Sally on the Blog

Der perfekt vorbereitete Umzug

November 8th, 2009

Drei kurze Tage Urlaub sind vorbei. Morgen muss, bzw. darf ich wieder ins Büro und es wird mir ein Vergnügen sein, dort wieder abstraktere Probleme zu lösen, als meine eigenen. Ich wollte die drei Tage nutzen, um unseren großen Umzug im Dezember vorzubereiten. Also die ganze Wohnung auf den Kopf stellen und alle sich in ihr befindlichen Dinge hervorkramen und nach den beiden Kategorien “sofort zu vernichten” und “unbedingt zu behalten” zu ordnen.
Dass dies eine forderndere und intensivere Aufgabe ist, als zunächst angenommen, hätte man wissen können…
Am Montag hatte ich mir das Bücherregal vorgenommen. Es ist groß und voll. Die neue Wohnung ist zwar größer, aber der gewonnene Platz wird dort dringend von unserem neuen Familienmitglied und seinem Hüpfpferdchen, seinem Bobbycar und seinen Freunden Schäfchen, Bert, dem bösen Tiger und all dem anderen Gesockse gebraucht; insofern haben die Bücher kein Recht auf Expansion. Da diese bereits in zweiter Reihe standen, mussten einige raus. Schwierige Aufgabe, wie fängt man das an? Tut man die weg, die einem nicht gefallen haben? Und wenn es aber Klassiker sind, welche all die Jahre schick im Bücherregal stehend dazu beigetragen haben, uns den Nimbus einer schöngeistigen Intellektuellenfamilie zu bewahren? Was denken die Nachbarn, wenn ich Dostojewskijs “Dämonen” ins Altpapier trage? Ich könnte dazu sagen, dass ich gerade eine Erstausgabe davon erworben habe und deshalb die herkömmliche Ausgabe nicht mehr brauche.
Oder lieber weg mit den Taschenbüchern, obwohl unter ihnen die Top-ten meiner Lieblingsbücher sind? Manche davon sind sehr alt und kaputt, z.B. die Hemingways. Unsere Bücher sind nach Alphabet geordnet und “H” steht in der mittleren Reihe, zweites Regal. Da, wo das Sofa auch steht und unser agiles Kleinkind bestens hinfassen kann, wenn er sich auf die Sofalehne stellt. “Der alte Mann und das Meer” hat keinen Deckel mehr, “Fiesta” besteht nur noch aus vielen einzelnen Seiten und “Männer ohne Frauen” ist angefressen und schlägt am unteren Rand Wellen von getrockneter Kinderspucke. Weg damit? Ehrlich?
Was ist mit Marx’ und Engels gesammelten Werken? Sonderausgabe. Aufheben, obwohl wir – es fällt mir schwer, dies einzuräumen - seit den Geburtstagen mit der 3 vorne dran und dem Immobilienerwerb keine wahren Sozialisten mehr sind? Oder lassen wir sie weiter im Regal stehen und verdeutlichen damit potentiellen neoliberalen Besuchern (seit man ständig mit den Eltern von Klassenkameraden der Kinder zu tun hat, weiß man nie, wer einem ins Haus kommt) ihre Unwillkommenheit? Ich habe sie stehen lassen - sollen sie mich weiter daran erinnern, den Kapitalismus immer dann vernichtenswert zu finden, wenn die Bank die Zinsen für unseren Kredit abbucht.
Gestern dann war der Kleiderschrank dran, denn ich möchte in die neue Wohnung nur noch die Klamotten mitnehmen, die uns noch passen und auch tragbar sind.
Das mit dem “Passen” ist so eine Sache…. ich hebe ja immer ganz viel in der Gewissheit auf,
dass ich bald wieder hinein passe. Auf diese Art und Weise habe ich es zu einem Kleider-schrank voller superschöner, aber zu enger Sachen gebracht, während auf meiner Kommode der kleine Haufen Kleider liegt, die ich regulär und aktuell so anzuziehen pflege. Das ist enorm praktisch, weil man sie nach dem Waschen und Trocknen gleich auf die Kommode packt und sie morgens griffbereit hat. Man muss nicht erst lange im Schrank danach suchen.
Und Herrn P.s Sachen - noch weiß er nicht, dass seine schwarzen “Kuschelpullover” im Müll gelandet sind. Die stinkigen Fetzen in die Altkleidersammlung zu geben, erschien mir nicht angemessen. Von “schwarz” kann gar keine Rede mehr sein; schwarz waren sie vielleicht mal 1989, als Herr P. sie bei unangemeldeten Demonstrationen im schwarzen Block getragen hat. Da musste man schwarze Kapuzenpullover haben, damit man von den Polizeikameras nicht identifiziert werden konnte. Mein Liebster hebt sie auf, damit er sich immer dann subversiv und gefährlich fühlen kann, wenn ihn in seinem Job mit unbefristetem Arbeitsvertrag mal die Sinnkrise packt. In Wahrheit aber trägt er sie nur, wenn er verdeutlichen will, dass er sehr, sehr krank ist. Wenn er mit dem Pullover, die Kapuze eng über den Kopf gestülpt, die Schultern angezogen, hüstelnd und krächzend morgens in die Küche kommt, dann weiß ich, dass mir das Schlimmste blüht: er fühlt sich krank.
Deshalb verbinde ich mit diesen Pullovern tiefste Hassgefühle und habe keine Sekunde gezögert, sie wegzuschmeissen. Demnächst, wenn Herr P. sich irgendwie elend fühlt, werde ich keine Ahnung haben, wo die alten Kampflappen sich befinden.

