Sally on the Blog

Neulich, beim Abendessen war es soweit: Die kleine trotzige Kröte hatte die Tomate unter den Tisch geworfen statt sie zu essen und das Gurkenstück kichernd in meiner Apfelschorle versenkt, nachdem es ausschließlich die Wurst vom Brot gefuttert und sich anschließend die Butter in die Haare geschmiert hatte. Nach mehrmaliger Aufforderung meinerseits, mit dem Essen nicht zu spielen und auch das Brot seinem eigentlich Zweck zuzuführen, ist mir ein Tomatenschiffchen torpedoartig im Gesicht gelandet. Daraufhin habe ich gebrüllt, dass es mir mit der ewigen Batzerei beim Essen jetzt dann reicht und gleich der Watschnbaum umfällt, was in hiesigen Gefilden soviel bedeutet, wie dass man demnächst geneigt sein könnte, Ohrfeigen zu verteilen.
Da flüsterte das große Kind dem kleinen ganz formalistisch und wichtigtuerisch ins Ohr, dass Gewalt in der Erziehung verboten sei und die Mutter solcherlei Drohungen nicht wahr mache, man aber dennoch um diese Tageszeit auf der Hut sein müsse, was das anhaltende Werfen von Gemüse beträfe.

Nicht, dass ich eine Gegnerin des Rechts auf gewaltfreie Erziehung wäre, aber wenn man zwei Kinder in schwierigen Phasen hat, dann gerät man doch ab und an in emotionale Ausnahmezustände, vergißt sämtliche modernen Erziehungsvorstellungen und wünscht sich den Rohrstock zurück.  Wennschon nicht, um den mißratenen Fratzen die Lust am ordentlichen Essen nahe zu bringen, dann wenigstens um sich selbst per Schlag auf den Hinterkopf in gnädige Bewußtlosigkeit zu befördern, bis die Sprösslinge Abitur haben und aus dem Haus sind.

Ich habe ein Kind im Trotzalter, welches bereits nach der Neugeborenenphase trotzphasenspezifische Verhaltensweisen zeigte, was offenbar seinem Grundcharakter entstammt oder seinem Sternzeichen zuzuschreiben ist. Dementsprechend durchleben wir hier gerade die Doppeltrotzphase oder - anders ausgedrückt - den [I]Trotzphasen-Superpursuit Mode[/I]. Wenn ich nicht von jeher eine Befürwörterin von frühkindlicher Krippenverwahrung gewesen wäre, dann würde ich spätestens jetzt jeden Preis der Welt bezahlen, um das Kind tagsüber in die Hände fachlich versierter Erzieherinnen geben zu dürfen. Sein sonst umfänglicher Wortschatz beschränkt sich momentan im Wesentlichen auf das Wort “Nein” und die Sätze “Mag ich niiiiiiiiiiiiiiiiiit”und  “Lass mich”. Am allerliebsten drückt er sich aber neuerdings völlig wortlos aus, pantomimisch quasi, und das auf geradezu verblüffend deutliche Art und Weise. Bitte ich ihn z.B. Abends, seinem Bruder beim Tischdecken zu helfen, sagt er im günstigsten Falle gleichgültig “nein” und geht weg. Wahrscheinlicher ist die Variante, dass er den Tisch zwar decken will, aber nicht so, wie der bürgerliche Spießer sich das vorstellt. Statt Gläsern stellt er dann den Gästeaschenbecher und die Ramazzottigläser auf den Tisch und wirft sich kreischend auf den Boden, wenn ich ihm den Wunsch, sich selbst ein riesiges Fleischmesser an seinen Platz zu legen (”Messer brauch ich”) verwehre. Meine pädagogische Methode der Wahl ist dann meist, ihn zu ignorieren, was bei seinem Bruder großartig funktioniert und mich im Glauben bestärkt hat, dass man in Sachen Erziehung immer nur seines eigenen Glückes Schmied ist und ich eines der ganz großen Naturtalente in Sachen Pädagogik bin. Was dies betrifft, bin ich inzwischen eines Besseren belehrt, denn ich sehe mich neuerdings oftmals damit konfrontiert, dass der kleine Zornpinkel vor nichts zurückschreckt, mich aus der Haut fahren und mich selbst und alle pädagogischen Dogmen vergessen zu lassen. Es kommt vor, dass er mutwillig die Teller vom Tisch fegt, mit seinem Holzgemüse aus der Kinderküche schmeißt und mich beim Versuch, den strampelenden Wutsack in sein Zimmer zu tragen, schlägt, kratzt und beißt. Letzteres oftmals unter dem ungläubigen Staunen seines friedliebenden großen Bruders, der dann nurmehr flüstert: “Sowas hab ich nicht gemacht, gell, Mama?” “Stimmt!” stelle ich dann genervt fest und wir denken beide sehnsüchtig an die Zeiten zurück, wo er noch ein verwöhntes Einzelkind war und ich im Nachbars- und Bekanntenkreis als Vorzeigemutter fungierte. Heutzutage gehöre ich eher zu den Müttern, über die man im Supermarkt mißbilligend den Kopf schüttelt und deren Nachbarn erwägen, anonym die Supernanny zu bestellen.

