Sally on the Blog

Familienliebe am Wochenende

Februar 6th, 2010

Samstag Mittag. Der König aller Trotzphasen schläft und sieht dabei plötzlich ungewohnt engelsgleich aus. Ich futtere Brot- und Käsereste an Tomatenschiffchen zu mittag; ohne Teller am Schreibtisch sitzend und fege die Krümel auf den Boden. Keiner da, für den man Vorbild sein und die eigenen Regeln einhalten müßte. Anarchische Zustände quasi, wie schön!

Ich checke meine Emails und verfolge in meiner Newsgroup für über den ganzen Globus verteilte Freundinnen die Diskussion darüber, was das Wochenende beschissener macht: Männer, die nicht nur unter der Woche dauernd am Arbeiten sind und dann auch noch Samstags irgendeinen Sondereinsatz in der Firma fliegen müssen, weshalb die Frau am samstäglichen Ausschlafen gehindert wird und den Tag alleine mit ihren Kindern, die sich allesamt gerade in der Ausgeburt einer schwierigen Phase befinden, verbringen muss. Sie nennt das der Psychohygiene wegen den “Kacken-Wichs-Samstag” in der Sicherheit, dass ihre geliebte Familie niemals von diesem Parlallelleben im Internet erfahren wird.

Oder sind Männer schlimmer, die am Wochenende zu Hause sind und sich wie bei Loriot plötzlich in alles ein- und damit die Familie aufmischen? Meine andere Freundin ist genervt von einem Ehemann, der zwar am Wochenende zu Hause ist, die freie Zeit jedoch nutzt, um ihr mit Weisheiten den Haushalt oder die Kindererziehung betreffend, auf den Zeiger zu gehen.

Ich kenne das.  Zuweilen kommt es vor, dass auch Herr P. und ich von Montag bis Freitag das Wochenende herbei sehnen, uns aus der Arbeit verliebte Mobiltelefonkurznachrichten schreiben und uns das Familienleben in schillernsten Farben ausmalen. Kaum ist dann aber Freitag Nachmittag und die ganze P.’sche Bagage endlich zu Hause versammelt, gibts Streit und die Eltern keifen sich an, als müßten sie ihre ganzen - während der Woche im Büro erlittenen negativen Aufladungen - an sich auslassen. Was uns betrifft, so haben wir im Laufe der Jahre gelernt, dass Erholung und Entspannung im Kreise der Familie am Wochenende am schlechtesten funktioniert, wenn man nur müde die Füße hochlegen will. Meist ist es dann so, dass ich plötzlich unser Domizil bei Tageslicht betrachte (was ich zu dieser Jahreszeit ja die ganze Woche nicht kann), mich unvermittelt der Schlag trifft und der Putzteufel in mich fährt. Plötzlich erblicken meine Augen den Staub auf den Regalen und die Zahnpastaflecken im Waschbecken und die Wollmäuse unter dem Bett und die (meist sehr kleinen) Finger- und Zungenabdrücke auf dem unteren Drittel der Fenster. Ich fange also unkoordiniert und wild - unter Schimpfen und Fluchen auf den Gott, der mich zu einem Leben mit drei schmutzenden Penisträgern - verurteilt hat, zu putzen an. Davon fühlen sich die anderen Familienmitglieder unterschwellig bedroht und reagieren meist damit, mich zu behandeln wie eine aus der Geschlossenen entlaufenen Psychopathin, die man mittels beruhigender Stimme wieder die gepolsterte Zelle zurück locken will. Dass dies - erst recht wenn ich mich weit hinten im Zyklus befinde - nicht das Mittel der Wahl ist und zur völligen Eskalation der Situation führt, muss ich meinen Mitschwestern hier nicht erklären, oder? Oftmals ist die Stimmung also am Samstag Morgen, noch bevor man darüber streiten könnte, wer Semmeln holen gehen muss, im Eimer.

Bewährt hat sich deshalb, dass die Familie ihr Wochenende schon vorher gut plant und nicht vergißt, auf keinen Fall gemeinsam untätig zu sein. Auf der Erkenntis, dass man niemals gemeinsam tatenlos entspannen kann, beruht das Geheimnis (m)einer glücklichen Ehe. Entweder wir haben gemeinsam etwas vor, dann überlegen wir uns vorher genau, wann, wie und wo. Oder jeder geht seiner Wege und nimmt ein Kind mit. Auf keinen Fall darf man darauf bauen, dass das Wochenende erholsam, schön, wunderbar und voller Liebe sein wird, nur weil man gemeinsam nicht arbeiten muss und aufeinander hocken kann.

