Sally on the Blog

In dieser stillen und beschaulichen Zeit, wenn andere Familien abends gemeinsam singen und einander liebevoll in die von Kerzenschein glänzenden Augen schauen, soll es ja auch vorkommen, dass Einzelne dem Wahnsinn verfallen.

Ich bin so jemand, denn Beschaulichkeit ist ein Wort, welches ich kaum schreiben kann, ohne nervös zu werden. Überhaupt scheint die ganze Familie P. mit Ruhe, Entspannung, Frieden, Stille und all so von Therapeuten propagierten Seelenzuständen nichts anfangen zu können, denn solcherlei Befindlichkeiten kehren bei uns selten ein. Weihnachten war all die letzten Jahre geprägt von der Frage, ob es eine Maronen- oder lieber Selleriemandelfüllung sein soll, Gans- vs. Putendiskursen und der Überlegung, wieviel Beine Letztere brauchen um für eine 14köpfige Familie auszureichen, Diskussionen darüber, ob man das Blaukraut selber machen muss oder ob man wenigstens das fertig kaufen darf, wennschon die Kartoffeln für die Knödel allesamt handgerieben sind und voller Liebe einzeln gerollt werden, Streitereien mit der Uroma über die prinzipielle Frage, ob Eltern bei den Überlegungen zu den Geschenken an ihre Kinder partizipieren dürfen oder ob dies unter das diktatorische Ressort der Großmütter fällt sowie die jährlich neu aufgeworfene Frage, ob Partnerschaften mit jedem Weihnachten wachsen und stabiler werden oder sie vielmehr mit jedem überstandenen Fest einen Sprung mehr in der zerbrechlichen Eheschüssel haben.

Dieses Jahr war uns der normale Weihnachtswahnsinn aber nicht genug. Nur Weihnachten fanden wir langweilig und oldschool. Wir haben uns also neue Herausforderungen gesucht und sind mittels der Planung unseres Umzugstermins auf das Wochenende vor Weihnachten fündig geworden. Geile Sache: zwei Vollzeitjobs, ein Komplettumzug inklusive vorheriger Bodenverlegung und Kücheneinbau, eine Matheprobe zum Thema “Zahlen bis eine Million”, eine Kleinkindbindehautentzündung, zwei Kindergeburtstagseinladungen mit der Verpflichtung, jeweils ein ökologisch einwandfreies, nicht in China gefertigtes und pädagogisch wertvolles Geschenk zu besorgen, eine gesellschaftliche Verpflichtung mit Abendgarderobenzwang bei überraschend 5 Kilo Übergewicht, eine Heimat-und-Sachkunde-Probe zum Thema Wasser bei drohendem Übertrittszeugnis, ein Vorstellungsgespräch sowie je ein Elterngespräch in der Krippe und in der Schule und das alles in einem Zeitraum von 2 Wochen, in welcher jeder Tag 24 Stunden hat und die Akteure menschlicher Natur mit durchschnittlichem Schlafbedürfnis sind.

Dazu kleinere Unvorhergesehenheiten wie z.B. den empörten Aufschrei meiner Mutter auf meine gemurmelten Überlegungen, dieses Jahr auf den Adventskranz einfach zu verzichten:”Nein, das kannst Du nicht machen. Die Kinder brauchen einen JAHRESKREIS!” Also hab ich folgsam noch mal eben schnell bei Ikea, wo wir eigentlich wegen der neuen Vorhangschienen waren, einen Schnäppchenadventskranz gekauft, welcher beim Auspacken am Abend vor dem ersten Advent schon völlig vertrocknet in seinen Einzelteilen zu Boden rieselte. Wir haben ihn dann unter Aufbietung allergrößter Vorsicht in äußerst modernes Design verpackt, was durch die Tatsache, dass die zu großen Kerzen einfach kleingeschnitzt wurden, noch unterstrichen wurde. Sehr modern, aber leider berühungsempfindlich und hochentzündlich.

Eine Nikolausfeier bei meiner Freundin B., welche nun bereits im 6. Jahr ihren urbayerischen Vater zur Nikolausmaskerade verpflichtet hatte, welcher sich alljährlich vor dieser Veranstaltung ordentlich Mut antrinken muss, was sich an seiner roten Nase und lallenden Aussagen wie: “So, jetzt kann ich wieder amal nix im goldenen Buch lesen, weil ich meine Brille im Schneeloch vergessen hab. Wirst schon ein braver Bub gewesen sein, gell großer Sohn P…” ausdrückte. Vor ihm - überlegen grinsend auf die weißen Nike-Turnschuhe des eindrucksvollen Mannes schielend und locker-cool den goldenen Stab haltend - unser vorpubertäres Schulkind. Daneben ambitioniert nickend und dauernd die Worte “Sackerl auf Lade drin” wiederholend unser Zwerg. Und das, wo unsere Pädagogik doch umfassend darauf beruht, den Kindern das ganze Jahr über die Drohkulisse vom bösen Rachenikolaus aufrecht zu erhalten. Danke, depperter Weicheiernikolaus!