Sogar wenn ich entnervt aufgebe und ihm nach minutenlangem Streit und Diskussion, z.B. über die Frage, ob man ein  Recht auf ein windelfreies Dasein hat, obwohl man regelmäßig Häufchen unter dem Küchentisch hinterläßt oder von der Sofalehne auf den Boden pinkelt, resignativ anbiete, er solle doch machen was er wolle, schreit er noch “NEIIIIIIIIIN, mag ich niiiiiiiiiiiiiiiit!” und klammert sich zornig an mein Bein. Kommt das Jugendamt im Notfall auch, um die Mutter ins Heim zu stecken? Kommt daher der Name “Müttergenesungswerk”? Ist das Müttergenesungswerk eine große Besserungsanstalt für aus der Haut gefahrene Rabenmütter? Kann man sich das mit Zaun um einen großen Garten vorstellen, in welchem zombieartige Frauen mit weit aufgerissenen Augen in Bademänteln rumlaufen und “Mag ich niiiiiiiiiiiiit!” flüstern?

Gleichzeitig lebe ich auch noch mit einem Vorpubertierendem zusammen. Dieses einst so brave Vorzeigekind treibt mich aktuell auch regelmäßig in den Wahnsinn. Was dieser Halbwüchsige, für den ich vor lauter Wachsen gar nicht mehr weiß, wo ich so viele neue Hosen und Schuhe herbringen soll, wie er bräuchte, im Kopf hat, ist mir ein völliges Rätsel. Spätestens seit der Einschulung sind ihm die täglichen Routineabläufe im Bad geläufig, aber neuerdings muss man ihm jeden Morgen und jeden Abend daran erinnern, dass man beim Zähneputzen die Zahnbürste bewegen und sich danach den Mund auswaschen muss und dass es von Vorteil ist, sich anschließend auch noch das Gesicht zu waschen, denn Zahnpastaflecken zeigen sich erst später auf dem Schulweg, wenn sie in Gänze getrocknet sind. Stattdessen beschäftigt er sich täglich mehrmals ausgiebig mit dem Haargel, welches ihm eine gute Tante zu Ostern geschickt hat. Davon schmiert er sich so viel in die Haare, dass darin wahrscheinlich bald Schlammmonster ein biotopisches zu Hause finden werden. Für wen er dies allerdings tut, bleibt unklar, denn das weibliche Geschlecht findet er nach wie vor nicht erwähnenswert. Vor kurzem mußte er ein Referat über “Pfadfinder” halten und fing beim Üben immer an der Stelle, wo es um den gemischtgeschlechtlichen Ansatz der Weltpfadfinder- und Weltpfadfinderinnenbewegung ging, verdächtig zu nuscheln an und hätte am liebsten behauptet, richtige Pfadfinder könnten nur Jungs sein.
Was er gedankenverloren andauernd mit dem Flüssigseifenspender macht, kann ich nur erahnen, aber neuerdings müssen wir ständig Nachfüllseife kaufen und seine Hände sind dabei keineswegs sauberer. Als ich vor ein paar Tagen aber zum wiederholten Male angeekelt beim Zähneputzen ausspuckte, weil meine Zahnbürste furchtbar seifig schmeckte, bat ich Herrn P. inständig darum, mit seinem Ältesten ein sehr ernstes Wort zu sprechen, da mir sonst demnächst die guten Worte ausgehen würden.

