Sally on the Blog

Wie ist das schön, wenn am Samstag die ganze Familie einen gemeinsamen Ausflug macht. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, vor allem, wenn man nach dem großen Umzug und dem Weihnachtswahnsinn mal wieder rauskommen und was Anderes sehen will, als fettes Essen und Umzugskartons.

Weil wir dringend Badschränke, eine gute Stauraum-Lösung für die große Ecke im Flur und ein neues Bücherregalkonzept brauchten, haben wir uns entschieden, den Samstagsausflug nach Schweden ins Möbelhaus zu machen. Außerdem haben wir seit Weihnachten keine Papierservietten mehr und diese nicht im Haus zu haben, macht mich ähnlich nervös wie der Gedanke, nicht über genügend Geschenkpapier zu verfügen. Wenn man 9jährige kontaktfreudige Kinder hat, muss man immer damit rechnen, dass sie am Donnerstag eine Geburtstagseinladung für Samstag erhalten und dies aber erst am Freitagabend, wenn man den Schulranzen nach schimmligen Brotzeitresten durchsucht, durch zufälliges Finden der zerknüllten Einladungskarte bekannt wird. Die routinierten und vorausschauenden Eltern verfügen deshalb über eine kleine Sammlung Lego-Bausätze sowie Diddl-Maus-Kugelschreiber-und-Radiergummi-Sets - je nach Geschlecht - und selbstredend immer über viele Meter Geschenkpapier.

Andere Leute fahren ständig am Wochenende mit der ganzen Familie nach Schweden, weil dort für alle etwas geboten ist und man - glaube ich- sogar die nervige Oma in einem Daycare abgeben kann, während man entspannt shoppen geht. Weil wir - umweltbewußt und arm - nicht motorisiert sind, unternehmen wir solche Ausflüge eher selten, aber für letzten Samstag haben wir uns extra ein großes Auto geliehen und am Abend vorher die komplette Behausung ausgemessen und schriftlich fixiert, damit wir ja nicht in die Bredouille kommen, ein grandioses Interieur zu finden und aber nicht zu wissen, ob es an den angedachten Platz paßt oder nicht.

Geplant war, dass die kleine nervige Kröte auf dem Weg nach Schweden im Auto ihren Mittagsschlaf hält, damit wir in Ruhe Straßenkarten studieren, uns auf die Straße konzentrieren und den rechten Weg finden können, aber der König der Improvisation hat uns natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er schlief genau an der Autobahnausfahrt “Schweden” ein, nachdem er uns die ganze Fahrt vorher mit dauernden “RAUS”- und “AUF”-Rufen terrorisiert und an den Schultergurten seines Autositzes gezerrt hat. Er ist als Nachzügler und bockiger Widder viel Freiheit gewöhnt und kann mit Begrenzungen nicht umgehen. Also haben wir ihn am Parkplatz erst mal schlafen lassen und uns derweil Hotdogs mit Röstzwiebeln und labbrigen Gurken für jeweils einen Euro reingezogen. Herr P. lief dann los, um einen Bollerwagen mit schwedischem Vornamen für das schlafende Dornröschen zu ergattern, was angesichts der Massen an Familien an diesem Tag so schwer war, wie ein Mammut mit dem Lasso zu fangen. Die Trophäe trug den Namen “Anna” und vorsichtig betteten wir den Zwerg darin in der Hoffnung, dass er noch weiter schliefe, bis wir mindestens eine Lösung fürs Bad gefunden hatten. Seit dem Umzug stehen im Bad die Babybadewanne, der Wäschekorb und ein Plastikkorb voll mit Sachen drin auf dem Boden. Unser Kleiner hat sich in seinem neuen eigenen Zimmer insgesamt noch keine 10 Minuten aufgehalten, denn er wohnt und wirkt neuerdings exzessiv im Bad. Dort findet er begeistert Dinge wie den Rasierapparat, mit welchem er sich begeistert und “brrmmmmmmbrmmmm”-Laute ausstoßend im Gesicht herumfährt, das er sich vorher mit den tollsten Dingen wie der Antifaltencreme seiner Mutter, dem Antischuppenshampoo seines Vaters sowie Haarwachs und der Hornhautreduziercreme eingerieben hat. Anschließend malt er sich gerne einen Lidstrich quer übers Gesicht, saugt die Lidschattenpinsel aus und wirft Rasierklingen in die Toilette, welche er anschließend mit der Klobürste wieder zu angeln versucht. Sogar dabei, wie er sich Tampons in die Windel zu stecken versucht und dabei “Kacka” sagt, hab ich ihn schon erwischt. In die neue barrierefreie Dusche kommt er jetzt völlig selbständig hinein, weshalb man ihn nun dauernd dort “kuckuck” rufend in den Duschvorhang eingewickelt findet. Und besser man sucht und findet ihn sofort, sonst fängt er an, Duschgel und Shampoo über sich auszuleeren und sich und seine Klamotten dynamisch damit einzureiben.

