Sally on the Blog

Neulich rief mich Herr P. empört im Büro an und berichtete von folgender, für ihn kompromittierender, Situation:

Am Morgen in der Kindertagesstätte -  er zog gerade unserem Jüngsten die Schuhe aus - begab es sich, dass der kleine Clemens-Emanuel gebracht wurde. Clemens-Emanuels Eltern sind von der Art, die großen Wert auf die bestmögliche Förderung ihres kleinen Wunderkindes legt um dessen Potential größtflächig zu nutzen. So soll er z.B. seine Schuhe immer selbst an- und ausziehen, während der jeweilige Elternteil geduldig daneben steht, ihm die dafür nötigen einzelnen Handlungsabfolgen aufzeigt,  in altersgerechter Sprache erklärt und auch nicht vergißt, jeden kleinen Teilerfolg ambitioniert zu loben. Sicherlich haben sie in einem Erziehungsratgeber gelesen, dass Kinder unbedingt nur die jeweils individuell nötige Anleitung zum Erwerb einzelner Kulturtechniken bekommen sollen und nicht mehr, da sie sich sonst evtl. bevormundet und in ihrer autonomen Entwicklung beschnitten fühlen, was langfristig schreckliche Folgen im weiteren Lebensverlauf haben könnte. Ich weiß immer gar nicht, ob ich solche Leute beneiden soll, weil sie offenbar eine große Erbschaft gemacht und das Geld gut angelegt haben und nun von den Zinsen leben können. Eilig haben sie es ja offenbar morgens nicht, um an eine Stätte potentieller Erwerbsarbeit zu gelangen. Oder soll man sie vielmehr bedauern, weil sie augenscheinlich beide trotz ihrer Dynamik keine Arbeit gefunden haben und nun ihren Tag mit pädagogischen Schuhspielen strukturieren müssen?

Sie sind selbstverständlich im Elternbeirat und beim pädagogischen Elternnachmittag begeistert dabei, bei welchem eine Sprachpädagogin zum Thema “Passende Bücher für jede Altersstufe” eingeladen ist. Clemens-Emanuels Mutter ist schon frühzeitig eingetroffen und hat riesige Tupperdosen mit selbstgebackenen biodynamischen Vollkornplätzchen mitgebracht, die so trocken und hart sind, dass man akute Asthmaanfälle davon bekommt. Sie brennt darauf, der Referentin ihre Fragen, die sie fein säuberlich auf einem Zettel vorbereitet hat, zu stellen und wartet daher den Vortrag gar nicht ab. Sie verwickelt die arme Frau vielmehr gleich nach ihrer Ankunft in ein Gespräch und zeigt ihr die Bücher, die sie im Jutebeutel mitgebracht hat und von welchen sie hofft, dass sie für Clemens-Emanuel die optimalen frühkindlichen Bildungskomponenten darstellen. Derweil sitze ich mit einer anderen Mutter in einer Ecke und stopfe mir Kuchen in den Mund. Wir haben beide unsere Mittagspause ausfallen lassen, um diesen wichtigen Termin in der Kita möglich zu machen und sind entsprechend hungrig. Dabei verdränge ich den Gedanken, dass das Lieblingsbuch meines Kleinen der “Struwelpeter” und insbesondere die Geschichte vom bösen Friederich ist, der den Hund mit Füßen tritt und die Mutter mit der Peitsche schlägt.

Zurück zur Ausgangsgeschichte: Jedenfalls ging der entzückende kleine Clemi mit seinem Vater an der Hand am in Wollmantel und Schal schwitzenden Herrn P. vorbei, der sich 2 Meter groß vor der Kinderbank kniend an des Sprösslings Schuhe abmühte, und sagte zu diesem laut: “Gell,…” und nennt den Namen meines Kindes, “du beißt jetzt nicht mehr!? Ich will das nicht!” Herr P.  schaut erstaunt und unsere Kröte antwortet zerknirscht und mit gesenktem Kopf: “Nein, ich beisse nicht mehr!” Clemens-Emanuels Vater nickt selbstgefällig und zufrieden und lobt seinen Sohn dafür, seinen Willen adäquat artikuliert zu haben und fordert ihn auf, das nun immer zu tun, wenn andere Kinder versucht seien, ihm gegenüber gewalttätig zu werden oder in anderer Form seine persönlichen Grenzen zu überschreiten.

