Sally on the Blog

Neulich, beim Abendessen war es soweit: Die kleine trotzige Kröte hatte die Tomate unter den Tisch geworfen statt sie zu essen und das Gurkenstück kichernd in meiner Apfelschorle versenkt, nachdem es ausschließlich die Wurst vom Brot gefuttert und sich anschließend die Butter in die Haare geschmiert hatte. Nach mehrmaliger Aufforderung meinerseits, mit dem Essen nicht zu spielen und auch das Brot seinem eigentlich Zweck zuzuführen, ist mir ein Tomatenschiffchen torpedoartig im Gesicht gelandet. Daraufhin habe ich gebrüllt, dass es mir mit der ewigen Batzerei beim Essen jetzt dann reicht und gleich der Watschnbaum umfällt, was in hiesigen Gefilden soviel bedeutet, wie dass man demnächst geneigt sein könnte, Ohrfeigen zu verteilen.
Da flüsterte das große Kind dem kleinen ganz formalistisch und wichtigtuerisch ins Ohr, dass Gewalt in der Erziehung verboten sei und die Mutter solcherlei Drohungen nicht wahr mache, man aber dennoch um diese Tageszeit auf der Hut sein müsse, was das anhaltende Werfen von Gemüse beträfe.

Nicht, dass ich eine Gegnerin des Rechts auf gewaltfreie Erziehung wäre, aber wenn man zwei Kinder in schwierigen Phasen hat, dann gerät man doch ab und an in emotionale Ausnahmezustände, vergißt sämtliche modernen Erziehungsvorstellungen und wünscht sich den Rohrstock zurück.  Wennschon nicht, um den mißratenen Fratzen die Lust am ordentlichen Essen nahe zu bringen, dann wenigstens um sich selbst per Schlag auf den Hinterkopf in gnädige Bewußtlosigkeit zu befördern, bis die Sprösslinge Abitur haben und aus dem Haus sind.

Ich habe ein Kind im Trotzalter, welches bereits nach der Neugeborenenphase trotzphasenspezifische Verhaltensweisen zeigte, was offenbar seinem Grundcharakter entstammt oder seinem Sternzeichen zuzuschreiben ist. Dementsprechend durchleben wir hier gerade die Doppeltrotzphase oder - anders ausgedrückt - den [I]Trotzphasen-Superpursuit Mode[/I]. Wenn ich nicht von jeher eine Befürwörterin von frühkindlicher Krippenverwahrung gewesen wäre, dann würde ich spätestens jetzt jeden Preis der Welt bezahlen, um das Kind tagsüber in die Hände fachlich versierter Erzieherinnen geben zu dürfen. Sein sonst umfänglicher Wortschatz beschränkt sich momentan im Wesentlichen auf das Wort “Nein” und die Sätze “Mag ich niiiiiiiiiiiiiiiiiit”und  “Lass mich”. Am allerliebsten drückt er sich aber neuerdings völlig wortlos aus, pantomimisch quasi, und das auf geradezu verblüffend deutliche Art und Weise. Bitte ich ihn z.B. Abends, seinem Bruder beim Tischdecken zu helfen, sagt er im günstigsten Falle gleichgültig “nein” und geht weg. Wahrscheinlicher ist die Variante, dass er den Tisch zwar decken will, aber nicht so, wie der bürgerliche Spießer sich das vorstellt. Statt Gläsern stellt er dann den Gästeaschenbecher und die Ramazzottigläser auf den Tisch und wirft sich kreischend auf den Boden, wenn ich ihm den Wunsch, sich selbst ein riesiges Fleischmesser an seinen Platz zu legen (”Messer brauch ich”) verwehre. Meine pädagogische Methode der Wahl ist dann meist, ihn zu ignorieren, was bei seinem Bruder großartig funktioniert und mich im Glauben bestärkt hat, dass man in Sachen Erziehung immer nur seines eigenen Glückes Schmied ist und ich eines der ganz großen Naturtalente in Sachen Pädagogik bin. Was dies betrifft, bin ich inzwischen eines Besseren belehrt, denn ich sehe mich neuerdings oftmals damit konfrontiert, dass der kleine Zornpinkel vor nichts zurückschreckt, mich aus der Haut fahren und mich selbst und alle pädagogischen Dogmen vergessen zu lassen. Es kommt vor, dass er mutwillig die Teller vom Tisch fegt, mit seinem Holzgemüse aus der Kinderküche schmeißt und mich beim Versuch, den strampelenden Wutsack in sein Zimmer zu tragen, schlägt, kratzt und beißt. Letzteres oftmals unter dem ungläubigen Staunen seines friedliebenden großen Bruders, der dann nurmehr flüstert: “Sowas hab ich nicht gemacht, gell, Mama?” “Stimmt!” stelle ich dann genervt fest und wir denken beide sehnsüchtig an die Zeiten zurück, wo er noch ein verwöhntes Einzelkind war und ich im Nachbars- und Bekanntenkreis als Vorzeigemutter fungierte. Heutzutage gehöre ich eher zu den Müttern, über die man im Supermarkt mißbilligend den Kopf schüttelt und deren Nachbarn erwägen, anonym die Supernanny zu bestellen.

