Sally on the Blog

Vor einiger Zeit erhielt ich den Newsletter eines Kaffeegeschäfts, das neben verschiedenen Sorten Kaffee auch - wöchentlich wechselnd - allerhand verschiedene Dinge vertreibt, von welchen viele Menschen jede Woche neu glauben, sie ganz dringend besitzen zu müssen und beim Anblick der Vorschau schon nicht mehr wissen, wie sie jemals ohne diese leben konnten. Ich bin eine davon und begrüße den Newsletter daher schon immer mit erwartungsvollem Jauchzen.

Neulich also befaßte sich das Aktionsprogramm mit der Pflege des Haushalts und innovativen Utensilien, die dafür von Nutzen sind. Diese waren allesamt rosa und mit Blümchenaufdruck, so dass die Hausfrau nicht wegen trostlos stahlgrauen Fensterwischern und schwarzen Putzeimern depressiv wird, sondern sich beim Bodenwischen wie Alice im Wunderland vorkommen kann.

Unter anderem waren dabei kleine Stoffschürzen angepriesen, die sich dekorativ um Spülmittelflaschen binden lassen. Wahrscheinlich, damit diese nicht so unansehnlich zwischen dem vom Innenarchitekten durchdesignten Wohnkonzept herumstehen, sondern sich dekorativ in dieses einfügt. Um der Schnelllebigkeit aktueller Modeerscheinungen Rechnung zu tragen, gab es die Schürzchen auch in verschiedenen Designs, zum Wechseln. Außerdem fanden sich noch Stifte, mit welchen sich unschöne Kratzer am Putzeimer ausbessern lassen. Eine wunderbare Erfindung, denn nichts ist schlimmer, als wegen des Kratzers am Eimer tagelang vor Gram nicht schlafen zu können. Bislang mußte man in diesen Fällen heimlich wochenlang Teile vom Haushaltsgeld wegsparen, um sich eines glücklichen Tages einen neuen Eimer anzuschaffen. Damit ist es aber nun vorbei. Frau zückt nur noch ihren Stift und schon ist der Eimer wie neu und das gesparte Haushaltsgeld wird für den neuen Lippenstift in der Farbe aufgewendet, wie ihn auch die Sekretärin des Ehemanns trägt. Wunderbar.

Noch schöner sind die Blümchenaufkleber für die Waschmaschine. Endlich ist jemandem aufgefallen, dass das langweilige, immerwährende Weiß der Waschmaschine auf die Dauer doch arg minimalistisch wirkt, selbst wenn zurückhaltende Farben und Understatement beim Wohndesign gerade hoch im Kurs stehen. Wie oft habe ich mir schon gedacht, dass unsere Waschmaschine eigentlich super wäre, wäre sie melonenfarben oder blaugrau und wie oft bin ich schon aus Versehen dagegen gerempelt, weil ich sie zwischen den weißen Fliesen im Bad gar nicht mehr wahrgenommen habe. Gut, dass nun das Kaffeegeschäft darum bemüht ist, dieses zentrale Elements eines Familienhaushalts ein bißchen in seiner Wirkung und damit seiner Bedeutung hervorzuheben.

Stellt man sich vor, wie man somalischen Binnenflüchtlingen oder Marokkanern auf Lampedusa nachvollziehbar erklärt, dass Menschen bei uns sich solche Dinge ausdenken und weiterhin, dass andere Menschen sich diese Dinge auch tatsächlich kaufen damit dann nochmal andere Menschen unfaßbar reich damit werden, dann wird das Ausmaß der kapitalistischen Perversion deutlich.

Wenn so ein Kaffeegeschäft schon wöchentlich neue Dinge erfinden muss, von welchen die Leute bislang noch nicht wußten, wie dringend sie sie brauchen, wieso können es dann nicht tatsächlich innovative und nützliche Gebrauchsgegenstände sein? Zum Beispiel warte ich schon sehr lange auf die Erfindung von Kinderhosen, welche Sandkastensand einfach neutralisieren. Seit 10 Jahren bin ich in Besitz von Kindern und lebe 3/4 des Jahres damit, dass aus jeder Hose - egal wie gut ich sie vorher ausgeschüttelt habe - Sand heraus rieselt. Aus den Hinter- und Vordertaschen und sehr gerne auch aus den Hosenumschlägen. Man zwingt die Kinder, sich noch auf der Terrasse bis auf die Unterhose nackig auszuziehen und sich den Sand zwischen den Zehen herauszupuhlen, man bürschtelt ihnen die Haare aus und die Kopfhaut - auf der im Sommer wie auf einem Schnitzel die Sandpanade klebt - ab, man stülpt alle Taschen um und schüttelt ambitioniert. Befriedigt steckt man die Hose in die Waschmaschine, holt sie heraus, nachdem man die ganze Wohnung gesaugt hat, schüttelt sie aus und fühlt das leichte Rieseln. Das Kaffeegeschäft bietet im 5-Wochen-Rhythmus Kinderhosen feil… kann da nicht mal eine dabei sein, die Sand entweder absorbiert oder noch besser: gar nicht erst aufnimmt, sondern antistatisch abweist. Diese Erfindung kann doch nicht schwieriger sein als ein Putzeimerausbesserungsstift, oder?

