Sally on the Blog

Lagerkoller

August 21st, 2009

Ihr habt es sicher schon bemerkt… ich benutze das Forum hier und damit auch Euch zum Zwecke der Aufarbeitung meiner täglich neuerlichen Traumatisierungen… es herrscht akuter Therapeutenmangel hier, weil diese Stadt so hochneurotisch ist, dass es auf jeden Einwohner einen Therapeuten bräuchte…(die sind ja auch die Einzigen, die sich die Mietpreise hier leisten könnten, aber das ist ein anderes Thema).

Schlimm ist wirklich, dass unser Kleinkind sich punktgenau mit Beginn des Sommerurlaubes seiner Eltern das Bein gebrochen hat. Gebrochen zu einem Zeitpunkt, zu welchem seine Haupttagesbeschäftigung Rumlaufen ist. Seit 3 Monaten verfügt er über diese Fertigkeit und seitdem tut er fast nichts anderes. Er läuft rum und rum und rum. Steht morgens auf, fängt an zu laufen und unterbricht sich eigentlich nur, um im Garten schnell eine Ameise zu zerbatzen und sich ins Ohr zu stecken oder um schnell ein Auto in die Kloschüssel zu werfen oder um mal eben einen Sabberundleberwurstmundabdruck auf das Wohnzimmerfenster zu drücken.

Jetzt ist sein Bein bis obenhin gegipst und wir sind jeden Tag unseres Urlaubes damit beschäftigt, ihn bei Laune zu halten. Und nun ist es ja nicht nur so, dass mit Urlaubsbeginn das Kind in Gips war, sondern gleichzeitig auch endlich der Sommer angefangen hat. Wir hätten also die Tage am See, im Schwimmbad, in den Bergen oder mondän am Planschbecken im Garten verbringen können, weit gefehlt.

Für unseren Großen suchen wir nun jeden Tag eine neue Tagesverabredung, damit der schon mal aus der Schußlinie ist. Täglich telefoniere ich Eltern von Freunden und Schulkameraden ab und beschwatze die wenigen im Lande verbliebenen, sich meines Sohnes anzunehmen. Bisher ist mir das meistens geglückt, wenngleich so manche Verabredung zweifelhaft war. Gestern z.B. hat er den Tag mit einem Klassenkameraden und dessen Mutter und deren 15 Jahre jüngerem Punkerfreund am See verbracht… wo die Jungs mutmaßlich mit Pommes und Cola gefüttert wurden, während die Großen Bier und Zigaretten zu Mittag hatten… ich mußte mich aus dem dringenden Angebot, mein Kind noch übernachten zu lassen, unter Aufgebot schlimmster und feiger Lügen wieder rauswinden. Puh!

Nachdem der Sommer nun täglich 35 Grad bringt und unser Gipskind inzwischen Hitzepickel von Stirn bis Fußsohle hat, welche offenbar auch zunehmend jucken, verbringen wir die Tage ausschließlich zu Hause oder im Garten im Schatten. Jeder Schritt nach draußen im Kinderwagen wird mit unmittelbarer Neuwentwicklung von feuerrroten Pusteln bestraft, also lassen wir es. Alle liebgemeinten Kaffee-und-Kuchen-Einladungen haben wir abgesagt und lesen stattdessen 15334 Mal am Tag die kleine Raupe, 394820 Mal das Flori-Osterhasen-Buch, spielen 34593 Mal Pitschepatschepeter, impfen uns täglich mehrmals mit der Plastikspritze, suchen den Boden nach verfrüht abgefallenen Kastanien ab und freuen uns daran, dass die Schale PIEKS macht, spielen dazwischen immer mal wieder “Kuckuck? Daaaaaaaa!” oder auch “allemeinefingerleinwollenheutmaltierleinsein” oder suchen auf den Ernie-und-Bert-Handspielpuppen die Nase, die Augenbrauen und die Ohren.

Leider kann man ein so kleines Kind ja nicht vorm DVD-Recorder parken und ihm täglich die Herr-der-Ringe-Trilogie verpassen und auch keine Kopfhörer mit Hörspiel in die Ohren stopfen. Es ist zwar ein HBchen, aber dennoch noch nicht - ganz - in der Lage, selbständig den Zauberberg zu lesen oder am Klavier eine Oper zu komponieren.
Ich räume aber beschämt ein, dass ich uns die Zeit inzwischen manchmal vertreibe, indem wir uns auf youtube 10 Mal hintereinander das Pinocchio-Intro anschauen. Er liebt die Stelle, wo Pinoccio auf dem Vogel reitet und ich liebe die Stelle, wo es im Text heißt “du kannst noch nicht alleine sein”, das rührt mich wahnsinnig.

Nachts schläft die Kröte wieder bei uns, da sie davon abgehalten werden muss, im Gitterbett aufzustehen. Also liegt sie zwischen uns, schwitzt und schlägt mir 5 Mal jede Nacht das schwere Gipsbein auf Arm, Bauch oder auch gern mal den Kopf, denn er dreht sich beim Schlafen wie ein Uhrzeiger.

Kurz und gut: Wir haben inzwischen einen Lagerkoller, der Ludwig und ich keifen uns bloß noch an und wünschten beide, die Ferien einfach abschaffen und wieder arbeiten gehen zu können. Als Singles. Und ausschließlich mit dekorativen Topfpflanzen in einem 100qm-Loft zu wohnen.

Für Samstag ist eine Reise geplant. Mit dem Zug. Wird es möglich sein, eine erholsame Urlaubswoche an einem Ort mit Pool zu haben, von welchem man das Kind fernhalten muss? Wird es möglich sein, das ganze Bespassungsequipment (Raupe, Floribuch, Bauernhofsteckkasten, Wimmelbuch, Ernie und Bert usw.) im Zug mitzunehmen? Wird es möglich sein, zu verhindern, dass Sand aus der Sandkiste zwischen Bein und Gips rutscht?
Wird die elterliche Liebe zueinander dieser Prüfung standhalten?

Am Montag nach dem Urlaub kommt der Gips runter. Danach darf ich endlich wieder arbeiten.

SallyP.

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