Sally on the Blog

Von Pipi und Kacka

August 20th, 2010

Wir haben großen Anlaß zur Freude! Unser Kleinkind ist nun etwas über zwei Jahre alt und hat die Freuden der Toilette und an allem, was damit verbunden ist, entdeckt. Wann hört diese Phase, die wohl völlig normal ist, auf und mündet in einem regelhaften Benutzen der Toilette für große und kleine Geschäfte ohne Verstopfung derselbigen mit ganzen Klopapierrollen? WANN, hä?

Angefangen hat es damit, dass er vor ein paar Wochen nurmehr nackt sein wollte. Ständig riß er sich die Kleider und die Windel vom Leib, sprang wie ein Affe auf LSD durch die Wohnung und schrie: “Ich bin der nackte Frosch!”. Dabei bildete sich unter ihm öfter mal eine Pfütze oder auch ein Häufchen, was angesichts eines heissen Juli kein Problem war, denn wir hielten uns zumeist draußen auf. Die große eklige Wurst in der Sandkiste schoben wir einfach auf den Hund vom übernächsten Nachbarn und schütteln seither empört den Kopf, wenn dieser mit seinem Herrchen vorbei kommt.

Als er aber merkte, dass diese seltsamen Absonderungen irgendetwas mit ihm, dem nackten Frosch, zu tun haben und in direkter Verbindung mit dem lustigen kleinen Zimmer, das man absperren kann und in dem sich die vielen spaßigen Papierrollen befinden, stehen, fing der Wahnsinn an. Dauernd fordert er nun, auf die Toilette gesetzt zu werden und ignoriert anhaltend unsere Bitten, seinen Schniepel nach UNTEN zu halten. Neuerdings schickt er uns auch immer raus und verfügt, dass die Tür geschlossen sein möge. Eine Forderung, welcher wir nur zögerlich nachkommen, seit er sich eingesperrt hat und wir nicht gleich die passende Münze gefunden hatten, die in den Außenschlitz passte. Anschließend mußten wir das Zimmer generalreinigen, denn er versuchte sich mit der Klobürste in surrealer Malerei auf den Wandfließen. Seither klebt vorsorglich eine 2-Cent-Münze mit Klebeband außen oben an der Toilettentüre.

Vereinbarungen, wie z.B. “Du sperrst Dich aber nicht ein, ja?”, “Du nimmst Dir aber nur ein kleines Stück Klopapier zum Abputzen” und “Du rufst, wenn Du fertig bist, und stehst nicht einfach auf, ja?” kann man aber noch nicht zuverlässig mit ihm treffen, denn er nickt immer mit ehrenhafter Miene und bricht anschließend jedes Versprechen eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken.

Seit es dauernd regnet und wir viel zu Hause sind, versuche ich, ihn wieder an das Tragen von Windeln zu gewöhnen, was sich leider schwierig gestaltet. Vor kurzem hat eine Kita-Erzieherin zu Herrn P. gesagt, wir mögen dem Kind doch bitte Unterhosen besorgen, denn Kinder, die anhaltend Bodies trügen, würden länger nicht sauber. Daraufhin lief der brave Herr P. in seiner Mittagspause in die City und kam abends mit - ungelogen - 20 Unterhosen wieder nach Hause. Zwei davon zierten Darth-Vader-Aufdrucke, was mich sehr befremdete. Unlängst verbot er nämlich dem großen P.-Kind das Tragen eines T-Shirts mit Totenkopf-Aufdruck in der Schule. Ich untergrub diese Erziehungsalbernheit unmittelbar und schickte das Kind unter verständnislosem Kopfschütteln mit dem T-Shirt in die Schule, worauf mir mein Mann eine Szene machte, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Ich erklärte ihm, dass heutzutage sogar die Religionslehrerinnen Totenköpfe auf den Turnschuhen hätten und schimpfte ihn einen widerlichen Spießer, der wohl vergessen hätte, wie ihm seine Mutter seinerzeit das “F.i.c.k.e.n, B.u.m.s.e.n, B.l.a.s.e.n”-Shirt der Toten Hosen einfach weggeworfen hatte, nachdem sich die Schulleitung telefonisch bei ihr beschwerte. Bis heute fordert er es vergeblich von ihr zurück.