Oder eine Zahnpasta, die so lecker schmeckt, dass alle Kinder gerne Zähne putzen und nicht nur die Zahncreme einmal kurz im Mund verrühren, ausspucken und “Fääääääääärtig!” schreien. Nach Schokolade sollte also sie schmecken oder wahlweise auch nach Schnitzel mit Pommes und ohne Salat oder nach Nutellapfannkuchen. Und sämtliche - ins Waschbecken, auf den Wasserhahn und den Spiegel - gespuckten Reste vernichten sich innerhalb von 10 Sekunden selbst. Restlos.

Ich hätte auch gerne einen Pürierstab, der die zu pürierende Masse wirklich komplett in ihre kleinsten Teile zermahlt. So könnte ich ohne Sorge - unter Beweisführung anhand der stecknadelgroßen grünen Pünktchen - der Lüge überführt zu werden, gegenüber meinem Kleinkind behaupten, in der Kartoffelsuppe sei ehrlich und wahrhaftig keine Petersilie. Wieso schafft kein Pürierstab die Petersilie komplett?

Belustigt habe ich Herrn P. die Vorschau zum Angebot gezeigt und mich darüber ausgelassen, wie grenzwertig es in heutiger Zeit - und aus feministischer Sicht geradezu prostituierend- sei, sich als moderne junge Frau als Model für geblümte Putzlappen und rosa Staubfang- und Polierpantoffeln herzugeben und bezahlen zu lassen.

Zwei Wochen später kam Herr P. mit leuchtenden Augen vom Einkaufen zurück und verkündete geheimnisvoll, mir etwas mitgebracht zu haben. Neben Milch, Zucker, Saft und Basilikum zog er aus der tiefen Tasche das Doppelpack Dekoschürzchen für die Spülmittelflasche. Ich war sprachlos vor Glück, hatte ich doch so kurz vorm Weltfrauentag nicht mit einem liebesbeweisenden Mitbringsel gerechnet. Sofort zog ich der unansehnlichen und nackten Spülmittelflasche die Schürze mit den Blümchen an und erfreute mich an ihrem neuen dekorativen Dasein in der Ecke der Spüle, von wo sie seither dem Raum eine ganz neue Frischedimension verleiht.

Die Alternativschürze - in Smokingdesign - bekam Ernie, die Handpuppe, umgebunden. Wir glauben nämlich, dass sein Freund Bert sich schon lange heimlich wünscht, von ihm - nackt und nur mit Schürze bekleidet - liebevoll bekocht zu werden und ich möchte gar nicht wissen, was die beiden mit der neuen Errungenschaft seither in der Spielzeugkiste alles heimlich treiben.

Nur den Stift für den Putzeimer habe ich jetzt immer noch nicht und muss also weiterhin nachts über der Frage brüten, wie ich mit Unzulänglichkeiten, wie verkratzten Putzeimern, existieren soll.

SallyP.

4 Responses to “Von Dingen, die die Welt nicht braucht”

  1. Patricia

    *prust* - wie gut, dass dieser Newsletter sofort in meinem Spam-Ordner landet. Ich warte übrigens neben der sandneutralisierenden Hose auch auf den sich selbst reinigenden Fußboden, der den eingesogenen Schmutz nebst Essensresten im Ultrahocherhitzungs- und Dehydrationsverfahren in gut stapelbare Rohstoffe (Brennholz, Spülmaschinentabs o.ä.) verwandelt.

  2. Drogo

    Für Männer gibt es so Läden auch nennen sich Elektronikfachmakt und erklären einem “Wenn es Blinkt und Knöpfe hat MUSST du es kaufen!”

  3. Sprosse

    Das trifft es auf den Punkt! Es ist wahrlich das bescheuertste Angebot seit vielen Jahren - das schlägt sogar noch das “Fingerschlagzeug” oder die “Kaffeeschaumschablonen für Herzchen” vor einigen Wochen. Vielleicht solltest du deine Liste mit “gescheiten Produkten” mal an Ski-Beau schicken…

  4. Drogo

    Also ich Finde Fingerschlagzeuge cool!
    Genau so wie fingerskatboards und Natürlich den unltimativ Wichtigen USB Racketenwerfer!!!!!!!!11

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.