Sally on the Blog

Heute morgen…

bin ich direkt vor der St-Pauls-Kirche über einen Knödel geradelt. Oder vielmehr durch ihn hindurch. Ein Kartoffelknödel. Und arg batzig war er offenbar auch, weil sonst hätte er sich ja von meinem Vorderrad nach links oder rechts abdrängen lassen. Aber nein, der war so batzig, dass ich mittendurch gefahren bin und ihn noch bis zur Schwanthalerstraße mitgenommen hab. Wahrscheinlich hängen Teile von ihm immer noch in meinen Speichen. Ein Knödel vom Oktoberfest. Wie schön.

Nicht genug, dass ich nun jeden Morgen statt quer über die Theresienwiese (bergab und dabei laut “I`m the queen of the world” rufend) zickzack durch das Oktoberfest hindurch radeln muss, wo die Straßenreinigung gerade die Kotzelachen und Pferdeäpfel vom Vorabend wegspritzt und das einzig erfreulich ist, dass die Wiesnbedienungen auf ihrem Weg zur Arbeit müde, aber freundlich winken. Nein, nicht genug damit…

Das Fest selbst ist ja eine schöne Sache…. wenn man in dieser Stadt nicht wohnen und arbeiten muss zu dieser Zeit. Insbesondere dieses Wochenende, wo traditionell die Italiener einfallen. Und wenn ich EINFALLEN sage, dann mein ich das auch so. Italien hat doch schon Telefon und Internet, oder? Und Presse und so… wieso hat sich bis dahin nicht rumgesprochen, dass es in Monaco di Baviera sowieso nie Parkplätze gibt und derzeit schon überhaupt gar nicht, hä?
Heut fahr ich von der Arbeit heim, da muss ich eh einen Umweg machen, weil wenn ich auf dem Heimweg bin, dann haben die Menschen dort schon einen Durchschnittspromillewert von 2,8. Also muss ich außenrum und das kann dauern. Ampeln haben keine Bedeutung mehr, aus dem Bahnhof strömen unablässig Leute. Die haben Hüte mit riesigen Weißwürsten obendrauf auf dem Kopf oder haben vergessen, die Bluse zum Dirndl anzuziehen. Manche Frauen sehen aus, als wären sie Statisten auf dem Weg zum Dreh von “Liebesgrüße aus der Lederhosn VIII”. Ist das Tracht oder Porno?
Also steh ich auf der Bayerstraße, lasse die Menschenströme vor mir über die Straße ziehen, zeige dem hupenden Taxler hinter mir meinen Mittelfinger (was soll ich denn machen, hä?) und richte mich darauf ein, dass ich erst Montag in einer Woche über die Goethestraße fahre.

Bis zur Hackerbrücke fahre ich dann auf der Straße, weil auf dem Radlweg hat man eh keine Chance. Radlwege und Radlfahrer gibts woanders einfach nicht. In Italien wäre der Versuch, mit dem Fahrrad durch dem Stadtverkehr zur Arbeit zu fahren, mindestens lächerlich, mutmaßlich aber eher tödlich. Mein zorniges Gebimmel bewirkt beim grantigen Münchner ein “Ja, fahr halt vorbei, Du dumme Amsel!”, aber immerhin springt er zur Seite. Der Italiener hört die Klingel gar nicht und geht mit seinen 100 Freunden, den Neuseeländern, seelenruhig weiter.
Mit der U-Bahn will man aber auch nicht fahren, weil die ist jetzt immer so voll, dass man mit den Haaren an den glitschigen, bierdunstigen, verschwitzten Oberkörpern von singenden Amerikanern pappen bleibt.

An der Theresienhöhe kann man dann getrost absteigen und schieben, weil da gehört einem nicht mal mehr die Straße… lauter Leute, die es nicht erwarten können, 8.40 Euro für einen schlecht eingeschenkten Liter Bier zu bezahlen. Gegen diesen Beschiss hat auch der Verein gegen betrügerisches Einschenken (den gibts fei echt!) bisher nix machen können.

Also schnell rechts abgebogen, da wirds besser. Leider kommt man auf der Schwanthalerstraße auch nicht vorwärts, weil eine Schlange Autos mit norddeutschen Kennzeichen laaaaaaaaaaangsam vorwärts fährt und einen Parkplatz sucht. Man möchte die Leute ja am liebsten aus dem Auto zerren, am Kragen packen und anbrüllen, dass Bayern eher mal von Gregor Gysi regiert wird, denn sich im Westend zur Wiesnzeit ein Parkplatz findet. Nicht mal in Riem oder im Hasenbergl, vor den Toren der Stadt, gibts zur Zeit einen solchen.
Bei uns in der Straße, in der Kurve… da im absoluten Halteverbot, stehen 3 Kombis. Italienische und niederländische Kennzeichen. Jetzt grade sind sie leer, aber morgen früh liegen in jedem 3 Männer und schlafen. Um die Autos rum ist alles verbieselt und noch schlimmeres und mindestens einer liegt draußen im Grünstreifen und man ist froh, wenn er sich noch rührt und nicht tot ist.
Wenn wir Glück haben, singen sie nicht, wenn sie heute Nacht heimkommen…

Wenn Du in München als Obdachloser auch nur 5 Minuten lang versuchst, Dich im alten botanischen Garten auf einer Parkbank auszuruhen, lernst Du unmittelbar die Gründlichkeit der bayerischen Polizei kennen.
Wenn Du aber Italiener bist und am zweiten Wiesnwochenende Dein großes Geschäft mitten auf einer Wiese im Bavariapark verrichtest, tut Dir keiner was. Ganz im Gegenteil… das Fremdenverkehrsamt wischt Dir höchstpersönlich dann noch den Hintern mit feuchtem Toilettenpapier und hofft auf Rückkehr im nächsten Jahr.

Im Umkreis von 2 km haben die Bäckereien ihre Schilder mit “1 Haferl Kaffee und 1 Butterbreze nur 2,30 Euro” wieder gegen “Prima colazione” in Glitzerneonschrift ausgetauscht.

Leute, ich bin echt sauer. Die ganze Welt regt sich immer darüber auf, wie die Deutschen sich auf Mallorca aufführen. Keine Frage, das läßt sicherlich oftmals gutes Benehmen vermissen.
Aber wie die ganze Welt sich in diesen zwei Wochen hier aufführt, ist wirklich unappetittlich und bodenlos.

Meine Kollegin fragte heute Mittag, ob wir kurz “rübergehen”, um auf dem Oktoberfest einen Knödel mit Soß’ zu essen.

Danke, aber ich habs zur Zeit nicht so mit den Knödeln. Wir sind dann zum running Sushi gegangen.

SallyP.

2 Responses to “Für Münchner, Radlfahrer und Touristen”

  1. Ridebo

    Liebe Lola-Sally,
    der hier ist mein Favorit, vor allem die Stelle mit Gysi :-D.
    Ich hoffe, du befindest dich längst in Verhandlungen für Buch und/oder Kolumne und lässt die Herrn Verleger gscheit bluten!

  2. SallyP.

    Leider nicht. Bisher hat sich kein mächtiger Mensch aus den entsprechenden Kreisen dazu herabgelassen, meine Bemühungen zur Kenntnis zu nehmen. Dass Du Dich aber hierher verirrst, ist mir eine besondere Freude.

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