Sally on the Blog

Sauberkeitserziehung

Juli 2nd, 2010

Heute beim Mittagessen im Kolleginnenkreis kam die Frage auf, warum sich offenbar nur wenige der Toilettenbenutzerinnen bemüßigt fühlen, eine neue Klorolle auf den Halter zu hängen, wenn die alte leer ist. Eigentlich gehöre ich zu jenen mit ausgeprägtem Gemeinsinn. Ich nehme also regelmäßig die Geschirrhandtücher zum Waschen mit nach Hause, wische den Kühlschrank in der Teeküche aus und besorge brav neuen Espresso, auf dass keine von uns einen plötzlichen Schock durch Koffeinabfall durchleben muss, was angesichts der sehr individuellen Persönlichkeit unseres Chefs einem Todesurteil gleich käme. In diesem Fall aber mußte ich einräumen, dass ich niemals eine Klorolle wechsle und mir das sogar richtiggehend abgewöhnt habe. Aus Protest, jawohl. Ich lebe mit drei männlichen Wesen zusammen und habe lange versucht, das Wechseln von Toilettenpapier in den Familienalltag zu integrieren, leider vergebens. Die Erfindung von Klorollenhalterungen scheint in der Welt von aufrecht gehenden XY-Chromosomen nutzlos zu sein, außer sie weisen das Design eines nackten Frauenhintern auf. Zu einer Anschaffung einer solchen konnte ich mich aber bisher noch nicht durchringen. Um meinen Protest aber wenigstens nonverbal zu artikulieren, wechsle ich Klorollen seit einiger Zeit nicht mehr und habe sogar eine eigene kleine geheime Klopapierrolle im Korb mit den Putzmitteln über der Waschmaschine. Dort, wo man sie nicht auf den ersten Blick sieht und ich aber dennoch aus sitzender Haltung heraus noch mit ausgestrecktem Arm hinfassen kann. Mein geheimes Privatklopapier sozusagen. Und wenn die Rolle leer ist, entsorge ich das Innenleben und lege mir liebevoll eine neue Rolle zurecht in dem Wissen, dass sie immer da sein wird, wenn ich sie brauche. Die Zeiten, in welchen ich die frische Rolle aufgehängt habe und dann aber im Bedarfsfall immer in demütigend sitzender Haltung verzweifelt rufen musste, bis sich jemand ob meines Anblicks kichernd erbarmt und Klopapier brachte, sind vorbei. Manchmal entdecke ich eine andere Rolle auf dem Badewannenrand, unter der Heizung, auf der Waschmaschine oder - naß - neben dem Halter für elektrische Zahnbürsten. Oftmals gibt es aber im Bad kein Klopapier außer meiner Geheimrolle im Versteck und ich stelle fest, dass es offenbar manchmal tagelang niemanden stört. Mit gutem Willen könnte man unterstellen, dass offenbar der Rest der Familie gerne ausschließlich das feuchte Toilettenpapier benutzt.

Im Büro mache ich es gewohnheitsmäßig genauso. Ich schmeisse die verbrauchte Rolle zwar weg, hänge die neue aber nie auf, sondern stelle sie nur auf den Eimer für Damenhygieneartikel. Gott sei Dank ist es noch nicht soweit, dass ich im Büro auch ein Versteck bräuchte, aber schließlich muss ich mir dort die Toilette nur mit Anhörigen meines eigenen Geschlechts teilen. Hoffentlich.

Wenn man mit Kindern zusammenlebt, muss man sowieso Abstriche machen, oder man schlittert zwangsläufig über die Jahre in eine seelische Behinderung aufgrund von anhaltender hygienischer Frustrationen. Es scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein, Kindern nachhaltig eine angemessene Körperhygiene und Badorganisation zu vermitteln. In 10 Jahren habe ich meinem Großen sicherlich an die tausend Mal erklärt, wie man sich die Zähne putzt und das Gesicht wäscht. Wir haben ihn an unseren täglichen Hygienemaßnahmen teilhaben lassen, entsprechende Fachliteratur vorgelesen und kindgerecht nachbesprochen. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich wundere, dass er nach gefühlten 3 Sekunden wieder aus dem Bad kommt, nachdem ich ihn gerade zum Zähneputzen geschickt habe. Und wenn er dann geputzt hat und einige Zeit vergangen ist, kann man an seinen Mundwinkeln erkennen, dass er zwar Zahnpasta im Mund hatte, aber es bleibt völlig unklar, was er weiterhin damit gemacht hat, außer sie sich definitiv NICHT aus dem Mund zu waschen. Neulich habe ich ihn dabei erwischt, wie er sich mit der Hand 3 Tropfen Wasser ins völlig verschwitzte Gesicht gespritzt hat und die Spritzer anschließend mit dem Handtuch im Gesicht verrieben hat. Selbstredend mit meinem Handtuch, obwohl ich seit Jahren strickte Handtuchtrennung vollziehe und zwar immer gekennzeichnet durch rosa (NUR DIE MAMA) und hellblaue Handtücher (für alle, die nicht die Mama sind). Ich dachte, diese einfach zu behaltende Farbwahl könne dazu beitragen, dass ich mein Handtuch für mich alleine habe, aber weit gefehlt. Um in einem sandigen Gesicht mittels wenigen Tropfen Wasser außergewöhnliche surrealistische Dreckverzerrungen herzustellen, sind rosa Handtücher offenbar ganz besonders gut geeignet. Ich erwäge neuerdings, auch mein Handtuch zu verstecken, habe aber noch keinen guten Platz gefunden. Vielleicht sollte ich mein Handtuch als Duschvorhang tarnen oder so.