Also trägt mein Kleinkind nun Krieg-der-Sterne-Unterhosen und besteht nicht mehr nur darauf, ein nackter Frosch zu sein, sondern dabei auch noch Unterhosen zu tragen. Er schwört täglich feierlich, NICHT in die Wohnung, auf die Couch, unter den Tisch oder sonstwohin außer in die Toilette zu pinkeln und tut es doch ständig. Wie das passieren kann, wo er doch eigentlich die gefühlte Hälfte des Tages auf der Toilette verbringt, ist mir ein Rätsel, zumal er inzwischen auch wirklich oft erfolgreich hinein trifft.
Neulich hat er auf mein altes Fotoalbum mit den Kommunionbildern gepinkelt. Er fand wohl auch die gräßliche Mireille-Matthieu-Frisur schrecklich, die mir meine Eltern für diesen Tag hatten machen lassen.

Übrigens wirbt ein großes schwedisches Möbelhaus für seine Sofas dafür, dass sie familiengeeignet seien und die Bezüge sich abziehen und waschen ließen. Die Schweden haben mir aber nicht gesagt, was man machen soll, wenn das Kind auf die nicht abziehbare Armlehne pinkelt, weil es von dort gerade den Salto beim Nacktturmspringen der Frösche in Unterhosen üben wollte. Man rubbelt also mit Seifenwasser am Pinkelfleck rum und hofft, dass das Pipi schnell nach innen in den Sofakern fließt. Mein großes Kind setzt sich nur noch nach mißtrauischem und angeekeltem Abtasten des Sofas darauf.

Gleichzeitig bekommen die stubenreinen Mitglieder dieser Familie jetzt immer interessierten Besuch, wenn wir auf der Toilette sitzen. Vorbei sind die Zeiten, wo man die einzigen ruhigen fünf Minuten der Woche freitags mit dem SZ-Magazin und Axel Hacke auf dem Klo verbringen durfte. Immer kommt jetzt der nackte Frosch hinzu und möchte detailliert darüber sprechen, was man gerade tut oder zu tun im Begriff ist und ob man anschließend das trockene oder das feuchte Toilettenpapier benutzen wird. Und immer heult er hinterher frustriert, weil man ihm nicht erlaubt hat, die lustige Klobürste zu benutzen.

Wann mündet dieses etwas schwierige Verhalten in regelhafter Toilettenbenutzung? Wie oft muss ich noch bereuen, dass wir unser schweineteures Parkett aus Designgründen nur geölt, und nicht lackiert haben?
Wann darf man damit rechnen, dass dieses ewige Fäkalthema wieder etwas in den Hintergrund rutscht und wir wieder über hungrige Raupen und den Maulwurf Grabowski sprechen können?

SallyP.

Ein Mutter-Sohn-Tag

August 20th, 2010

Hilfe, das war mal ein Tag! Da ist ein Bürotag mit 6 Sitzungen hintereinander, in zu engen Schuhen und mit einer Laufmasche an der Wade, die man durch elegante Beinverrenkungen unkenntlich machen will, Zuckerschlecken dagegen. Das große P.-Kind ist aus dem Pfadfinderurlaub wieder zurück und muss diese Woche beschäftigt werden, was schwierig ist, wenn alle Kumpels in Mallorca, Ägypten und in der Türkei sind.
Da trifft es sich gut, dass es hier am Ort dieses Jahr wieder eine gigantisch große und perfekt organisierte Kinderspielstadt gibt. Dort kann man sich als Kind fast täglich von früh bis spät in verschiedenen Berufen verdingen, Geld dabei verdienen und mittels sinnlosen Taxifahrten oder im Restaurant bei von anderen Kindern gebratenem Schweinebraten mit Knödel wieder dem kapitalistischen Geldkreislauf zuführen. Leider findet der ganze Spaß am anderen Ende der Stadt statt, weshalb man das Kind dort nicht einfach so hinschicken und lassen kann.

