Sally on the Blog

Mein Kind sei nicht im Trotzalter, sondern in der Autonomiephase, sagte mir neulich meine Freundin, die Psychologin, als ich mich über meine mißliche Lebenssituation beschwerte. Dieser Abschnitt im Kleinkindalter sei wichtig zur Entwicklung der Ich-Stärke, der Willensbildung sowie zur Ablösung von den Eltern und zur Selbstbehauptung sowieso. Ich solle also aufhören, andauernd negative Gefühle auf das Kind zu projizieren und stattdessen den Entwicklungsfortschritten und den damit verbundenen Eigenheiten kraftvoll und bejahend entgegen treten.

Sicherlich ein ganz großartiges Konzept, nur leider ist kraftvoll ein Begriff, welcher so gar nicht mehr zu mir passen mag, seit jeder Tag mit einem Tobsuchtsanfall beginnt, weil wir dem Autonomieprotagonisten das Gesicht waschen wollen und damit endet, dass er uns auf dem Wickeltisch mit seinen Beinen blaue Augen schlägt, weil er das Anziehen von Schlafanzügen für einen Verstoß wider die UN-Kinderrechtskonvention hält und äußerst kraftvoll seinen Protest dagegen ausdrückt.

Begonnen hat dieser Entwicklungsabschnitt, der untrennbar verbunden scheint mit der Phase unaufhaltsamer Grauhaarvermehrung bei der Mutter, mit der Aufnahme des Wortes “NEIN” in den aktiven Sprachschatz. Das Wort “Ja” dagegen hat er bis heute nicht verinnerlichen können. Eine Weile hat er jede Frage, egal welche, mit im besten Falle einem freundlichen “Nein” und Kopfschütteln und meistens eher mit einem zornigen “NEIN!” und sofortigem auf den Boden schmeissen und strampeln beantwortet. Später wurde daraus ein vehementes “Mag i niiiiiiiiit” oder auch alternativ “Laß mich” und “Geh weg”. Bisweilen kam es sogar vor, dass wir nach vielerlei Diskussionen aufgaben und ihn genervt aufforderten, dann eben bockig zu sein und gerne auch die ganze Nacht in seiner Zorntränenpfütze liegen zu bleiben und er auch darauf noch mit hochrotem Gesicht “Mag i niiiiiiiit!” schrie und sich in unsere Waden verbiß.

Weiteres zentrales Element der Autonomiephase ist bekanntermaßen die Entdeckung des Wörtchens “ich” im kindlichen Sprachgebrauch, welches zunehmend die Nennung des eigenen Vornamens ersetzt. Bei uns ist es seit einiger Zeit soweit und wir hören mit Begeistertung seine Befehle, die den ganzen Tag in einem Ton auf uns einpeitschen, der an pakistanische Militärausbildungslager erinnert. “Trinken will ich” und “Gabel brauch ich” sind nur wenige davon. Ersteres möchte er selbstredend aus einem richtigen Glas und es gehört zu seinen autonomen Bestrebungen, die Apfelschorle darin nur zum Teil selbst zu trinken und zum weit größeren Teil kreative Ideen damit umzusetzen, die uns schon schwer bereuen haben lassen, das neue Parkett geölt und nicht lackiert zu haben. Zweiteres benutzt er gerne dafür, Tomatenschiffchen katapultartig gegen das Terrassenfenster fliegen zu lassen und danach zu schreien: “Tomate will ich!”

Seit ich neulich Geburtstag hatte, behauptet er nun täglich beim Frühstück, er hätte Geburstag (”Burtstag hab ich”) und fordert dazu “Geschenk will ich und Kuchen essen auch”. Dazu singt er sich selbst ein Ständchen und läßt sich hochleben.

