Sally on the Blog

Schwabinger Krawalle

Juli 2nd, 2011

Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister!

Nun bin ich Ihnen ja seit vielen Jahren wirklich grundsätzlich wohlgesonnen und hege angesichts des unweigerlich nahenden Endes Ihrer letzten Amtszeit (an einen Oberbürgermeister vor Ihnen kann ich mich gar nicht erinnern, obwohl meine Oma immer erzählt, wie sie den Kronawitter nur deswegen gewählt hat, weil er ihr bei einer Wahlwerbeveranstaltung zwei roten Rosen geschenkt hat anstatt nur eine, wie den anderen Frauen) höchste Befürchtungen. Bislang müssen wir mit der rot-grünen Stadtregierung noch froh sein, so inmitten dem schwarzen Restbayern und fühlen uns damit wie ein kleines widerständiges gallisches Dorf, das umgeben von schwachsinnigen, aber gefährlichen Römern ist.

Wissen Sie, es ist ja nicht so, dass ich Ihnen all die Jahre den Bürgermeister der kleinen Leute abgekauft habe. Die Rolle hat Ihnen halt immer gut gefallen, aber die Wahrheit ist doch, dass es so viele kleine Leute in München gar nicht mehr gibt. Die sind ja entweder wegen der Immobilienpreise geflohen, weil sie ihren Kindern doch ein bissl was zu essen geben müssen und nicht ihr ganzes Einkommen in Quadratmeterzahlen stecken können, die Leute in anderen Teilen der Republik allein für ihre Gästetoilette beanspruchen. Oder sie sind von Porsche- und anderen SUV’s überfahren worden, das kann auch sein.

Sie wissen doch genau, dass wir fast nur noch Großkopferte in der Stadt haben und wenn die Wahlzettel richtig ausgezählt wurden, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass ein paar von denen Sie auch gewählt haben, was ja seine Gründe haben muss. Aber wie gesagt, angesichts der Alternativen war ich trotzdem immer froh um Sie.

Aber dass ich jetzt in der Süddeutschen lesen muss, dass Sie über eine der traditionsreichsten und originellsten Kneipen in München sagen, es sei eine Saufkneipe in einer Baubaracke und angesichts des drohenden Abrisses nicht ein paar Tränen wert, das empört mich… aber wie! Eine Saufkneipe, soso! Heißt das, eine Kneipenkultur, die von Leuten genutzt wird, die ihre Caprese nicht ausschließlich mit Büffelmozzarella vom Käfer fressen, ist in Münchens nix wert, oder wie? Gibt es nicht schon genug Etablissements in dieser Stadt, wo der Sprizz literweise ausgeschenkt wird und die Türsteher alles abweisen, was das goldene Glitzergewand auch nur einen Millimeter zuviel über dem zellulitebefreiten Arsch hat und nicht von minderbegabten Typen mit verspiegelten Sonnenbrillen in Designeranzügen im Mercedes SLK vorgefahren wird?

Die Schwabinger 7 stammt aus einer Zeit, wo dieser Stadtteil noch ein Viertel von Studenten war, die nicht in einem von Papis Aktienerträgen finanzierten Loft im 4. Stock eines renovierten Altbaus gewohnt haben. Da wurde in Schwabing noch die Revolution geplant und man wußte noch nicht, was eine Latte Macchiato ist und schon gar nicht, dass sie umgerechnet 12 Mark kosten kann. Da haben die “Schwabinger Krawalle” noch anderes bedeutet, als dass die Kunden auf dem Elisabethmarkt sich ärgern, weil das kosmobiodynamische Olivenöl, extra vergine und handgepflückt bei Vollmond von glücklichen Marokkanern, ausgegangen ist.