Also schält man sich in seinem Sommerurlaub frühmorgens aus dem Bett, um rechtzeitig dort zu sein. Immerhin sind die guten Jobs schon kurz nach der Morgenöffnung vergeben und der anspruchsvolle Sohn hat ja nicht Bock auf irgendeinen Job. Er träumt von Bürgermeister und/oder Chefkoch, was auch in einer Spielstadt nicht von heute auf morgen funktioniert, sondern ein gewisses Alter und damit einhergehend auch das nötige Maß an Korrupt- und Verschlagenheit sowie das angemessene Kapital für Bestechungsgelder voraussetzt.
Über all das verfügten wir nicht, als wir heute Morgen natürlich doch zu spät dort ankamen. Ich ließ ihn 20 Mal beim Leben seines Vaters schwören, dass er das Handy anlassen, das Gelände keinesfalls verlassen und sich vom verdienten Geld nicht ausschließlich Eis kaufen würde und zog mit meinem Kleinkind von dannen. Irgendwie mußten wir den Tag dort in der Nähe totschlagen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Dort bleiben konnten wir nicht, denn mein 2-Jähriger fand es unerträglich, ca. 2000 Kinder malen, hämmern, basteln, Taxifahren und als Polizisten verkleidet herumlaufen zu sehen, ohne mitspielen zu dürfen. Nach einer Stunde, in welcher er zumeist zornig heulend am Boden lag, gab ich auf und schleifte ihn in den naheliegenden Park. Dort schlief er Gott sei Dank im Buggy ein und ich hatte etwas Zeit, mit dem langhaarigen Italiener des Espresso-to-go-Standes, welcher von Ferne aussah wie ein Plumpsklohäuschen, zu flirten und mir dabei einen gefühlten Liter Espresso ausgeben zu lassen. Als das Kind mit voller Windel aufwachte, kühlte unser zartes Liebespflänzchen unmittelbar wieder ab. Schade.

Den nächsten Flirt hatte ich mit dem jungen Mann zum Mitreisen vom Kinderkarussel, wo ich zehn Fahrchips in der Hoffnung kaufte, dass der Nachmittag schnell rumginge. Das Karussel drehte sich, mein Kleiner saß abwechselnd im Hubschrauber, Polizeiauto, rosaroten Panther und Feuerwehrauto und beschwerte sich, wenn die Hupen nicht laut genug funktionierten. Gleichzeitig versuchte ich mit niedergeschlagenem Blick, den anzüglichen Zungenbewegungen meiner neuen Eroberung auszuweichen und schielte rückwärts zum Espressoitaliener, der aber schon eine neue, blondere, jüngere, flachbäuchigere und wahrscheinlich kinderlose Eroberung gemacht hatte. Schlampe!

Als mein Zwerg im Traktor saß, wurde ich darauf hingewiesen, dass er aufgrund seines jungen Alters dort wieder aussteigen oder die Mutti zur Sicherheit mitfahren müsse. Ersteres war undenkbar, denn mein Kleiner verfügt bekanntermaßen über das, was man gemeinhin einen “starken Willen” nennt. Also schwang ich mich aufs Karussel, hielt mich im Verlauf der Fahrt krampfhaft am Lenkrad des Traktors fest und beschwor den Espresso, in meinem Magen zu bleiben, während mein Kleiner anhaltend “Mama, geh weg, ich fahr alleine!” schrie. Wir drehten uns zu “Hello Again” von Howard Carpendale gefühlte eine Million mal im Kreis, während mir der Karusselmann unentwegt zublinzelte.

