Sally on the Blog

Die nestfliehende Mutter

April 16th, 2010

Neulich bei einem Familienfest erzählte ich der Runde von der am nächsten Tag beginnenden Tagung am anderen Ende Deutschlands, an welcher ich teilzunehmen im Begriff war. Diese berufliche Reise war die erste ihrer Art nach meiner inzwischen nur noch schwer nachvollziehbaren, aber ja bekanntlich in die Tat umgesetzten, Idee des zweiten Kindes in fortgeschrittenem Alter. Der Familienkreis zeigte sich - bis auf den plötzlich etwas blasser scheinenden Herrn P. - begeistert und malte sich  mit mir in den schillernsten Farben die Vorzüge einer solchen Reise aus. Wir stellten uns vor, wie ich täglich bis Viertel nach 7 schlafen würde, weil das Frühstück erst um 8 Uhr begänne und ich mich in aller Ruhe duschen, anziehen und schminken könne ohne gleichzeitig noch Milch fürs Fläschchen bereiten zu müssen, welche immer dann überkocht, wenn ich dabei bin, mir das zweite Auge zu tuschen. Wie ich mir konzentriert die Haare glatt fönen würde, ohne dem Vorpubertierenden zum 200. Mal zu erklären, dass eine halbe Tube Haargel auf dem Kopf die Frauenwelt nicht williger werden läßt, wenn man dabei immer das Zähneputzen vernachlässigt. Wie ich mir meinen Kaffee nicht selber bereiten müsse und es zum Frühstück auch nicht die mühsam selbst gewürfelte Ananas mit Haferflocken gäbe, sondern ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit Deko-Tomaten auf dem Käse und geringelten Gürkchen auf der Wurst. Tagsüber würde ich strahlend gut aussehend, ohne Augenringe, das anwesende Fachpublikum mit meiner Intelligenz, meinem Fachwissen und meiner exorbitanten Schönheit betören und abends beim 3-Gänge-Menü im Tagsungshotel vor geistreichem Witz nur so sprühen. Anschließend würde ich ein Schlummerbad im riesigen Hotelwhirlpool nehmen und einen Prosecco zur Entspannung trinken während mir der äußerst gutaussehende Star-Referent den Rücken massiert und mir aufmerksam die Hornhautfeile reicht.

Meine Mutter schwor, dafür zu sorgen, dass Herr P. als alleinerziehender Vater die paar Tage lang ganz großartig zurechtkommen und beim Jonglieren von Haushalt, Job und Kinder eine Bestfigur machen würde und so packte ich meinen Trolley mit hohen Schuhen und weißen Blusen und rasierte mir die Beine. Ich saß zum ersten Mal seit langem wieder alleine im ICE, an einem Platz am Fenster mit Tischchen und Netzanschluß für den Laptop und nicht im Mutter-Kind-Abteil wo garantiert außer einem selbst immer noch eine Mutter mit Säugling sitzt, der immer dann schlafen muss, wenn das eigene Kind lauthals die Moritat von der “Hexe Wackelzahn” singt und welcher vor Blähungen schreit, wenn das eigene Kind gerade friedlich eingeschlafen ist. Ehrlich, ich fühlte mich wie die Gräfin Cox und stellte mir bis zur nächsten Haltestelle vor, ich sei eine kinderlose Singlefrau auf dem Weg zur Vorstandssitzung eines DAX-Unternehmens um dort der anwesenden Aktionsärsschaft meine ausgebuffte Strategie zum großangelegten Stellenabbau und zur Gewinnmaximierung vorzulegen.

