Sally on the Blog

Bayerische Verpflanzungen

August 2nd, 2010

Das letzte Wochenende habe ich damit verbracht, das Leben meiner Oma in Kisten zu verpacken und ihr regelmäßig neue Schneuztücher zu reichen, weil alles so furchtbar schlimm ist. Die große Katastrophe besteht darin, dass sie ihre 3-Zimmer-Wohnung, in der sie ziemlich genau seit 50 Jahren lebt, verlassen und in eine Wohnung ziehen muss, die nur halb so groß ist. An dieser unsäglichen Frechheit ist ihrer Meinung nach die SPD schuld, selbstverständlich, denn die trägt für die Miseren im Leben meiner Oma meistens die Verantwortung, wenn es nicht grad die Grünen oder noch schlimmer, der satanische Gysi höchstpersönlich, sind. Mein bayerischer Opa hat ja zeitlebens aus alter Arbeitertradition rot gewählt und dieses in patriachalier Manier auch für sein Weib verfügt. Ich glaube, sie hat dies widerwillig immer befolgt, aber seit er aufgrund seiner cholerischen Schimpferei auf BMW-Fahrer und Preißen viel zu früh einem Herzkasperl erlegen ist, genießt sie die Freiheit, zu wählen was sie will und das ist aus reiner Trotzreaktion und um der postmortalen Emanzipation von meinem Großvater willen nun mal nicht die SPD, punktum.

Der Fairneß halber sollte an dieser Stelle erwähnt sein, dass es mitnichten nicht die rot-grüne Stadtregierung ist, die Schuld an der Tunnelmisere trägt. Vielmehr wurde Mitte der 90er Jahre die Untertunnelung aller drei Hauptverkehrsknotenpunkte in einem Volksbegehren durchgesetzt, an dem sich meine Oma sicher nicht beteiligte, weil sie sowas einen neumodischen Krampf findet.  Meine liebe Omi wohnt nun also nahe am Tunnelbau und so fragt sich die ganze Familie mit wachsender Besorgnis seit ca. 10 Jahren, was wohl aus ihr werden soll, wenn die alten Häuser durch die Untertunnelung mit monströsen Dinosaurierbohrern in sich zusammenfallen, zumal der Hagel von 1984 schon irreparable Schäden an den Häusern hinterlassen hat.

Meine Großeltern lebten in den Nachkriegsjahren - “die schwierige Zeit”, wie meine Oma das nennt - am Standrand im Gartenhäusl einer Arztvilla. “Hausfrau” wurde die Arztgattin genannt und ein arg schrecklicher Besen muss sie gewesen sein, indem sie meine Oma ganz von oben herab behandelte und gleichzeitig meinen gutaussehenden Opa allerweil zum Rasenmähen und zu Hausinstandsestzungsarbeiten verpflichtete und ihn dabei in ihr Dekollet schauen hat lassen. Und das, obwohl sie für das Hinterhaus ohne fließend Wasser und Isolierung eine arg unverschämte Miete verlangt hat, aber eine ganz arg unverschämte schon, was ja nicht weiter verwunderlich ist, weil die Großkopferten den Hals niemals nicht voll kriegen. Das weiß man ja.

Jedenfalls bot sich eines Tages die Gelegenheit, in eine für damalige Verhältnisse feudale Wohnung in einer neuen Siedlung, welche ausschließlich für Familien gedacht und schon zu dieser Zeit fortschrittlich kommunal gefördert war, zu ziehen. Damals kamen sich meine Großeltern damit vor wie Könige, zumal die neue Behausung über Gasofen und fließend kaltes Wasser verfügte und sich im Hof ein Wäsch(e)aufhängplatz sowie Grünanlagen befanden, von welchen die Kinder immer vertrieben wurden. Auf der Wiese hinterm Haus hat sich begeben, dass meine Mutter den 3 Jahre älteren dicken Franz so verdroschen hat, dass er es nie wieder wagte, ihrer Schwester und meiner Tante die Schulbrotzeit abzunehmen und als meine Oma vom Schlafzimmerfenster brüllte, sie solle sofort von dem Buben runtergehen und seine Ohren loslassen, soll meine Mutter geantwortet haben, dass sie das keinesfalls tue, wo sie ihn doch gerade erst zu Boden gebracht hätte. Diese Geschichte wird zum Leidwesen meiner Mutter anläßlich jedes Familienfestes erzählt und meine sämtlichen verflossenen Männer sind angesichts dieser Heldensaga vor meiner Mutter in Ehrfurcht erstarrt. Die Wiese gibt es noch, aber den Hollerbusch, welchen ich zum Zwecke der Fertigung von Hollunderblütensirup alljährlich gerupft habe, haben sie letztes Jahr gefällt.

