Sally on the Blog

Hier sitze ich nun mit meinem Freund Merlot alleine und warte auf Herrn P. Der ist auf der ersten Eigentümerversammlung unseres Lebens und läßt mich per sms an den Abstimmungen über so wichtige Dinge wie:
- will die Eigentümergemeinschaft eine Gemeinschaftswaschmaschine und einen Gemeinschaftstrockner
- will die Eigentümergemeinschaft eine Standardwartung der Fahrstühle oder die Luxusausführung?
- will die Eigentümergemeinschaft eine Putzfirma fürs Treppenhaus oder wechseln sich die Parteien mit der Kehrwoche reihum ab

teilhaben.
Die letzte Sms lautete: “Willst Du dass alle Markisen gleich aussehen müssen oder nicht?”

Mir ist langweilig und ich bin müde und deshalb sähe ich meinen Liebsten eigentlich lieber hier daheim als woanders mit so dämlichen Fragen beschäftigt. Was soll man denn darauf sagen? Wäre ich dort, würde ich vorschlagen, dass alle Eigentümer rosa Playboyhasen-Markisen mit Glitzer drauf haben müssen. Oder lila, das ist jetzt modern. Ich hab zurück gesmst: “Mir wurscht, bin kein Markisennazi. Bring Ben & Jerrys von der Tanke mit wenn Du kommst”.

Es ist einfach der Ausnahmezustand… um uns herum sind die Leute ja gut situiert und bauen fast alle am eigenen Häuschen, sind damit schon fertig oder haben mindestens eine Eigentumswohnung erworben. Ich war diesbezüglich bisher jungfräulich, was sich aktuell geändert hat. Meine Güte, wenn ich gewußt hätte, was ich mir damit aufhalse… weit mehr als einen riesigen Kredit und eine Bindung an den Partner, welche die Ehe bei weitem übersteigt.

Die Leute sagen ja immer, man würde den Partner erst richtig kennenlernen, wenn man Kinder miteinander hätte. Ich für meinen Teil hatte das Glück, schon ein Kind zu haben, als Herr P. in mein Leben trat und so konnte ich in aller Ruhe studieren, wie er das vatermäßig so macht und mich dann - nach vielen, vielen Jahren - entscheiden, ihm aufgrund gebührlichen Vaterverhaltens noch ein eigenes Ei zu legen.
Die Kinder waren also nicht die Beziehungsüberraschung, sondern vielmehr die Immobilie. Ganz aktuell sind wir mit vielen zentralen Fragen beschäftigt und erkennen uns dabei oftmals nicht mehr wieder. Früher waren wir uns in Fragen von Style und Design völlig einig aber neuerdings gibt es überraschende Differenzen. Zum Beispiel tobt hier seit Wochen die Bodendiskussion:
Ursprünglich wollten wir uns vom Bauträger ein Parkett reinmachen lassen. Irgendeins… der Preis schien okay. Als es soweit war und der tatsächliche Kostenvoranschlag kam, hat uns der Schlag getroffen und wir haben in Schockstarre Teppichmuster angeschaut…
Bis mein Schwiegervater gesagt hat, er würde den Boden selbst verlegen. Hat er bei der Schwägerin ja auch schon gemacht und außerdem ist er in Rente und ihm ist langweilig. Super für uns, also waren wir wieder im (Holzboden)-Rennen. Nun sagt der Schwiegervater - und seinem Wort ist uneingeschränkt Glauben zu schenken, denn er ist Schwabe - dass es nur ein ganz bestimmtes Parkett sein darf und das sei teuer. Wegen der Fußbodenheizung. Aha. Ja, bitteschön, kein Problem. Dass wir Industrieparkett wollen, darüber sind Herr P. und ich uns einig. Immerhin. Der Parkettfachhändler des Vertrauens meines Schwiegervaters stellt uns also zur Auswahl:
Eiche, zum Preis von 65 Euro pro qm
Räuchereiche, zum Preis von 82 Euro
Nussbaum zum Preis von 98 Euro

