Sally on the Blog

Noro zu Besuch

November 17th, 2009

So. Nach tagelangem Pendeln zwischen Couch und Klo, wo ich abwechselnd in die Schüssel oder an die Wand geschaut habe, bin ich langsam wieder in der Lage, länger als einige Minuten vor dem Computer zu sitzen. Nachdem der Tatort nun schon angefangen hat, will ich die Gunst der Stunde nutzen und Euch von unserem Besuch die letzten paar Tage berichten. Noro, ein perfides und hinterhältiges altes Schwein, hat hier vorbeigeschaut.
Wenn man Kinder hat - und ich habe ja derer sogar zwei - dann weiß man, dass damit ab und an auch die Seuche einhergeht. Als Eltern darf man nicht zimperlich sein und muss mutig den Kampf gegen widerliche Krankheiten aufnehmen können. Ich habe mit meinen Kindern schon einiges überstanden: Rotavirus, Läuse, Zecken, Camphylobakterbedingte Durchfallerkrankung bei 37 Grad Hitze in Kombination mit Gipsbein, Platzwunden aller Art, rausgeschlagene Zähne und der besondere Highlight: die Hand-Fuss-Mund-Krankheit, im Tierreich besser bekannt unter “Maul- und Klauenseuche”. Alles auf seine Art ein besonderer Höhepunkt meines Mutterlebens.
Diese Woche durfte ich aber erstmals eine Kinderklinik über Nacht von innen sehen, was ebenfalls eine bereichernde Erfahrung war.
Anfang der Woche wurde der Husten unseres Zwerges wieder so schlimm, dass wir die Kinderärztin konsultieren. Jahreszeitbedingt war das Wartezimmer voll mit kleinen Seuchenträgern und auch mein aufgeschlossener Kleiner hat sich freudig ins Bobbycar-, Plastikrutschen-, Bilderbuch- und Riesenbauklötzegetümmel gestürzt und mit einigen neuen Freunden Nasenrotz getauscht. Genau 15 Stunden später fing er an zu fiebern, hörte auf zu trinken und hatte 5-minütlich die Hosen voll und davon binnen kürzester Zeit einen feuerroten Hintern. Noch einige Stunden später war er nicht mehr ansprechbar, schlief nur noch und hatte eiskalte Gliedmaßen. Wir schafften ihn abends in die Kinderklinik, wo schon eine Armada an schweinegrippenverdächtigen Kindern in der Notaufnahme saß und wir uns wahnsinnig darüber ärgerten, die Reise-Ganzkörperkondome vergessen zu haben.
Aufgrund beginnender Dehydrierung wurden wir stationär aufgenommen, was zu einigen Verwirrungen führte, weil die Klinik nicht damit gerechnet hatte, dass der Vater als Begleitperson mit aufgenommen werden sollte und nicht die - offenbar biologisch dafür vorgesehene - Mutter. Uns wurde erklärt, dass die Klinik übervoll sei und sie einen Begleitvater aber nicht zu einer Begleitmutter ins Zimmer stecken dürften und wir deshalb ein Einzelzimmer in der Chirurgie bekämen. Bingo, hab ich mir gedacht, denn ich hatte eh schon Sorge, was wir uns im Doppelzimmer für neuerliche Widerlichkeiten einfangen würden. Und natürlich war ich auch sehr froh, dass Herr P. auf diesem Weg keine heisse Bekanntschaft machen und die Gunst der Stunde einer einsamen Kliniknacht mit einer wasserstoffblonden Doppel-D-Begleitmutti nutzen könnte. Soweit so gut, der Zwerg bekam also eine Nacht und einen Tag lang Infusionen und schlief derweil. Als ich am nächsten Abend gestresst aus dem Büro zur Ablösung des Kindsvaters anrückte, war er gerade richtig aufgewacht und die Nadel gezogen. Seine Gliedmaßen waren wieder warm, der Blick klar und das Kerlchen quietschfidel und rotzfrech. Es war mehr als schwierig, ihn im Zimmer zu halten (er kann neuerdings Türen öffnen), geschweige denn, ihn abends hinzulegen. Als er endlich schlief und ich mich ebenfalls todmüde auf die Pritsche geschmissen habe, geschah natürlich das Unvermeidliche:
In meinem Bauch fing es an zu brodeln und innerhalb von Minuten fühlte ich mich sterbenskrank. Den Rest der Nacht habe auf und über dem Klo verbracht und per sms bekam ich Mitteilung davon, dass mein in jeder Lebenslage liebender und solidarischer braver Mann zu Hause derselben Tätigkeit nachging.
Am nächsten Morgen wurden wir mit dem Hinweis entlassen, dass nichts so ansteckend sei wie der Norovirus und wir trotz allerstrengser Hygienemaßnahmen mit Komplettfamilienansteckung rechnen und darüber hinaus aufpassen müßten, dass es nicht zu Rückfällen käme. Kaum waren wir daheim, rief das Gesundheitsamt an und belehrte uns darüber, dass wir zwar 48 Stunden nach den letzten Symptomen wieder arbeiten gehen dürften, unseren Stuhlgang aber bitteschön während der nächsten Wochen ausschließlich zu Hause “ablassen” und uns nach demselbigen bitteschön die Hände waschen sollten. Nichts bleibt einem erspart. Nicht mal, mit wildfremden Beamten am Telefon den eigenen Stuhlgang und Hygienemaßnahmen zu besprechen.

Das Wochenende haben wir hier in Quarantäne verbracht, bei Pfefferminztee, Zwieback und Hühnerfrikassee. Herr P. und ich haben im Wechsel geschlafen und der, der gerade nicht auf dem Klo saß, hat dem inzwischen völlig gesundeten Kind mit fiebrigem Kopf Bücher vorgelesen, Lego gespielt oder ambitioniert das Händewaschen trainiert. Unser großes Kind hat angestrengt in sich gehorcht und im 5-Minuten-Takt verkündet, dass es jetzt bestimmt auch den Norovirus hätte, was sich bisher aber nicht bewahrheit hat. Offenbar ist er der einzige hier, der allgemeingültige Hygienemaßnahmen nach dem Toilettengang beachtet hat.
Heute Nachmittag haben wir es dann nicht mehr ausgehalten und sind ein bißchen spazieren gewesen. Bei der Heimkehr fanden wir auf dem Anrufbeantworter die Urgroßmutter in heller Aufregung, wo wir denn seien und wie wir es wagen könnten, uns amtlich angeordneter Quarantäne zu widersetzen.

4 Tage in absolutem Wahnsinn also. Vorhin, als der Zwerg endlich im Bett war und ich die Spülmaschine eingeräumt habe, kam mein Großer und meinte:
“Mama, ich möchte unbedingt Dudelsack spielen lernen”.
Klar, hab ich mir gedacht, eine künstlerisch/musikalische Untermalung ist genau das, was wir hier noch brauchen.

SallyP.

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