Sally on the Blog

Heute morgen bin ich in der Kurve auf der Theresienhöhe volle Kanne auf den Arsch gefallen. Mit zusammengebissenen Zähnen bin ich einige Meter weit gehumpelt und habe mich dann unter dem mühsamen Versuch, die Zornestränen zurückzuhalten um mein Büromake-up nicht zu gefährden, wieder aufs Rad geschwungen und bin wackelig in die Arbeit gefahren. Ich könnte schwören, ich habe hinter mir das gehässige Kichern der Bavaria noch am Bahnhof gehört. Im Büro angekommen lief ich meiner Lieblingskollegin in die Arme, die mir bei meinem Anblick wortlos ihre warme Kaffeetasse reichte.

Ich habs richtig satt, echt. Mit dicken Handschuhen kann man nicht richtig bremsen, mit den dünneren friert man sich die Finger ab. Zur Zeit fahre ich auf der Hälfte meiner Wegstrecke mit in den Handschuhen zu Fäusten geballten Fingern und wäre dabei im Falle, abrupt bremsen zu müssen, quasi erledigt. Und das ist angesichts der völlig wahnsinnigen Vorstadtporschefahrer, die täglich meinen Weg und meine Nerven kreuzen, nicht einmal so unwahrscheinlich.

Neulich fuhr ich ohne Licht und guter Dinge daheim los. Auf der Schwanthalerstraße wurde es plötzlich stockfinster und es fing an zu schneien, in Gegenrichtung natürlich. Ich fuhr ungelogen die ganze Bayerstraße blind entlang, unter Aufbietung all meiner parapsychologischer Fähigkeiten, um unerwartete Baustellen, rote Ampeln und unter Schnee verborgene Straßenbahnschienen rechtzeitig zu erahnen. Ich erreichte überraschend lebendig meinen Arbeitsplatz. Im Flur begegnete mir der griesgrämige Controller, der sich angesichts meiner hysterischen Aufforderung, sich gefälligst über mein nicht stattgefundenes Ableben zu freuen, ängstlich an die Wand drückte. Er nickte stumm und starrte mit großen Augen auf meinen Hals, in dem sich der geschmolzene Schnee aus meinen Haaren mit Wimperntusche und Nasenrotz sammelte. In meinem Rollcontainer sind zwar Deo, Tusche, Lippenstift und sogar schwarze Pumps für den Notfall, aber an solchen Tagen müßte man einen ganzen Visagisten im Pohlschröder versteckt haben, um noch etwas zu retten.

Und dann noch das Problem mit dem Radlparkplatz… täglich sehe ich mich genötigt, das gute Stück am Pförtner vorbei in mein Büro zu schleusen, was streng verboten ist. Zum einen durch die Hausbesitzer, weil die Fahrstühle verkratzt und die Wände verdreckt werden könnten. Darüber wacht ein Pförtner mit schütterem Haar und Alkoholproblem. Die Situation habe ich aber im Griff, solange nicht seine Urlaubsvertretung im Amt weilt. Jeden Morgen eile ich mit meinem Fahrrad strahlend an seinem Kabäuschen vorbei und werfe ihm abwechselnd unanständige Blicke, verheißungsvolle Augenbrauenbewegungen und verliebte Lächeln zu, so dass er über sein Sabbern vergißt, das Fahrrad zu beanstanden.

Das zweite Problem ist unsere Geschäftsstelle, die über den Brandschutz wachen muss und daher ebenfalls Fahrräder im Büro oder gar auf den Fluren strikt verboten hat. Bisher wurde ich nicht erwischt. Notfalls muss ich zu harten Bandagen greifen und vielleicht mit Streik oder Suizid drohen. Ich könnte - wie der kleine dicke Spanier in Asterix - die Luft anhalten und vor versammelter Mannschaft rot anlaufen, bis mir die Augen aus den Höhlen treten und sie aus Angst vor meinem Ableben und damit vor Schadensersatzpflicht wegen eines Betriebsunfalls nachgeben.

Die Reinigungskraft haßt mich, weil sie täglich die geschmolzene Soße aus Schnee und Innenstadtabgasen aufwischen muss. Ich bin ehrlich versucht, ihr zuvor zu kommen, aber meistens schmilzt der Schnee genau dann von meinem Radl runter und wird zur schwarzgrauen Pfütze, wenn ich in einer Sitzung hocke. Und wenn ich es schaffe, die Lache brav selber aufzuwischen, kommt garantiert mein Chef vorbei, sieht mich mit dem Drecklumpen am Boden wedeln und fragt süffisant, ob diese Tätigkeiten in meiner Stellenbeschreibung stünden und ob ich dafür nicht leicht überbezahlt sei.
Herr P. und ich streiten jeden Abend darum, ob das Fahrrad über Nacht im Wohnzimmer wohnen darf oder nicht. Er ist der Meinung, es müsse draußen bleiben oder in den Keller getragen werden. Ersteres schadet der Schaltung und den Bremszügen und letzteres ist mir zu aufwändig. Es ist überhaupt nicht einzusehen, was dagegen spricht, dass es jeden Abend, bevor wir ins Bett gehen, in die Küche geholt wird, wo es die Nacht kuschelig zwischen Spüle und Kochinsel verbringen und sich aufwärmen kann. Etwaige Pfützen bilden sich dann auf den wischbaren Fliesen und können von mir morgens entfernt werden, bevor mein eifersüchtiger Mann überhaupt ein Auge aufgemacht hat. Er tut gerade so, als ließe ich das Fahrrad mit Reizwäsche bei uns im Bett schlafen. Täglich hebe ich das Objekt unserer Auseinandersetzungen unter seinem Geschimpfe über die Terrassentürschwelle und bringe ihn allenfalls durch ein mit kalter Stimme geflüstertes: “Wenn das Radl geht, geh ich auch!” zum Schweigen.

Bevor ich also meinen Job verliere, an zornbedingtem Atemstillstand versterbe oder meine Ehe zerbricht, wird es schlichtweg Zeit für Frühling. Also trete ich mühsam morgens über Schnee und Eis während mir die Kälte Tränen in die Augen treibt und auf meinen Backen gefrieren läßt, balle die Fäuste in den Handschuhen und singe dabei der gehässigen Bavaria das Lied vom Winter, dem alten Arschgesicht, dessen Scheiden mir überhaupt nicht weh tut. Bis sie mir dann wieder ein Bein stellt.

SallyP.

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