Übrigens hat das Kind uns davon, dass es Donnerstags in der Schule ein Referat halten müsse, am Dienstag Abend ganz nebenbei erzählt. Und dass es dafür Farbfolien bräuchte, ebenfalls. Die Kollegin, welche ich am nächsten Morgen gehetzt zwischen zwei Terminen bat, mir den Foliendruck am Farblaserdrucker zu erklären, hat zwei erwachsene Jungs und versicherte mir, dass man eigentlich eine von der Familienministerin persönlich überreichte Urkunde und tosenden Applaus aller Mitglieder des Kinderschutzbundes bekommen müßte, wenn man Kinder uneingeschränkt gewaltfrei erzogen und groß gebracht hätte. Sie selbst hätte es geschafft, erzählte sie mir nicht ohne einen Anflug von Stolz, räumte aber ein, dass ihr großer und muskelbepackter Ehemann sie in all den Jahren einige Male unter Aufbietung all seiner Kräfte davon abhalten mußte, in rasender Wut den Watschnbaum zu fällen.

Vor der Phase sei nach der Phase, sagte kürzlich eine Freundin und Mutter von drei Kindern zu mir. Offenbar hat die Natur mit den Phasenpausen dafür gesorgt, dass Eltern Zeit zur Regeneration, Tönung der neuen grauen Haare und Formulierung weiterer hehrer Erziehungsgrundsätze haben.

SallyP.

Die nestfliehende Mutter

April 16th, 2010

Neulich bei einem Familienfest erzählte ich der Runde von der am nächsten Tag beginnenden Tagung am anderen Ende Deutschlands, an welcher ich teilzunehmen im Begriff war. Diese berufliche Reise war die erste ihrer Art nach meiner inzwischen nur noch schwer nachvollziehbaren, aber ja bekanntlich in die Tat umgesetzten, Idee des zweiten Kindes in fortgeschrittenem Alter. Der Familienkreis zeigte sich - bis auf den plötzlich etwas blasser scheinenden Herrn P. - begeistert und malte sich  mit mir in den schillernsten Farben die Vorzüge einer solchen Reise aus. Wir stellten uns vor, wie ich täglich bis Viertel nach 7 schlafen würde, weil das Frühstück erst um 8 Uhr begänne und ich mich in aller Ruhe duschen, anziehen und schminken könne ohne gleichzeitig noch Milch fürs Fläschchen bereiten zu müssen, welche immer dann überkocht, wenn ich dabei bin, mir das zweite Auge zu tuschen. Wie ich mir konzentriert die Haare glatt fönen würde, ohne dem Vorpubertierenden zum 200. Mal zu erklären, dass eine halbe Tube Haargel auf dem Kopf die Frauenwelt nicht williger werden läßt, wenn man dabei immer das Zähneputzen vernachlässigt. Wie ich mir meinen Kaffee nicht selber bereiten müsse und es zum Frühstück auch nicht die mühsam selbst gewürfelte Ananas mit Haferflocken gäbe, sondern ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit Deko-Tomaten auf dem Käse und geringelten Gürkchen auf der Wurst. Tagsüber würde ich strahlend gut aussehend, ohne Augenringe, das anwesende Fachpublikum mit meiner Intelligenz, meinem Fachwissen und meiner exorbitanten Schönheit betören und abends beim 3-Gänge-Menü im Tagsungshotel vor geistreichem Witz nur so sprühen. Anschließend würde ich ein Schlummerbad im riesigen Hotelwhirlpool nehmen und einen Prosecco zur Entspannung trinken während mir der äußerst gutaussehende Star-Referent den Rücken massiert und mir aufmerksam die Hornhautfeile reicht.

