Sally on the Blog

Gestern habe ich in der Büroküche die Espressokanne A auf die Herdplatte B gestellt, um für meine Kolleginnen und mich die vormittägliche Dopingration zu bereiten. Ich schaltete B - vermeintlich - an und ging in mein Büro zurück, um nur eben noch die Wasserkaraffe zu holen. Dort sortierte ich zunächst meine Post, beantwortete 4 Emails und führte ein Telefonat, ehe ein seltsames Gefühl in mir hochstieg und ich nach 3 Sekunden in Schockstarre wie von der Terantel gestochen in die Küche rannte. Ich kämpfte mich mit brennenden Augen durch den weißen Nebel, riß die Fenster auf und griff geistesgegenwärtig nach einem Geschirrtuch, um die glühende Espressokanne C von der Herdplatte D zu reißen und zischend ins Waschbecken zu schmeissen. Ich hatte den Espresso nicht nur vergessen, sondern auch noch die falsche Herdplatte mit der falschen und leeren Kanne darauf eingeschalten. Der Henkel und sein Freund, der Deckelknopf von Kanne C hatten sich verflüssigt und liefen in neuer Gestalt um die Herdplatten A und D herum. Aus den Büros kamen hustend meine Kolleginnen angelaufen und nahmen mich angesichts meines kalkweißen Gesichts nacheinander in den Arm und versicherten mir, dass das jedem passieren könne.

Ob das stimmt? Kann das wirklich jedem passieren? Es war nicht das erste Mal, dass ich den Espresso vergessen hatte, doch bislang hatte ich es immer rechtzeitig vor dem Schmelzpunkt des Henkels geschafft. Ein paar Tage zuvor hatte ich einen Kinderarzttermin einfach vergessen, obwohl ich am Morgen mit Herrn P. noch darüber gesprochen hatte. Noch ein paar Tage zuvor hatte ich ihm eine temperamentvolle Predigt darüber gehalten, dass man 10-jährige Kinder bei Dunkelheit nicht alleine U-Bahn fahren läßt und er deshalb unseren Abkömmling abends vom Sport holen müsse. Wer aber vergaß, rechtzeitig von der Arbeit daheim zu sein, um das Kleinkind indes ins Bett zu bringen, war ich, die Rabenmutter mit dem Siebhirn. Herr P. ist inzwischen schon dazu übergegangen, mir in regelmäßigen Abständen Erinnerungsemails ins Büro zu schreiben und Bestätigungsantworten zu verlangen. Am Sonntagabend gleicht er meinen Terminkalender mit seinem ab und ergänzt meinen mit rotem Filzstift um die vergessenen Eintragungen. Ich ahne, dass ich zu Weihnachten einen PDA bekommen werde, den ich an einer nicht zu öffnenden Stahlkette am Herzen tragen muss und der mich mit mittelstarken Stromstößen an alles Wichtige erinnert.

