Sally on the Blog

(für Andrea)

Lieber Mekso,

ist es in Ordnung, wenn wir uns duzen? Obwohl Du ja nun schon seit geraumer Zeit bei uns wohnst, sind wir uns noch nie begegnet, was ich nicht allzu sehr bedaure, wenn ich ehrlich bin. Da ich aber Deinen Nachnamen gar nicht kenne und auch nicht weiß, ob Chamäleons wie Du eines bist, überhaupt Nachnamen haben, schlage ich vor, wir bleiben einfach beim Du. Außerdem ist davon auszugehen, dass Dein Nachname unaussprechlich wäre. Wir haben ja schon mit Deinen Vornamen erhebliche Schwierigkeiten bei der Aussprache. Egal, wie wir es versuchen, unser Kleiner behauptet immer, es sei falsch betont. Er selbst spricht es eher französisch aus, mit Schwerpunkt auf dem O hinten. Deshalb dachten wir auch eine Weile, man schriebe Deinen Namen “Mequeseau” oder anders kompliziert, aber Du bist kein Franzose, das versicherte mir Dein Freund, mein dreijähriger Sohn. Du bist vielmehr ein Chamäleon und kannst nicht nur Deine Farben an die Umgebung anpassen, sondern auch je nach Bedarf Feuer oder Wasser speien und Du bist sogar in der Lage, Dich größer und kleiner zu schalten. Nicht, dass das für mich wesentlich wäre, nein. Ich kann Dich ja sowieso nicht sehen. Schon lange bekommen wir die spektakulären Geschichten über Dich von unserem Kleinen berichtet. Schon lange sitzt Du beim Essen mit uns am Tisch und wirfst ungeniert alle Nahrungsmittel, die Dir nicht schmecken, unter den Tisch und gegen die Wand. Ich habe meinen Sohn viele Male gebeten, dafür zu sorgen, dass Du das unterläßt und er war auch verständnisvoll und mitfühlend angesichts meiner zunehmenden Verzweiflung. Offenbar ist sein Einfluss auf Dich aber begrenzt.

Ich will ehrlich mit Dir sein: Deine Anwesenheit bereitet mir und Herrn P. zunehmend Unbehagen. Zu Anfang hatten wir kein Problem. Als Du hier einzogst, haben wir uns über Dich köstlich amüsiert. Meine Freundin, die Psychologin mit 4 Kindern, versicherte mir, Deine Existenz sei der Beweis großer phantasievoller und kreativer Begabung und dieser Freund verschaffe Dir Halt und Stabilität. Seit Du aber immer wieder die Wände im Kinderzimmer bemalst und zuletzt sogar die Gründerzeitkommode, die ich in einer Phase ausgeprägen Nestbautriebs in der Schwangerschaft aufwändig abgebeizt und gewachst habe, mit Wachsmalkreiden verziert hast, bin ich über Deine Anwesenheit zunehmend irritiert. Ich versichere Dir, dass wir grundsätzlich weltoffene und tolerante Menschen sind, auch was anders geartete Lebewesen und Lebensweisen betrifft. Die Freunde unserer Kinder sind bei uns jederzeit willkommen und Du darfst versichert sein, dass Du nicht die erste ziemlich schräge Type darunter bist. Wir sind wirklich willens, Dich - analog der Empfehlungen entsprechender Fachliteratur - wie einen lieben Gast zu behandelt. Da Du aber offenbar gedenkst, Dich ungefragt auf längere Zeit bei uns einzurichten, müssen wir dringend über unser Zusammenleben sprechen und ein Mindestregelwerk sozialer Normen vereinbaren. Andernfalls…. tja, andernfalls. Womit man von einem aggressiven und offenbar mutierten Chamäleon sozialverträgliches Verhalten erzwingt, ist mir noch nicht klar, zumal die Fachliteratur sich über den expliziten Umgang mit dieser Spezies nicht ausläßt.

