Sally on the Blog

Heute Morgen im Büro ging ich an mein Postfach und fand darin meine Gehaltsabrechnung mit einem ausgewiesenen Endergebnis in unerwarteter Höhe. Sofort schrieb ich Herrn P. eine Email mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrter Herr P.,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass ich aufgrund herausragender Leistungen eine Gehaltserhöhung bekommen habe und diesen Monat daher unglaubliche xxxx Euro zum Familieneinkommen beitragen werde. Ich fordere Sie daher dringend auf, in Ehrfurcht vor mir zu erstarren und mir von nun an täglich nach dem Frühstück zu huldigen.

Mit freundlichen Grüßen,

SallyP.

Den Rest des Tages kreisten meine Gedanken darum, was ich mir von dem vielen Geld alles kaufen könnte, obwohl noch einige Tage vergehen werden, bis der Reichtum mein Konto erreicht haben wird.

So ist das. Kaum kommt man unverhofft zu ein bißchen Geld, schon ist es quasi verplant und ausgegeben. Wer jährlich hoffnungsvoll seine Einkommenssteuererklärung macht, weiß wovon ich spreche. Jedes Jahr malt man sich schillernd aus, was man sich von der zu erwartenden Rückzahlung alles kaufen wird. Wir z.B. planen davon in diesem Jahr extraordinär gute Bergschuhe für mich und Herrn P., eine italienische Markise für die Terrasse, den längst überfälligen Einbauschrank mit großem Schuhregal im Flur und einen Kurztrip nach Barcelona ohne Kinder. Erfahrungsgemäß reicht die Summe der Rückzahlung nicht annähernd für auch nur einen dieser Wünsche, zumal man sich ja auch meist nicht vor September dazu aufraffen kann, die Steuererklärung überhaupt fertig zu machen und abzuschicken. Und wer dann noch - wie ich - einer nach Niederbayern ausgelagerten Bearbeitungsstelle des Heimatfinanzamtes zugehörig ist, der weiß sowieso, was Warten ist.

Neulich habe ich unseren echt repräsentativen und einer in einer Stadt, in der Kinder neuerdings zum Lifestyle gehören, lebenden Familie angemessenen High-Class-Kinderwagen verkauft. Das Kleinkind läuft ja nun selbst, wenn es nicht gerade in Verweigerungshaltung und Trotzrotz ausstoßend am Boden liegt oder vom Fahrradanhänger aus die vorbeiziehende Welt kommentiert. Der Kinderwagen hat sich auf ebay gut verkauft und eines Abends standen also typische Vertreter der schicken neuen Münchner Elterngeneration schwanger bei uns im Wohnzimmer, um das begehrte Stück abzuholen. Wir unterhielten uns angeregt über angesagte Geburtskliniken, in welchen man sich kurz nach dem empfängnisverheißenden Eisprung bereits anmelden muss, um zu den wenigen Privilegierten zu gehören, die das Wunder der Geburt dort erleben dürfen und nicht zwischen all dem Pöbel einer schnöden Uniklinik entbinden müssen. Wir besprachen auch, wo man den Geburtsvorbereitungskurs in exklusivem Ambiente unter seinesgleichen erleben kann und von einfühlsamen und homöopathisch weitergebildeten Designer-Hebammen bei Weizengrascocktails wertvolle Hinweise zur Vermeidung von Schwangerschaftsstreifen und bodenorientierten Brüsten bekommen könne und die sanfte Geburt per Akkupunktur fast garantiert ist. Kurz bevor ich soweit war, alle feine Zurückhaltung zu vergessen und den beiden die Wahrhheit zu berichten, nämlich dass die Geburt schmerzhaft, blutig und grauenvoll sein würde und die Nabelschnur durch das stilvolle Ambiente der Geburtstklinik auch nicht in Herzform springen wird und dass alle Geburstsvorbereitung für die Katz ist, wenn man mittendrin ist, eine Melone durch eine eiergroße Öffnung zu pressen während der eigene Mann mit schriller Stimme an die Pferdeatmung aus dem Kurs erinnert und dass man für eine Perdiuralanästhesie plötzlich morden würde, obwohl man sich vorher 9 Monate lang breit darüber ausgelassen hat, dass etwas anderes als eine völlig natürliche Geburt überhaupt nicht in Frage käme und dies lediglich eine Frage von Willensstärke und weiblichem Selbstbewußtsein sei und dass die Akkupunkturnadeln im kleinen Zeh fast genauso weh tun, wie Preßwehen. Bevor ich die beiden aber von Fundis zu Realos machen konnte, wollten sie sich verabschieden und rangierten den Kinderwagen in Richtung Terrassentür. Um den Weg dafür frei zu machen, musste ich im Gang zwischen Küchenzeile und Kochinsel rückwärts gehen und fiel dabei in die offene Tür der Spülmaschine. Es dauerte eine Weile, bis ich mich unter käferartigem Rudern mit allen Gliedmaßen aus meiner mißlichen Lage befreit hatte, mit verharmlosendem Lächeln wieder stehen und unseren Besuch mitsamt Kinderwagen hinaus komplimentieren konnte. Beide verschwanden unter mitleidsvollen Beteuerungen, während Herr P. sich den Bauch hielt vor Lachen ob des definitiv nicht stylischen und gänzlich uncoolen Anblicks, den ich geboten hatte. Die linke Seite meines Rückens sowie die Verlängerung bis in den Schenkel war noch tagelang blau und die Spülmaschine funktionierte fortan nur noch, wenn man die Tür unmittelbar nach Einschalten mit einem schräg zwischen Herd und Spülmaschine geklemmten Küchenstuhl fixierte und die Kinder anwies, den Stuhl nicht mal anzuschauen, da beim kleinsten Lufthauch die Konstruktion ihren Halt verlor und die Maschine zu spülen aufhörte.

