Sally on the Blog

Sprachentwicklungsbetrachtungen

November 26th, 2009

Puh, welch himmlische Ruhe jetzt… *am Rotweinglas nipp*. Wahnsinn, wie still es plötzlich sein kann, wenn das große Plappermaul und sein kleiner Gefolgsmann und Bruder endlich im Bett sind.
Unser Kleiner hat ja bis vor einigen Wochen ungefähr ein halbes Jahr nichts Anderes als “Da” gesagt. Mit dem Finger auf das Objekt des Interesses gezeigt und entweder ein Ausrufe- oder ein Fragezeichen per Tonfall dahinter gesetzt und wir wussten über alles Bescheid. Langsam haben wir uns aber schon Sorgen gemacht, weil es so keinerlei Sprachentwicklung zu geben schien. Andere gleichaltrige Kinder konnten mindestens ihre Eltern benennen und manche auch das eine oder andere Tier. Unserer nicht, das höchste der Gefühle war ein aufgeregtes “Dada!” Wie sehnsüchtig hab ich auf ein “Mama” gewartet; lange vergeblich. Irgendwie ist er aber offensichtlich mit dem Einschiessen der Backenzähne ins Sprachzeitalter vorgedrungen. Ganz plötzlich spricht er den ganzen Tag und und alles nach, was er irgendwie hört. Völlig überraschend sehe ich mich also mit exzessiven Sprachexplorationen, um nicht zu sagen -explosionen, konfrontiert.
Beispielsweise spielt das geschlechtliche Dasein neuerdings eine große Rolle bei uns. Nicht nur Mama und Papa und der Bruder und alle Kinder in der Kinderkrippe werden in “Mann”, “Fau”, “Bub” und “Mechen” kategorisiert. Nein, auch der ca. 20jährige German-Parcel-Paketdienstmensch wird jauchzend mit “Mann” begrüßt. Auf dessen Nachfrage, was der Kleine denn gesagt hätte, erklärt dieser es selbst mit einem näher ausführendem “Papa”. Selbstredend wollte mein Kleiner ihn auf den unglaublichen Zufall hinweisen, dass er und sein Vater des selben Geschlechts seien. Was der Paketmensch hingegen verstanden hat, ist sein Problem.

Nahrungsmittel stehen auch hoch im Kurs. Alles was ihm nicht schmeckt ist “Nane”, denn Bananen konnte er tatsächlich noch nie leiden. “Bären” dagegen, insbesondere Himbären, schmecken ihm gar vortrefflich, wohingegen die Blaubären eine nach der anderen mit einem traurigen “Happala” vom Tisch herunterfallen.
Neulich gabs Schwammerl, das fand er hochinteressant. Ich sah mich beim meditativen Schälen der Champignons damit konfrontiert, statt nach dem nächsten Pilz ins Legokrokodil oder das Schmuseschaf zu greifen, welche er freundlich gegen die “Wammel” auf der Küchenarbeitsplatte getauscht und dieselben in der Wohnung verteilt hatte. Die Kleineren davon passten übrigens mit einiger Mühe in die Kreisform seines Steckzylinders. Andere Wammel habe ich noch tagelang später im Wäschekorb und der Kugelbahn gefunden.

Auch Zwei-Wort-Sätze kann er bereits und spätestens damit ist ihm der Durchbruch, was komplexe Sprachmitteilungen betrifft, gelungen.
Wir werden aktuell bereits morgens um 5 Uhr darüber informiert, dass der Krakra im Baum sitzt und seine Freundin, die Amel, ebenfalls. Selbst meine müden Hinweise, dass sowohl der Rabe als auch die Amsel jetzt schlafen, so wie die kleinen Kinder auch, trübt seine morgendliche Begeisterung nicht. Ich hoffe sehr, dass sich dieses ausgeprägte ornithologische Interesse demnächst gänzlich verflüchtigt oder sich mehr auf den Tag konzentrieren.
Auch beim gemeinsamen Essen - welches mit Kleinkind noch nie unanstrengend war - hat sich mit der neuerlichen Sprachexplosion der Schwierigkeitslevel erhöht. Zum Beispiel werden die besonders schönen Wörter “Batzerei” und “putzen” dafür mißbraucht, zuerst mit dem Saftbecher das Erstere zu veranstalten und anschließend das weitere Essen mit der Forderung nach Zweiterem verweigert. Das klingt dann wie “Reiiiiiiii butzen!” Und wenn man ihm dann tatsächlich einen Lappen in die Hand drückt, wird die Batzerei unter kopfschüttelndem “neinneinnein” auf den gesamten Eßtisch und den Boden darunter ausgedehnt.