Meine geduldigen Bemühungen waren leider vergeblich. Ich habe meinem Kleinen einige Male in kindgerechter Sprache versucht zu verdeutlichen, dass sein Freund, das Chamäleon, hier Dinge tut, die grundsätzlich verboten und zum Schaden anderer sind. Ich habe ihn gebeten, mit Dir zu sprechen, Dich zu bitten, an Deiner Vernunft zu appellieren und letztendlich, Dir zu drohen, Dich nach Hause zu schicken. Leider vergeblich, denn wie ich mir sagen habe lassen, hast Du kein Zuhause außer die Drachenhöhle in Afrika bei Deinem Mentor, dem italienischen Polizisten Chendo-Meng. Auch von ihm hören wir oft und aufgrund seines offenbar impulsiven Gemüts und seines Waffenbesitzes mit durchaus gemischten Gefühlen. Ich bin schon sehr froh, dass er in Afrika beschäftigt scheint und den Weg zu uns bisher nicht gefunden hat. Die Ente Rutschie, die auch eine Weile bei uns gelebt hat, schien dagegen ein sehr freundliches Wesen zu sein. Sie saß zumeist auf der Schulter meines Kleinen und wenn man so vorsichtig war, sie beim Anziehen der Jacke nicht hinunter zu werfen, hatte man mit ihr auch keine Unannehmlichkeiten. Schade, dass sie seit mehreren Wochen in Urlaub ist und keiner recht weiß, wann und ob sie wieder kommt. Wahrscheinlich ist sie mit ihrer introvertierten und unkomplizierten Art der Affinität meines Sohnes für spektakuläre und wilde Persönlichkeitsstrukturen nicht gerecht geworden. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sie an Deiner Stelle hier Wohnsitz nähme, aber meine Freundin, die Psychologin, meint, darauf hätte ich keinen Einfluss. Vielmehr solle ich Deine Existenz gefälligst akzeptieren, denn die grünhaarigen Punks mit “Exploitet”-Tatowierung auf der Kopfhaut seien vor 20 Jahren auch nicht die Freunde der Wahl meiner Mutter für mich gewesen. Sie hat recht, wenngleich diese Vertreter von Randgruppen in meinem Zimmer real existent und damit vielleicht leichter zu akzeptieren waren. Wie meine Mutter lernte, den Punkern freundlich selbstgebackenen Kuchen zu servieren, sollte ich lernen, das unsichtbare Chamäleon zu akzeptieren, auch wenn ich sicher bin, dass es eine klinisch relevante Störung hat.

Was ich von Chendo-Meng bisher gehört habe, ist er sicherlich nicht die geeignete Bezugsperson für Dich. Dieser alleinstehende Mann mit Affinität zu gefährlichen Waffen, der weitab seiner eigentlichen Heimat in Drachenhöhlen Chamäleons und Enten zähmt, scheint mir die Ursache Deiner extremen Verhaltensoriginalitäten zu sein. Ich bin mir meiner Verantwortung Dir gegenüber daher durchaus bewußt, möchte aber dennoch in aller Deutlichkeit gesagt haben, dass wir Dich trotz unseres ausgeprägten sozialen Gewissens dorthin zurück schicken, wenn Du in Zukunft nicht ein Minimum an Mühe erkennen läßt, Dein Verhalten zu revidieren . Was hast Du Dir denn dabei gedacht, den armen Maximilian im Kindergarten an der Wange so zu kratzen, dass man meinen konnte, Freddy Krueger hätte seinen Weg gekreuzt? Eigentlich hatte ich dieses Kind auserkoren, ein geeigneter Freund für meinen Kleinen zu sein, zumal seine Eltern unter der durchwegs dubiosen Gesellschaft im Kindergarten einigermaßen bürgerlich heraus stechen. Ich hatte schon alles gegeben, seriös und liebreizend zu wirken und es war mir gelungen, die Erziehungsdefizite meines Kleinen sowie mein kleines Tourette-Syndrom zu verheimlichen. Ich hatte seine Eltern beinahe so weit, uns ihren nobelpreisverdächtigen Maxi an einem Nachmittag zum Spielen zu überlassen und damit zukünftigen Seilschaften den Weg zu ebnen, als Du ihm aus unerfindlichen Gründen mit Deinen Krallen übers Gesicht gefahren bist. Seither grüßen mich seine Eltern nicht mehr, aber wie kann man schon erwarten, gegrüßt zu werden, wenn man einem völlig durchgeknallten Chamäleon kritiklos Unterkunft gewährt und seine Teilnahme am Kindergartenalltag nicht verhindert? Es wäre wirklich besser, Du würdest  meinen Sohn nicht dauernd heimlich zum Kindergarten begleiten. Andererseits hätte ich aber keine Ruhe, wenn Du allein den ganzen Tag in der Wohnung wärst, zumal Du bereits in kurzen unbeaufsichtigten Momenten zu delinquenter Hochform aufläufst. Die Kommode hast Du mit den Wachsmalkreiden so malträtiert, dass man wahrscheinlich 1 cm der Holzschicht abtragen müßte, um Deinen kreativen Anfall unsichtbar zu machen. Die Wand war frisch gestrichen und es war auch noch nicht lange her, dass die Fenster geputzt wurden, als Du die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz szenisch darauf umgesetzt hast.