Wie oft erklärt man Kindern mühevoll die zu verrichtenden Tätigkeiten nach dem Toilettengang, vor allem nach größeren Geschäften? Die erfahrenen Eltern hier wissen, woran man erkennt, dass die Sprösslinge die entsprechenden Handlungsabläufe nicht internalisiert haben. Eine Freundin von mir meint sogar, ihr Sohn würde dem Klopapier nur kurz seinen Hintern zeigen, bevor er es in der Toilette versenkt, obwohl ihm oft und akribisch erklärt wurde, wie genau das Papier zu verwenden ist.

Meinen Kleinen sehe ich neuerdings oft, wie er mit der elektrischen Zahnbürste spielt, das Ding ratternd an die Wände hält und dabei begeistert “Bohrmaschine bin ich!” ruft. Ich habe dem Treiben bisher milde lächelnd zugesehen, bis ich ihn vor einigen Tagen dabei erwischt habe, wie er mit meinem - rosa - Zahnbürstenaufsatz in der Kloschüssel gebohrt hat.

Meine Kolleginnen mit großen Kindern haben mich diesbezüglich getröstet und geschworen, dass sich die gute Erziehung auf die lange Sicht hin durchaus lohnen würde, denn immerhin sei zu beobachten, dass heranwachsende Buben unmittelbar mit gesteigertem Interesse am anderen Geschlecht plötzlich wissen, wie man sich die Zähne putzt und dass man das Gesicht ruhig unter den Wasserhahn halten kann, ohne dass Gefahren zu befürchten sind. Ich wurde aber leider auch weiterhin darüber informiert, dass Pubertierende - und insbesondere Jungs - auch ab einem gewissen Alter zunehmend anfangen, schlechte Gerüche zu verströmen. Eine Kollegin berichtete von der LAN-Party ihres 17-Jährigen neulich bei ihnen im Keller. Nachdem 10 Jugendliche sich brav im Flur die Plastikturnschuhe ausgezogen hatten und in den Keller verschwunden waren, konnte man diesen nur noch betreten, wenn man tunlichst nicht durch die Nase atmete.

Ich habe das auch schon festgestellt. Bis zu einem gewissen Alter riechen Babies und Kleinkinder ganz wunderbar. Später tun sie das nicht mehr, sondern riechen nach dem, was sie tagsüber so tun und oft nach Hundekacke, weil sie beim Laufen in den Himmel starren und nie in die Gegenrichtung. Einen richtigen Eigengeruch verströmen sie aber erst später und dieser Zeitpunkt fällt leider meist noch nicht in die Zeit, in welcher sie wegen der Mädchen auch die wundersamen Erfindungen Dusche und Deo entdeckt haben.

Mein Großer hat ein einigermaßen ordentliches Zimmer, welches ich zwar zunehmend weniger betrete, aber immerhin noch regelmäßig, um die Wäsche einzusammeln und ab und an mit Argusaugen das kindliche Staubsaugen zu überwachen. Dabei fällt mir neuerdings schon beim Betreten immer der kaum merkliche Geruch nach Füßen und/oder alten Socken auf. Und selbst, wenn der Wäschekorb leer ist, hängt dieser Geruch in der Luft. Ich bin schon auf dem Bauch über den Boden gerobbt auf der Suche nach dem Geruchswirt in Form eines vermeintlich während des letzten verregneten Pfadfinderlagers 10 Tage am Stück getragenen Socken, aber bisher konnte ich die Quelle des Geruchs nicht finden. Vielleicht muss ich mich damit abfinden, dass mein Sohn dem kindlichen geruchlosen Alter inzwischen entwachsen ist und evolutionsbedingt täglich mehr den Moschusgeruch des angehenden Mammutjägers annimmt. Bei der Vorstellung, wie 10 solcher Geruchsträger in naher Zukunft hier Feste feiern, werde ich nervös angesichts der Tatsache, dass wir keinen LAN-Partytauglichen Keller haben.

Interessant wird allemal, ob einer der künftigen Gäste dann mein Klopapierversteck finden wird. Vielleicht sollte ich in weiser Voraussicht auf meine rosa Handtücher pink- und lilafarbene Häschen sticken.

SallyP.

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