Nach dem Umzug also in ein bürgerlicheres Leben fiel schnell die Entscheidung, dass meine Oma ihr Hausfrauenleben aufgeben solle, da sie die Armut und Abhängigkeit leid war und auch ein Stück vom Wirtschaftswunderkuchen abhaben wollte. Der Kindergarten der nahen katholischen Pfarrgemeinde nahm die Kinder meiner Großeltern aber nicht auf. Wenn man meiner Oma Glauben schenken darf, dann nur, weil sie vor der Hochzeit evangelisch war und nur wegen den siebengescheiten katholischen Pfaffen schnell noch zur Firmung mußte, bevor sie heiraten und damit das ungeborne Kind legalsieren durfte.  Ihre Kinder kamen im städtischen Kindergarten unter, aber ich schwöre, sie betritt diese Kirche bis heute nicht und nimmt lieber die Fahrt in die Frauenkirche in der Innenstadt auf sich, weil man da ja auch freilich den Erzbischof sehen kann. Und oft erzählt sie mir die Geschichte von der dicken Pfarrschwester, die jährlich bei ihnen klingelte um das Kirchgeld einzutreiben, worauf sie ihr immer mit dem Hinweis darauf, dass die Pfarrei ihre Kinder nicht in den Kindergarten genommen  hätte, die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, katholisch hin oder her.

Viel später bin ich zu großen Teilen in dieser Siedlung aufgewachsen und immerhin durften wir schon auf den Wiesen spielen, solange es keine Ballspiele zwischen 11 und 16 Uhr mittags waren oder solange die weißhaarige Frau Vollstatter im Erdgeschoss nicht über das Schläfchen von ihrem Hans wachte. Die Kinder waren lange ausgezogen und nach und nach auch die Männer verstorben und heute sitzt meine Omi fast jeden Abend mit den verbliebenen Frauen, die fast ausnahmslos Urgroßmütter sind, auf Klappstühlen unten in der Wiese, weil es oben wegen der schlechten Isolierung sowieso viel zu warm ist. Sie richten die jeweils nicht Anwesenden aus oder trauern wahlweise auch um die Verstorbenen oder kommen sich arschgut vor, weil eine von ihnen im Pflegeheim gelandet ist und sie selbst aber noch lange nicht, obwohl ihnen die Knochen weh tun. Eine von ihnen hat ein Verhältnis mit einem 10 Jahre jüngeren Jugoslawen angefangen und hat seither Besseres zu tun, was die Gerüchteküche bezüglich seiner Liebschaften bis über die andere Seite des mittleren Ring hinaus schürt. Selbst ich hab ihn schon vom Radl aus im Park mit einer Anderen busseln sehen und dies selbstredend brühwarm bei Radler und Regensburger Würschteln - was sie  für Schonkost hält - meiner Oma berichtet, die daraufhin sofort den Klappstuhl aus dem Keller holte und ihr Wissen mit den Nachbarinnen zu teilen.