Letzten Freitag zum Beispiel: Ich rase auf hohen Schuhen um 16 Uhr aus dem Büro, stecke mit die Finger in die Ohren um nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen, was meinem Chef alles noch so einfällt, grabe mich durch Schnee und über Eis zur Turnhalle des Sportvereins, sammle dort meinen großen Sohn ein um mein Versprechen, die 2 in Mathe zu belohnen, einzulösen und ins Kino zu gehen. Dort stehe ich eine halbe Stunde in der Schlange am Kartenverkauf, während meine Füße in den Stöckeln anschwellen, als würde ich zur Elefantin mutieren. Der Film behandelt die Thematik von Maschinen, welche gewünschte Nahrungsmittel auf die Erde regnen lassen können und im weiteren Verlauf aber die Weltherrschaft übernehmen wollen und mittels angriffslustigen Pizzastücken und Spaghettitornados die Menschheit auszurotten versuchen. Ähnliches habe ich vor ca. 15 Jahren erlebt, als eine Freundin aus dem Hollandurlaub magische Pilze mitbrachte. Immerhin kam ich auf diesem Wege dazu,  Schlaf nachzuholen, denn die Nacht zuvor habe ich im Internet mit einem 20jährigen Computerwahnsinnigen verbracht, welcher eigentlich auf das Desig von Fantasyrollenspielplatformen spezialisiert ist, mit mir aber das soziale Experiment wagte, meine homepage zu gestalten und sich damit in gänzlich andere Welten begeben hatte. Letzteres galt für mich aber doppelt, denn ich sah mich damit konfrontiert, einem Menschen, der sich Drago Drachenzahn nennt, zu erklären was “altrosa” ist und warum diese Farbe schön, grellpink hingegen nur auf Schneeanzügen der 80er Jahre cool ist. Der Unterschied war ihm unter Aufgebot aller meiner sozialer Kompetenzen gegen 3 Uhr Morgens immerhin zu vermitteln. Drago Drachenzahn kennt nun den Unterschied zwischen altrosa, pink, lila, violett und magentarot, während Sally immer noch nicht versteht, was er mit der Frage nach der HTML-Farbnummer ihrer Wunschfarben meinte. Aber man muss das verstehen: ich bin 15 Jahre älter und habe im Gegensatz zu ihm schon einige Gehirnzellen bei  Presswehen und der allabendlichen Lektüre der kleinen Raupe Nimmersatt verloren.

Ich werde das jetzt öfter so machen: Dem Kind einen Mutter-Sohn-Ausflug vorgaukeln und die Zeit im Kinderkino dann für ein Schläfchen nutzen. Wenn das nicht ressourcenorientiert ist, weiß ich auch nicht. Das einzige Problem war nach dem Film, dass ich mit meinen dicken Füßen nicht wieder in die Schuhe hinein gekommen bin.

Zu Hause wartete Herr P. schon mit dem Essen und Besuch, weshalb ich dann auch abends nicht dazu kam, die enge Hose auszuziehen, die Füße hochzulegen und stupide auf der Fernbedienung herumzudrücken. Gegen Mitternacht bin ich todmüde ins Bett gefallen und so verging der Freitag ohne eheliche Auseinandersetzung. Heute Morgen um 6 klingelte der Wecker und Herr P. und sein großer Sohn machten sich in aller Frühe auf den Weg ins Umland zu einem wichtigen Basketballturnier der U12-Mannschaft.

Der Trotzzwerg und ich haben derweil schön ausgeschlafen, bei Kaffee, Milch und eingetunkten Keksen darüber diskuttiert, ob der Maulwurf Grabowski Schmerzen hat, wenn ihn die Baggerschaufel hochhebt und warum die Raupe Nimmersatt eigentlich nie Bananen ißt. In regelmäßigen Abständen erreichten uns Kurznachrichten mit Texten wie

mein gott ist das schon wieder spannend, spiel gegen die dominierenden Hintertupfinger aber führung mit 12:4, es wird bis aufs blut gekämpft. der gegner wird aber stärker, hilfe

übel, die anderen eltern coachen alle ihr kind mit strengen anweisungen

nach starkem spiel leider knapp verloren. großes Kind hat sich nach foul auf die zunge gebissen mit bluten. erholt sich langsam von der tödlichen verletzung

korb von großem Kind! dicke führung gegen die Vordertupfinger

FREIWURFKORB FÜR GROSSES KIND!

Der Zwerg und ich haben jedesmal angemessen gejubelt und ich träume seither von einem Leben in Luxus und Reichtum mit wöchentlichen Botoxspritzen als Basketballsuperstarmutter.

Während ich den Einkaufszettel geschrieben habe, hat uns unser Nachzügler, eher im künstlerischen denn sportlichen Bereich hochbegabt, mit dem Zirkel seines großen Bruders geometrische Formen in die Flurwand geritzt. Aber wer will sich aufregen an solch einem ruhigen, beschaulichen Tag ohne Arbeit und Ärger?

Am Nachmittag werden wir uns im Kreise der Großfamilie bei Kaffee und Kuchen zusammen finden, wobei sich selbstredend auch keine Gelegenheit ergibt, zu streiten und insofern haben Herr P. und ich bisher ein wunderbares Wochenende verbracht und lieben uns sehr. Bleibt der Sonntag abzuwarten und was passiert, wenn Herr P. morgen, wie versprochen, ausschlafen darf während ich die Kinder übernehme. Ich werde unweigerlich allein, müde und genervt sein und einen ungehinderten Blick auf die nach Zuwendung in Form eines Putzlumpens schreiende Wohnung haben. Wie sich das gleichzeitige Bewußtsein, dass Herr P. derweilen friedlich ausschläft auf die Intensität meiner Liebe auswirken wird, bleibt spannend.

SallyP.

2 Responses to “Familienliebe am Wochenende”

  1. Drogo

    ICH BIN 25!!!!!!

  2. SallyP.

    Na und? Die html-Farbnummern beweisen, dass zwischen uns ein Universum liegt und selbst wenn ich einen IT-Kurs an der Volkshochchule mache, kann ich nicht mehr aufholen.

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