Sally on the Blog

Vor nicht allzulanger Zeit schrieb mein großes Kind als Hausaufgabe einen Brief an den Bürgermeister. Darin bat es ihn ihn darum, alle Autos in München zu verbieten, damit die Welt nicht so gefährlich sei. Als ich einige Tage später den Lokalteil der Zeitung aufschlug, fragte ich mich, ob die Lehrerin die Briefe nicht vielleicht heimlich an den Empfänger weitergeleitet hatte. Es war zu lesen, dass die Stadtregierung durch verschiedene kreative Maßnahmen die Anzahl der Fahrradfahrer unter den Münchner Verkehrsteilnehmern deutlich zu erhöhen plane. Darunter fanden sich so innovative Aktionen wie die Suche nach Münchens Radlstar auf gigantischen Plakaten, die den Mitarbeitern in städtischen Gebäuden für geraume Zeit den Ausblick aus den Fenstern verwehrte. Besonders anheimelnd fand ich aber die Idee, künftig ein Fahrrad-Maskottchen auf den Straßen unterwegs sein zu lassen, den sog. “Radl-Joker”, den die Oppositon sofort abwertend den Radl-Kasperl taufte. Ich war begeistert von der Idee und stellte mir diese Figur mit Superkräften und fliegendem Heldenumhang vor; wie der Blitz radelnd durch die Stadt und immer in der selbstlosen Mission, Fahrradfahrer vor irren Fußgängern und testosteronüberschäumenden Autofahrern zu bewahren.
Tagtäglich gerate ich in Situationen, in welchen ich mir sehnsüchtig den Radl-Kasperl mit Armmuskeln so dick wie meine Oberschenkel herbeiwünsche. Wenn ich auf der Lindwurmstraße scharf bremsen muss, obwohl ich gerade im Anlauf vorm Sendlinger Berg bin, weil eine junge Frau in Röhrenjeans und Stiefeln mit Highend-Kinderwagen telefonierend und in den Himmel schauend auf dem Radlweg steht, dann soll er kommen. Das Handy soll er ihr aus der Hand reißen und fünf Mal mit ihrem Kinderwagen darüber fahren. Und dann soll er mich wieder anschieben, so dass ich wie auf Flügeln den Berg hochfahre und eine Silberglitzerspur hinter mir lasse, während die aufgetakelte Kuh mir und meinem Helden nachsieht und dabei neidisch seufzt.

Wenn morgens auf der Bayerstraße ein Porschefahrer mit Starnberger Kennzeichen von der anderen Straßenseite in eine Einfahrt schert um kurzfristig umzudrehen und ich nur in letzter Sekunde durch eine Vollbremsung verhindern kann, an seiner Autotüre klebend zu sterben und mir bei diesem Rettungsmanöver den Lenker ins Schambein ramme, dann soll er wieder wie aus dem Nichts auftauchen, mein Held. Den Yuppiearsch soll er am Polokragen aus seinem Cabrio ziehen, mit der Faust am Hals an die Hauswand drücken und ihn 200 Mal schwitzend sagen lassen, dass Fahrradfahrer auch Verkehrsteilnehmer sind, auf die zu achten ist. Dann ritzt er ihm mit seinem Siegelring das ADFC-Logo auf die Motorhaube und läßt ihn verstört weiterfahren.
Den Taxifahrer, der mir vor dem Luxushotel am Bahnhof die Vorfahrt nimmt, zwingt er, mit einem Dreirad ohne Rückspiegel auf allen vier Straßen rund um den Bahnhof die Linksabbiegerspur zu benutzen.
Und den südländischen Macho mit Bierbauch, den ich mühsam überhole, obwohl er wackelig den Fahrrad- und Gehweg annektiert und der sich dann an der nächsten Ampel doch wieder vor mich rein batzt, holt er vom Fahrrad runter. Er erklärt ihm in deutlichem Ton, dass man Fahrradfahren auch erst lernen müsse, der Rechtsverkehr für alle gelte und es ein Irrglaube sei, zu meinen, das Testosteron würde sich sofort verflüssigen und den nächsten Gulli hinabfließen, wenn man sich von Frauen überholen läßt.
Auf der Goethestraße packt er den Touristen, der mich gerade angeschrien hatte, ich solle gefälligst aufpassen, obwohl er mit 1000 anderen Oktoberfestbesuchern auf der Straße lief und ich äußerst vorsichtig in Schlangenlinien um alle herumgefahren bin. Er zieht ihm den albernen Weißwursthut vom Kopf und erklärt ihm dann geduldig den Unterschied zwischen Straße und Gehweg. Und weist ihn darauf hin, dass in dieser Stadt - auch wenn er und 2 Millionen andere Leute das nicht glauben können - auch zur Oktoberfestzeit viele, viele Menschen tatsächlich ein ganz normales kleines Spießerleben führen. Sie stehen unvorstellbarerweise früh auf, wollen pünktlich in der Arbeit und abends wieder daheim sein. Nachts wollen sie schlafen und auf dem Weg zur U-Bahn nicht in eine Pfütze von Erbrochenem steigen. Und darüber hinaus möchten sie gerne auf der Straße fahren und sehen die Fußgänger insofern lieber auf dem Gehweg. Danach packt er den Schreier hinten an der billigen Lederhose und hievt ihn leichthändig aufs Trottoir. Den blöden Hut gibt er ihm übrigens nicht zurück.

Soweit zu meinen Träumen, die sich bis jetzt leider nicht bewahrheitet haben. In Wirklichkeit tut dieser Clown so Dinge, wie Radlfahrer darauf aufmerksam machen, wenn sie auf der falschen Straßenseite oder nachts ohne Licht fahren. Er erklärt ihnen den Sinn von Einbahnstraßen und mahnt zur Vorsicht gegenüber den Fußgängern. Nie zieht er unachtsame Rechtsabbieger unter den Autofahrern heraus und läßt sie die Vorteile des rechtzeitigen Blinkens erklären. Stattdessen quält er mich und meinesgleichen mit der Furcht, von einem in albernen Blau gekleideten Clown mit orangener Bommelmütze in aller Öffentlichkeit angehalten und gedemütigt zu werden. Man muss jetzt fürchten, unverhofft von diesem Narren auf dem Gehsteig ausgebremst zu werden, obwohl man Schrittgeschwindigkeit gefahren ist oder an der Ampel zurückgeschickt zu werden, um zu beweisen, dass man rot und grün unterscheiden kann.

Einen Wiesn-Kasperl, der Touristen, welche kein Bier vertragen, die Wirkweise und Gefahren von zuviel Bierkonsum erklärt, hat die Stadtverwaltung aber noch nicht erfunden, oder? Der minderjährige Mädchen darauf hinweist, dass ein Dirndl aus Sicherheitsgründen besser über den Arsch hinaus reichen sollte und der besoffene Vorstädter zwingt, ihr Erbrochenes selbst aufzuwischen. Einer der Italiener, die im Park übernachten und sogar ihre größeren Geschäfte dort verrichten, mit einem 5 Jahre andauernden Stadtverweis bestraft und Männern mit käsigen Stöckchenbeinen das Tragen von Lederhosen verbietet.

Am liebsten wär mir ja, der würde aussehen wie George Clooney und mir jeden Morgen die Haustür aufhalten, mein frisch geputztes Fahrrad reichen und dann auf dem gesamten Arbeitsweg alle Fußgänger, Autofahrer und Touristen von der Straße putzt, bis ich vorbeigefahren bin. Ich würde auch allen huldvoll winken, ich schwöre. Kann darüber mal jemand mit dem Oberbürgermeister sprechen?

SallyP.

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