Später fragte ich eine der eben meinem Mordanschlag entgangenen Kollegin, ob es möglich sei, in meinem jugendlichen Alter bereits an Alzheimer zu leiden oder ob sie nicht vielmehr glaube, dass es Rinderwahnsinn sein könnte und mein Gehirn langsam zu einem löchrigen Schwamm würde. Sie verneinte beides und riet mir zu einem besseren Streßmanagement. Streß? Bislang dachten Herr P. und ich ja, unbesiegbar zu sein und zwei Vollzeitjobs und Karriereambitionen, ein Zweitstudium, eine umtriebige Großmutter und die Kleinigkeit eines Immobilienkaufs mittels straffer Organisation, Disziplin, Rotwein und viel Liebe und Humor zu stemmen. Zuweilen bedeutete das, etwas unkonventionelle Organisationsformen zu verwenden und z.B. während der Arbeitszeit 12 Päckchen mit Kleinkinderklamotten aus Ebay-Verkäufen zur Post zu bringen und stattdessen das Protokoll der letzten Teambesprechung am Samstag Abend zu Hause am Laptop zu schreiben, während Mann und Kind “Wetten dass…?!” schauen und das Kleinkind selig schläft. Gleichzeitig hatte Herr P. oft Mühe, seiner Kollegin die Bemühungen, alle unwilligen Handwerker für die neue Wohnung vom Büro aus zu koordinieren, verständlich zu machen. Langfristig konnte sie nur zum Schweigen gebracht werden, indem er aufopferungsvoll ihre dauernd verschwundenen Dateien im System wiederfand und ihr täglich aufs neue erklärte, wie man Dateien im eigenen Ordner speichert und ihnen vorher auch noch sinnvolle Namen gibt. Beim Sommerfest in der Kinderkrippe gaben wir Torten vom Konditor überlegen lächelnd als selbstgebacken aus und beim Abschlussfest der Grundschule prahlte ich mit einer Tüte voll diverser kalter Vorspeisen vom Edelitaliener, die mich einen halben Wochenlohn kostete, nur um nicht selbst die halbe Nacht lang Zucchini in Knoblauchöl zu braten, weil auf der Liste der mitzubringenden Dinge nur noch “Antipasti” übrig war. Ich warte noch auf den Tag, an dem ich mal schnell genug bin, mich bei den “15 Brezen” oder “5 Liter Saft” einzutragen. Bei den Elternabenden in der Schule achteten wir darauf, immer ganz hinten zu sitzen, damit niemand unser Gähnen bemerkte und bei der Wahl der Klassenelternsprecher machten wir uns regelmäßig sehr klein und ich betrachtete konzentriert meine Fingernägel.

Eine Weile ging das auch gut und wir wurden für unsere vermeintlichen Multitaskingfähigkeiten und unseren geringen Schlafbedarf im Bekanntenkreis bewundert. Dass sich der schöne Schein aber nicht unbegrenzt aufrecht halten lassen würde, zeichnete sich spätestens ab, als meine hilfreiche Mutter ausfiel und wir unsere Arbeitszeiten inklusive Überstunden mit den Kinderbetreuungszeiten der Verwahranstalten nur noch vereinbaren konnten, wenn täglich jeweils einer von uns um 6.30 Uhr im Büro war. Von da ab wurde der Radius unserer Augenringe größer und ich hatte Schwierigkeiten, meinem Chef - Single und nie vor 9.30 Uhr im Büro - zu erklären, warum ich “schon” um Viertel nach Vier gehen müsse und die Umsetzung seiner wahnsinnig spontanen und selbstverstänlich genialen Idee noch bis zum nächsten Morgen zu warten hat. “Kinder…,” fragt er mich seither oft mit hochgezogenen Augenbrauen, “ich wusste gar nicht, dass Sie welche haben!”. Natürlich verkneife ich mir eine überraschte Erwiderung darüber, dass ihm der Begriff “Kinder” und die Bedeutung des Wortes überhaupt geläufig sind und träume von dem Tag, an dem ich die Chefin in diesem Laden bin und alle kinderlosen Mitarbeiter/innen in die Regisratur verfrachte und dem Rest eine 30-Stunde-Woche verpasse, die völlig flexibel abzuleisten ist. Bei bester Bezahlung und selbstverständlich unter Vorhaltung eines Betriebskindergartens mit flexiblen Öffnungszeiten und Bioessen auf Firmenkosten. Jawohl. Und einer Teamassistentin, die täglich und unaufgefordert für alle Espresso mit einem Hauch Milchschaum bereitet und lächelnd ein Johanniskrautdragee dazu reicht. Und die regelmäßig dafür sorgt, dass der Rauchmelder gewartet wird.

SallyP.

