Sally on the Blog

Rollentausch…

August 12th, 2010

…hatten wir neulich mal, als Herr P. projektbezogen eine Woche lang früher auf Arbeit mußte. Normalerweise stehe ja ich, die Mutter in dieser Familie, in aller Herrgottsfrühe auf, mache allen Frühstück und mir Kaffee und verschwinde dann, kurz nachdem die Kinder aufgestanden sind und ich sie liebevoll geküßt habe, in mein Büro, wo ich mich nicht damit auseinandersetzen muss, was der Morgen mit Kindern für ein Horror sein kann, wenn man Zeitdruck hat. Herr P.  jammert mir regelmäßig die Ohren voll, wie zornig der Kleine ist, wenn er angezogen werden soll, während er gerade furchtbar busy dabei ist, alle seine Kuscheltiere in die Waschmaschine zu stecken und um wieviel langsamer der Große wird, je mehr die Zeit drängt, in die Schule zu gehen. Ich zucke dann nur arrogant die Achseln, betrachte mit hochgezogenen Augenbrauen meine Fingernägel und stelle ungefragt fest, dass dies alles wohl nur eine Frage von Selbstorganisation und Disziplin sei.

Dies zu beweisen, hatte ich letzte Woche Gelegenheit. Mein Mann machte sich also jeden Morgen schön fein schon um sieben Uhr pfeifend vom Acker und hinterließ mir beide Kinder und das Frühstücksgeschirr. Die Zeitung hätten wir in dieser Woche abbestellen können, denn ich kam an keinem einzigen Tag dazu, auch nur die Überschrift auf der Titelseite oder die Wettervorhersage zu lesen. Der Große bettelte beim Wecken nach immer weiteren fünf Minuten und schlief, nachdem ich ihn liebevoll an den Ohren sein Hochbett hinunter und in die Küche gezerrt hatte, am Frühstückstisch fast ein. Das von mir liebevoll mit Johannis- und Blaubeeren bereitete Müsli befand er als widerlich aufgeweicht und als ich ins Bad wollte, um mir den Lidstrich zu setzen und die Augenringe zu verdecken, hatte er sich darin eingesperrt, um sich die halbe Dose Wachs in die Haare zu schmieren und sich die Finger anschließend in meinem Handtuch sauber zu rubbeln. Endlich hatte ich ihn weitergebracht und gewunken, bis er um die Ecke zur Schule war, da fiel mir ein, dass gute Mütter ihren Kindern ein Pausenbrot für die Schule machen. Beschämt versuchte ich wenigstens dem anderen Kind eine verantwortungsvolle Mutter zu sein und sang ihm also das improvisierte Lied vom besten Zahnputzdrachen der ganzen Welt, während er sich unter Strampeln und ohrenbetäubendem Schreien gegen die Zahnbürste im Mund wehrte. Wie mein Blazer und der Badspiegel nach der Zahnreinigung mit der elektrischen Bürste in einem zum Schreien geöffneten Mund aussahen, muss ich nicht erwähnen, oder?

In Ruhe schminken konnte ich mich nur, weil ich jeden Handgriff auch am interessierten Kleinkind vollführte, was letztendlich einen skurril aussehenden Zweijährigen mit Lidstrich, Wimperntusche und altrosa Lippenstift zur Folge hatte. Den versuchten Trick, die Puderbürste für ihn nur gespielt in die Puderdose zu tauchen, ließ er mir nicht durchgehen und achtete penibel darauf, dass der Puder ordentlich in seinem Gesicht und auf meiner schwarzen Hose staubte. Ich war natürlich schon umgezogen, als er mir mitteilte, dass er nun ein Kacka machen müsse. Ich widerstand der Versuchung, ihn einfach aufzufordern, sein Geschäft in die Windel zu verrichten und die Krippenerzieherinnen den Rest erledigen zu lassen. Also zog ich ihm hektisch die Windel wieder aus und sah mich überraschend damit konfrontiert, dass die Dinge schon erledigt waren. Auf hohen Absätzen versuchte ich krakenartig, die auf dem Badboden in alle Richtungen davon rollenden Kügelchen einzusammeln und gleichzeitig das begeisterte Kind davon abzuhalten, sich zu bewegen.

Als wir in der Kindertagesstätte ankamen, war ich zum dritten und er zum zweiten Mal umgezogen und ich völlig fertig. Der Puder auf meiner Stirn suppte mit Schweiss vermischt in meinen Ausschnitt und die weiße Bluse, erst recht, als ich am Boden kniend unter den Kinderbänken den rechten Löwenhausschuh suchen mußte.

Auf die Nachfrage der Erzieherinnen, ob das Kind auch wirklich - wie gefordert - mit Sonnenschutz eingecremt war, log ich skrupellos und sah zu, dass ich ins Büro kam, wo ich wenigstens 5 Minuten Zeit für einen Espresso hatte, bevor ich in einer Sitzung so tat, als sei ich ausgeruht, konzentriert, kreativ, spontan und aufnahmefähig.

Vorher schrieb ich Herrn P. aber noch eine Email in die Arbeit mit dem Hinweis, dass ich mir morgens bei Kaffee und Zeitung sogar noch in aller Ruhe die Fußnägel lackiert hatte und trotzdem eine halbe Stunde früher in der Kita war, als er sonst. Das Geheimnis der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei gleichzeitig gutem Aussehen liegt schlichtweg in der Fähigkeit zu skupelloser Lüge, einem guten Abdeckstift und einem Reservepaar Feinstrümpfe unter den DIN A 4 Briefumschlägen in der Schreibtischschublade im Büro.

SallyP.

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