Sally on the Blog

Es gibt ja Zeiten, da überlegt man sich als berufstätige Mehrfachmutter viele Möglichkeiten, sich kurzfristig zu entlasten. Man erwägt Heimunterbringungen der Kinder, One-Way-Tickets auf die Bahamas oder auch eine Selbsteinweisung in eine psychiatrische Anstalt. Vor allem am Montagmorgen, wenn man die Zahnpasta sucht, mit der das kleine Kind gerade Graffitientwürfe an die Flurwand wirft und sein großer Bruder trotz mehrfacher Aufforderung zur Eile 20 Minuten braucht, um sich den rechten Socken anzuziehen, gehe ich regelmäßig sehr gerne und beschwingt, mit einem Lächeln im Gesicht ins Büro, wo mich höchstens mein Drucker ärgert.

Es gibt aber auch Tage, die sind ein Geschenk. Als ich vor Wochen mitgeteilt bekam, dass die Kindertagesstätte meines Kleinen demnächst aufgrund eines Klausurtages geschlossen sei, war ich zunächst sauer. Ich habe weithin verlautbart, dass der Dienstleistungsgedanke im Kinderbetreuungsbereich noch extrem ausbaufähig sei und ich gerne mal wüßte, wofür wir eigentlich monatlich Kosten in Höhe eines Kurzurlaubs im 4-Sterne-Wellnesshotel abdrücken.  Ich dachte mit Sorge an den Stapel Arbeit, der fordernd in meinem Büro liegen bleiben würde und hielt meinem Chef mit zu Schlitzen verengten Augen einen Vortrag über den Standortvorteil von familienfreundlichen Firmen, als dieser säuerlich meinen Urlaubszettel unterschrieb.

Umso schöner war das Gefühl, an diesem Tag im Bett liegen zu bleiben, während Herr P. und das Schulkind sich zur Erfüllung ihrer Pflichten auf den Weg machten. Als der Zwerg und ich uns in aller Ruhe erhoben hatten und - ganz außergewöhnlich - nicht unter Zeitdruck ums Zähneputzen stritten, lachte die Frühlingssonne erstmals richtig in diesem Jahr und die Kröte quietschte vor Vergnügen auf dem Fahrrad, denn sie hatte schon vergessen, wie sich Beine ohne Strumpfhose anfühlen. Wir radelten zur Bank und schafften es, Geld aus dem Automaten zu holen, ehe das Konto wegen meines Sohnes dritten Fehlversuchs beim Eintippen der Geheimnummer gesperrt wurde. Wir radelten weiter zum Fotografen, wo es viele Versuche brauchte, ehe ich zu akzeptieren bereit war, dass man auf biometrischen Fotos immer beschissen aussehen wird, da man dabei starr und bedrohlich in die Kamera schauen muss, wie einst die 3. Generation der RAF. Wahrscheinlich werden diese Fotos im Bundeszentralregister verwahrt, damit für den Fall, dass man bei Rot eine Ampel überfährt, gleich ein Verbrecherfoto für Fahndungsplakate vorhanden ist. Während wir auf die Fotos warteten, frühstückten wir in einer Bäckerei, wo mir mein Kind erfolgreich einen Himbeerkrapfen statt einer Butterbreze herausleierte und wir bei diesem und bei Milchkaffee glücklich den Mops mit seinem Herrchen beobachteten, der - wie offenbar jeden Morgen - von allen Bäckereifachangestellten gestreichelt wurde und dann unter Schmatzen und Sabbern einen riesigen Schokodonut gefüttert bekam. Auf dem Weg zurück zum Fotografen und anschließend zur KFZ-Zulassungsstelle übte das Kind das Wort “Mops” und lachte sich dabei kringelig. Am Ziel angekommen, wühlten wir uns durch Mengen schlecht riechender Menschen mit KFZ-Kennzeichen in der Hand und erfuhren, dass sich nur noch 70 Leute vor uns befanden, die ebenfalls - wie ich - ihren Führerschein anmelden wollten. Der Großteil davon war noch im Teenageralter und haßte mich für meinen zielstrebigen Gang an allen vorbei in den erstenbesten Amtsraum und meine Forderung, eine geplagte alte Mutter mit Kleinkind den Wartenden vorzuziehen. Die dauergewellte Dame hinter dem Schalter bezichtigte mich, das Kleinkind extra mitgenommen zu haben, um mir die Wartezeit zu ersparen, aber die sozial kompetente Kröte besänftigte sie, indem sie ihr eines ihrer Gummibärchen anbot, die sie schon seit dem Frühstück in ihrer schwitzigen Handinnenfläche gewärmt hatte. Sogar an der Kasse ließ man uns freundlich vor, nachdem das Kind allen Wartenden vorgeführt hatte, wie Kängurumamas machen, wenn sie Kängurubabys im Beutel haben und vor einem wilden Krokodil schnell weghüpfen müssen.