Badschränke mussten also dringend her und wir hatten vorher bereits die Serie Godmorgon ausgespäht, vor allem wegen des schönen Namens, der uns als alte Heavy-Metal-Freaks außerordentlich gut gefallen hat. Godmorgon klingt wie eine finnische Deathmetal-Band der 90er Jahre und die Vorstellung von diesen Schränken in unserem neuen Bad mit den liegend verlegten weissen Fliesen und dem granitfarbenen Boden gefiel uns, denn wir wollen ja trotz Eigenheim und Schöner-Wohnen-Traum gern Punkrocker bleiben.

Leider wachte die Kröte bereits auf, als wir noch in der Schlange zur schwedischen Kinderverwahranstalt anstanden, um der Kröte großen Bruder auszusetzen, weil der Vollidiot vor uns mit der schwedischen Kinderbetreuerin darüber stritt, ob es nun nötig sei, den Personalausweis vorzuzeigen - welchen er nicht dabei hatte - oder ob sein Führerschein ausreichte. Die Schwedin blieb hart und verwies auf die AGBs, welche der Mann ohne Personalausweis selbstredend nicht gelesen hatte, bevor er die Schuhe und Jacke seiner kleine Tschackline in eine Kiste mit der Nummer 32 verstaut hatte und bereits einem ruhigen romantischen Hackbällchenmittagessen mit Tschacklines sexy Leggings-Mama entgegen sah. Tschackline heulte Rotz und Wasser und trat zornig gegen die Holzabsperrung zum schwedischen Kinderwonderland und ihr Vater versprach ihr mit Engelszungen ein riesiges Eis und ein weiteres, viiieeeel schöneres Kinderland im ersten Stock, wenn sie nur aufhörte, zu heulen. Wie er aus der Nummer wieder rausgekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich bin der Meinung, man darf Kinder nicht anlügen. Aber hätte ich Tschackeline sagen sollen, dass sie ihre Eltern zukünftig daran erinnern soll, dass man als Erwachsener verpflichtet ist, immer einen Ausweis mit sich zu führen, nicht nur wenn man nach Schweden fährt? Nein. Ich hätte ihr die Nummer vom Pflegeelternvermittlungsdienst des örtlichen Jugendamtes geben sollen, aber ich hatte sie leider nicht im Handy eingespeichert.

Während der weiteren Stunden versuchten wir verzweifelt, uns auf Regalsysteme und komplexe Lösungen zu konzentrieren, während unser Kleinkind sämliche Bastkörbe des Möbelhauses in sämtlichen Fächer aller ausgestellten Schränke verstaute bzw. die Löffel aus den Best°aschubladen in den TV-Schrank Benno zu räumen, während davor ein laut streitendes junges Paar steht, welches sich in der Benno- oder Billyfrage nicht einigen kann. Herr P. hantierte mit dem Zollstock vor Godmorgon und überlegte, wie er mir beibringen sollte, dass er zwar die mögliche Breite und Höhe der Stellfläche im Bad zwischen Wanne und Heizung ausgemessen hatte, aber nicht die Tiefe und Godmorgon nun eventuell zu tief für die Fläche zwischen Wand und Waschbecken sei. Derweil spielte ich “Kuckkuck-Daaaa!” da mit der Nervensäge und war immer heilfroh, wenn ich sie zwischen den vielen Leuten und den unendlich vielen Versteckmöglichkeiten noch finden konnte. Teilweise fand ich - statt meinem Kind - in entlegensten Ecken und Nischen andere verzweifelte, kriechende Elternteile auf der Suche nach ihren Kindern. Teilweise überlegte ich aber auch während der anstrengenden Suche auf allen Vieren zwischen Faktum und Trofast, was passieren würde, wenn man die Kinder einfach im Sm°aland abgeben und fortan als Single in Australien weiterleben würde. Kommt das manchmal vor? Die Verlockung ist groß, das bleibt festzuhalten. Und nachdem es im schwedischen Möbelhaus ja Restaurants, Kindergärten, Hotdogstände und Keksgeschäfte gibt, ist nicht auch zu erwarten, dass dort ein Waisenhaus mit Pippi Langstrumpf und Michel als Pädagogenehepaar betrieben wird?

