Sally on the Blog

Hausfrauenreport

Mai 27th, 2010

Meine Güte…hiermit entschuldige ich mich förmlichst bei allen Vollzeitmüttern, über die ich jemals heimlich oder öffentlich gelästert habe. Ich nehme alle hämischen Gedanken zurück, denn ich war im Unrecht und bin mir dessen seit heute ehrlich und wahrhaftig bewußt. Wie es zu dieser edlen Erkenntnis kam?

Es begab sich, dass die Kinderkrippe eine Woche ihre Tore schloß und Frau P. also Urlaub nehmen mußte, um die kleine Ich-Maschine selbst zu hüten und zu erziehen. Herrn P.s wichtige Geschäfte verhinderten, dass er sich daran beteiligte und so sah ich mich urplötzlich damit konfrontiert, von früh bis spät ein Kleinkind in meiner ureigensten Verantwortung zu haben. Dabei  konnte ich noch nicht einmal auf die tatkräftige Unterstützung des Kröten-Bruders hoffen, da dieser sich seiner geschwisterlichen Pflichten mittels Flucht in ein Pfadfinderlager entzogen hatte. Infam.

Plötzlich muss man sich um ausgewogenes und altersgerechtes Essen Gedanken machen und um regelmäßige Essenszeiten sowieso. Nix mehr mit schnell in die Kantine huschen und zwischen zwei Terminen schnell das 2,80 Euro Menü herunter schlingen sondern pünktlich um 11.45 Uhr ein vitaminreiches und frisches Essen servieren, welches dem  Gourmet-Kleinkind auch noch schmecken soll, damit er sich nicht genötigt sehen muss, sein Mißfallen durch Katapultieren des Essens in die Vorhänge auszudrücken.

Sonst ist ja für gesunde Ernährung, gewaltfreie und dennoch zeitgemäß klare Erziehung sowie Förderung sämtlicher künstlerischer Talente die Kinderverwahranstalt zuständig, welcher man dafür monatlich ein Vermögen überweist. In aller Regel ist das Geld aber gut angelegt, denn wochenends zieht man das Kind dann hübsch an und führt es aus und alle Leute sagen dann, wie wohlerzogen es sei, wie gesund es aussähe und wie unglaublich strophensicher es das Lied von der Hexe Wackelzahn zum besten geben könne. Man selbst steht stolz lächelnd daneben und kann sich als Beruf und Familie perfekt vereinende Mutter arschgut vorkommen.

Stattdessen bin ich nun voll im Kleinkindmutterstreß und hetze vom vitaminreichen Einkauf zum Spielplatz zur Wäscherei und wundere mich dauernd, wieso ich es nie rechtzeitig schaffe, zum Mittagsschlaf wieder zu  Hause zu sein und woher eigentlich der ganze Sand immer kommt, wenn ich das schlafende Kind vom Fahrradanhänger in sein Bett trage.  Zudem sehe ich nun ständig meine Wohnung bei Tageslicht, bin entsetzt über deren Zustand und insbesondere darüber, wie Südseite-Fenster bei Sonnenschein um die Mittagszeit aussehen können, obwohl Herr P. sie doch vor Weihnachten akribisch geputzt hat.

Nachmittags klappere ich täglich all meine lange vernachlässigten gesellschaftlichen Verpflichtungen ab und besuche also eine kindbesitzende Freundin oder Kollegin nach der anderen. Dabei muss ich mich auch was meinen Fahrradfahrstil betrifft, gewaltig umgewöhnen, denn mit Kind im Anhänger hinten muss man sich gut überlegen, ob man als stylisch-coole Radlerin über der rechts-vor-links-Regel oder der Bedeutung von roten Ampeln steht und ob man dem LKW-Fahrer auf der Kapuzinerstraße den Mittelfinger zeigt und ihm analfixierte Schimpfwörter nachbrüllt, bis er stehen bleibt und im Begriff ist, mit wutrotem Kopf auszusteigen. Mit Anhänger ist man im Zweifel nicht sehr schnell und wendig und das Kleinkind will unmittelbar wissen: “Mama, hast Du gesagt?”

Auf dem Heimweg gestern wollte ich -  natürlich viel zu spät - noch eben schnell im Supermarkt vorbei und hatte aber die Rechnung aber meine sehr müde kleine Kröte gemacht. Ohne es zu wollen, befand ich mich mitten in der Eltern-Königs-Disziplin:

Einkaufen mit einem in der Autonomiephase befindlichen Kleinkind ohne Chip für den Einkaufswagen.

Was soll ich groß darüber sagen? Ich habe vernünftig mit ihm gesprochen, später viel gebettelt und gefleht, wir haben lange und laut diskutiert und ab der Wursttheke lautstark gestritten, obwohl ich zur großzügigen Konzession bereit war, einen 1-Liter-Eimer Joghurt voller Zuckerersatzstoffe und Geschmacksverstärker zu kaufen und das Kind diesen auch  noch selbst tragen zu lassen. Von der Gemüsetheke zum Kassendurchgang habe ich ihn dann unter den mißbilligenden Blicken aller Leute an einem Arm geschleift, denn im anderen hatte ich den kompletten Einkauf. Im Kassendurchgang lag er neben dem geplatzten  Joghurteimer schreiend am Boden und ich versuchte beim Bezahlen so zu tun, als seien es weder mein Kind noch mein Joghurteimer. Bevor ich die Einkäufe verstaute, manövrierte ich ihn weiterhin schreiend in die Ecke beim Augang, wo er die vorbeifahrenden Einkaufswagen nicht so störte wie im Kassendurchgang. Dort wurde er von vielen teilnahmsvollen Menschen bemitleided und gefragt, warum so ein armes Butzerl denn so weinen müßte und wo denn die Mami (vorwurfsvoll suchender Blick) von dem armen Schneckerl sei. Und damit das Butzerl nicht weiter so traurig sein mußte, bekam es es auch noch einen Schokoriegel geschenkt, den ich ihm am liebsten aus der Hand gerissen und mir zur Beruhigung meiner Nerven quer in den Mund gesteckt hätte. Aber damit hätte ich ja zugegeben, die Rabenmutter zu sein. Nächstes Mal sollte ich solche Leute darauf hinweisen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten, denn das Jugendamt hätte für den nächsten Tag bereits einen für kleine Butzerl geeigneten Heimplatz organisiert.

Die Fahrt nach Hause verbrachte das arme Schneckerl dann glücklich Schokolade mampfend und aufmerksam in der kostenlosen Rezeptezeitschrift des Supermarktes lesend im Fahrradanhänger, während ich wild fluchend nach Hause strampelte und schwor, nie wieder Urlaub zu nehmen, sondern künftig im Büro zu wohnen.

SallyP.

3 Responses to “Hausfrauenreport”

  1. Drogo

    Also das bestärkt mich wieder in meinen Gedanken zum Thema Werbung. So ein schöner Banner unter jeder Seite. Ich geh mal mit Durex und Billy Boy verhandeln

  2. Melanie

    Hab wiedermal herzlich gelacht (auch über den Kommentar). Köstlich - danke schön!

  3. Julia

    Guter Artikel. hab dein Blog gleich mal zu den booksmarks gelegt.

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