Auf dem Rückweg erwarb ich an einem lateinamerkanischen Stand noch eine allerliebste Kinderstrickjacke mit aufgesticktem Schaf, Elefant und Sonne für wenig Geld. Später fiel mir ein, dass diese Jacken wahrscheinlich von peruanischen Kindern unter dem Zwang von Drogenbossen gestrickt werden, nicht zur Schule gehen dürfen und vom Verdienst ihre Familien ernähren müssen. Oh Gott, kann ich die Jacke noch zurückbringen? Komme ich dafür nun in die Hölle? Kann ich das aufwiegen, indem ich eine peruanische Kinderpatenschaft übernehme?

In der Spielstadt zurück mischten wir uns im Elterncafè unter die anderen wartenden Eltern. Leider war für die Bespaßung der Alten nicht annähernd so gut gesorgt, wie bei IKEA für die Kinder. Außer Gurkenbroten, Eis und Kaffee gab es nichts zu kaufen, zumindest nicht für reales Geld. Ersteres schmiss mein Kleinkind angeekelt sofort zu Boden und Letzterer lag mir karrusselbedingt immer noch schwer im Magen. Also aßen wir viel Eis und schlugen die Zeit tot, indem wir Regenwürmer suchten und so taten, als angelten wir mit kleinen Stöckchen Fische, was eine nachmittagsfüllende Tätigkeit sein kann.
Andere Eltern hatten Laptops, die Zeitung oder historische Romane dabei. Ich die trotzige Kröte. Super.

Am späten Nachmittag gab ich auf, suchte im Gewühl nach meinem großen Kind und fischte ihn aus einer Hochschul-Vorlesung zum Thema “Glück”. Ich erklärte ihm 20 Mal den Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause und fuhr dann - nach mir die Sintflut - mit der Kröte heim, die im Bus bester Laune mit der mehrmals laut wiederholten Frage, ob der - indische - Mann gegenüber im Sitz eigentlich angemalt sei, Interesse an ethnischen Vielfältigkeiten zeigte.

Eben ist das große Kind auch völlig heile und problemlos nach Hause gekommen und zeigte mir glückselig die vielen Scheine selbstverdientes Spielgeld. Morgen will er wieder hin und Taxifahrer werden. Mein Kleiner will wieder Traktor fahren.

Ich will heute nur noch bald schlafen und möglichst weder von heissen Italienern noch von noch heisseren Karusselmännern träumen.

SallyP.

Rollentausch…

August 12th, 2010

…hatten wir neulich mal, als Herr P. projektbezogen eine Woche lang früher auf Arbeit mußte. Normalerweise stehe ja ich, die Mutter in dieser Familie, in aller Herrgottsfrühe auf, mache allen Frühstück und mir Kaffee und verschwinde dann, kurz nachdem die Kinder aufgestanden sind und ich sie liebevoll geküßt habe, in mein Büro, wo ich mich nicht damit auseinandersetzen muss, was der Morgen mit Kindern für ein Horror sein kann, wenn man Zeitdruck hat. Herr P.  jammert mir regelmäßig die Ohren voll, wie zornig der Kleine ist, wenn er angezogen werden soll, während er gerade furchtbar busy dabei ist, alle seine Kuscheltiere in die Waschmaschine zu stecken und um wieviel langsamer der Große wird, je mehr die Zeit drängt, in die Schule zu gehen. Ich zucke dann nur arrogant die Achseln, betrachte mit hochgezogenen Augenbrauen meine Fingernägel und stelle ungefragt fest, dass dies alles wohl nur eine Frage von Selbstorganisation und Disziplin sei.

