. Einen richtigen Eigengeruch verströmen sie aber erst später und dieser Zeitpunkt fällt leider meist noch nicht in die Zeit, in welcher sie wegen der Mädchen auch die wundersamen Erfindungen Dusche und Deo entdeckt haben.

Mein Großer hat ein einigermaßen ordentliches Zimmer, welches ich zwar zunehmend weniger betrete, aber immerhin noch regelmäßig, um die Wäsche einzusammeln und ab und an mit Argusaugen das kindliche Staubsaugen zu überwachen. Dabei fällt mir neuerdings schon beim Betreten immer der kaum merkliche Geruch nach Füßen und/oder alten Socken auf. Und selbst, wenn der Wäschekorb leer ist, hängt dieser Geruch in der Luft. Ich bin schon auf dem Bauch über den Boden gerobbt auf der Suche nach dem Geruchswirt in Form eines vermeintlich während des letzten verregneten Pfadfinderlagers 10 Tage am Stück getragenen Socken, aber bisher konnte ich die Quelle des Geruchs nicht finden. Vielleicht muss ich mich damit abfinden, dass mein Sohn dem kindlichen geruchlosen Alter inzwischen entwachsen ist und evolutionsbedingt täglich mehr den Moschusgeruch des angehenden Mammutjägers annimmt. Bei der Vorstellung, wie 10 solcher Geruchsträger in naher Zukunft hier Feste feiern, werde ich nervös angesichts der Tatsache, dass wir keinen LAN-Partytauglichen Keller haben.

Interessant wird allemal, ob einer der künftigen Gäste dann mein Klopapierversteck finden wird. Vielleicht sollte ich in weiser Voraussicht auf meine rosa Handtücher pink- und lilafarbene Häschen sticken.

SallyP.

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