Wir haben uns trotz unüberschaubarer Tiefe für den Kauf von Godmorgon entschieden. Dazu die Kommode Malm, die zwar nicht auf unserem Einkaufszettel stand aber ganz überraschend gut in die Nische im Flur paßt, wo auch der Telefonanschluß und der Sicherungskasten sich befinden. An der Kasse eine ellenlange Schlange und eine Schwedin in blau-gelber Kleidung, die uns freundlich einlud, die neuen Selbstbedienungskassen auszuprobieren, von welchen auch zufällig eine gerade frei war. Weil wir mutige und offene Menschen gegenüber alle Neuerungen sind, haben wir uns auch darauf eingelassen, mit einem schreienden Kleinkind, welches im Kindersitz des Einkaufswagens schon wieder an Grenzen gestoßen war und einem vollen Bollerwagen “Anna” mit dem wir allen anderen Besuchern auf der Suche nach dem Zwerg über die Füße gefahren waren, alle Einzelteile auszuladen, den Strichcode zu suchen und den Scanner darüber zu ziehen, bis der Bildschirm vor uns ein Erkennungssignal zeigt, wozu er nicht immer in Stimmung war. Die meisten dieser Artikel standen vorher nicht auf unserer Einkaufsliste, aber irgendwie muss man sich ja damit trösten, dass alles, was man mühsam gesucht, vermessen und sich nach langen ehelichen Auseinandersetzungen schließlich dafür entschieden hat, leider im SB-Möbellager nicht mehr vorhanden ist.

Jeweils vier Selbstbedienungskassen werden von einer Schwedin in blau-gelb betreut und wenn diese in einen heissen Flirt mit einem bärtigen Lodenmantelträger verwickelt ist, der optisch überhaupt nicht zu ihr paßt, steht man mit dem schweissverklebten Scannergerät, Herrn P. in Schockzustand und dem “runter, runter, LAAAAAAUUUFEEEEEEEN” brüllenden Kobold mutterseelenallein da und wünschte sich, über die Fähigkeit von Astralreisen zu verfügen, um sich in solcherlei Situationen mit dem nackten George Clooney auf eine Südseeinsel zu flüchten. Zudem entschieden wir an der Kasse auch noch, Godmorgon doch nicht zu kaufen, was unsere Kassenaufsicht schließlich in ihrem Flirt störte und sie vor die schwierige Aufgabe stellte, einen Artikel stornieren zu müssen.

Eigentlich hätte man sich danach Mandelkuchen und Kaffee verdient, aber wir stellten leider fest, dass nur EIN Godmorgonartikel storniert wurde und wir den anderen bezahlt hatten. Um einen Artikel zurückzugeben, muss man in einem anderen Teil Schwedens erst mal einen Nummer für die Reklamations- und Rückgabeschalter ziehen und warten. Ist man dann an der Reihe, wird einem erklärt, dass man den Artikel erst mal am Artikelausgabeschalter abholen müsse um ihn dann - nach Ziehen einer neuen Nummer - zurückgeben und sich das Geld erstatten lassen zu können. Um den Artikel aber abzuholen, benötigt man wiederum den Bestellzettel aus der Badabteilung, welcher sich in unserem Fall in Herrn P.s Hosentasche, welche sich mit Herrn P. und den Kindern und “Anna” bereits in der Tiefgarage beim Einladen des Autos befand. Lange Wege bin ich also gelaufen, habe wiederum gewartet, ein extrem riesiges Paket entgegengenommen um es dann ächzend am anderen Schalter nach weiterem Warten wieder zurückzugeben. Loriot und Karl Valentin hätten ihre helle Freude gehabt.

Herr P. und ich hatten am Ende des Tages die Schnauze von Skandinavien gründlich voll und verstehen schlichtweg nicht, wieso andere Leute manchmal nur zum Frühstücken nach Schweden fahren.

Malm haben wir heute aber aufgebaut und es hat erstaunlicherweise weder eine Rückwand noch Schrauben gefehlt. Dass 4 von 32 Schreiben eine andere Größe hatten und die linke obere Schublade deshalb nun ein wenig blockiert, soll uns nicht weiter stören. Ein Spiegel paßt auch noch darüber und ist dann so hoch, dass ich nur mein Gesicht anschauen kann, was nach der Weihnachtsvöllerei und den schwedischen Hotdogs sowieso besser sein wird.

Mit schwedischen Grüßen,
SallyP.

2 Responses to “Familienausflug am Samstag nach Schweden”

  1. Melanie

    Ich schliesse mich meinem Vorredner an. :-)

  2. Kevin

    Hey cooler Blog - cooler Artikel! Freue mich mehr zu lesen!

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