Sally on the Blog

Christmas illusions

Dezember 22nd, 2010

Ein einsamer Weg, der durch tiefverschneite Wälder führt. Baumwipfel, von welchen der Schnee in der Wintersonne herunter glitzert. Hinter den Baumstämmen hervorlugende Eichhörnchen und silberne Hirsche, die der vorbei laufenden Familie neugierig hinterher sehen. Vater und Mutter halten sich verliebt lächelnd an den Händen, der Vater legt seinem Erstgeborenen stolz den anderen Arm um die Schulter und die Mutter zieht das kleine Kind mit den leuchtenden Augen im Schlitten hinterher. Aus dem Rucksack des Vaters schaut der Stiel einer Axt heraus, womit er den schönsten Tannenbaum fällen wird, den sie nun gemeinsam für das nahende Fest der Liebe aussuchen werden…

Soviel zur Theorie, die die Mutter beim Adventsfrühstück ihrer geliebten Familie erläutert und welche sie gedenkt, an diesem Tag in die Praxis umzusetzen. Beginnen soll alles an diesem 4. Advent mit einem ausgedehnten, friedvollen und reichhaltigen Frühstück inklusive frischer Semmeln und 6 1/2 Minuten-Eiern.
Das geplante Drehbuch wird jedoch schon bald durch einen Zornanfall des Kleinkinds zerstört, welches seinen Protest zum elterlichen Dogma, zwischen jeder Scheibe Wurst mindestens zwei Bissen Semmel zu sich zu nehmen, durch das Werfen des Schinkentellers demonstriert. Der Vater sammelt die Scherben auf und sucht aus den Farmerschinkenscheiben vermeintliche Splitter. Die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum und wünscht sich sehnsüchtig eine Zigarette, obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr raucht und beim Volksentscheid zum Nichtraucherschutz mit “ja” gestimmt hat.

Später vergeht eine halbe Stunde mit der Diskussion, ob Kinder, die sich die Zähne nicht putzen und die Schneehose nicht anziehen lassen, auch mit zum Christbaumkauf gehen dürfen oder nicht und erst als Vater und Erstgeborener in Schneemontur mit Schlitten durch den Garten stapfen und dem Kleinkind motivierend winken, verlangt die Ausgeburt einer Trotzphase danach, angezogen zu werden und ist nun auch endlich bereit, stillzustehen. Bedauernd denkt die einst pazifistische Mutter an den baldigen Wegfall der Wehrpflicht und damit auch die letzte Chance, dem Buben die nötige Portion Disziplin, Gehorsam und Ordnung angedeihen zu lassen.

Die Eltern ziehen die Kinder mühsam über die gekiesten Wege, die - das wollten sie schwören - während der letzten zwei Wochen, als sie in die Arbeit radelten, weder geräumt noch gesandet waren. Sie umfahren dabei mehr oder weniger erfolgreich die Hundehaufen und heben immer wieder die Handschuhe auf, die das Kleinkind hinter sich wirft, weil es nicht die blau-grün gestreiften - die es verfügt hatte, für diesen Ausflug zu tragen - sondern die verhaßten warmen Skihandschuhe sind.

Der Vater erklärt den Kindern, dass man Schnee möglichst gar nicht - und wenn doch - dann keinesfalls den gelb gefärbten essen dürfe und dass Letzterer sich auch zum Schneeball schmeissen nicht gut eignete.

Die Mutter knipst ambitioniert viele Fotos, damit man den Kindern später, wenn sie mit therapeutischer Unterstützung die Traumata ihrer Kindheit aufarbeiten, die elterliche Schuldlosigkeit beweisen und u.a. auf die glücklichen Ausflüge im Schnee verweisen kann. Das bockige Kleinkind weist sie mit grimmiger Miene an, dabei keinesfalls zu lachen. Das Gegenteil-Kind lächelt daraufhin umgehend ganz liebreizend in die Kamera, wofür die Eltern sich heimlich hämisch grinsend abklatschen.

Schon fast am Ziel angekommen, geraten die Eltern über der alten Frage in Streit, wie hoch der Baum nun sein dürfe. Der Vater hält wie immer an seinem Standpunkt fest, dass allein die mögliche Raumhöhe die Größe des Christbaums bestimme und die gebotenen Möglichkeiten unbedingt bis auf den letzten Zentimeter auszunutzen seien.