Dies zu beweisen, hatte ich letzte Woche Gelegenheit. Mein Mann machte sich also jeden Morgen schön fein schon um sieben Uhr pfeifend vom Acker und hinterließ mir beide Kinder und das Frühstücksgeschirr. Die Zeitung hätten wir in dieser Woche abbestellen können, denn ich kam an keinem einzigen Tag dazu, auch nur die Überschrift auf der Titelseite oder die Wettervorhersage zu lesen. Der Große bettelte beim Wecken nach immer weiteren fünf Minuten und schlief, nachdem ich ihn liebevoll an den Ohren sein Hochbett hinunter und in die Küche gezerrt hatte, am Frühstückstisch fast ein. Das von mir liebevoll mit Johannis- und Blaubeeren bereitete Müsli befand er als widerlich aufgeweicht und als ich ins Bad wollte, um mir den Lidstrich zu setzen und die Augenringe zu verdecken, hatte er sich darin eingesperrt, um sich die halbe Dose Wachs in die Haare zu schmieren und sich die Finger anschließend in meinem Handtuch sauber zu rubbeln. Endlich hatte ich ihn weitergebracht und gewunken, bis er um die Ecke zur Schule war, da fiel mir ein, dass gute Mütter ihren Kindern ein Pausenbrot für die Schule machen. Beschämt versuchte ich wenigstens dem anderen Kind eine verantwortungsvolle Mutter zu sein und sang ihm also das improvisierte Lied vom besten Zahnputzdrachen der ganzen Welt, während er sich unter Strampeln und ohrenbetäubendem Schreien gegen die Zahnbürste im Mund wehrte. Wie mein Blazer und der Badspiegel nach der Zahnreinigung mit der elektrischen Bürste in einem zum Schreien geöffneten Mund aussahen, muss ich nicht erwähnen, oder?

In Ruhe schminken konnte ich mich nur, weil ich jeden Handgriff auch am interessierten Kleinkind vollführte, was letztendlich einen skurril aussehenden Zweijährigen mit Lidstrich, Wimperntusche und altrosa Lippenstift zur Folge hatte. Den versuchten Trick, die Puderbürste für ihn nur gespielt in die Puderdose zu tauchen, ließ er mir nicht durchgehen und achtete penibel darauf, dass der Puder ordentlich in seinem Gesicht und auf meiner schwarzen Hose staubte. Ich war natürlich schon umgezogen, als er mir mitteilte, dass er nun ein Kacka machen müsse. Ich widerstand der Versuchung, ihn einfach aufzufordern, sein Geschäft in die Windel zu verrichten und die Krippenerzieherinnen den Rest erledigen zu lassen. Also zog ich ihm hektisch die Windel wieder aus und sah mich überraschend damit konfrontiert, dass die Dinge schon erledigt waren. Auf hohen Absätzen versuchte ich krakenartig, die auf dem Badboden in alle Richtungen davon rollenden Kügelchen einzusammeln und gleichzeitig das begeisterte Kind davon abzuhalten, sich zu bewegen.

Als wir in der Kindertagesstätte ankamen, war ich zum dritten und er zum zweiten Mal umgezogen und ich völlig fertig. Der Puder auf meiner Stirn suppte mit Schweiss vermischt in meinen Ausschnitt und die weiße Bluse, erst recht, als ich am Boden kniend unter den Kinderbänken den rechten Löwenhausschuh suchen mußte.

Auf die Nachfrage der Erzieherinnen, ob das Kind auch wirklich - wie gefordert - mit Sonnenschutz eingecremt war, log ich skrupellos und sah zu, dass ich ins Büro kam, wo ich wenigstens 5 Minuten Zeit für einen Espresso hatte, bevor ich in einer Sitzung so tat, als sei ich ausgeruht, konzentriert, kreativ, spontan und aufnahmefähig.

Vorher schrieb ich Herrn P. aber noch eine Email in die Arbeit mit dem Hinweis, dass ich mir morgens bei Kaffee und Zeitung sogar noch in aller Ruhe die Fußnägel lackiert hatte und trotzdem eine halbe Stunde früher in der Kita war, als er sonst. Das Geheimnis der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei gleichzeitig gutem Aussehen liegt schlichtweg in der Fähigkeit zu skupelloser Lüge, einem guten Abdeckstift und einem Reservepaar Feinstrümpfe unter den DIN A 4 Briefumschlägen in der Schreibtischschublade im Büro.

SallyP.