Kürzlich durften wir leider feststellen, dass wir pleite sind, was wir sehr schade fanden. Die vielen Latte Macchiati in der Mittagspause und die dauernd notwendigen Neuanschaffungen von Kinderschuhen haben dafür gesorgt, dass Herrn P.s und mein Konto jeweils negative Zahlen aufweisen. Bedauerlich, denn meine Weihnachtswunschliste ist lang und meine Vorstellungen von einem komplett neuen Wohndesignkonzept umfassend. Um die liebe Uschi von der Leyen nicht bald um 5 Euro mehr pro Monat anwinseln zu müssen, schien es also unabdinglich, unsere Ausgaben und unseren Lebensstandard zukünftig unseren Reallöhnen anzupassen.
Leider ist das in einer Metropole, in welcher die Leute Porsche als Zweitwagen fahren und Arbeitszimmer für ihre Wäscheständer vorhalten, nicht ganz einfach, denn man möchte ja auch nicht auffallen.
Als die Vernunftbegabtere dieser Familie beschloss ich nun also ein umfassendes Sparpaket, welches vom Rest der Familie leider nur sehr oberflächlich mitgetragen wurde. Der Maßnahmenkatalog sah zuallererst vor, alle in Vorratsschrank, Tiefkühltruhe und Kühlschrank befindlichen Nahrungsmittel zu verwerten und zu essen. Das Entsorgen von essbaren Dingen war von nun an bei Strafe verboten, was vor allem dem genusssüchtigen Herrn P. - ein Einzelkind - , der gerne mal aus dem Bauch heraus und nach individueller Tagesverfassung teuren Käse oder chilenisches Hochlandrinderfilet kauft, sehr schwer fällt. Als er neulich der Hauswirtschaftsbeauftragte des Tages war, bekam er den Auftrag, für den vegetarischen Linsenauflauf am Abend alle Zutaten zu kaufen, welche im - an der richtigen Seite aufgeschlagenen - Kochbuch aufgeführt waren, außer die sich bereits in rauhen Mengen im Vorratsschrank befindlichen roten Linsen. Ich informierte ihn weiterhin darüber, dass ich an diesem Tag voraussichtlich spät nach Hause käme. Unvorsichtigerweise ging ich davon aus, dass die kognitive Transferleistung, also die Verbindung beider Informationen, für einen im akademischen Maße begabten Menschen im Rahmen des Möglichen sei und ich mich demnach also unmittelbar nach meiner Heimkehr am Abend an den gedeckten Tisch setzen dürfte, um im Kreise meiner geliebten Familie kostengünstigen, aber wohlschmeckenden Linsenauflauf zu speisen.

Einer inneren Stimme folgend rief ich aus der Arbeit noch zu Hause an, bevor ich im Begriff war, das Büro zu verlassen. Da versicherte mir der Koch noch, dass er alsbald gedenke, mit der Zubereitung des Abendessens zu beginnen, aktuell jedoch noch bei den Müllhäuschen mit unserer vollbusigen Nachbarin im Fachgespräch bezüglich der Erziehung von Kleinkindern in der Autonomiephase sei. Ich erinnerte freundlich daran, dass der geplante Auflauf zuallervorderst aus klein geschnittenem Gemüse bestünde, welches sich leider nicht von selbst in mundgerechte Stücke teilen wolle und machte mich auf den Weg heim. Als ich dort ankam, fand ich meinen Mann mitsamt der Nachbarin immer noch ins Gespräch vertieft. Immerhin schienen beide bereits die Mülltüten entsorgt zu haben. Als Herr P. mich erblickte, rief er mir nervös lächelnd sofort entgegen, dass er in Sachen Abendessen umdisponiert hätte und seine Familie angesichts des Sonnenscheins und seiner überschäumenden Liebe auf eine Pizza einladen wollte. Ich ließ ihn schwören, dass er dies auf Kosten seiner geheimen Ersparnisse und nicht zu Lasten des gemeinsamen Haushaltskontos tun würde. In der Küche fand ich den kompletten Einkauf für das Linsenauflaufrezept inklusive der doppelten Menge an benötigten Linsen, was wohl der tiefsitzenden Angst meines Mannes, nicht satt zu werden, anzulasten ist. Seither haben wir im Küchenschrank rote Linsen, um Uschi von der Leyens ganzes Kabinett mit Auflauf zu versorgen. Immerhin ließe sich auf diesem Wege die inflationären geistigen Blähungen eines kompletten Arbeitsministeriums umleiten.