Die Mutter hält dagegen, dass der Baum, umso höher er sei, umso breiter eben auch und die vorhandene Wohnfläche in der teuersten Stadt Deutschlands knapp bemessen. Bei der Auswahl der Behausung - so führt sie weiter aus - sei ein saisonaler weiterer, nadelnder Mitbewohner nicht eingeplant gewesen und müsse sich daher möglichst schlank gebärden. Während sie aufmerksam ihre Fingernägel betrachtet, gibt sie zu bedenken, dass anderer Leute Einkommen durchaus dafür reiche, riesigen Weihnachtsbäumen die ihnen angemessene Fläche zur Verfügung zu stellen und sie auch mit der nötigen Anzahl an Designer-Weihnachtskugeln zu schmücken. Der Vater entgegnet, dass andere Leute dafür auch Sonntags im Büro weilten, um das viele Geld zu verdienen und daher nicht zur Verfügung stünden, romantische Schlittenausflüge zum Baumkaufen zu machen. Sie antwortet böse lächelnd, dass der Rest der Familie dann wenigstens einen Porsche Cayenne zur Verfügung hätte, in welchem der Baum und ein sexy Liebhaber auch leicht zu transportieren seien. Der Vater murmelt etwas von unsäglicher Konsoumorientiertheit und schrecklichem Materialismus und stapft zornig und mit tiefen Wutfalten im Gesicht weiter.

Das große Kind lüftet derweil dem Kleinen auf dem Schlitten das Geheimnis des gelben Schnees, woraufhin dieser an seinem Schneeanzug nestelt und nicht einsehen will, dass sein Geschäft in die Windel zu verrichten ist, wo die Eltern doch zu Hause immer genau das Gegenteil verlangen.

Der große Christbaumverkauf erinnert eher an den Schlussverkauf bei C&A. Es stehen nur noch vereinzelte, krumm gewachsene Bäume dort und werden ganz unbesinnlich von Menschenmassen gerafft und schlecht gelaunt ins Auto geschmissen. Unsere Familie entscheidet sich schnell für einen hohen, schlanken Baum und ignoriert tolerant seine verschiedenen Behinderungen. Als der Verkäufer den Preis nennt, sprudelt aus der Mutter alle Wut über ihr postmodern interpretiertes Adventssonntagsdrehbuch und sie streitet so lange, bis der Mann ihr angstvoll und unter Staunen ihrer Familie den Baum zum halben Preis überläßt. Stolz wird die Trophäe auf den Schlitten geladen und überragt diesen um ein Vierfaches seiner Eigenlänge. Sein Wipfel schleift am Boden und auf der Hälfte des Weges ist die Spitze bereits abgebrochen. Die Mutter ist darüber heimlich froh, denn sie ahnt, dass die Dimension des Baums die reale Höhe des Raums überstiegen und ihr Mann sich bei den Längenmaßen verschätzt hatte. Mangelnder Bezug zu realen Längenverhältnissen scheint unter Männern ein weit verbreiteter Gendefekt zu sein.

Es wolle schlafen und könne nicht mehr laufen, jammert der Kleine. Der Vater nimmt ihn auf die Schultern und aus der Nase seines Jüngsten tropfen gelb-grüne Schleimblasen auf seinen Kopf, was die Mutter ebenfalls fotografisch festhält, um später auch die schier unendliche Elternliebe dokumentieren zu können. Sie muss nun allein den Schlitten mit dem Gozilla-Baum ziehen und ächzt dabei mit jedem Schritt ein bißchen mehr. Sie solle an den Jesus denken, ruft der Vater ihr motivierend zu und sie kämpft sich mühevoll weiter, mit rotem Kopf und weit nach vorne gebeugt, im Schweiße ihres Angesichts, die Schlittenschnur einschneidend über der Schulter. Zu Hause angekommen kann sie die Oster-Passion richtiggehend spüren. Sie legt sich neben das müde Kleinkind zum Mittagsschlaf und hakt im Einschlafen sämtliche dramaturgischen Vorstellungen bezüglich des nahenden Festes der Liebe komplett ab.

SallyP.

