Sally on the Blog

Sprachentwicklung re-reloaded

November 26th, 2010

Die Sprachentwicklung unserer Kröte im Kleinkindalter schreitet unaufhaltsam voran. Noch vor 4 Wochen - wenn mir die plötzliche Stille, nachdem er abends schlief, fast unheimlich war - hätte ich geschworen, es gäbe keine Möglichkeit, den Tag mit noch mehr Worten zu füllen, aber ich werde täglich eines Besseren belehrt. Dabei erträgt er keine Sekunde, dass man ihm nicht zuhört oder sich unverschämterweise auch noch mit anderen Leuten über Belanglosigkeiten unterhält, wie z.B. mit seinem Bruder über die völlig verhauene Mathearbeit oder mit seinem Vater über die gar sonderbare Pleite auf dem Haushaltskonto. Nichtigkeiten, welchen er oftmals mit forschem Griff an mein Kinn und Herandrehen meines Kopfes in seine Richtung sowie mit den Worten “rede mit mir” begegnet. Morgens verhindert er ein geruhsames Lesen der Zeitung bei Kaffee, indem er auf meinem oder Herrn P.s Schoß sitzt, die Cranberrys aus unserem Müsli fischt, auf phantasievolle Weise die Bilder der Zeitung kommentiert und verlangt, dass man ihm das Geschriebene darin vorsänge. Seit den Vorbereitungen zum Laternenfest in der Kinderkrippe ist er der festen Überzeugung, geschriebener Text sei ausschließlich zum Singen da. Da ich morgens der eher kraftlose und nicht sonderlich wehrhafte Typ bin, fällt es mir sehr schwer, meinen Willen durchzusetzen und das Feuilleton nicht gesanglich darzustellen.

A propos Laternenfest: Wir freuten uns schon tagelang darauf und sprachen über Dunkelheit, Laternen, Kerzen, Laufen, Singen und Kuchen essen. Als es soweit war, an einem eiskalten Abend mit Schneeregen, lief das Kind genau 20 Meter weit und verlangte daraufhin, getragen zu werden. Als ich mich weigerte, erlebte die gesamte erstaunte Laternenfestgemeinde, wie ein durchgeknallter Zweijähriger sich schreiend in den Matsch wirft und strampelt. Sie zogen mit hochgezogenen Augenbrauen singend an uns vorüber und schüttelten verständnislos den Kopf, während ich mich für meine Entscheidung, zum Laternenfest zu gehen und den Vater indes zum Schulelternabend des Bruders zu schicken, ohrfeigen hätte können. Nachdem er seine Laterne wütend zu Boden geworfen hatte und ein Kinderwagen sie platt walzte, war mein Maß voll. Ich klemmte mir das Rumpelstielzchen unter den Arm und lief energischen Schrittes unter Fluchen nach Hause, wo das Kind noch lange bitterlich weinte, weil alle anderen Kinder singen und Kuchen essen durfte und er - der bedauernswerte Tropf - als Einziger nicht.
Beim Abendessen erzählte ich Herrn P. vom Laternendesaster und endete mit den Worten, dass ich wohl eine nervenschwache Rabenmutter sei. Daraufhin ergriff das kleine Sprachwunder meinen Arm und erklärte mir bedauernd: “Der Papa mag keine Rabenmutter, Mama.”

Mit Zunahme seines Wortschatzes steigt der Grad an Frechheiten im sprachlichen Inhalt und damit auch der Peinlichkeitslevel bei Begegnungen in der urbanen Öffentlichkeit. Wir mussten erleben, wie der reizende kleine Kerl sehr deutlich im Bus darüber sinnierte, dass die Frau vor uns mit dem Kopftuch wohl eine Hexe sei und warum der Mann vom Paketdienst so ein dreckiges Gesicht habe. Selbstredend haben wir einem politisch korrekten Erziehungsstil Rechnung getragen und dem Nachwuchs kindgerecht die Sache mit dem Migrationshintergrund erklärt sowie die Existenz von Hexen komplett negiert. Seitdem erklärt er beim Anblick kopfbetuchter Frauen begeistert allen zwangsweise Beteiligten, dass diese (zeigt mit dem Finger darauf) Frau keine Hexe sei und man vor solchen sowieso keine Angst haben müsse.
Kürzlich freute er sich lautstark über eine Nachbarin meiner Mutter, die wir beim Einkaufen getroffen hatten, weil die Frau sich als Löwe verkleidet hätte. Die einen Pelzmantel tragende Dame ließ darüber den nötigen Humor vermissen und ich übte mich ein weiteres Mal im unbeteiligt in die Ferne blicken. Inzwischen gelingt es mir schon ganz gut, aber ich werde dennoch nach wie vor mit dem kleinen Orakel in verwandtschaftliche Beziehung gesetzt. Nächstens werde ich einfach sagen, ich sei vom Jugendamt und hätte den Satansbraten gerade seinen Eltern entrissen.