Neu gelernte Wörter verwendet er begeistert und inflationär, wenngleich nicht immer den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechend. Das Wort Butter z.B. gefällt ihm so gut, dass er immer auf die Frage, ob er ein Brot oder eine Breze möchte, mit einem freudigen “Butter” antwortet. Schmiert man ihm diese dann folgsam aufs Brot, kann es passieren, dass er unmittelbar damit beginnt, die Brotwürfelchen gekonnt aufeinander zu stapeln, bis sie umfallen. Happala. Mit Butter haften sie aber definitiv besser aufeinander.

Ein und dasselbe Wort kann aber auch für völlig unterschiedliche Bedeutungen verwendet werden und für die förderungswilligen Eltern des sprachbegabten Kindes gilt, die richtige Entsprechung zu erkennen. So bedeutet z.B. der Satz “Guki rein”, dass die überaus leckere Gurke in den Mund gesteckt, statt in die Salatschüssel geschmissen werden soll. “Ebes rein” dagegen bedeutet, dass die dumme Erbse leider ins Mamas Johannisbeerschorleglas fallen muss. Happala. Manche Erklärungen ergeben sich eben erst durch die Tat, dann aber deutlich. Warum sowohl Flugzeug als auch Hubschrauber “Wawak” sind, kann ich mit einiger Mühe nachvollziehen. Weshalb aber auch der Kugelschreiber diesen Namen trägt, bleibt ein Rätsel.

“Malen” steht auch hoch im Kurs. “Malen neinneinneinnein” ist übrigens Ausdruck des elterlichen Verbots, woanders als auf Papier zu malen. Seine Pflichten theoretsich zu kennen ist aber nur das eine, sich daran zu halten aber nochmal was ganz Anderes. Meine Lohnsteuerkarte für 2010 ziert neuerdings ein surrealistisches Gebilde, welches der Künstler als “Krakra” bezeichnet. Leider ist es dabei nicht ganz gelungen, aus der 1 im Feld der Steuerklasse eine 3 zu machen. Das wird unser Entwicklungsziel für die zweite Hälfte des 2. Lebensjahres sein.

Herr P. meint, dieses hochkommunikative Element unserer Kinder sei nicht weiter verwunderlich, da man der Mutter ja - so sie einmal tot ist - auch das Mundwerk extra erschlagen müsse und dass Logorrhöe genetisch bedingt sei. Und von meinem Großvater selig erzählt man sich nach wie vor, dass er - als ich selbst zu sprechen anfing - gedroht hätte, auszuziehen (ich lebte mit meiner ledigen Mutter bei den Großeltern), sollte sich herausstellen, dass ich soviel sprechen würde wie seine Schwägerin Martha.
Welche im Gegensatz zu ihm übrigens heute immer noch lebt, was ich vor allem daran merke, dass oftmals stundenlang belegt ist, wenn ich versuche, meine Oma anzurufen.

Naja, wie auch immer… herzallerliebst ist dieses kindliche Gequatsche. Aber wenn ich dem Zwerg abends müde den Schlafanzug anziehe, er mir dabei grob in den Ausschnitt greift, dauernd “Busen Frau?” sagt, bis ich ihm eine befriedigende Antwort gebe, wünsche ich mir schon manchmal die “Da”-Phase zurück. Es war so einfach, darauf zu antworten.

Stille Grüße,
SallyP.

Comments are closed.

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.