Dass Du aber letzte Woche meinen Kleinen im Kindergarten dazu angestiftet hast, in den Mülleimer zu pinkeln, geht zu weit. Ich hatte größte Mühe, diesen Vorfall zu erklären und den Ärger von meinem schuldlosen Kind abzuwenden, indem ich gegenüber dem Personal mit Verletzung der Aufsichtspflicht argumentierte. Beliebt habe ich mich damit nicht gemacht, das kann ich Dir versichern. Außerdem habe Dir bereits mehrmals die Nachricht hinterlassen, dass es bei uns zu Hause üblich sei, sich zum Pinkeln hinzusetzen. Eine Bitte, der Du zwar nicht widersprochen hast, die Du aber offenbar mit Dir selbst nicht in Verbindung bringen konntest. Bevor Du hier eingezogen warst, gab es nie die Frage, ob gesessen oder gestanden wird. Erst Du hast die Diskussion ins Rollen gebracht und damit Regeln in Frage gestellt, die bislang ununstößlich und nie in Zweifel gezogen waren. Nun kommt mein Kleiner aus der Toilette, zieht sich die Hose hoch und erklärt betont harmlos, er hätte beim Pieseln selbstverständlich gesessen. Wenn ich dann mißtrauisch ob dieser Mitteilung genauer nachfrage, muss ich hören, dass Du es warst, der meinen Kleinen letztendlich doch überredet hat, sich vor die Toilette zu stellen. Wenn Du aber schon all meine bisherigen Erziehungsbemühungen in die Tonne trittst, kannst Du ihm dann nicht auch gleich noch das richtige Zielen beibringen? Oder ist es von einem Chaämleon zuviel verlangt, in die Schüssel zu treffen?

Ich werde mich also weiterin bemühen, die innige Freundschaft meines Kleinen zu Dir zu akzeptieren und stoisch Deine Eskapaden aus der Welt zu räumen, bitte Dich aber inständig, Deinem Ziehvater Chendo-Meng nicht zu verraten, wo Du Dich derzeit aufhälst. Glaub mir, für einen weiteren Wahnsinnigen hier habe ich nicht die Nerven. Und grüß die Rutschie ganz lieb von mir und sag ihr, sie würde mir echt fehlen. Du könntest Dir ja auch ein Beispiel an ihr nehmen, denn sie war wirklich ein Gast, wie man ihn gerne hat. Und wenn Du Dich eines Tages entschließt, doch lieber an einem Ort leben zu wollen, der einem Chaämleon eher entspricht, scheue Dich nicht, uns anzusprechen. Wir werden sehr gerne bereit sein, Dir bei der Finanzierung eines Flugtickets in den lakadonischen Urwald unter die Arme zu greifen. Auch über eine Anschubfinanzierung für eine mögliche Existenzgründung wäre sicher zu reden, solange die Sache nur genug Distanz zwischen uns bringt. Denk darüber nach und bis dahin iss bitte von dem Napf, den ich Dir ins Bad gestellt habe. Wenn Du noch einmal Nudeln vom Tisch schmeisst, weil sie angeblich von Zucchini kontaminiert wurden, dreh ich Dir vor den Augen meiner Kinder den Hals um, reiß Dir die Zunge raus und hack Dich mit dem Tomatenmesser in Stücke.

SallyP.

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