Herr P., überraschter Vater des vermeintlichen Einrichtungsschlägers und Quotendelinquenten, des Supernannyklienten in spe und späterem Objekt von Erziehungsbemühungen einiger Kabelfernsehtherapeuten inmitten der Wüste Nevadas, schnappte nach Luft, fand aber leider so kurzfristig nicht die passenden Worte. Als er mich kurz darauf in der Arbeit anrief um die Geschichte zu erzählen, sprudelte er aber über vor Empörung. Wir überlegten gemeinsam, wie wir angemessen mit der Situation umgehen sollten und schwankten zwischen der Variante, die Geschichte schnell wieder zu vergessen oder aber ein gemeinsames Gespräch mit Bezugserzieherin und den Clemens-Emanueleltern zu bitten. Letzteres wurde schnell verworfen, da wir aus früheren Begegnungen mit Eltern dieses Naturels schon wissen, dass sich nur schwerlich eine gemeinsame Basis finden läßt und wir nach solchen Gespächen zu vermehrter Pickelbildung im Gesicht neigen.
Unser Großer ist naturgegeben ein friedfertiges und sozial kompetentes Kind, das niemals in irgendwelche Auseinandersetzungen verwickelt war. Und dennoch begab es sich, dass wir in der dritten Klasse von der Lehrerin die Mitteilung über Handgreiflichkeiten zwischen unserem Erstgeborenen und einem Viertkläßler bekamen, infolge welcher der Ältere Verletzungen davon trug. Wir wurden sehr formell aufgefordert, uns bei der Mutter des Jungen melden und die Angelegenheit und etwaige Regressansprüche zu klären. Besorgt rief Herr P. diese Frau also an und sah sich zunächst einer halbstündigen bayerischen Schimpftirade ausgesetzt, in welcher unser Sohn als aggressiver Schläger dargestellt wurde, der ihrem armen Bub absolut grundlos fast ein Ohr abgebissenhabe . Zudem sprach sie den Namen unseres Sohnes - der zwar selten, aber durchaus als deutscher Name bekannt ist - falsch aus, so dass er einen äußerst südländischen Klang bekam. Vor diesen verfälschten Namen setzte die Schimpfdrossel immer noch ein aufgebrachtes “dieser”, so dass man ihrer Tirade auch ohne besonders feinfühlig zu sein eine deutliche ablehende Haltung Migranten gegenüber entnehmen konnte. Herr P. hörte sich alles lange an und versuchte mehrmals, ruhig zu intervenieren und den tatsächlichen Ablauf des Geschehens aus der Dame herauszubringen. Vergeblich. Irgendwann explodierte er und ich hörte zu meinem Erstaunen, wie er der Frau scharf befahl, sich sofort zu mäßigen, den Namen seines Sohnes gefälligst korrekt auszusprechen und ihn nun ebenfalls zu Wort kommen zu lassen, da er das Gespräch sonst beenden würde. Die Dame hyperventilierte und legte auf. Im weiteren Verlauf, unter feierlichem Schwur unseres Sohnes sowie unter Zeugenaussage der zum Tatzeitpunkt Dienst habenden Pausenaufsicht stellte sich heraus, dass der vermeintlich so arme Junge jener Frau mit einigen anderen Viertkläßlern Äste von Büschen gerissen hatte und hinter den Drittkläßlern herjagte, um diese zu peitschen. Zur Ausführung der Drohung kam es nicht, denn mein Erstgeborener erinnerte sich an unsere dauernden Mahnungen zur Zivilcourage, nahm angstvoll all seinen Mut zusammen, überwältigte einen der die Peitsche Schwingenden und biß ihn so fest er konnte ins Ohr. Die Intensität des Bisses stellte sich leider als unverhältnismäßig heraus. Das Ohr schwoll blau an, weshalb man die Aufregung der Dame ein wenig nachvollziehen konnte. Immerhin wußte sie beim gemeinsamen klärenden Gespräch mit der Lehrerin sehr genau den Namen unseres Sohnes und grüßte Herrn P. bis zum Ende der Grundschulzeit ihres Sohnes immer überaus höflich.

Wir üben nun regelmäßig mit unserem Kleinen, sich verbal auseinander zu setzen und Strategien zu entwickeln, dem Beissimpuls nicht nachzugeben, damit er später doch noch zu einem Leistungsträger der Gesellschaft wird und nicht im Jugendknast landet.

Gleichzeitig kämpft Herr P. seither täglich morgens gegen den Impuls, Clemanuels Vater die Schuhe von den Füßen zu reißen und ihn zu zwingen, sie sich mit den Zähnen und unter stetigem Lob wieder anzuziehen. Ich dagegen leide an der Zwangsvorstellung, seine Mutter beim nächsten pädagogischen Elternabend mit Plätzchenteller in der Hand über meinen unverhofft ausgestreckten Fuß fallen zu lassen und dabei bedauernd “hoppala” zu sagen.

Die sollen froh sein, wenn wir sie nicht ins Ohr beissen.

SallyP.

3 Responses to “Strategien frühkindlicher Gewaltprävention”

  1. Drogo

    Wenn diese Ökotante nochmal so einen Stress macht komm ich einfach mal vorbei und Rede mit ihr das reicht bei meinem Erscheinungsbild garantiert aus bei solchen Menschen :-)

  2. SallyP.

    Ich dachte, Kinder lieben Dich…?

  3. Drogo

    Tun sie auch
    aber Ökotanten haben angst vor mir wenn ich im Ledermantel mit Rock und Springen vor ihnen Stehe ich weis auch nicht wieso

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