Sally on the Blog

Gestern bin ich im Umkleideraum der Kinderkrippe ganz unfreiwillig in eines dieser Ambitionierte-Mütter-Gespräche geraten. Da habe ich gelernt, was ein aktiver Wortschatz ist. Nämlich das, was die lieben Kleinen so den ganzen Tag von sich geben. Nicht das, was sie schon verstehen, nein, sondern das, was sie einigermaßen verständlich daherplappern. Wenn ich also beim Abendessen zornig mit der flachen Hand auf den Tisch schlage und brülle, dass mit der Batzerei jetzt Schluß ist - kruzefix - und der Rucolaflan gefälligst in den Mund von dem Terrorzwerg reingeht und nicht katapultartig über und unter den Tisch geschossen werden soll und die Kröte mittels teuflischem Grinsen deutlich macht, dass sie verstanden hat… dann ist das nicht der aktive Wortschatz, sondern der passive. Wenn er daraufhin aber sagt: “Mama, fitz, fitz, batzrei” dann ist das ein Vierwortsatz mit einem aktiven Wortschatz bestehend aus den Wörtern Mama, kruzefix und Batzerei.

Er kann jetzt auch zählen. Die Finger, die Treppen, die Familienmitglieder - alles wird unaufhörlich unter Mißachtung der 3 gezählt. Was an dieser Zahl so verkehrt ist, konnte ich noch nicht herausfinden, aber er vergißt sie immer. Das ist wie mit der Farbe Grün, die kann er auch anhaltend nicht benennen. Oder will nicht. Grün hat man dieses Frühjahr offenbar einfach nicht und die Drei wurde schon immer überbewertet.

Wenn Herr P.  auf der Leiter steht und für das Vorhangseilsystem mühsam Löcher in die Betonwand bohrt, ich den Staubsauger halte und das große Kind die Leiter hält, rennt der Zwerg ganz wichtig mit dem Meterstab herum und zählt: Einweivierfünf…
Um ihn von der Leiter weg und in Schach zu halten, beauftrage ich ihn, immer 15 zu messen. Fünfzehn findet er ein tolles Wort, hält sofort den Meterstab an alle Wände und zählt 15. Herrn P.  fällt ein Dübel runter, ich bücke mich und krieche danach. Das kleine Sprachwunder setzt sich auf meine Waden, hält mir den Meterstab an den Hintern und sagt: Mami Popo Fünften.
Stimmt, sagt sein Vater, sags der Mama ruhig, die glaubt immer, ihr Popo sei 23.

Verstecken spielen steht neuerdings auch hoch im Kurs bei uns. Der Kleine hält sich die Hände vors Gesicht und ruft: 1, 2, 4, ich kooooooooooomeeeeeeeee. Währenddessen versteckt sich sein großer Bruder immer unterm Schreibtisch, wo ihn der Kleine nie findet. Er rennt dann suchend umher und fragt uns irgendwann weinend, wo sein großes Idol abgeblieben ist. Wir geben ihm den Tipp, Piep einmal zu sagen und das macht er dann auch, hört die Antwort aber nie, weil er sich selbst auch immer gleich lautstark PIIIIIIEP antwortet. Wenn er ihn gefunden hat, ist er immer aufs Neue begeistert und beklatscht sich unter Baavoooooooo-Rufen selbst. Will dann der Große mal suchen und fängt an, mit dem Gesicht in die Couch gedrückt zu zählen, versuchen wir fast gewaltsam, den Rotzzwerg in ein Versteck zu locken. Das scheitert aber meist daran, dass er sein Gesicht Wange an Wange mit seinem großen Bruder ins Sofa drückt und ebenfalls wieder zählt.
Überhaupt hört er auf uns nie, tut aber immer das, was sein Bruder ihm sagt. Weigert er sich am Tisch, das Brot zum Käse zu essen, muss man den Großen nur bitten, sehr genüßlich in sein Brot zu beißen und dabei hmmmmmmmmmm zu machen, schon futtert auch der Kleine das Brot, von welchem man vorher noch hätte annehmen müssen, dass es schimmelverseucht und aus Rosenkohlpulver gebacken ist.  Das funktioniert übrigens auch mit Thymian-Hustensaft. Dafür, dass der Große ihn todesmutig vor den Augen seines Bruders trinkt, belohnen wir ihn hinterher heimlich mit Gummibären. Pädagogik ist, wenn der Zweck die Mittel heiligt.