Neulich rief mich Herr P. empört im Büro an und berichtete von folgender, für ihn kompromittierender, Situation:

Am Morgen in der Kindertagesstätte -  er zog gerade unserem Jüngsten die Schuhe aus - begab es sich, dass der kleine Clemens-Emanuel gebracht wurde. Clemens-Emanuels Eltern sind von der Art, die großen Wert auf die bestmögliche Förderung ihres kleinen Wunderkindes legt um dessen Potential größtflächig zu nutzen. So soll er z.B. seine Schuhe immer selbst an- und ausziehen, während der jeweilige Elternteil geduldig daneben steht, ihm die dafür nötigen einzelnen Handlungsabfolgen aufzeigt,  in altersgerechter Sprache erklärt und auch nicht vergißt, jeden kleinen Teilerfolg ambitioniert zu loben. Sicherlich haben sie in einem Erziehungsratgeber gelesen, dass Kinder unbedingt nur die jeweils individuell nötige Anleitung zum Erwerb einzelner Kulturtechniken bekommen sollen und nicht mehr, da sie sich sonst evtl. bevormundet und in ihrer autonomen Entwicklung beschnitten fühlen, was langfristig schreckliche Folgen im weiteren Lebensverlauf haben könnte. Ich weiß immer gar nicht, ob ich solche Leute beneiden soll, weil sie offenbar eine große Erbschaft gemacht und das Geld gut angelegt haben und nun von den Zinsen leben können. Eilig haben sie es ja offenbar morgens nicht, um an eine Stätte potentieller Erwerbsarbeit zu gelangen. Oder soll man sie vielmehr bedauern, weil sie augenscheinlich beide trotz ihrer Dynamik keine Arbeit gefunden haben und nun ihren Tag mit pädagogischen Schuhspielen strukturieren müssen?

Sie sind selbstverständlich im Elternbeirat und beim pädagogischen Elternnachmittag begeistert dabei, bei welchem eine Sprachpädagogin zum Thema “Passende Bücher für jede Altersstufe” eingeladen ist. Clemens-Emanuels Mutter ist schon frühzeitig eingetroffen und hat riesige Tupperdosen mit selbstgebackenen biodynamischen Vollkornplätzchen mitgebracht, die so trocken und hart sind, dass man akute Asthmaanfälle davon bekommt. Sie brennt darauf, der Referentin ihre Fragen, die sie fein säuberlich auf einem Zettel vorbereitet hat, zu stellen und wartet daher den Vortrag gar nicht ab. Sie verwickelt die arme Frau vielmehr gleich nach ihrer Ankunft in ein Gespräch und zeigt ihr die Bücher, die sie im Jutebeutel mitgebracht hat und von welchen sie hofft, dass sie für Clemens-Emanuel die optimalen frühkindlichen Bildungskomponenten darstellen. Derweil sitze ich mit einer anderen Mutter in einer Ecke und stopfe mir Kuchen in den Mund. Wir haben beide unsere Mittagspause ausfallen lassen, um diesen wichtigen Termin in der Kita möglich zu machen und sind entsprechend hungrig. Dabei verdränge ich den Gedanken, dass das Lieblingsbuch meines Kleinen der “Struwelpeter” und insbesondere die Geschichte vom bösen Friederich ist, der den Hund mit Füßen tritt und die Mutter mit der Peitsche schlägt.

Zurück zur Ausgangsgeschichte: Jedenfalls ging der entzückende kleine Clemi mit seinem Vater an der Hand am in Wollmantel und Schal schwitzenden Herrn P. vorbei, der sich 2 Meter groß vor der Kinderbank kniend an des Sprösslings Schuhe abmühte, und sagte zu diesem laut: “Gell,…” und nennt den Namen meines Kindes, “du beißt jetzt nicht mehr!? Ich will das nicht!” Herr P.  schaut erstaunt und unsere Kröte antwortet zerknirscht und mit gesenktem Kopf: “Nein, ich beisse nicht mehr!” Clemens-Emanuels Vater nickt selbstgefällig und zufrieden und lobt seinen Sohn dafür, seinen Willen adäquat artikuliert zu haben und fordert ihn auf, das nun immer zu tun, wenn andere Kinder versucht seien, ihm gegenüber gewalttätig zu werden oder in anderer Form seine persönlichen Grenzen zu überschreiten.