Selbstredend benutzten wir auch die Toilette, wie wir immer und überall die Toiletten benutzen, denn es gibt überhaupt nichts Schöneres, als öffentliche Toiletten zu erkunden und jedes Detail dort so zu besprechen, dass aus den Nachbarkabinen nicht nur Plätschern, sondern zunehmendes Kichern und lautes Lachen ertönt. Draußen warten dann die nachbarlichen Toilettenbenutzerinnen, um zu sehen, wer aus der Spaßkabine rauskommt und um das lustige Kasperl mit allen Süßigkeiten zu beschenken, die Handtaschen älterer Damen gemeinhin so hergeben. Bisher ist es mir nicht gelungen, dem Kind abzugewöhnen, in öffentlichen Sanitäranlagen laut darüber zu referieren, was seine Mutter gerade tut, welches Geschlecht sie hat und wie sich dieses genau vom anderen Geschlecht unterscheidet, welches wiederum beim Toilettengang gänzlich andere Routinen entwickelt hat und warum. Und ich schwöre, es gibt kein stolzer dreinblickendes Kind als das meine, wenn es sich dann mit der rosa Flüssigseife aus dem Spender die Hände gewaschen und im Trockenfön getrocknet hat. Händereibend geht er dann aus der Tür, bleibt kurz stehen, überlegt und sagt dann: “Und jetzt noch Kacka!”. Und an Tagen wie solchen, wenn man keinen Zeitdruck hat und die Sonne lacht, zuckt man die Schultern, geht nochmal zurück und hebt das glückliche Kind wieder auf die Schüssel.

Vor dem Amtsgebäude retteten wir noch einen Regenwurm, der sich wohl auf den Bürgersteig verirrt hatte. Das Kind behauptete, noch zarte Bewegungen zu erkennen und ich schwieg weise zu meiner Vermutung, dass der Wurm reichlich kurz für einen Regenwurm aussähe und der andere kurze Regenwurm einen Meter weiter auch nicht mehr zuckte. Ich trug die Wurmhälfte also in einen Seitenstreifen und erklärte meinem Kind, er würde sich erst wieder glücklich in die Erde wühlen, wenn er sich unbeobachtet fühle.

Wir radelten nach Hause, bepackten den Anhänger mit Glas- und Dosenmüll des letzten Jahres und verbrachten dann eine vergnügliche halbe Stunde am Glascontainer, wo meine Bandscheiben traurige Lieder sangen, weil die Kröte es sich nicht nehmen ließ, jedes Glas höchstpersönlich in den passenden Container zu werfen und zu diesem Zwecke von mir hochgehalten werden mußte. Immerhin kann man davon ausgehen, dass mein Kind die Farben Grün, Weiß und Braun nie mehr verwechseln wird. Hinterher lud ich uns in unsere Lieblingslokalität, ein Suppenschnellrestaurant ein, wo wir im Freien sitzend unsere Suppen löffelten und ausführlich über den Mann mit den wirren grauen Haaren am Container sprachen, der unter grummelnden Selbstgesprächen mit einer langen Greifzange im Container wühlte; warum er sich über die 6 Bierflaschen vom Endspiel letzten Sommer freute, die wir ihm schenkten und warum man bei diesem Grinsen keine Zähne sehen konnte. Es gehört mit Sicherheit zu den größeren Herausforderungen, einem knapp 3-Jährigen die Mängel eines Einheitssozialleistungssatzes in der teuersten Stadt Deutschlands zu erklären, das Pfandsystem verständlich zu machen und sich über Methoden auszulassen, ein geringes Einkommen mit Unterstützung von Leuten, die zu faul sind, ihre Flaschen selber wegzubringen, aufzubessern. Nach einem Teller Pfannkuchensuppe mit Rindfleischstückchen war das Kind satt und an sozialem Bewußtsein reicher.

Zurück zu Hause waren wir vom Tagwerk redlich müde und hielten einen Schlaf, bis es Zeit für Nachmittagskaffee war, den wir am Sandkasten zusammen mit Johannisbeerkuchen zu uns nahmen, während wir Sandknödel rollten und uns über die sehr wesentlichen Unterschiede von roten und schwarzen Ameisen unterhielten.

Am Abend begrüßte ich den überraschten Herrn P. mit der Mitteilung, in Zukunft wieder nur noch Teilzeit arbeiten zu wollen, da es ja nicht angehen kann, dass egoistische, karriereüberambitionierte Eltern die schönste Lebensphase ihrer Kinder verpassen und sich selbst um das einfache Glück bringen, einen halben Regenwurm zu retten oder Handtrockengeräte zu benutzen. Als das Kind beim Abendessen zornig mit Nudeln schmiß, weil wir ihm die 5. Portion Parmesankäse verweigerten, geriet mein neu erwachtes Mutterglück schon ins Wanken und noch später, als er mich im Bad mit Zahnpasta bespuckte, weil er den Nutzfaktor von Zahnhygiene anders bewertete als ich, freute ich mich schon wieder auf die Stapel Papiere in meiner Arbeit, die mir wenigstens nie widersprechen, wenn ich sie auffordere, auf öffentlichen Toiletten nicht an die Klobrille zu fassen.

SallyP.

4 Responses to “Von Mutterglück und halben Regenwürmern”

  1. Melli

    Hallo Sally!
    Wie immer sehr schön zulesen, Danke!
    Zu den Regenwurm….die noch bewegende Hälfte kann wirklich weiterleben…also weiter retten ;-)

    Grüße von einem Aprilli

  2. Drogo

    Hachja wie sagte ein weiser Mann einst ? Kinder sind erst richtig schön wenn man keine hat :-)

  3. Sprosse

    Am besten ist: “Bisher ist es mir nicht gelungen, dem Kind abzugewöhnen, in öffentlichen Sanitäranlagen laut darüber zu referieren, was seine Mutter gerade tut, …” Genau so ist es!!!! Alles in allem seeeehr peinlich was mein Kind da schon in schallenden Bahnhofs- Flughafen- IKEA-Toiletten preisgegeben hat.

    Ich habe sehr gelacht, super gelungen!!

  4. Drogo

    Vieleicht eine Marktlücke Kinderspielecken mit betreuung vor Öffentlichen Toiletten!

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