Sally on the Blog

Die Schönen und das Biest

November 13th, 2010

Vor nicht allzulanger Zeit lag ich mit nacktem Oberkörper eingeölt und entspannt auf einer Liege und ließ mir von einem brutal gut aussehenden Mann den Rücken massieren. Während ich mir noch vorstellte, mit einem verheiratet zu sein, der mir täglich nach der Arbeit den verspannten Nacken lockert und wochenends die Ayurveda Ganzkörperbehandlung verpaßt, deutet der Masseur auf meine Schulter und sagt mit schrecklich nüchterner Stimme, dass ich da einen seltsamen Fleck hätte und er sowas noch nie gesehen habe und ich mich doch bitte in hautärztliche Behandlung begeben solle. Weil Herr P. - und vor ihm schon andere Lebensabschnittsgefährten - schon lang darauf insistiert haben, bin ich also widerwillig zu einer Dermatologin aus den Gelben Seiten gegangen. Die warf einen kurzen Blick auf den Fleck und sagte dann in derbsten Bayerisch, dass das gewiss kein Krebs nicht sei. Gleichwohl verwies sie mich an eine Kollegin, welche ein paar Wochen später zunächst 10 Euro Praxisgebühr und dann 30 Euro dafür kassierte, dass sie mir hinter den Ohren, unter den Brüsten, zwischen den Zehen und an anderen unsäglichen Stellen nach vermeintlich bösen Flecken suchte. Man muss sich vorstellen, die Frau ist blutjung und sieht aus wie  Barbie in brünett. Groß, schlank, perfekt geschminkt, in schmeichelndem Arztkittel und mit neckischem Pferdeschwanz. Ich hingegen splitterfasernackt und nach der einen oder anderen Schwangerschaft und Schokoladenorgie an manchen Körperstellen mit kleineren Unzulänglichkeiten behaftet. In solchen Situationen starrt man angestrengt aus dem Fenster und wünscht sich, eine unbedarfte Bourbonvanilleschote auf Madagaskar zu sein.

Die Situation erinnerte mich an meine erste Schwangerschaft und meine damalige Frauenärztin. Die war 25 Jahre älter als ich, hatte Falten, graue Haare und eine bodenständige Praxis in einem gräßlichen 70er-Jahre-Bau. Als ich im 8. Monat und ziemlich elefantös war, zog sie um und verpaßte sich in der Münchner City mit Blick auf die Frauenkirche eine neue Corporate Identity. Eine riesige Praxis im luxussanierten Altbau, moderne Gemälde von langbeinigen  nackten, liegenden Frauen im Flur und mit appetitlichen Sprechstundenhilfen mit Honigstimmen und Wespentaillen aus dem Sprechstundenhilfenklonkatalog. Im Wartezimmer lief ein Fernseher mit Werbespots zu Faltenreduzierung, Besenreißerentfernung, Fettreduktion durch Lipolyseinjektionen, Entfernung von Warzen und anderen ekelerregenden Häßlichkeiten, mit welchen sich nur der billige Pöbel rumschlägt. Mit Brüsten in Doppel-D-Baumwollzelten, Wasserbeinen und schwangerschaftsbedingten Hämorrhoiden fühlt man sich an solch einem Ort wie eine häßliche fette Kröte, die aus Versehen bei der Hochzeit der rosa Glitzerlibellen aufgetaucht ist. Die Ärztin war plötzlich blond und faltenlos und schien gar keinen richtigen Bock mehr auf so naturgegebene Widerlichkeiten wie meine Schwangerschaft zu haben. Als ich mal eine Freundin hinschickte und man dieser der Empfang verweigere, weil fortan nurmehr Privatpatienten behandelt wurden, suchte ich mir eine neue Ärztin, von welcher man sich vorstellen konnte, dass sie mindestens drei Krampfadern hatte und angesichts eines auf einer öffentlichen Toilette eingefangenen Pilzes nur müde lächelte.

Dermatologenbarbie machte dann - für weitere 45 Euro - Fotos von jedem Fleck auf meinem Körper und lies mir keine Gelegenheit, dabei die jeweils günstigste Pose bei möglichst schmeichelndem Licht-Schatten-Arrangement zu finden und ich glaube, sie wird die Fotos im Anschluß auch nicht mit Weichzeichner bearbeiten.

Den Fleck an der Schulter befand sie für äußerst seltsam und wollte ihn amputieren . Ich wies sie darauf hin, dass ihre Kollegin der Auffassung war, der Fleck sei nicht bedenklich, was sie mit hochgezogenen Augenbrauen ignorierte und ihre Sprechstundenhilfe anwies, mir einen Termin für die OP zu geben. Ergeben fand ich mich also heute in aller Herrgottsfrühe in der Praxis ein und durfte eine halbe Stunde lang mit nacktem Oberkörper auf der Seite liegend die wunderbaren Brüste der knackigen und um diese Uhrzeit noch außerordentlich wohlriechenden Sprechstundenhilfe vor meinem Gesicht genießen und zuhören, wie dem Stein des Anstoßes auf meiner Schulter der Garaus gemacht wurde.
Als ich mich wieder angezogen hatte, verlangte ich, das Corpus delicti betrachten zu dürfen. Immerhin war es ein Teil von mir, von welchem ich mich in aller Form verabschieden wollte, zumal es mir lange ein zugegebenermaßen etwas seltsam aussehender Begleiter war, an dem ich selbst niemals Anstoß genommen hatte und der lediglich von der Riege Männer in meinem Leben, die meiner nackten Schulter nahe genug kamen, gehässig schlecht geredet wurde.
Was sich im Glas befand, erinnerte mehr an einen halben Regenwurm, denn an einen Leberfleck. Die Ärztin blickte ob meines Erstaunens darüber ebenfalls hinein und meinte achselzuckend: Komisches Ding, das ist sicher kein Krebs.

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