In Ulm stieg eine alte Dame ein und nahm wortlos neben mir Platz. Sie hatte einen Koffer, eine Tüte und 3 Rosen bei sich und las in einem Buch. Kurz darauf verspürte ich ein dringendes Bedürfnis und bat meine Nachbarin, mich vorbei zu lassen. Sie schien genervt und kramte umständlich ihre Sachen zusammen, damit ich passieren konnte. Eine Stunde später, wir waren noch nicht in Stuttgart, musste ich wieder, denn erstens hatte ich morgens eine Kanne Kaffe getrunken und zweitens achte ich penibel auf genügend Wasserzufuhr während des Tages. Da die Dame gerade eingeschlafen war, drückte ich die Schenkel zusammen und konzentrierte mich auf die vorbeiziehenden schwäbischen Landschaften. Irgendwann ging es aber nicht mehr, und ich erschreckte die Dame zu Tode mit meiner wirklich zart geflüsterten Bitte, mich doch bitte noch einmal…. Sie seufzte tief und es dauerte wiederum einige Minuten, bis sie ihre Sachen zur Seite geschafft hatte und insbesondere die Rosen so drapiert hatte, dass der beckenbodenmuskelschwache Trampel ihnen keinen Schaden zufügen könne.

Noch einmal eine Stunde später dasselbe Spiel und die Dame war nun sichtlich ungehalten. Auf dem Weg zur Toilette mußte ich zudem immer noch an einem Werbeplakat für Medikamente auf pflanzlicher Basis gegen Blasenschwäche vorbei und empfand das als als äußerst unsensibel der Bahn gegenüber ihren Kunden angesichts der Enge engen Verhältnisse in der zweiten Klasse. Im weiteren Verlauf der Fahrt fühlte mich neben der Alten, die bis Kassel, wo sie dann ausstieg, nicht ein einziges Mal auf die Toilette mußte, wirklich unwohl und hoffte im weiteren Verlauf der Reise angstvoll, dass meine Blase sich nicht neuerlich füllen würde. In Wahrheit hatte sie wahrscheinlich einen Kathether oder gute Einlagen und kam sich damit mir gegenüber brutal cool vor.

Nach einer mühevollen Fahrt also am Tagungsort angekommen wurde ich mit Kaffee und Brezen begrüßt, welche so labberig schmeckten, als hätte Bayern sie als Entwicklungshilfe per Schneckenpost nach Norddeutschland geschickt. Fast unmittelbar hatte ich eine Eroberung gemacht. Ein Mann mittleren Alters, der fast unmittelbar nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln schwallartig von sich, seinem Häuschen ganz in der Nähe, seinem gräßlichen Job, seiner wirklich schlimmen Bandscheibe und seiner Abneigung gegen  Tagungen erzählte. Ich erinnerte mich, dass Herr P. noch am Morgen mit zu Schlitzen verengten Augen drohte, jeden potentiellen Tagungsbeischläfer zum Eunuchen zu machen und mußte unwillkürlich losprusten, denn angesichts meiner glorreichen Eroberung hätte sogar der eifersüchtige Herr P. schallend gelacht.

Mit meinem Aufriß im Schlepptau hörte ich zwei langweilige Eingangsreferate und verursachte wiederum saalweites erbostes Schnauben, weil ich mehrmals zur Toilette mußte und über der Elternzeit die goldene Regel vergessen hatte, niemals mit klappernden Absätzen in der ersten Reihe zu sitzen, wenn man vorher Kaffee getrunken hatte.

Anschließend hatte ich kurz Zeit, mein Gepäck in mein Zimmer zu schaffen und durfte feststellen, dass der Tagungsort nicht nur eine wunderschöne alter Klosteranlage war, sondern die Gästezimmer gleichwohl an Mönchskemenaten erinnerten, und zwar sowohl, was die Größe des Zimmer als auch die Ausstattung betraf. Von einer Hornhautbürste keine Spur. Ich war froh, ein Buch mitgebracht zu haben, denn Radio und TV waren nicht vorhanden, ein Internetzugang sowieso nicht und lediglich die Bibel zur Verschaffung von keuscher Bildung und Kurzweil präsent.  Den Whirlpool suchte ich ebenfalls vergeblich.