Herr P., überraschter Vater des vermeintlichen Einrichtungsschlägers und Quotendelinquenten, des Supernannyklienten in spe und späterem Objekt von Erziehungsbemühungen einiger Kabelfernsehtherapeuten inmitten der Wüste Nevadas, schnappte nach Luft, fand aber leider so kurzfristig nicht die passenden Worte. Als er mich kurz darauf in der Arbeit anrief um die Geschichte zu erzählen, sprudelte er aber über vor Empörung. Wir überlegten gemeinsam, wie wir angemessen mit der Situation umgehen sollten und schwankten zwischen der Variante, die Geschichte schnell wieder zu vergessen oder aber ein gemeinsames Gespräch mit Bezugserzieherin und den Clemens-Emanueleltern zu bitten. Letzteres wurde schnell verworfen, da wir aus früheren Begegnungen mit Eltern dieses Naturels schon wissen, dass sich nur schwerlich eine gemeinsame Basis finden läßt und wir nach solchen Gespächen zu vermehrter Pickelbildung im Gesicht neigen.
Unser Großer ist naturgegeben ein friedfertiges und sozial kompetentes Kind, das niemals in irgendwelche Auseinandersetzungen verwickelt war. Und dennoch begab es sich, dass wir in der dritten Klasse von der Lehrerin die Mitteilung über Handgreiflichkeiten zwischen unserem Erstgeborenen und einem Viertkläßler bekamen, infolge welcher der Ältere Verletzungen davon trug. Wir wurden sehr formell aufgefordert, uns bei der Mutter des Jungen melden und die Angelegenheit und etwaige Regressansprüche zu klären. Besorgt rief Herr P. diese Frau also an und sah sich zunächst einer halbstündigen bayerischen Schimpftirade ausgesetzt, in welcher unser Sohn als aggressiver Schläger dargestellt wurde, der ihrem armen Bub absolut grundlos fast ein Ohr abgebissenhabe . Zudem sprach sie den Namen unseres Sohnes - der zwar selten, aber durchaus als deutscher Name bekannt ist - falsch aus, so dass er einen äußerst südländischen Klang bekam. Vor diesen verfälschten Namen setzte die Schimpfdrossel immer noch ein aufgebrachtes “dieser”, so dass man ihrer Tirade auch ohne besonders feinfühlig zu sein eine deutliche ablehende Haltung Migranten gegenüber entnehmen konnte. Herr P. hörte sich alles lange an und versuchte mehrmals, ruhig zu intervenieren und den tatsächlichen Ablauf des Geschehens aus der Dame herauszubringen. Vergeblich. Irgendwann explodierte er und ich hörte zu meinem Erstaunen, wie er der Frau scharf befahl, sich sofort zu mäßigen, den Namen seines Sohnes gefälligst korrekt auszusprechen und ihn nun ebenfalls zu Wort kommen zu lassen, da er das Gespräch sonst beenden würde. Die Dame hyperventilierte und legte auf. Im weiteren Verlauf, unter feierlichem Schwur unseres Sohnes sowie unter Zeugenaussage der zum Tatzeitpunkt Dienst habenden Pausenaufsicht stellte sich heraus, dass der vermeintlich so arme Junge jener Frau mit einigen anderen Viertkläßlern Äste von Büschen gerissen hatte und hinter den Drittkläßlern herjagte, um diese zu peitschen. Zur Ausführung der Drohung kam es nicht, denn mein Erstgeborener erinnerte sich an unsere dauernden Mahnungen zur Zivilcourage, nahm angstvoll all seinen Mut zusammen, überwältigte einen der die Peitsche Schwingenden und biß ihn so fest er konnte ins Ohr. Die Intensität des Bisses stellte sich leider als unverhältnismäßig heraus. Das Ohr schwoll blau an, weshalb man die Aufregung der Dame ein wenig nachvollziehen konnte. Immerhin wußte sie beim gemeinsamen klärenden Gespräch mit der Lehrerin sehr genau den Namen unseres Sohnes und grüßte Herrn P. bis zum Ende der Grundschulzeit ihres Sohnes immer überaus höflich.

Wir üben nun regelmäßig mit unserem Kleinen, sich verbal auseinander zu setzen und Strategien zu entwickeln, dem Beissimpuls nicht nachzugeben, damit er später doch noch zu einem Leistungsträger der Gesellschaft wird und nicht im Jugendknast landet.

Gleichzeitig kämpft Herr P. seither täglich morgens gegen den Impuls, Clemanuels Vater die Schuhe von den Füßen zu reißen und ihn zu zwingen, sie sich mit den Zähnen und unter stetigem Lob wieder anzuziehen. Ich dagegen leide an der Zwangsvorstellung, seine Mutter beim nächsten pädagogischen Elternabend mit Plätzchenteller in der Hand über meinen unverhofft ausgestreckten Fuß fallen zu lassen und dabei bedauernd “hoppala” zu sagen.

Die sollen froh sein, wenn wir sie nicht ins Ohr beissen.

SallyP.

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.