Bayerische Verpflanzungen

August 2nd, 2010

Das letzte Wochenende habe ich damit verbracht, das Leben meiner Oma in Kisten zu verpacken und ihr regelmäßig neue Schneuztücher zu reichen, weil alles so furchtbar schlimm ist. Die große Katastrophe besteht darin, dass sie ihre 3-Zimmer-Wohnung, in der sie ziemlich genau seit 50 Jahren lebt, verlassen und in eine Wohnung ziehen muss, die nur halb so groß ist. An dieser unsäglichen Frechheit ist ihrer Meinung nach die SPD schuld, selbstverständlich, denn die trägt für die Miseren im Leben meiner Oma meistens die Verantwortung, wenn es nicht grad die Grünen oder noch schlimmer, der satanische Gysi höchstpersönlich, sind. Mein bayerischer Opa hat ja zeitlebens aus alter Arbeitertradition rot gewählt und dieses in patriachalier Manier auch für sein Weib verfügt. Ich glaube, sie hat dies widerwillig immer befolgt, aber seit er aufgrund seiner cholerischen Schimpferei auf BMW-Fahrer und Preißen viel zu früh einem Herzkasperl erlegen ist, genießt sie die Freiheit, zu wählen was sie will und das ist aus reiner Trotzreaktion und um der postmortalen Emanzipation von meinem Großvater willen nun mal nicht die SPD, punktum.

Der Fairneß halber sollte an dieser Stelle erwähnt sein, dass es mitnichten nicht die rot-grüne Stadtregierung ist, die Schuld an der Tunnelmisere trägt. Vielmehr wurde Mitte der 90er Jahre die Untertunnelung aller drei Hauptverkehrsknotenpunkte in einem Volksbegehren durchgesetzt, an dem sich meine Oma sicher nicht beteiligte, weil sie sowas einen neumodischen Krampf findet.  Meine liebe Omi wohnt nun also nahe am Tunnelbau und so fragt sich die ganze Familie mit wachsender Besorgnis seit ca. 10 Jahren, was wohl aus ihr werden soll, wenn die alten Häuser durch die Untertunnelung mit monströsen Dinosaurierbohrern in sich zusammenfallen, zumal der Hagel von 1984 schon irreparable Schäden an den Häusern hinterlassen hat.

Meine Großeltern lebten in den Nachkriegsjahren - “die schwierige Zeit”, wie meine Oma das nennt - am Standrand im Gartenhäusl einer Arztvilla. “Hausfrau” wurde die Arztgattin genannt und ein arg schrecklicher Besen muss sie gewesen sein, indem sie meine Oma ganz von oben herab behandelte und gleichzeitig meinen gutaussehenden Opa allerweil zum Rasenmähen und zu Hausinstandsestzungsarbeiten verpflichtete und ihn dabei in ihr Dekollet schauen hat lassen. Und das, obwohl sie für das Hinterhaus ohne fließend Wasser und Isolierung eine arg unverschämte Miete verlangt hat, aber eine ganz arg unverschämte schon, was ja nicht weiter verwunderlich ist, weil die Großkopferten den Hals niemals nicht voll kriegen. Das weiß man ja.

Jedenfalls bot sich eines Tages die Gelegenheit, in eine für damalige Verhältnisse feudale Wohnung in einer neuen Siedlung, welche ausschließlich für Familien gedacht und schon zu dieser Zeit fortschrittlich kommunal gefördert war, zu ziehen. Damals kamen sich meine Großeltern damit vor wie Könige, zumal die neue Behausung über Gasofen und fließend kaltes Wasser verfügte und sich im Hof ein Wäsch(e)aufhängplatz sowie Grünanlagen befanden, von welchen die Kinder immer vertrieben wurden. Auf der Wiese hinterm Haus hat sich begeben, dass meine Mutter den 3 Jahre älteren dicken Franz so verdroschen hat, dass er es nie wieder wagte, ihrer Schwester und meiner Tante die Schulbrotzeit abzunehmen und als meine Oma vom Schlafzimmerfenster brüllte, sie solle sofort von dem Buben runtergehen und seine Ohren loslassen, soll meine Mutter geantwortet haben, dass sie das keinesfalls tue, wo sie ihn doch gerade erst zu Boden gebracht hätte. Diese Geschichte wird zum Leidwesen meiner Mutter anläßlich jedes Familienfestes erzählt und meine sämtlichen verflossenen Männer sind angesichts dieser Heldensaga vor meiner Mutter in Ehrfurcht erstarrt. Die Wiese gibt es noch, aber den Hollerbusch, welchen ich zum Zwecke der Fertigung von Hollunderblütensirup alljährlich gerupft habe, haben sie letztes Jahr gefällt.