Meine Mutter schwor, dafür zu sorgen, dass Herr P. als alleinerziehender Vater die paar Tage lang ganz großartig zurechtkommen und beim Jonglieren von Haushalt, Job und Kinder eine Bestfigur machen würde und so packte ich meinen Trolley mit hohen Schuhen und weißen Blusen und rasierte mir die Beine. Ich saß zum ersten Mal seit langem wieder alleine im ICE, an einem Platz am Fenster mit Tischchen und Netzanschluß für den Laptop und nicht im Mutter-Kind-Abteil wo garantiert außer einem selbst immer noch eine Mutter mit Säugling sitzt, der immer dann schlafen muss, wenn das eigene Kind lauthals die Moritat von der “Hexe Wackelzahn” singt und welcher vor Blähungen schreit, wenn das eigene Kind gerade friedlich eingeschlafen ist. Ehrlich, ich fühlte mich wie die Gräfin Cox und stellte mir bis zur nächsten Haltestelle vor, ich sei eine kinderlose Singlefrau auf dem Weg zur Vorstandssitzung eines DAX-Unternehmens um dort der anwesenden Aktionsärsschaft meine ausgebuffte Strategie zum großangelegten Stellenabbau und zur Gewinnmaximierung vorzulegen.

In Ulm stieg eine alte Dame ein und nahm wortlos neben mir Platz. Sie hatte einen Koffer, eine Tüte und 3 Rosen bei sich und las in einem Buch. Kurz darauf verspürte ich ein dringendes Bedürfnis und bat meine Nachbarin, mich vorbei zu lassen. Sie schien genervt und kramte umständlich ihre Sachen zusammen, damit ich passieren konnte. Eine Stunde später, wir waren noch nicht in Stuttgart, musste ich wieder, denn erstens hatte ich morgens eine Kanne Kaffe getrunken und zweitens achte ich penibel auf genügend Wasserzufuhr während des Tages. Da die Dame gerade eingeschlafen war, drückte ich die Schenkel zusammen und konzentrierte mich auf die vorbeiziehenden schwäbischen Landschaften. Irgendwann ging es aber nicht mehr, und ich erschreckte die Dame zu Tode mit meiner wirklich zart geflüsterten Bitte, mich doch bitte noch einmal…. Sie seufzte tief und es dauerte wiederum einige Minuten, bis sie ihre Sachen zur Seite geschafft hatte und insbesondere die Rosen so drapiert hatte, dass der beckenbodenmuskelschwache Trampel ihnen keinen Schaden zufügen könne.

Noch einmal eine Stunde später dasselbe Spiel und die Dame war nun sichtlich ungehalten. Auf dem Weg zur Toilette mußte ich zudem immer noch an einem Werbeplakat für Medikamente auf pflanzlicher Basis gegen Blasenschwäche vorbei und empfand das als als äußerst unsensibel der Bahn gegenüber ihren Kunden angesichts der Enge engen Verhältnisse in der zweiten Klasse. Im weiteren Verlauf der Fahrt fühlte mich neben der Alten, die bis Kassel, wo sie dann ausstieg, nicht ein einziges Mal auf die Toilette mußte, wirklich unwohl und hoffte im weiteren Verlauf der Reise angstvoll, dass meine Blase sich nicht neuerlich füllen würde. In Wahrheit hatte sie wahrscheinlich einen Kathether oder gute Einlagen und kam sich damit mir gegenüber brutal cool vor.