Beim Abendessen traf ich meinen Freund wieder, dem es nicht zu peinlich war, die Angestellten darum zu bitten, ihm ein Reservierungsschildchen an einen auserwählten Platz zu stellen. Wie ein Gockel brüstete er sich vor mir langatmig damit, die Abwechslung nicht allzu sehr zu lieben und deshalb bei solchen Gelegenheiten immer auf einem ihm angestammten Platz im Speisesaal zu beharren. Ich zeigte mich verständnisvoll und überlegte derweil, ob ich  mich ebenfalls um eine Reservierung am anderen Ende des Saals bemühen sollte.

Später entfloh ich meinem Verehrer mit dem Verweis auf schreckliche Migräne und befand mich bereits um 21 Uhr in meinem Zimmer wo ich mangels anderer Gelegenheiten noch kurz las und dann vergeblich versuchte einzuschlafen. Herr P. hatte mir zwar wohlweislich meine Wärmflasche eingepackt, jedoch stellte sich heraus, dass nördlich der Donau offenbar kein Wasser aus der Leitung fließt, welches heiß genug ist, um mir die Füße zu wärmen. Auch das lange und zunehmend verzweifelte Telefonat mit Herrn P. konnte diesen Zustand nicht verbessern und das Mönchsbett war so klein, dass ich darin allein immer noch weniger Platz hatte als zu Hause mit einer sich ständig wälzenden 2-jährigen kleinen Zornkröte und dem rosa Schnuffelschaf darin.

Der nächste Vormittag verging mit Diskussionen in Arbeitsgruppen, wobei ich aufgrund von schrecklicher Müdigkeit geistig nicht auf der Höhe war und auch das mit der atemberaubenden Schönheit war so eine Sache… Plötzlich in einem anderen Teil Deutschlands, wo alle möglichen Bäume, Büsche und Gräser schon blühten, hatte ich schlagartig Heuschnupfen mit tränenden Augen und dicken Lidern bekommen und nicht einmal genügend Taschentücher dabei, um mir dezent die Nase zu putzen.  Stattdessen zog ich dieselbe im 2-Minuten-Takt hoch. Immerhin konnte ich sichergehen, dass damit keiner mehr auf den Fleck den Dekotomatenfleck auf meiner Bluse, der sich offenbar beim Frühstück dahin gestohlen hatte, achtete.

Mittags, ich hatte mich inzwischen meinem Schicksal und meinem neuen Freund ergeben, gab es Zwiebelkuchen, was mir angesichts von Kleingruppenarbeit am Nachmittag unpassend erschien. Einen Tag später wurde Linseneintopf serviert und da war ich dann sicher, dass sich hinter der Menüauswahl die klösterliche Absicht verbarg, zwischenmenschliche Tagungskontakte zugunsten eines fachlich distanzierten und keuschen Austausches zu verhindern.

Heute, im Zug nach Hause, saß ich allein und freute mich daran, halbstündlich auf die Toilette zu rennen und so viel Kaffee zu trinken, wie ich wollte. Als in Karlruhe tief Bayrisch sprechende Leute einstiegen und sich im Bordrestaurant ein Weißbier besorgten, überfiel mich ein erwartungsfrohres Kribbeln und im verregneten München hörten auch meine Augen zu jucken und meine Nase zu laufen auf. Zu Hause überfiel mich ein hyperaktives Kleinkind mit den Rufen “Mami Zug Zug Zuuuuuuuuuuuug!” und ich verbrachte die Zeit bis zum Abendessen damit, im Polonaiseschritt mit zwei Kindern um die Kochinsel zu laufen und dabei “Tschutschutschu, die Eisenbahn, wer will mit nach Hause fahren…” zu gröhlen.

Zum Essen sitze ich übrigens ab jetzt immer jeden Tag an einem anderen Platz und zur nächsten Tagung fahre ich nur, wenn sie in mindestens einem 4-Sterne-Hotel und nicht mehr als 200 km bzw. weiter als 2000 km weit weg stattfindet. Und außerdem finde ich, dass Wärmflaschen und Wasserkocher in jedem Hotelzimmer vorhanden sein sollten. Oder wahlweise auch Clooney-Imitate, die zum Füße wärmen kommen.

SallyP.

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