Herr P. meint, Eiche sei zeitlos und hübsch, vor allem wenn sie geölt und nicht versiegelt sei. Geölt ist für mich sowieso klar, aber Eiche kommt mir nicht in die Tüte, weil Eiche erinnert mich an die Schrankwände meiner Großtante Ursel zu Zeiten, wo dieses Holz schon längst nicht mehr modern war. Ich will Nuss, aber die Kosten dafür übersteigen fast um das Doppelte die ganz ursprünglich veranschlagten Kosten der Baufirma, die uns ja damals horrend erschienen. Die Schwiegereltern runzeln auch die Stirn ob meiner bourgeoisen Einfälle und weisen darauf hin, dass KEINER in der Familie Nussbaum hat, OBWOHL wir nicht bei arme Leut wären. *schluck*

Seit Wochen sagt Herr P. zu mir, ICH müsse mich aber nun bald mal entscheiden. Aber wieso entscheiden? Wenn klar ist, dass Nuss zu teuer ist, was soll ich da entscheiden? Zumal er immer dazu sagt, dass ER der Meinung ist, Nuss sei zu teuer. Ich glaube vielmehr, ich soll mich nicht für eine Holzart entscheiden, sondern die Entscheidung liegt vielmehr darin, ob ich jetzt willig bin oder weiter bockig. Bisher habe ich mich darauf verlegt, einfach langgezogen “Neeeeeiiiiiiiiiiiiiiin” zu antworten und dabei dümmlich dreinzuschauen wie Barbie. Was ihn zunehmend gereizter macht und so kenn ich ihn eigentlich gar nicht.

Der Kompromiss soll nun die Räuchereiche sein, aber da bin ich jetzt zickig. Ich finde, Räuchereiche ist etwas für Leute, die nicht zugeben können, dass sie nicht genug Kohle für Nuss hatten. So wie wir. Herr P. meint zu diesem Argument, ich solle aufgrund meiner Egoprobleme mal wieder mit meinem Therapeuten sprechen. In Wahrheit finden wir die Räuchereiche aber tatsächlich beide nicht gut, was ein Eheberater - hätten wir einen - sicherlich für eine gute gemeinsame Basis befinden würde.

Seit gestern antworte ich übrigens auf die Aufforderung, mich endlich zu entscheiden mit dem Vorschlag, Teppichfliesen zu verlegen, weil das so schön praktisch und billig ist.

Und als es noch nicht der Boden war, war es die Küche. Die musste ja auch von langer Hand geplant werden. Im Prinzip waren wir uns völlig einig wie diese aussehen soll und wieviel Geld wir dafür ausgeben wollen. Bis wir ins Teure-Küchen-Geschäft gegangen und damit der Küchen-Mafia in die Hände gefallen sind. Erst ganz freundlich und dienstbeflissen und immer schön Kuchen hingestellt. Und uns dann vor Entscheidungen gestellt wie herkömmliche Dunstabzugshaube oder moderne Phallusform? 0-Grad-Kühlschrank ohne Stauraumverlust oder herkömmlicher Kühlschrank? Und wenn der Küchenmensch “herkömmlich” sagte, dann im Tonfall der Worte “Mülleimer” oder “Abflussrohr” oder “Misthaufen”.
Herr P. wollte dann die Pimmel-Abzugshaube und ich den Superkühlschrank. Vom Induktionskochfeld mit Gaskochstelle noch gar nicht zu reden…auf meinen Vorschlag, fortan 4 Mal die Woche Kartoffeln mit Quark zu essen und die Ausgabe dafür damit zu amortisieren, wollte er nichts wissen. Er mag einfach keinen Quark.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wozu kauft man sich gemeinsam eine Immobilie, die man eigentlich ein ganzes Arbeitsleben lang abzahlen müßte, wenn sie innerhalb kürzester Zeit der Scheidungsgrund ist, hä?

Übrigens hat Herr P. grad noch eine Sms zur Markisenfrage geschrieben:
“Die Markisennazis haben sich durchgesetzt!”

Ganz toll, denn das heißt wenigstens, dass er und ich uns im nächsten Frühjahr nicht um die Farbe der Markise streiten müssen.

SallyP.

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