Diese Vorliebe fürs Versteckspiel kann aber auch ganz schön nerven. Wenn ich Nachmittags mit dem warmen Wintermantel und den hohen Schuhen in die Krippe komme um die Kröte abzuholen, dann möchte ich, dass es möglichst schnell geht. Die heizen dort viel, ich schwitze und möchte heim, denn der Große wartet schon. Erst muss ich den Zwerg aber im Bewegungsraum aus dem Tunnel rausziehen, denn freiwillig kommt er nicht. Dann ziehe ich ihm in gebückter Haltung (wir erinnern uns an die hohen Schuhe und die Winterjacke) unter Schreien und Wüten die Schneehose, Jacke und Schuhe an und wenn wir dann fast zur Tür raus sind, rennt er weg und versteckt sich in der tollen Riesenschachtel im Flur. Ich hasse diese Schachtel. Die wurde von ambitionierten Erzieherinnen dorthin gestellt, um Kinder mit einfachen Mitteln zu erfreuen. Oder aber, um die Elternfolter in der Abholsituation noch weiter zu erhöhen. Ich würde diese Schachtel täglich am liebsten nehmen und vor der Krippenleitung mit bloßen Händen in minikleine Stücke reißen. Stattdessen krieche ich aber wieder am Boden und versuche, den menschgewordenen Flummiball aus der Schachtel zu fischen und unter dem Arm geklemmt nach Hause zu tragen.

Im Bus quatscht er die Leute distanzlos auf ihr AUA an, wenn sie einen Pickel haben und kommentiert jeden Pups mit Kackapups macht. Dammte Seiße ist sein Lieblingswort, seit ich mir den Zeh an der Treppe gestoßen habe und wenn sein Bruder Kumpelbesuch hat, steht er unablässig vor der geschlossenen Kinderzimmertür und ruft in den Spalt aaaloooooooooo, auch bielen hinein, bis sie ihn genervt mitspielen lassen.

Aber was das Austesten sprachlicher Möglichkeiten betrifft, hat man ja an Kindern bis ins Erwachsenenalter hinein seine helle Freude. Neulich saß ich mit dem Großen in der Straßenbahn, wo er sich immer ein Stück weit von mir wegsetzt. Angeblich, weil er hinten raus schauen will, aber ich glaube, in Wahrheit bin ich ihm peinlich.
Ich saß also vermeintlich allein und wurde mittels bedeutsamen Augenbrauen- und Zungenbewegungen von einem Mann angeflirtet. Ich wußte nicht recht damit umzugehen und schaute weg, was den Mann dazu animierte, auch noch lockende Geräusche von sich zu geben. Ich liebe sowas.
Beim Aussteigen schmiegte sich mein Sohn an mich und der Mann fragte ihn entsetzt, ob ich etwa seine Mutter sei. Ja, piepste mein Sohn vertrauensvoll und wollte draußen von mir wissen, was mit dem Mann gewesen sei. Ich sah mich dann zu Erklärungen bezüglich des Balzverhaltens seltsamer männlicher Artgenossen genötigt und hoffe, er wird in Zukunft meine Theorien dazu, wie man Frauen wirklich beeindruckt, kompetent umsetzen können.

Beim Abendessen erzählte er Herrn P. sensationsheischend, dass heute in der Trambahn ein Mann die Mama angebaggert hätte. Dieser gab sich empört, wollte wissen, wer und wann das war, was mich veranlaßte, kokett mit meinen Reizen anzugeben und deutlich zu machen, dass ich durchaus noch Chancen hätte und man sich meiner nicht allzu sicher sein dürfe.

Unser Großer hatte das Geplänkel mißverstanden und wollte die Scheidung seiner Eltern damit verhindern, indem er seinem Vater tröstend zurief: Nein, Papa, das war doch nur so ein besoffener alter Sack!

Übermorgen werde ich mit dem linguistischen Wunderzwerg eine weite Zugreise machen und sehe den 6 Stunden einfache Fahrt bereits angstvoll entgegen. Hoffentlich begegnen wir nicht vielen Leuten mit Pickeln und stattdessen vielen, die einen ähnlich gelagerten Fäkalhumor haben wie wir, und sich auch ebenfalls gerne über Maulwürfe mit Fäkalhaufen auf dem Kopf unterhalten.

SallyP.

One Response to “Sprachentwicklungsbetrachtungen 2.0”

  1. Drogo

    aaaloooooooooooooooooooooooo Wieder eine Feine Geschichte ich find kinder wenn sie grade das sprechen anfangen ja immer süß

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