Nach einer mühevollen Fahrt also am Tagungsort angekommen wurde ich mit Kaffee und Brezen begrüßt, welche so labberig schmeckten, als hätte Bayern sie als Entwicklungshilfe per Schneckenpost nach Norddeutschland geschickt. Fast unmittelbar hatte ich eine Eroberung gemacht. Ein Mann mittleren Alters, der fast unmittelbar nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln schwallartig von sich, seinem Häuschen ganz in der Nähe, seinem gräßlichen Job, seiner wirklich schlimmen Bandscheibe und seiner Abneigung gegen  Tagungen erzählte. Ich erinnerte mich, dass Herr P. noch am Morgen mit zu Schlitzen verengten Augen drohte, jeden potentiellen Tagungsbeischläfer zum Eunuchen zu machen und mußte unwillkürlich losprusten, denn angesichts meiner glorreichen Eroberung hätte sogar der eifersüchtige Herr P. schallend gelacht.

Mit meinem Aufriß im Schlepptau hörte ich zwei langweilige Eingangsreferate und verursachte wiederum saalweites erbostes Schnauben, weil ich mehrmals zur Toilette mußte und über der Elternzeit die goldene Regel vergessen hatte, niemals mit klappernden Absätzen in der ersten Reihe zu sitzen, wenn man vorher Kaffee getrunken hatte.

Anschließend hatte ich kurz Zeit, mein Gepäck in mein Zimmer zu schaffen und durfte feststellen, dass der Tagungsort nicht nur eine wunderschöne alter Klosteranlage war, sondern die Gästezimmer gleichwohl an Mönchskemenaten erinnerten, und zwar sowohl, was die Größe des Zimmer als auch die Ausstattung betraf. Von einer Hornhautbürste keine Spur. Ich war froh, ein Buch mitgebracht zu haben, denn Radio und TV waren nicht vorhanden, ein Internetzugang sowieso nicht und lediglich die Bibel zur Verschaffung von keuscher Bildung und Kurzweil präsent.  Den Whirlpool suchte ich ebenfalls vergeblich.

Beim Abendessen traf ich meinen Freund wieder, dem es nicht zu peinlich war, die Angestellten darum zu bitten, ihm ein Reservierungsschildchen an einen auserwählten Platz zu stellen. Wie ein Gockel brüstete er sich vor mir langatmig damit, die Abwechslung nicht allzu sehr zu lieben und deshalb bei solchen Gelegenheiten immer auf einem ihm angestammten Platz im Speisesaal zu beharren. Ich zeigte mich verständnisvoll und überlegte derweil, ob ich  mich ebenfalls um eine Reservierung am anderen Ende des Saals bemühen sollte.

Später entfloh ich meinem Verehrer mit dem Verweis auf schreckliche Migräne und befand mich bereits um 21 Uhr in meinem Zimmer wo ich mangels anderer Gelegenheiten noch kurz las und dann vergeblich versuchte einzuschlafen. Herr P. hatte mir zwar wohlweislich meine Wärmflasche eingepackt, jedoch stellte sich heraus, dass nördlich der Donau offenbar kein Wasser aus der Leitung fließt, welches heiß genug ist, um mir die Füße zu wärmen. Auch das lange und zunehmend verzweifelte Telefonat mit Herrn P. konnte diesen Zustand nicht verbessern und das Mönchsbett war so klein, dass ich darin allein immer noch weniger Platz hatte als zu Hause mit einer sich ständig wälzenden 2-jährigen kleinen Zornkröte und dem rosa Schnuffelschaf darin.

Der nächste Vormittag verging mit Diskussionen in Arbeitsgruppen, wobei ich aufgrund von schrecklicher Müdigkeit geistig nicht auf der Höhe war und auch das mit der atemberaubenden Schönheit war so eine Sache… Plötzlich in einem anderen Teil Deutschlands, wo alle möglichen Bäume, Büsche und Gräser schon blühten, hatte ich schlagartig Heuschnupfen mit tränenden Augen und dicken Lidern bekommen und nicht einmal genügend Taschentücher dabei, um mir dezent die Nase zu putzen.  Stattdessen zog ich dieselbe im 2-Minuten-Takt hoch. Immerhin konnte ich sichergehen, dass damit keiner mehr auf den Fleck den Dekotomatenfleck auf meiner Bluse, der sich offenbar beim Frühstück dahin gestohlen hatte, achtete.