Freilich, ich bin selbst lang nicht so alt. Als ich regelmäßig in der Sieben gessessen bin, da waren die Altbauten schon saniert und der Durchschnittsschwabinger nicht mehr Bafög-berechtigt. Aber die Sieben hat noch mitten hinein gehört und die Penner außenrum haben nicht gestört, auch nicht in Mamas Kebaphaus daneben, wo man nachts um 3 noch günstig essen hat können, wenn man nach dem dritten Joint im Englischen Garten plötzlich einen gescheiten Hunger gekriegt hat. In der Sieben war das Bier bezahlbar und man hat immer jemanden getroffen, egal ob man den vorher gekannt hat oder nicht. Solche Etablissements waren damals schon Mangelwaren in München, wenn man von der “Gruam” (zu dt. “Grube”) am Schlachthof und dem Laimer Poststüberl einmal absieht.

In der Sieben waren Zauberkräfte am Werk, Herr Ude, auch wenn Sie es nicht glauben mögen. Da haben Leute reingepaßt…, Sie machen sich ja keine Vorstellung. Dass die Räumlichkeiten sehr klein sind, das hat man nur auf den ersten Blick gemeint. In Wirklichkeit hatte der Raum innen drinnen endlose Weiten und ich habe nie erlebt, dass man hätte wieder rausgehen müssen, weil man kein Plätzchen gefunden hat. Und das Klo…! Dass eine einzige Toilette für so viele Leute reichen könnte, unfaßbar. Man hat gut lernen können, mit diesem einen Klo und den hygienischen Bedingungen dort zu leben, wenn man erst ein paar Mal von dem rabiaten McDonalds-Mitarbeiter ums Eck´ aus den dortigen Sanitäranlagen verwiesen wurde. In der Sieben hat einfach jeder aufgepaßt, dass er nicht zu oft aufs Klo muss, regelmäßig seine Blase trainiert und einfach gewartet, bis es gar nicht mehr anders gegangen ist und fertig. Damals standen auch nicht die Raucher, sondern die Nichtraucher vor der Tür, weil sie es drinnen nicht ausgehalten haben und haben jenen zugeprostet, welchen so schlecht war, dass sie nicht drinnen vor der Toilette warten konnten, sondern auf den (bzw. in den) Gulli ausweichen mußten. Der war praktischerweise gleich draußen vor der Tür in der Feilitzstraße.

Und die Menschen drinnen waren alle immer gutaussehend. Ehrlich, Herr Ude, egal wie spät man gekommen ist und wo man vorher war und egal, was man schon getrunken hatte: Drinnen war immer eine schöne und nette Gesellschaft und wenn man einsam war, hat man dort Anschluß gefunden, bei Bedarf auch für den Rest der Nacht. Freilich, besser wars, man hat den Anschluß dann ggf. rechtzeitig vor Sonnenaufgang wieder heimgeschickt oder selbst seine Siebensachen gepackt und ist heimgeschlichen, denn der Zauber wirkte nur bis Sonnenaufgang. Ob sich vielleicht auch günstig ausgewirkt hat, dass die Sieben immer so verraucht war, dass man sowieso niemanden und nichts gescheit gesehen hat oder ob der eigene Blutalkoholspiegel bzw. der hohe Alkoholdunstpegel in der Luft dazu förderlich war, die Umgebung mit äußerst wohlwollenden Augen zu betrachten, sei dahin gestellt.

Erstaunlicherweise hat man dort aber nicht nur Bier, sondern auch solche Kräfte tanken können, dass man immer in der Lage war, nach der letzten Runde heim zu gehen. Egal, wo man gewohnt hat, am Lehel, in Moosach, in Haidhausen oder auch in Sendling: Man konnte immer heim laufen und es haben einem nie die Füß’ weh getan, zumal man in die Sieben sowieso nicht mit hohen Hacken gegangen ist. Manchmal hat man Pause auf der Rasenfläche vor der Kunstakademie gemacht oder auch nochmal im Park hinter der Kirche am Sendlinger Tor. Aber heim kam man immer und die Stadt war plötzlich gar nimmer so groß, sondern fußläufig überschaubar. Zauberei, echt. Manchmal aber hat sich in der Sieben auch ein Taxifahrer gefunden, der dort bei 4 oder 5 Bier Pause gemacht hat und einen nachher - vor dem zweiten Teil seiner Nachtschicht - noch schnell heimgebracht hat. Eventuell ist der zweite Teil der Nachtschicht dann auch ausgefallen und der Taxler ist bis morgens zum Kaffee geblieben, das war dann sehr praktisch.

