Sally on the Blog

Während ich neulich am Sonntag Vormittag den Riesenstapel Papier auf unserem Schreibtisch entweder bearbeiten, abheften oder in den Papiermüll bringen wollte, erteilte ich dem großen Kind den Auftrag, einen Gutschein für Omas Geburtstagsgeschenk zu entwerfen. Sie wünschte sich einen schicken Schreibtisch und von allen Beteiligten Gutscheine für das Schicke-Schreibtische-Geschäft. Ich versorgte mein Kind also mit den wesentlichen Informationen Oma, Geburtstag, malen, Tisch, Gutschein. Dann überließ ich ihn sich selbst und der künsterlischen Freiheit und wühlte mich durch Rechnungen, Mahnungen, Schulinformationen, Versicherungsangebote, Steuerunterlagen und nicht zuletzt durch die durcheinander geratenen Kontoauszüge aus vier Jahren für drei verschiedene Konten.

Als ich später wieder nach ihm sah, war der zeichnerische Teil beendet. Auf dem Blatt zu sehen war eine äußerst detailgetreue und künstlerisch hochwertige Abbildung eines Tisches. Eines Eßtisches. Darauf befanden sich erlesenste Speisen und zwar jeweils die Lieblingsspeise aller am Gutschein beteiligter Familienmitglieder. Ich atmete tief durch und wies ihn darauf hin, dass die Oma sich ja eigentlich einen Schreibtisch wünschte. Sein stolzer Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen und er meinte: “Oh, hab ich vergessen.” Ich zog also innerlich die Augenbrauen hoch und bat ihn, den Gutschein noch als das zu beschriften, was er war und beugte mich dann wieder über den Locher und die Bescheinigungen der Krankenversicherung zum Lohnersatz für Kinderbetreuungstage. Als das Bild fertiggestellt war, prangte in riesigen Krakellettern über dem Eßtisch: Gutsche für eine Schreibfisch.

Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich bin ein impulsiver Mensch und ich gestehe hiermit reuevoll, dass der Schreibfisch mir ein bißchen das Kraut ausgeschüttet hat und ich dies vor dem zerstreuten Kind nicht zu verbergen wußte.

Es ist ein Kreuz. Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom schimpft sich dieser Zustand, der Kinder traurig und ihre Eltern wahnsinnig macht. Zum Glück haben wir die Träumervariante erwischt, d.h. in der Regel fällt das Kind nicht negativ auf, wenn es überhaupt auffällt. Leider bringt dies aber auch mit sich, dass man lange damit lebt und darauf wartet, dass der Träumer endlich aufwacht.

Im Kindergarten wurden wir wegen seiner “Verhaltensstörung” zum Gespräch bestellt. Dort wurde uns vorwurfsvoll gesagt, dass unser Sohn auffällig oft mit Blick in den Himmel in der Sandkiste läge, den Sand langsam durch die Hände rieseln ließe und an der Umwelt keinen Anteil mehr nähme. Und wir wurden darauf hingewiesen, dass es nicht sein könne, dass das Kind zum Stuhlkreis und zum Mittagessen immer eine Extraeinladung bräuchte. Damals erklärten wir die Erzieherinnen kurzerhand für wichtigtuerische Dilettantinnen und vergaßen die Angelegenheit, bis die Schulärztin bei der Schuleignungsuntersuchung auf ihr Papier schrieb: “Stark unkonzentriert. Schulreif?”

Mit der Einschulung des Träumers begannen die Schwierigkeiten, denn erstmalig wurde ein gewisses Maß an Selbständigkeit von ihm verlangt. Im Winter der ersten Klasse verlor er ungelogen 6 Paar Handschuhe, 3 Mützen, 1 teure und eine billigere Winterjacke, ein Federmäppchen und einen Schuh. Ich regte mich wahnsinnig auf, kaufte alle Dinge nach und schob alles auf das schlechte Schulsystem, welches die Kinder viel zu früh in sein kinderfeindliches Terrorregime einzog. Kurz bevor ich wahnsinnig wurde, kam der Sommer und es gingen nur noch Sonnenkäppis verloren, die waren billig und der Verlust war nicht so adrenalintreibend für die Mutter. Die Klassen waren klein und die Lehrerin hatte gute Nerven und stupste mein Kind bereitwillig an, wenn es die Flugzeuge im Himmel beobachtete statt die Tüpfelchen auf dem Ä zu machen.

Heute, knapp vier Jahre später kann er sich immer noch nicht merken, die Jeans zu Hause auszuziehen, weil sie vom vielen am Boden Knien beim Comics Lesen nach 5 Tagen Löcher haben. Seit Jahren versuche ich, mich nicht mehr aufzuregen, sondern trage regelmäßig 5 Hosen zur Schneiderin und bezahle 3,50 Euro pro Knie, wenn ich die Flicken selber mitbringe und 5 Euro, wenn sie die Flicken stellt. Ich habe sogar mal die Schneiderin gewechselt, weil ich ihre Ausführungen dazu, wieso ihr gut erzogener Sohn KEINE Löcher in den Hosen hätte, nicht mehr ertrug. Auf den Herbstflohmärkten kaufe ich jährlich Handschuhe und Mützen in ausreichender Menge, um ihn nicht doch irgendwann verzweifelt anschreien zu müssen, wenn er zum 20. Mal mit blau gefrorenen Ohren nach Hause kommt und auf die Frage nach dem Verbleib seiner Mütze verwundert: “Weiß ich nicht, hab ich sie nicht auf?” fragt.