Was diese kindlichen kleinen Arglosigkeiten noch übertrifft, sind die offensichtlichen Respektlosigkeiten gegenüber uns, seinen liebenden Erzeugern. Diese kommen oftmals so unverhofft und direkt, dass uns der Mund vor Staunen offen steht und wir um pädagogisch sinnvolle Reaktionen ringen. Manchmal leider vergeblich, denn es kommt vor, dass wir uns die Mundwinkel mit den Händen festhalten, um nicht laut loszulachen.

Gestern zum Beispiel waren drei Köpfe Mangold in der Abokiste. Zum Abendessen servierte ich dementsprechend Pasta mit in Knoblauch gebratenen getrockneten Tomaten und Mangold. Das große Kind bemühte sich, sein Würgen zu unterdrücken und versuchte, auf schreckliche Bauchschmerzen zu verhandeln. Auf meinen barschen Hinweis, Mangold sei gut fürs Gehirn und er solle deshalb sofort zu essen anfangen fragte mich der Kleine, was ein Gehirn eigentlich sei. Ich antwortete ihm, dass das Gehirn der Kopf ist, woraufhin der naseweise Zwerg ein paar Mangoldblätter zu Boden fallen ließ, ihnen bedauernd nachschaute und seinem Vater dann beschied: “Der Mangold soll in Deinen Kopf rein”. Ein paar Tage zuvor - es gab keinen Mangold sondern Pfannkuchen - antwortete er beim Abendessen auf die Frage nach seinem Tag mit einem kurz angebundenen “esse gerade, spreche nicht mit dir” und schaffte unter Schmatzen unglaubliche 3 Pfannkuchen.

Die geheimnisvollen Geschichten um das nahende Christkind und den Nikolaus interessieren ihn indessen sehr, aber alle unsere Versuche, seinen Charakter mittels schwarzer Pädagogik zu formen, sind bislang gescheitert. Unsere Drohungen, vom Nikolaus geschimpft und keine Schokolade zu bekommen, wenn er sich morgens stetig weigert, sich anziehen zu lassen, sind fruchtlos. Stattdessen erzählt er uns täglich, was der Nikolaus ihm alles bringen wird und überrascht uns z.B. mit der Information, dass er ein scharfes Messer bekäme. Solcherlei Mitteilungen lassen uns pazifistischen Eltern an all unserer bisherigen Erziehung zweifeln, welche sich beim ersten Kind - das vom lebensgroßen James-Bond-Papp-Aufsteller seines Onkels lange behauptete, dieser hätte eine Bohrmaschine in der Hand - durchaus bewährt hatte.

Neulich antwortete der Kleine auf die Frage meiner Freundin, was er sich denn zu Weihnachten wünsche, “ein Schießgewehr,” woraufhin sie mich mit großen Augen fragte, ob man diese Energien nicht irgendwie musisch umsetzen könne und dass ich ihm im Rahmen von Delinquenzprävention wohl besser einen Waldorfkindergartenplatz suchen solle. Seit meinem pädagogischen Bankrott beim Laternenfest denke ich ernsthaft darüber nach.

SallyP.

4 Responses to “Sprachentwicklung re-reloaded”

  1. Drogo

    Kinder sind Toll.
    Das erinnert mich immer wieder an Folgende Situtaion (wirklich Passiert)

    Einkaufsladen an der Kasse:

    Mutter: Gib der Mama mal einen Kuss
    Kind 14 Jahre: Nein BÄH du hattest den Pillermann vom Papa im Mund!

  2. Nina

    gelesen, gelacht, gefreut.
    es ist immer wieder schön von der kröte zu lesen (ich hab aber auch ein ähnliches exemplar hier)

  3. Drogo

    ja der Nackte Springforsch ist immer wieder lustig in diesem sinne

    Happala

  4. SallyP.

    Ja, aber er ist jetzt öfter ein wildes schreckliches Monster als ein Springfrosch. Die Tiere werden gefährlicher…

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