Wissen Sie, Herr Oberbürgermeister, ich will Sie ja nicht langweilen mit meinem sentimentalen Schmarrn. Aber ich meine, solche Geschichten kann jeder von dieser Kneipe erzählen, egal ob aus den 70er, 80er oder 90er Jahren. Freilich, ich war selbst lang nimmer dort, weil es auch bei mir irgendwann mit der Revolution nicht mehr so weit her war und ich den Rauch in den Augen nicht mehr so gut vertragen hab. Aber ich möcht wetten, dass es den Leuten nach mir noch genauso ging, deshalb waren die ja jetzt kürzlich auch so narrisch, als die Sieben endgültig zu machen hat müssen. Schließen, weil das Gebäude jetzt endgültig abgerissen wird. Weil schöne Wohnungen hinkommen sollen. Wohnungen, die wir in München so dringend brauchen, gell? Saublöd nur, dass es wieder keine bezahlbaren Wohnungen für die kleinen Leute sein werden, für die Sie angeblich ja so ein großes Herz haben. Nein, stattdessen werden es wieder Luxusbauten mit Dachterrassen für 9000 Euro der Quadratmeter, die dann als Zweitwohnsitz für Promis und arabische Scheichs dienen, wenn sie die Maximiliansstraße zusammen kaufen wollen. Die brauchen wir ganz dringend, ich versteh das schon. Weil die den Läden Geld bringen und die wiederum können dann ganz viel Gewerbesteuer zahlen, von der wir dann super Tunnels unterm Mittleren Ring durch bauen. Da können dann die großen Autos wieder ungehindert fahren und müssen nicht so viel im Stau stehen, die Armen.

Der Süddeutschen haben Sie auch gesagt, dass Sie von Schwabinger Mitbürgern schon immer angegrantelt worden seien, wann dieser Schandfleck nun endlich weg käme. Natürlich, wer sich in Schwabing hinten in der Mandlstraße heutzutage eine Wohnung leisten kann, der mag natürlich keine Grünhaarigen nachts um 3 aus einer Kneipe kommen oder den Pennern unten am Feilitzschplatz eine Zigarette schenken sehen. Mit Schwabinger Kultur hätte das nichts zu tun, haben Sie auch noch gesagt. Klar, echte Schwabinger Kultur sind die Kabarettkneipen, wo die wohlstandsdicken Kabarettisten für 45 Euro vor dem gemäßigten linken Bürgertum auftreten, sich ein bissl über die CSU lustig machen und von einen Publikum, das sich in die wilden 70er Jahre zurückversetzt fühlt und dabei Steinpilzrisotto löffelt, herzlich dafür applaudiert bekommen. Oder hab ich das jetzt verwechselt und es sind vielmehr die Pappbechercoffeeshops auf der Leopoldstraße, wo der Kaffee mit Vanillearoma und Strohhalm serviert wird, die echte Schwabinger Kultur?

Aber was solls, jetzt ist es ja rum ums Eck. Die Sieben hat zugemacht und bald stehen an dem ehemaligen Schandfleck Häuser mit Wohnungen, für die der Stararchitekt das Bepflanzen der Balkone verbietet, weil dies die künstlerische Gesamtperformance beeinträchtigt.

Ich werde nicht weinen, weil ich eh schon lang nimmer da war und die vielen Biere, die es brauchte, um die Enge in der Sieben auszuhalten, nicht mehr vertrage.

Aber dass ausgerechnet der depperte Spaenle von der CSU der Schwabinger 7 jetzt die Stange gehalten hat und Sie der Münchner Altbau-Schickeria das Wort reden, dafür dürfen Sie sich meiner Meinung nach eine Runde schämen. Vielleicht überlegen Sie jetzt vor Ihrem endgültigen Abgang noch einmal, ob ein Rest an Subkultur einer durchgestylten Stadt wie München nicht doch ein bissl gut anstehen täte. Weil Subkultur ja auch mehr sein kann, als die Weißwürschte nach 12 Uhr mittags zu essen.

Nix für ungut,

SallyP.

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