Sogar wenn ich entnervt aufgebe und ihm nach minutenlangem Streit und Diskussion, z.B. über die Frage, ob man ein  Recht auf ein windelfreies Dasein hat, obwohl man regelmäßig Häufchen unter dem Küchentisch hinterläßt oder von der Sofalehne auf den Boden pinkelt, resignativ anbiete, er solle doch machen was er wolle, schreit er noch “NEIIIIIIIIIN, mag ich niiiiiiiiiiiiiiiit!” und klammert sich zornig an mein Bein. Kommt das Jugendamt im Notfall auch, um die Mutter ins Heim zu stecken? Kommt daher der Name “Müttergenesungswerk”? Ist das Müttergenesungswerk eine große Besserungsanstalt für aus der Haut gefahrene Rabenmütter? Kann man sich das mit Zaun um einen großen Garten vorstellen, in welchem zombieartige Frauen mit weit aufgerissenen Augen in Bademänteln rumlaufen und “Mag ich niiiiiiiiiiiiit!” flüstern?

Gleichzeitig lebe ich auch noch mit einem Vorpubertierendem zusammen. Dieses einst so brave Vorzeigekind treibt mich aktuell auch regelmäßig in den Wahnsinn. Was dieser Halbwüchsige, für den ich vor lauter Wachsen gar nicht mehr weiß, wo ich so viele neue Hosen und Schuhe herbringen soll, wie er bräuchte, im Kopf hat, ist mir ein völliges Rätsel. Spätestens seit der Einschulung sind ihm die täglichen Routineabläufe im Bad geläufig, aber neuerdings muss man ihm jeden Morgen und jeden Abend daran erinnern, dass man beim Zähneputzen die Zahnbürste bewegen und sich danach den Mund auswaschen muss und dass es von Vorteil ist, sich anschließend auch noch das Gesicht zu waschen, denn Zahnpastaflecken zeigen sich erst später auf dem Schulweg, wenn sie in Gänze getrocknet sind. Stattdessen beschäftigt er sich täglich mehrmals ausgiebig mit dem Haargel, welches ihm eine gute Tante zu Ostern geschickt hat. Davon schmiert er sich so viel in die Haare, dass darin wahrscheinlich bald Schlammmonster ein biotopisches zu Hause finden werden. Für wen er dies allerdings tut, bleibt unklar, denn das weibliche Geschlecht findet er nach wie vor nicht erwähnenswert. Vor kurzem mußte er ein Referat über “Pfadfinder” halten und fing beim Üben immer an der Stelle, wo es um den gemischtgeschlechtlichen Ansatz der Weltpfadfinder- und Weltpfadfinderinnenbewegung ging, verdächtig zu nuscheln an und hätte am liebsten behauptet, richtige Pfadfinder könnten nur Jungs sein.
Was er gedankenverloren andauernd mit dem Flüssigseifenspender macht, kann ich nur erahnen, aber neuerdings müssen wir ständig Nachfüllseife kaufen und seine Hände sind dabei keineswegs sauberer. Als ich vor ein paar Tagen aber zum wiederholten Male angeekelt beim Zähneputzen ausspuckte, weil meine Zahnbürste furchtbar seifig schmeckte, bat ich Herrn P. inständig darum, mit seinem Ältesten ein sehr ernstes Wort zu sprechen, da mir sonst demnächst die guten Worte ausgehen würden.

Übrigens hat das Kind uns davon, dass es Donnerstags in der Schule ein Referat halten müsse, am Dienstag Abend ganz nebenbei erzählt. Und dass es dafür Farbfolien bräuchte, ebenfalls. Die Kollegin, welche ich am nächsten Morgen gehetzt zwischen zwei Terminen bat, mir den Foliendruck am Farblaserdrucker zu erklären, hat zwei erwachsene Jungs und versicherte mir, dass man eigentlich eine von der Familienministerin persönlich überreichte Urkunde und tosenden Applaus aller Mitglieder des Kinderschutzbundes bekommen müßte, wenn man Kinder uneingeschränkt gewaltfrei erzogen und groß gebracht hätte. Sie selbst hätte es geschafft, erzählte sie mir nicht ohne einen Anflug von Stolz, räumte aber ein, dass ihr großer und muskelbepackter Ehemann sie in all den Jahren einige Male unter Aufbietung all seiner Kräfte davon abhalten mußte, in rasender Wut den Watschnbaum zu fällen.

Vor der Phase sei nach der Phase, sagte kürzlich eine Freundin und Mutter von drei Kindern zu mir. Offenbar hat die Natur mit den Phasenpausen dafür gesorgt, dass Eltern Zeit zur Regeneration, Tönung der neuen grauen Haare und Formulierung weiterer hehrer Erziehungsgrundsätze haben.

SallyP.

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