Nach dem Umzug also in ein bürgerlicheres Leben fiel schnell die Entscheidung, dass meine Oma ihr Hausfrauenleben aufgeben solle, da sie die Armut und Abhängigkeit leid war und auch ein Stück vom Wirtschaftswunderkuchen abhaben wollte. Der Kindergarten der nahen katholischen Pfarrgemeinde nahm die Kinder meiner Großeltern aber nicht auf. Wenn man meiner Oma Glauben schenken darf, dann nur, weil sie vor der Hochzeit evangelisch war und nur wegen den siebengescheiten katholischen Pfaffen schnell noch zur Firmung mußte, bevor sie heiraten und damit das ungeborne Kind legalsieren durfte.  Ihre Kinder kamen im städtischen Kindergarten unter, aber ich schwöre, sie betritt diese Kirche bis heute nicht und nimmt lieber die Fahrt in die Frauenkirche in der Innenstadt auf sich, weil man da ja auch freilich den Erzbischof sehen kann. Und oft erzählt sie mir die Geschichte von der dicken Pfarrschwester, die jährlich bei ihnen klingelte um das Kirchgeld einzutreiben, worauf sie ihr immer mit dem Hinweis darauf, dass die Pfarrei ihre Kinder nicht in den Kindergarten genommen  hätte, die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, katholisch hin oder her.

Viel später bin ich zu großen Teilen in dieser Siedlung aufgewachsen und immerhin durften wir schon auf den Wiesen spielen, solange es keine Ballspiele zwischen 11 und 16 Uhr mittags waren oder solange die weißhaarige Frau Vollstatter im Erdgeschoss nicht über das Schläfchen von ihrem Hans wachte. Die Kinder waren lange ausgezogen und nach und nach auch die Männer verstorben und heute sitzt meine Omi fast jeden Abend mit den verbliebenen Frauen, die fast ausnahmslos Urgroßmütter sind, auf Klappstühlen unten in der Wiese, weil es oben wegen der schlechten Isolierung sowieso viel zu warm ist. Sie richten die jeweils nicht Anwesenden aus oder trauern wahlweise auch um die Verstorbenen oder kommen sich arschgut vor, weil eine von ihnen im Pflegeheim gelandet ist und sie selbst aber noch lange nicht, obwohl ihnen die Knochen weh tun. Eine von ihnen hat ein Verhältnis mit einem 10 Jahre jüngeren Jugoslawen angefangen und hat seither Besseres zu tun, was die Gerüchteküche bezüglich seiner Liebschaften bis über die andere Seite des mittleren Ring hinaus schürt. Selbst ich hab ihn schon vom Radl aus im Park mit einer Anderen busseln sehen und dies selbstredend brühwarm bei Radler und Regensburger Würschteln - was sie  für Schonkost hält - meiner Oma berichtet, die daraufhin sofort den Klappstuhl aus dem Keller holte und ihr Wissen mit den Nachbarinnen zu teilen.