Von guter Gegend ist längst keine Rede mehr. Aus den Wohnungen wurde zunehmend sozialer Wohnungsbau und inzwischen werden die  heruntergekommenen Behausungen an Obdachlose vergeben, was meine Oma selbstgerecht sein läßt und mich wiederum in Sorge um sie. Einer ihrer Nachbarn ist seit langem als - sagen wir mal vorsichtig - auffällig bekannt. Bisher konnten wir uns aber über seine Erzählungen über seine Wasserdiät, die ihn schrecklich abmagern hat lassen, belustigen und manchmal über seine  Besuche, die im hölzernen Treppenhaus übernachteten und dabei nicht genug auf ihre Zigarettenkippen achteten, echauffieren. Neuerdings klingelt er aber oft bei meiner Oma und bittet sie um Geld und Brot, was allein bei meiner Oma schon ein großer Fehler ist, da sie für die Nöte von psychisch Kranken und die völlig unzureichende Berechnung von Bedarfen von ALG-II-Empfängern keinen Sinn hat. Dass er diese Bitte aber zumeist aber in weißem Hemd und ohne Unterhose vorbringt, läßt mich erschaudern und meine Oma hingegen zu Ausführungen über die zunehmende Widerwärtigkeit von Männern in höherem Alter spekulieren und auch darüber, dass sie alles sehen wollte, aber den nackerten Deppen von gegenüber eigentlich nicht und sein Anblick auch kein schöner war.  Mit dem anderen Nachbarn hat sie es sich verscherzt, als sie wegen einer vermeintlichen Sexorgie mit Zwangsprostiuierten mitten in der Nacht die Polizei geholt hat. Wie sich herausstellte, ist er nur ein  Freund von zu lauten Action-Computerspielen. Leider hat er dabei einen Joint geraucht und seither ist er auf meine Oma nicht mehr gut zu sprechen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wir reden schon lange auf sie ein, sich eine adäquatere Behausung in einer etwas bürgerlicherer Gegend zu suchen. Seit sie aber 2 Wochen nicht mehr mit mir geredet hat, weil ich sie angeblich entmündigen und ins Pflegeheim stecken wollte, obwohl ich ihr nur von dem Betreuten Wohnen bei uns ums Eck erzählt habe, habe ich mich tunlichst rausgehalten. Über die Entscheidung der teuflischen Stadtregierung, den Tunnel nun bei ihr vorm Haus zu graben und die damit verbundenen Abrisse der Häuser war ich ehrlich gesagt nicht traurig. Sie bekommt eine neue Wohnung, die natürlich aufgrund ihres Singledaseins viel kleiner ist. Mit Aufzug, Heizung, Balkon. Ein Traum wahrhaftig und dies ganz in der Nähe. Sie kann also weiterhin mit den noch lebenden ehemaligen Nachbarinnen zusammensitzen und darüber reden, dass der Supermarkt am Eck schon vor 20 Jahren beschissen, überteuert und die Wurst nicht frisch war. Aber sie ist bockig und traurig, weil sie eigentlich tot umgefallen sein wollte, bevor der Mittlere Ring untertunnelt wird. Nun ist es soweit und sie hat immer noch keine schwerere Krankheit als ihren Alterszucker, den sie mit Regensburger Würschtln und Brezen behandelt und die schmerzenden Knochen. In ihren Kleiderschränken hat sie Klamotten aus fünf  Jahrzehnten und weint, wenn ich ihr vorsichtig sage, dass der Fuchskopfumhang mit Obergebiss - vor welchem ich schon als kleines Mädchen schrecklich Angst hatte - wirklich nicht mehr zeitgemäß ist und in die Tonne muss. Sie weint dann und will mir weissmachen, dass alle Mode eines Tages wieder kommt, so auch der Fuchskopf und die Handtasche aus Bussardfedern und Plastikummantelung und der Schultergurt aus Goldkettchen.

Ihr Doppelbett und die ganze Schlafzimmerlandschaft kann sie nicht mitnehmen, weshalb sie eine Beschwerde beim Oberbürgermeister erwägt, aber mit der SPD will sie ja eigentlich gar nix zu tun haben. Ich packe Kisten, diskutiere mit ihr über jedes Stück und höre gleichzeitig ihre Fluchtgeschichten aus dem Krieg. Offenbar erinnert dieser Umzug sie daran und retraumatisiert sie, dabei zieht sie nur 10 Hausnummern weiter und wird in einigen Jahren den Lärm und die Abgase von Starnberger Porschefahrern nicht mehr ausgesetzt sein, weil die Autos untenrum fahren und die Gegend wieder eine Bessere wird. Aber das ist nicht das was sie wollte.

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