Sally on the Blog

Ein Mutter-Sohn-Tag

August 20th, 2010

Hilfe, das war mal ein Tag! Da ist ein Bürotag mit 6 Sitzungen hintereinander, in zu engen Schuhen und mit einer Laufmasche an der Wade, die man durch elegante Beinverrenkungen unkenntlich machen will, Zuckerschlecken dagegen. Das große P.-Kind ist aus dem Pfadfinderurlaub wieder zurück und muss diese Woche beschäftigt werden, was schwierig ist, wenn alle Kumpels in Mallorca, Ägypten und in der Türkei sind.
Da trifft es sich gut, dass es hier am Ort dieses Jahr wieder eine gigantisch große und perfekt organisierte Kinderspielstadt gibt. Dort kann man sich als Kind fast täglich von früh bis spät in verschiedenen Berufen verdingen, Geld dabei verdienen und mittels sinnlosen Taxifahrten oder im Restaurant bei von anderen Kindern gebratenem Schweinebraten mit Knödel wieder dem kapitalistischen Geldkreislauf zuführen. Leider findet der ganze Spaß am anderen Ende der Stadt statt, weshalb man das Kind dort nicht einfach so hinschicken und lassen kann.

Also schält man sich in seinem Sommerurlaub frühmorgens aus dem Bett, um rechtzeitig dort zu sein. Immerhin sind die guten Jobs schon kurz nach der Morgenöffnung vergeben und der anspruchsvolle Sohn hat ja nicht Bock auf irgendeinen Job. Er träumt von Bürgermeister und/oder Chefkoch, was auch in einer Spielstadt nicht von heute auf morgen funktioniert, sondern ein gewisses Alter und damit einhergehend auch das nötige Maß an Korrupt- und Verschlagenheit sowie das angemessene Kapital für Bestechungsgelder voraussetzt.
Über all das verfügten wir nicht, als wir heute Morgen natürlich doch zu spät dort ankamen. Ich ließ ihn 20 Mal beim Leben seines Vaters schwören, dass er das Handy anlassen, das Gelände keinesfalls verlassen und sich vom verdienten Geld nicht ausschließlich Eis kaufen würde und zog mit meinem Kleinkind von dannen. Irgendwie mußten wir den Tag dort in der Nähe totschlagen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Dort bleiben konnten wir nicht, denn mein 2-Jähriger fand es unerträglich, ca. 2000 Kinder malen, hämmern, basteln, Taxifahren und als Polizisten verkleidet herumlaufen zu sehen, ohne mitspielen zu dürfen. Nach einer Stunde, in welcher er zumeist zornig heulend am Boden lag, gab ich auf und schleifte ihn in den naheliegenden Park. Dort schlief er Gott sei Dank im Buggy ein und ich hatte etwas Zeit, mit dem langhaarigen Italiener des Espresso-to-go-Standes, welcher von Ferne aussah wie ein Plumpsklohäuschen, zu flirten und mir dabei einen gefühlten Liter Espresso ausgeben zu lassen. Als das Kind mit voller Windel aufwachte, kühlte unser zartes Liebespflänzchen unmittelbar wieder ab. Schade.

Den nächsten Flirt hatte ich mit dem jungen Mann zum Mitreisen vom Kinderkarussel, wo ich zehn Fahrchips in der Hoffnung kaufte, dass der Nachmittag schnell rumginge. Das Karussel drehte sich, mein Kleiner saß abwechselnd im Hubschrauber, Polizeiauto, rosaroten Panther und Feuerwehrauto und beschwerte sich, wenn die Hupen nicht laut genug funktionierten. Gleichzeitig versuchte ich mit niedergeschlagenem Blick, den anzüglichen Zungenbewegungen meiner neuen Eroberung auszuweichen und schielte rückwärts zum Espressoitaliener, der aber schon eine neue, blondere, jüngere, flachbäuchigere und wahrscheinlich kinderlose Eroberung gemacht hatte. Schlampe!