Von guter Gegend ist längst keine Rede mehr. Aus den Wohnungen wurde zunehmend sozialer Wohnungsbau und inzwischen werden die  heruntergekommenen Behausungen an Obdachlose vergeben, was meine Oma selbstgerecht sein läßt und mich wiederum in Sorge um sie. Einer ihrer Nachbarn ist seit langem als - sagen wir mal vorsichtig - auffällig bekannt. Bisher konnten wir uns aber über seine Erzählungen über seine Wasserdiät, die ihn schrecklich abmagern hat lassen, belustigen und manchmal über seine  Besuche, die im hölzernen Treppenhaus übernachteten und dabei nicht genug auf ihre Zigarettenkippen achteten, echauffieren. Neuerdings klingelt er aber oft bei meiner Oma und bittet sie um Geld und Brot, was allein bei meiner Oma schon ein großer Fehler ist, da sie für die Nöte von psychisch Kranken und die völlig unzureichende Berechnung von Bedarfen von ALG-II-Empfängern keinen Sinn hat. Dass er diese Bitte aber zumeist aber in weißem Hemd und ohne Unterhose vorbringt, läßt mich erschaudern und meine Oma hingegen zu Ausführungen über die zunehmende Widerwärtigkeit von Männern in höherem Alter spekulieren und auch darüber, dass sie alles sehen wollte, aber den nackerten Deppen von gegenüber eigentlich nicht und sein Anblick auch kein schöner war.  Mit dem anderen Nachbarn hat sie es sich verscherzt, als sie wegen einer vermeintlichen Sexorgie mit Zwangsprostiuierten mitten in der Nacht die Polizei geholt hat. Wie sich herausstellte, ist er nur ein  Freund von zu lauten Action-Computerspielen. Leider hat er dabei einen Joint geraucht und seither ist er auf meine Oma nicht mehr gut zu sprechen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wir reden schon lange auf sie ein, sich eine adäquatere Behausung in einer etwas bürgerlicherer Gegend zu suchen. Seit sie aber 2 Wochen nicht mehr mit mir geredet hat, weil ich sie angeblich entmündigen und ins Pflegeheim stecken wollte, obwohl ich ihr nur von dem Betreuten Wohnen bei uns ums Eck erzählt habe, habe ich mich tunlichst rausgehalten. Über die Entscheidung der teuflischen Stadtregierung, den Tunnel nun bei ihr vorm Haus zu graben und die damit verbundenen Abrisse der Häuser war ich ehrlich gesagt nicht traurig. Sie bekommt eine neue Wohnung, die natürlich aufgrund ihres Singledaseins viel kleiner ist. Mit Aufzug, Heizung, Balkon. Ein Traum wahrhaftig und dies ganz in der Nähe. Sie kann also weiterhin mit den noch lebenden ehemaligen Nachbarinnen zusammensitzen und darüber reden, dass der Supermarkt am Eck schon vor 20 Jahren beschissen, überteuert und die Wurst nicht frisch war. Aber sie ist bockig und traurig, weil sie eigentlich tot umgefallen sein wollte, bevor der Mittlere Ring untertunnelt wird. Nun ist es soweit und sie hat immer noch keine schwerere Krankheit als ihren Alterszucker, den sie mit Regensburger Würschtln und Brezen behandelt und die schmerzenden Knochen. In ihren Kleiderschränken hat sie Klamotten aus fünf  Jahrzehnten und weint, wenn ich ihr vorsichtig sage, dass der Fuchskopfumhang mit Obergebiss - vor welchem ich schon als kleines Mädchen schrecklich Angst hatte - wirklich nicht mehr zeitgemäß ist und in die Tonne muss. Sie weint dann und will mir weissmachen, dass alle Mode eines Tages wieder kommt, so auch der Fuchskopf und die Handtasche aus Bussardfedern und Plastikummantelung und der Schultergurt aus Goldkettchen.

Ihr Doppelbett und die ganze Schlafzimmerlandschaft kann sie nicht mitnehmen, weshalb sie eine Beschwerde beim Oberbürgermeister erwägt, aber mit der SPD will sie ja eigentlich gar nix zu tun haben. Ich packe Kisten, diskutiere mit ihr über jedes Stück und höre gleichzeitig ihre Fluchtgeschichten aus dem Krieg. Offenbar erinnert dieser Umzug sie daran und retraumatisiert sie, dabei zieht sie nur 10 Hausnummern weiter und wird in einigen Jahren den Lärm und die Abgase von Starnberger Porschefahrern nicht mehr ausgesetzt sein, weil die Autos untenrum fahren und die Gegend wieder eine Bessere wird. Aber das ist nicht das was sie wollte.

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