Schwäbische Parkettverleger, die nie etwas essen oder trinken wollen, nie Witze machen und sich lediglich ab und an durch unverständliche Wortfetzen verständigen, was mich vermuten ließ, dass ich polnische Bauarbeiter sicherlich besser verstanden hätte. Wahrscheinlich wollten die einfach nur so schnell wie möglich wieder heim zu den Spätzle und sich deshalb nicht allzulange mit Leberkässemmeln aufhalten.

Ein Schulkind, welches vor kurzem im Fernsehen weinend einen Bericht über die gemeine Haltung von Puten gesehen hat und mich seither täglich schwören läßt, dass unsere Weihnachtspute eine glückliche sein wird, was ich zwar selbstredend verspreche, gleichzeitig aber elegant verhehle, dass auch die glückliche Pute unserem Weihnachtsessen zum Todesopfer fallen wird. Fakt ist, am 1. Weihnachtsfeiertag ist sie nicht mehr glücklich und ich wahrscheinlich auch nicht, weil ich danach 7 Kilo Übergewicht habe.

Ein Kleinkind, welches sein neues Hobby “malen” exzessiv betreibt und sich gegen elterliche Standards, wie das ausschließliche Malen auf Papier, als anhaltend erziehungsresistent erweist, was am kugelschreiberverkratzten Eßtisch deutlich wird. Der neue weiße Designer-Esstisch ist bereits gekauft, wird jedoch nicht aufgebaut, bevor die Kinder nicht geheiratet haben und aus dem Haus sind.

Ein Küchenhändler, welcher uns vor 2 Monaten noch versichert hatte, dass Lieferung und Aufbau der Küche in der Kalenderwoche 52 überhaupt gar kein Problem sei, sich aber gestern auf meine Nachfrage zu der kryptischen Bemerkung: “Mal schauen, ob das so hinhaut, manche andere Kunden waren jetzt auch mal traurig!” hinreißen ließ. Traurig? Traurig waren die Kunden? Ach… Herr P. hat ihm dann mit ganz ungewohnt irrer Psychopathenstimme gesagt, dass wir auch arg traurig sein werden, wenn die verdammte Scheissküche nicht rechtzeitig kommt… Ganz arg traurig und furchtbar obdachlos, was wir ganz sicher in irgendeiner Form zu seinem Problem machen werden. Die Ausgestaltung dieser Drohung ist uns aber bisher selber noch nicht ganz klar. Werden wir dann zu ihm ins Küchengeschäft ziehen und fortan in der Designer-Ausstellungsküche kochen, welche wir uns leider für uns selbst nicht leisten konnten?

Liebes Christkind! Mach bitte, dass die Freunde meines großen Sohnes nächstes Jahr nicht alle in der Woche vor Weihnachten Geburtstag haben, dass das Kultusministerium baldmöglich umdenkt und meinen Kleinen in 6 Jahren nicht mehr mit der Frage quält, wieviele Tage ein Faultier braucht, um einen 9 m hohen Baum hinaufzuklettern, wenn es täglich 3 Meter schafft, aber abends immer einen Meter wieder herunter rutscht. Und erfinde doch mal einen Bioputenbauernhof, in welchem Puten mit 5 Beinen gezüchtet werden, die zu Lebzeiten glücklich waren UND in meinen Ofen passen und bitte hilf, dass wir nie mehr umziehen müssen und meine Oma endlich versteht, dass wir keinen Videorecorder mehr haben und dies nicht der einzige Grund ist, warum wir für unseren knapp 10jährigen keine Bob-der-Baumeister-Videos geschenkt haben wollen.

Ach und Christkind… wenn Du auf dem Heimweg von der Erde eine grauhaarige und müde junge Frau am Rastplatz an den Baum gebunden siehst… nimm mich bitte mit und setz mich auf einer rosa Wolke aus, wo es keine Spiegel gibt und nackige Clooney-Engel Mozartkugeln auf Silbertabletts vorbeibringen.

SallyP.

PS: Das Faultier braucht 4 Tage, weil es sich meines Erachtens am letzten Tag ja einen unten hängenden Ast greifen kann und also nicht mehr runterrutscht. Das bayerische Kultusministerium ist aber leider anderer Meinung.

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