Einige Tage später, Herr P. hatte seinen vermeintlichen Sieg über mein auf Gemüse basierenden Sparkonzeptes fast schon wieder vergessen, legte ich nach. Ich schwor dem gehäuften Genuß von Fleisch, welcher nicht nur teuer, sondern bekanntermaßen auch ungesund und überdies die Würde von tierischem Leben verachtend ist, ab und bestellte kurzerhand die Öko-Gemüsekiste. Und zwar die Jumbo-Ausführung. Fortan sollte sich meine Familie von ökologischen Saisonnahrungsmitteln ernähren und Fleisch nur noch Sonntags und von Tieren, welche so glücklich waren, dass sie sich freiwillig und unter seligem Lächeln dem Metzger zum Opfer boten, auf den Tisch kommen.
Gelegenheit zur langsamen Gewöhnung gab es nicht, denn in der ersten Gemüsekiste befand sich gleich ein Medizinball großer Hokkaidokürbis. Dessen Anblick ließ Herrn P. das Blut in den Adern gefrieren, denn nichts haßt er so sehr, wie Kürbis. Sofort entbrannte die alljährlich wiederkehrende herbstliche Diskussion, ob Kürbis auf dem Mist wüchse und damit Abfall und für Menschen ungenießbar sei oder vielmehr eine Delikatesse, und ob man als ökologisch bewußte Familie nicht saisonalen Lebensmitteln den Vorzug geben müsse und ob es nicht überhaupt viel besser sei, so wenig Fleisch wie möglich zu essen, weil die Kinder von den ganzen Hormonen im Fleisch viel schneller wüchsen und deswegen in den Unterhaltungskosten - vor allem für Schuhe und Winterjacken - unverhältnismäßig teuer kämen.Herr P. , ein prinzipiell ruhiger, sozial verträglicher Mensch, dem nichts so wichtig wie der Familienfrieden ist und der sich deshalb sogar zum zehnten Mal “Dirty dancing” ansehen würde, bleibt in der Kürbisdiskussion hart und schwört hochfeierlich beim Leben seiner Mutter, von diesem Kürbis nichts zu essen. Auch nicht im Falle eines weiteren Weltkrieges.

“Pumpkin, mein Liebster,” schrieb ich ihm einen Tag später per SMS in die Arbeit, “egal was passiert, vergiß nicht, dass Du ein verantwortungsvoller Familienvater bist, der seinen Kindern in Sachen gesunder Ernährung ein Vorbild sein muss. Küsse, Honeybunny”.
Lange erhielt ich darauf keine Antwort und so schnippelte ich den hübschen Hokkaido, den mein Liebster mitleidslos in den Garten unter die verwelkten Sonnenblumen gestellt und ihm mit Türsteherstimme verkündete, dass er bei uns keinen Zutritt hätte, in kleine Würfelchen. Ich schwitzte diese mit Zwiebelchen und Knoblauch in Prosecco an und ließ alles bei kleiner Hitze köcheln, bis ich es mit einem Schuß Sahne und inflationär viel Parmesan zu Pasta servierte. Das große Kind überlegte mit sorgenvollem Stirnrunzeln, was wohl der Vater sagen würde, wenn er heimkäme und eliminierte den Geschmack des Abendessens mit Hilfe von viel Salz, 5 Gläsern Apfelschorle und mit dem angestrengtem Versuch, ausschließlich durch den Mund zu atmen. Das Kleinkind schrie beim Anblick seines Tellers sofort zornig nach Joghurt.
Der Vater kam mit Verweis auf die streikenden Busfahrer spät und hatte erstaunlicherweise keinen großen Hunger. Ich ignorierte die aus seiner Jackentasche hängende Fischmac-Verpackung und den Ketchupfleck auf seinem Hemd, schickte ihm haßerfüllte Blicke und aß betont würde- und genussvoll meine Nudeln. Später am Abend kündigte ich an, ihm demnächst mit dem Besitzer des Gemüsekistenvertriebs davonzulaufen und mit diesem und einem Dutzend geschnitzter Kürbisköpfe wilden Gruppensex zu haben. Er hielt nur müde dagegen, dass er die Kinder dann so lange mit Burger und Pommes füttern würde, bis das Jugendamt sie zu mir verbrächte. Er hätte sein Gehalt dann endlich wieder für sich allein hätte und plane, es in Leberkässemmeln mit zweierlei Senf zu investieren.

Bei genauerer Überlegung stellt sich mir die Frage, ob dieser Plan nicht auch tatsächlich der Ausweg aus unserer Haushaltsmisere sein könnte und ob ich mich infolgedessen nicht morgen in Reizwäsche und grellrotem Lippenstift in die leere Austauschökokiste setze.

SallyP.

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