Neulich im Biergarten, während Herr P. und ich kraftlos unsere Müdigkeit in einer Maß Bier ertränken wollten, ging das kleine Ich-Monster mit seinem großen Bruder auf Wanderschaft. Wieder kam er mit offen ausgestreckter Hand und der Forderung: “Geld brauch ich und Karussel will ich”. Als ich die Preise für eine Karusselfahrt sah, setzte ich in Gedanken schon einen Brief ans Familienministerium mit einer Forderung nach der längst überfälligen Erhöhung des Kinderfreibetrages auf. 1,10 Euro für eine Runde Karussel… und wir sprechen hier nicht von einem 400 Meter hohen Rollercoaster mit 6 Loopings im six flags magic mountain, sondern vom Kinderkarussel in Münchens schönstem Biergarten. Als ich klein war, fuhr mein Opa selig oftmals mit dem Radl und mir im Sitz vorne dran dorthin, bestellte sich eine Maß Bier nach der anderen und drückte mir eine Stange Zehnerl in die Hand. Ich weiß bis heute noch, wie sich viele Zehn-Pfennig-Stücke in der halbholen Hand anfühlen. Damals kostete die Karussel-Fahrt jeweils eine solche Münze und wenn das Geld alle und ich fertig war, hatte mein Opa meist schon ein rotes Gesicht und wir fuhren beide glückselig und etwas wackelig nach Hause.

Das Karussel ist dasselbe geblieben, der Preis hat sich dagegen verelffacht und um wieviel teurer die Maß Bier heutzutage ist, möchte ich gar nicht wissen. Wenn man davon ausgeht, dass wir dort noch oft sitzen und den Frust über unsere gescheiterten Erziehungsbemühungen im Alkohol ertränken, wäre es mittelfristig sowieso billiger, das Karussel einfach zu kaufen und mit den Einnahmen für ein Leben lang ausgesorgt zu haben. Das Ding wäre eine 100prozentige Wertanlage - vor allem angesichts der derzeitigen griechischen Krisen - denn Kinder, die ihre Eltern mittels emotionaler Epressung dazu bringen, sie für jeden Preis der Welt Karussel fahren zu lassen, wird es immer geben.

Neulich im Wartezimmer der Schulberatung, wo wir darauf warteten, erklärt zu bekommen, dass das bayerische Schulsystem keine Antworten auf die Verschrobenheiten unseres Großen hätte, stand ein lila Stuhl. Der Zwerg kletterte hinauf und erläuterte mir, dass der Stuhl lila sei. Ich bejahte diese Aussage erfreut, was offenbar nicht die erhoffte Reaktion war, denn sofort ließ er sich vom Stuhl auf den Boden gleiten, hämmerte mit beiden Fäusten in den Boden und schrie “Rot, rot, rot, Stuhl, roooooooooooooooooooooot, Mama!”. Ich stritt eine Weile mit ihm, aber unter den mißbilligenden Blicken der anderen Wartenden fühlte ich mich zunehmend unbehaglich und räumte irgendwann wie Orwells Winston Smith in “1984″, der unter Folter irgendwann einwilligte, drei Finger zu sehen, obwohl ihm zwei gezeigt wurden, flüsternd ein, dass der Stuhl rot sei.

Heute erklärte mir meine Freundin die Psychololgin, dass es bei Kindern in der Autonomiephase wichtig sei, es als pädagogisch versierter Elternteil möglichst nicht auf Machtkämpfe ankommen zu lassen. Wenn diese doch unvemeidbar seien, gälte es unbedingt, diesen Kampf keinesfalls zu verlieren, da sonst die Pubertät über alle Maßen schlimmer werden würde.

Wie ist das denn, wenn die kleine willensstarke Ich-Maschine mich so mürbe gemacht hat, dass meine Farbkenntnisse schwinden und lila vor meinen Augen zu rot wird? Bin ich dann nur farbenblind oder habe ich eine strategisch wichtige Schlacht im großen entwicklungspsychologischen Krieg verloren?

SallyP.

3 Responses to “Von der Entwicklung eines eigenen Willens”

  1. Drogo

    Stühle sollten nicht Lila sein. Nur rote Stühle sind OK!

  2. SallyP.

    Wieso rot? Wieso ausgerechnet rot? Ich finde, ein lila Stuhl hat sowas beruhigendes…

  3. Drogo

    ROOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOT!

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