Sally on the Blog

Dass Kinder gut erzogen sind, erkenne man daran, meint meine Großmutter, dass sie sich woanders gut benähmen. Das Verhalten zu Hause sei keinerlei Maßstab und das solle ich mir gut merken, wenn ich ich wieder einmal darüber jammere, dass mein Kind mit Nudeln nach mir wirft, weil es das Basilikum in der Tomatensoße als Foltermethode empfindet.

Neuerdings renne ich mindestens einmal wöchentlich frühzeitig aus dem Büro, um einen möglichen Kindergarten nach dem anderen zu besichtigen, lächelnd die Anmeldeformulare immer neu auszufüllen und dabei mich und den kleinen Nudelschmeisser möglichst gut dabei aussehen zu lassen. Während der Rest der Republik fleißig für die private Rentenversicherung sparen und sich Sorgen wegen der Alterspyramide machen muss, haben wir in München ja einen Babyboom nie geahnten Ausmaßes. Ich schätze, das liegt entweder daran, dass es bei den hiesigen Immobilienpreisen niemand mehr schafft, seine Hütte im Laufe seines Lebens selbst abzuzahlen und daher Kinder in die Welt gesetzt werden, um eines Tages die Restschuld zu übernehmen.

Oder ist der Grund vielleicht darin zu suchen, dass die Gutverdiener hier bestens von Uschis neuem Elterngeld profitieren und alle Bugaboo-Farbkombinationen einmal ausprobiert sein wollen? Jedenfalls gibt es viele Kinder und zu wenig Kita-Plätze.

Zunächst war ich ja in großer Sorge deshalb, denn bekanntermaßen befindet sich mein Kind seit der Minute seiner Geburt in irgendeiner Form der Autonomiephase und testet immer gerade dann ausgiebig seinen Willen, wenn ich verzweifelt auf seine Kooperation angewiesen bin. Nicht genug also, dass ich momentan dauernd früher von der Arbeit weg muss, um das Kind abgehetzt von der Krippe weg in einen Kindergarten nach dem anderen zu schleifen und dabei fröhlich und gelöst aussehen soll. Nein, er sah natürlich nicht ein, wieso er sein Spiel neuerdings früher als sonst unterbrechen soll und boykottierte beharrlich meine Diskussions- und Bestechungsversuche. Ich trug also die lautstark protestierende und kreischende kleine Rotzblase aus der Krippe und zog sie gegen seinen Willen an, was der Quadratur des Kreises nahe kommt. Bis wir in der entsprechenden Kindertagesstätte ankamen, war ich körperlich und nervlich am Ende, meine Friseurperformance dahin und ich harrte angstvoll der Dinge, die nun kommen mochten, obwohl ich den künftigen Kindergartenbesucher ausführlich auf seine verantwortungsvolle Rolle als Bewerber vorbereitet habe.

Wider Erwarten erfüllt er seine Aufgabe aber besser als jeder Langzeitarbeitslose nach einem Bewerbungstraining beim Amt. Bisher war es noch jedesmal so, dass ich hinterher selbst nicht fassen konnte, wie höflich, freundlich, aufgeschlossen, eloquent und bezogen mein Sohn war. Im ersten Kindergarten antwortete er auf die Fragen nach seinem Namen, Vornamen und seiner Adresse korrekt und mogelte nur leicht bei seinem Alter, was angesichts der für ihn nicht zu verwindenden Tatsache, dass seine beste Freundin schon 3 Jahre alt ist, nachvollziehbar ist. Im zweiten Kindergarten gab er zur Begrüßung und zum Abschied die Hand und sagte “Grüß Gott” und “Pfüati”. Im dritten Kindergarten entdeckte er beim Rundgang die Toiletten und verlangte sofort, darauf gesetzt zu werden. Die Leiterin zeigte sich erfreut und erklärte ihm höchstpersönlich die komplizierte Spülfunktion. Noch eine Woche später bat er bereits selbst im Gespräch, die Toilette benutzen zu dürfen und wusch sich danach unaufgefordert die Hände. Anfangs war ich selber sprachlos, da er zwar die Windel seit Wochen verweigert, aber dennoch keine Ambitionen zeigt, dem Toilettenbesuch allzuviel Bedeutung beizumessen, wenn es gerade zeitlich nicht paßt.

Im fünften Kindergarten war ich aber schon versucht, der Kindergartenleitung verschwörerisch zuzuraunen, dass es ja geradezu impertinent sei, dass man den Einrichtungen neuerdings das Wickeln von 3-Jährigen zumutet und sie es nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, verweigern können, Wickelkinder aufzunehmen. In Erinnerung an mein großes Kind, welches meinen Berufseinstieg genau damit um ein Haar verhindert hätte, hielt ich aber den Mund und grinste nur innerlich wie ein Breitmaulfrosch.

Seither bitte ich meinen Sohn aber schon kurz nach der Begrüßung, einfach Bescheid zu sagen, wenn er auf die Toilette müsse, und mache damit ganz unaufdringlich deutlich, dass wir windelfrei und mit uns insgesamt wenig Unannehmlichkeiten zu erwarten sind.

Heute, im 7. Kindergarten, bat mein kleiner Albert um ein Buch, während ich zum gefühlt 2000. Mal einer Leiterin meinen schwierigen Nachnamen und meine und des Vaters Festnetz-, Mobiltelefon- und Büronummern buchstabierte sowie unsere komplexen familiären und konfessionellen Verhältnisse klärte.
Als er das Buch ausgelesen hatte, bat er freundlich um ein neues und als die Dame keine Kinderbücher mehr hatte, wagte ich mich weit aus dem Fenster: Ich schlug ihr vor, ihm einfach ein paar ihrer bebilderten pädagogischen Arbeitsbücher zu geben und versicherte, er würde gut darauf aufpassen, was angesichts meiner geliebten und leider völlig zerfetzten Jubiläums-Ausgabe der “Kleinen Raupe Nimmersatt” geradezu fahrlässig mutig war.

Mein kleiner Engel enttäuschte mich aber nicht und setzte zum Schluß noch eins drauf, als er mit einem Liederbuch zu mir kam, auf die Noten deutete und mich bat, ihm das Lied hier zu singen. Mein Gegenüber sagte nichts, aber die Begeisterung ob des vielseitig interessierten Kindes und seiner musischen Mutter stand ihr ins Gesicht geschrieben. In Gedanken spann ich die Situation weiter und malte mir aus, wie ich meinem kleinen Wolfi-Amadeus liebevoll über die blonden Locken streiche und ihn auffordere, sich das schöne Liedchen am Klavier doch schnell selbst zu spielen….

Aber soweit sind wir wahrscheinlich erst beim Anmeldetermin im 20. Kindergarten.

SallyP.

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