Als mein Zwerg im Traktor saß, wurde ich darauf hingewiesen, dass er aufgrund seines jungen Alters dort wieder aussteigen oder die Mutti zur Sicherheit mitfahren müsse. Ersteres war undenkbar, denn mein Kleiner verfügt bekanntermaßen über das, was man gemeinhin einen “starken Willen” nennt. Also schwang ich mich aufs Karussel, hielt mich im Verlauf der Fahrt krampfhaft am Lenkrad des Traktors fest und beschwor den Espresso, in meinem Magen zu bleiben, während mein Kleiner anhaltend “Mama, geh weg, ich fahr alleine!” schrie. Wir drehten uns zu “Hello Again” von Howard Carpendale gefühlte eine Million mal im Kreis, während mir der Karusselmann unentwegt zublinzelte.

Auf dem Rückweg erwarb ich an einem lateinamerkanischen Stand noch eine allerliebste Kinderstrickjacke mit aufgesticktem Schaf, Elefant und Sonne für wenig Geld. Später fiel mir ein, dass diese Jacken wahrscheinlich von peruanischen Kindern unter dem Zwang von Drogenbossen gestrickt werden, nicht zur Schule gehen dürfen und vom Verdienst ihre Familien ernähren müssen. Oh Gott, kann ich die Jacke noch zurückbringen? Komme ich dafür nun in die Hölle? Kann ich das aufwiegen, indem ich eine peruanische Kinderpatenschaft übernehme?

In der Spielstadt zurück mischten wir uns im Elterncafè unter die anderen wartenden Eltern. Leider war für die Bespaßung der Alten nicht annähernd so gut gesorgt, wie bei IKEA für die Kinder. Außer Gurkenbroten, Eis und Kaffee gab es nichts zu kaufen, zumindest nicht für reales Geld. Ersteres schmiss mein Kleinkind angeekelt sofort zu Boden und Letzterer lag mir karrusselbedingt immer noch schwer im Magen. Also aßen wir viel Eis und schlugen die Zeit tot, indem wir Regenwürmer suchten und so taten, als angelten wir mit kleinen Stöckchen Fische, was eine nachmittagsfüllende Tätigkeit sein kann.
Andere Eltern hatten Laptops, die Zeitung oder historische Romane dabei. Ich die trotzige Kröte. Super.

Am späten Nachmittag gab ich auf, suchte im Gewühl nach meinem großen Kind und fischte ihn aus einer Hochschul-Vorlesung zum Thema “Glück”. Ich erklärte ihm 20 Mal den Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause und fuhr dann - nach mir die Sintflut - mit der Kröte heim, die im Bus bester Laune mit der mehrmals laut wiederholten Frage, ob der - indische - Mann gegenüber im Sitz eigentlich angemalt sei, Interesse an ethnischen Vielfältigkeiten zeigte.

Eben ist das große Kind auch völlig heile und problemlos nach Hause gekommen und zeigte mir glückselig die vielen Scheine selbstverdientes Spielgeld. Morgen will er wieder hin und Taxifahrer werden. Mein Kleiner will wieder Traktor fahren.

Ich will heute nur noch bald schlafen und möglichst weder von heissen Italienern noch von noch heisseren Karusselmännern träumen.

SallyP.

3 Responses to “Ein Mutter-Sohn-Tag”

  1. Melanie

    Sehr schön, hab wieder laut gelacht! Besonders an der Stelle mit “Hello again” und dem Karussel! :-))
    Mein Mitleid ist Dir sicher!
    Übrigens kann man den Text jetzt viiiieeel besser lesen und, ui, bei Facebook biste jetzt auch!
    PS: Drago, sorry hab schon wieder meine Email Adresse geändert, jetzt ist sie aber final!

  2. SallyP.

    Dankeschön! Au weia, der Drogo scheint ja ein sehr strenger Administrator zu sein… Man muss ihm lassen, er nimmt sein Amt sehr ernst! Und der Beifall für die neue Schrift und die Facebook-Sache gebührt nach natürlich ihm und Herrn P.!

  3. Drogo

    Ach Herr P. Hat eigtlich nur durch sein Wissen geglätz mich machen zu lassen was ich will ich wüste es eh besser *G*jetzt müsst ihr nurnoch alle Fleißig auf “Gefällt mir” Klicken dann ist das fein.

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