Bis der Mensch vom Kundendienst Zeit fand, sich an einem Tag in einem Zeitfenster zwischen 8 Uhr und 15 Uhr zu uns zu bequemen, vergingen 3 Wochen. Als er dann kam, baute er schlecht gelaunt innerhalb von 10 Minuten Ersatzteile im Wert von 13 Euro ein, trank 3 Tassen Kaffee und verlangte im Anschluß mit barscher Stimme eine 3-stellige Summe von mir und zwar zahlbar in bar und sofort. Normalerweise verfügen wir nicht über größere Summen Bargeld im Haus, aber in der Schreibtischschublade befanden sich erfreulicherweise noch die losen Scheine aus dem Erlös des Kinderwagens. Kinderwagen amortisiert Spülmaschine sozusagen, welch ein Glück.

Letzte Woche bin ich mit meinem Kleinkind in eines der Stadtviertel geradelt, in welchem man als Prototyp der neuen Münchner Style-Familie leben muss. Eigentlich wollte ich dort eine Freundin besuchen, da wir aber viel zu früh dran waren, nutzte ich die Gelegenheit und betrat ein Kinderschuhgeschäft, um der Kröte die längst überfälligen Sandalen zu kaufen. Kinderschuhe sind ja ein ganz eigenes Thema. Der Kinderschuhkauf ist ja mindestens eine so komplexe Angelegenheit wie das Finden einer geeigenten und modernen Maßstäben entsprechenden Geburtsklinik. Erst recht, wenn man ein so groß- aber äußerst schmalfüßiges Kind hat, wie ich. Als ich nach langem Suchen zwischen Schuhen, welche in Farben, Ausführung und Beschaffenheit für vieles geeignet waren, aber nicht für die normalen Basistätigkeiten von Zweijährigen (laufen, springen, Sand spielen) fand ich scheinbar bodenständige Sandalen. Leider hielt der Laden sie nicht in der benötigten Größe vor, aber die Verkäuferin erklärte mir sehr kompetent, dass ich mit meiner Wahl ein ausgezeichnetes Auge bewiesen hatte, denn die Schuhmarke sei die allerneuste Entdeckung im italienischen Luxuskinderschuhsegment und sie könne sie mir aufgrund guter Verhandlungen zu einem unglaublich günstigen Preis anbieten. Ich zeigte mich angemessen beeindruckt, denn der Name der Schuhmarke erinnerte eher an eine franzözische Niedrigpreisprostituierte, denn an italienische Luxusschuhe. Als ich den Preis hörte, war ich versucht, ihr zu erklären, dass ich Schuhe kaufen und nicht die Füße meines Kindes mit Gold verkleiden wollte, aber ich hielt mich mit Mühe zurück. Ich bedauerte also lautstark und außerordentlich, dass die benötigte Größe nicht vorhanden waren und verließ Luft schnappend den Laden. Nachdem mit einem Sommer aber in diesem Jahr ja sowieso kaum mehr zu rechnen ist, brauchen wir auch gar keine Sandalen.

Am Nachmittag erhielt ich Herrn P.s Erwiderung per Email:

Sehr geehrte Frau P.,
meine besten Glückwünsche zu Ihrer monetären Verbesserung! Zur Planung Ihrer Ausgaben werde ich Ihnen gerne einige Vorschläge und Ausgabepositionen mitteilen, nachdem meine eigenen Haushaltsstelle eine kritische Masse erreicht hat.

Beste Grüße,

Herr P.

Da war es schon. Das Geld aus meiner Gehaltserhöhung sollte ich möglichst also ausgeben, bevor ich es in Fingern oder auf dem Konto habe, da sich der Bedarf erfahrungsgemäß unmittelbar mit den Möglichkeiten ergibt. Ich werde mir also den lila Stein für meinen Ring am besten gleich morgen besorgen, sonst kommt am Ende übermorgen der Sommer und ich muss den Kindern doch noch Schuhe besorgen. Ich schrieb also  zurück:

Sehr verehrter Herr P.,

bedauerlicherweise haben sich ganz aktuell ungeahnte Bedarfe ergeben, was bezogen auf die von Ihnen erwähnten Haushaltsstellen eklatante Verschiebungen der Prioritäten bedeutet. Wir bitten also frühestens im November bei Auszahlung des Weihnachtsgeldes um erneute Vorsprache und Beantragung Ihrer Begehrlichkeiten. Mit freundlichen Grüßen…

SallyP.

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