Andere Kinder werden größer, selbständiger und verständiger. Meines kann sich die morgendliche und abendliche Badroutine nicht merken und so frage ich täglich, wenn er rauskommt, ob er auf dem Klo war, sich die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen hätte. Und täglich geht er mit traurigem Gesicht wieder zurück und verrichtet, was er vergessen hat. Allmorgendlich weise ich ihn auf den Zahnpastarand um seinen  Mund hin, weil er nach dem Zähneputzen nicht ans Ausspülen gedacht hat. Manchmal kommt er aus dem Bad gar nicht mehr raus und ich finde ihn irgendwann gedankenverloren literweise Seife aus dem Spender drückend beim Hände waschen. Zwei Mal pro Woche radle ich vor der Arbeit an seiner Schule vorbei und bringe ihm den Hausschlüssel, zwei Mal mache ich es vor Zorn nicht und er sucht sich Unterschlupf bei einem Freund und einmal wöchentlich ruft er mich mittags in der Arbeit an und erzählt mir stolz, dass er den Schlüssel nicht vergessen hat. Manchmal streichelt mir die Lehrerin mitleidsvoll über den Arm, wenn ich wegen des Schlüssels ihren Unterricht störe. Eines Tages werde ich ihr weinend in die Arme fallen.

Seine schulischen Leistungen sind gut, aber nie sehr gut, obwohl er schlau ist und mühevoll, aber beharrlich lernt. Aber dass Satzenden einen Punkt haben und man danach groß weiterschreibt ist genauso schwierig zu verinnerlichen wie es schier unmöglich ist, bei Matheaufgaben in der richtigen Zeile zu bleiben und nicht plötzlich den Teiler der vorherigen Aufgabe zum Rechnen zu verwenden. Wort- und Satzenden werden einfach vergessen und manche Aufsätze lesen sich, als wäre er beim Schreiben auf einem LSD-Trip gewesen, so durcheinander ist sein Satzbau.

Das Gymnasium haben wir nur nach der Kürze des Schulweges ausgesucht. Es kommt häufig vor, dass er verloren geht, weil er in die falsche U-Bahn-Richtung eingestiegen ist und dies erst an der Endhaltestelle gemerkt hat oder weil er schlichtweg vergessen hat, nach Hause zu kommen. Ich warte täglich, dass endlich auch auf unserer U-Bahn-Linie ein Mobilfunknetz vorhanden ist und erwäge heimlich, ihm wie die Beckhams einen Ortungschip in den Oberarm implatieren zu lassen.

Von den beiden nächsten Schulen haben wir uns für die entschieden, welche keine Wanderklassen hat, denn die Vorstellung, wie unser Träumer alle 45 Minuten rechtzeitig ein neues Klassenzimmer finden soll ohne seine kompletten Schulsachen innerhalb eines Tages im gesamten Schulgebäude zu verstreuen, ist ein Grauen. Wahrscheinlich würde er schon in der ersten Woche im schwarzen Schulloch verschwinden und noch wahrscheinlicher gäbe es auch dort  kein Mobilfunknetz oder er hätte ausgerechnet an dem Tag sein Handy vergessen.

Ich wühle mich täglich mit dem Vorsatz aus dem Bett, ihm an diesem Tag keine Vorwürfe zu machen, mich nicht aufzuregen und immer daran zu glauben, dass aus diesem Kind etwas ganz Besonderes werden wird. Und abends gehe ich schlafen und zerfleische mich vor Selbstvorwürfen, weil ich doch wieder wegen vergessener Jacken, schlampigen Hausaufgaben und vulkanausbruchartigen Seifenschaumüberläufen im Bad gemeckert habe. Unsere Kinderärztin schlägt eine Behandlung mit Stimulanzien vor, aber ich frage mich, ob es richtig ist, Kindern so etwas zu geben. Wäre es nicht einfacher, eine Pille zu erfinden, die Eltern geduldiger, ausgeglicher und vor allem reicher machte, damit sie mehr Mützen nachkaufen und das Kind auf Privatschulen mit Klassenstärken von 12 Kindern schicken können? Ich würde die sofort nehmen. Ich schwöre.

Übrigens habe ich beim Papieresortieren neulich auch meine alten Grundschulzeugnisse gefunden. Im Jahreszeugnis der 1. Klasse ist zu lesen:

Die aufgeweckte Schülerin arbeitet im Unterricht zeitweise gut mit, läßt sich aber leicht ablenken und träumt viel. Es passiert häufig, daß sie Hausaufgaben vergißt oder etwas nicht findet. Sich über längere Zeit zu konzentrieren, bereitet ihr noch Schwierigkeiten….Beim Schreiben bemüht sie sich um ein einheitliches Schriftbild. Das Auswendigschreiben geübter Texte und Wörter gelingt nicht immer fehlerlos. Auch beim Abschreiben ergeben sich immer wieder Leichtsinnsfehler….Ihre Leistungen leiden jedoch unter ihrer flüchtigen Arbeitsweise.”

SallyP.


2 Responses to “Gutsche für eine Schreibfisch”

  1. Melanie

    Oh, dieser Post hat mich total gerührt. Da spricht aus jeder Zeile viel viel Liebe für Deinen Großen! Und beim letzten Absatz hab ich sehr geschmunzelt - gibt es also doch noch Hoffnung für Deinen Träumer :-).

  2. SallyP.

    Naja…”Hoffnung”. Wenn man davon ausgeht, dass trotz schlimmer Träumerei aus mir was geworden ist, dann besteht wohl Hoffnung. Das allerdings könnte man zur Diskussion stellen.

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