Spielzeug der Kinder… auch so eine Sache. Heute habe ich aus dem Keller den Riesenkarton mit den Lego Duplos geholt. Zum einen war es an der Zeit, dass unser Kleiner sie bekommt, denn seine pädagogisch wertvolle Motorikschleife interessiert ihn nicht die Bohne. Und zweitens wollte ich auch diese Kiste mal aussortieren, um zu einer Entscheidung zu kommen, was das Christkind denn demnächst so bringen muss bzw. überhaupt gar nicht bringen muss. Darüber sind sich ja mein Christkind und das der vielen Großeltern traditionell extrem uneinig.
In der Lego-Kiste befinden sich Teile aus drei Generationen. Die, welche noch von mir stammen, sind vor allem bunte, quadratische 4er-Blöcke und kleine Männchen, die lediglich aus Kopf und einem Vierer unten bestehen. Kopffüßler mit zusammengewachsenen Beinen quasi. Erinnert sich noch jemand daran? Dazu gab es kleine Häuschen, die zwar verschiedenfarbig, jedoch immer mit einer gelben Schranke zu verschließen waren. Die gelben Schranken sind alle nicht mehr vorhanden, die Männchen müssen nun also ungesichert in ihren Häuschen stehen. Was sie dort aber tun, konnte ich leider bis heute nicht herausfinden. Es wird wohl eines der großen Geheimnisse meines Lebens bleiben.
Aus der Generation meiner Schwester gibt es ein Lego-Duplo-Haus. Ganz konservativ mit Vater, Mutter, zwei Kindern, einem Baby und dem Hund. Man könnte aber die Mutter durch den Hubschrauberpiloten ersetzen und hätte so eine Regenbogenfamilie. Das wäre moderner.
Leider ist das Haus nicht mehr ganz vollständig. Vorhanden ist zwar noch der Frisierspiegel und
das Waschbecken, die Toilette fehlt jedoch. Wie soll ich das meinem Kleinen erklären, dessen Lieblingsbeschäftigung doch ist, auf dem Klo zu hocken und dabei “piesch-piesch” zu rufen, jedoch niemals tatsächlich auch nur einen Tropfen darin zu verlieren sondern immer aufs Parkett? Nicht mal aus Versehen. Pieselt die Lego-Familie ins Waschbecken oder in den Garten an den großen Baum, dessen Blätter leider auch verloren gegangen sind. Macht nix, ist ja eh Herbst.
Ein Teil vom Küchentisch fehlt auch. Das finde ich ziemlich bedeutsam, denn der Wert von gemeinsamen Familienessen wird ja gemeinhin völlig unterschätzt. Oder sitzt die Lego-Familie Abends immer vor dem mit Kacheln besetzten Wohnzimmertisch und schaut RTL2 zum essen?

Ich hab dann erst mal alle Legos in einen Kissenbezug und diesen in die Waschmaschine gesteckt. Als ich dann mal wegen seltsamer Geräusche ins Bad gelaufen bin, musste ich entdecken, dass die Waschmaschine aus dem Pulverfach überläuft. Der ganze Boden voller Wasser mit Schaum. Hätte ich kein Waschpulver reintun sollen? Oder ist der Schaum durch die Lungenbläschen beim Ertrinken der vielen alten, einbeinigen Legomännchen entstanden? Egal, sauber waren sie hernach trotzdem und auf die Art und Weise ist es endlich mal wieder dazu gekommen, dass der Ludwig das Bad gründlich gewischt hat.

Morgen früh, wenn ich ins Büro komme, wird keine Zeit sein, den Schreibtisch feucht abzuwischen und die Schubladen zu entmisten. Und das wird ein gutes Gefühl sein.

SallyP.

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