Mittags, ich hatte mich inzwischen meinem Schicksal und meinem neuen Freund ergeben, gab es Zwiebelkuchen, was mir angesichts von Kleingruppenarbeit am Nachmittag unpassend erschien. Einen Tag später wurde Linseneintopf serviert und da war ich dann sicher, dass sich hinter der Menüauswahl die klösterliche Absicht verbarg, zwischenmenschliche Tagungskontakte zugunsten eines fachlich distanzierten und keuschen Austausches zu verhindern.

Heute, im Zug nach Hause, saß ich allein und freute mich daran, halbstündlich auf die Toilette zu rennen und so viel Kaffee zu trinken, wie ich wollte. Als in Karlruhe tief Bayrisch sprechende Leute einstiegen und sich im Bordrestaurant ein Weißbier besorgten, überfiel mich ein erwartungsfrohres Kribbeln und im verregneten München hörten auch meine Augen zu jucken und meine Nase zu laufen auf. Zu Hause überfiel mich ein hyperaktives Kleinkind mit den Rufen “Mami Zug Zug Zuuuuuuuuuuuug!” und ich verbrachte die Zeit bis zum Abendessen damit, im Polonaiseschritt mit zwei Kindern um die Kochinsel zu laufen und dabei “Tschutschutschu, die Eisenbahn, wer will mit nach Hause fahren…” zu gröhlen.

Zum Essen sitze ich übrigens ab jetzt immer jeden Tag an einem anderen Platz und zur nächsten Tagung fahre ich nur, wenn sie in mindestens einem 4-Sterne-Hotel und nicht mehr als 200 km bzw. weiter als 2000 km weit weg stattfindet. Und außerdem finde ich, dass Wärmflaschen und Wasserkocher in jedem Hotelzimmer vorhanden sein sollten. Oder wahlweise auch Clooney-Imitate, die zum Füße wärmen kommen.

SallyP.

Am Freitag Abend verließ mich kürzlich Herr P., der sich nach einer anstrengenden Bürowoche in sein Anarchistenoutfit mit verwaschenem Kapuzenpullover und löchrigen Turnschuhen geschmissen hatte, um mit alten Freunden in heruntergekommenen Kneipen mal wieder den Punkrock zu fühlen und die Halsabschürfungen von der Krawatte verheilen zu lassen. Weil ich mich alleingelassen, mißachtet und ungeliebt gefühlt und deshalb gemault habe, forderte er mich auf, mich wal wieder schriftstellerisch zu betätigen. Mir fiele aber nichts ein, jammerte ich, denn ich hätte eine künstlerische Schaffenskrise und überhaupt wolle ich lieber die Wiederholung des Tatorts sehen und dabei auf der Couch einschlafen. Da verwies er mich mit verheißungsvollem Grinsen auf eine Liste im Steuerungsbereich meiner Website, auf der sich sämtliche Suchwörter finden, mit welchen Menschen auf der Internetseite meines Blogs gelandet sind, und radelte pfeifend und ohne Helm und Lichter davon.

Ich folgte brav seinen Verheißungen und betrat unverhofft neue Welten. Da haben Leute Begriffe wie “wieviele Beine hat eine Pute” oder “gehäkelter Maulwurf” gegoogelt und sind so auf meiner homepage gelandet. Abgefahren, oder? Was für Menschen sind das, die nicht wissen, wieviele Schlegel ein Truthahn hat und was bringt sie dazu, die Antwort doch eines Tages erfahren zu wollen? Haben die durch ein Versagen im Eignungstest zum Veterinärsberuf plötzlich Ahnung davon bekommen, dass sie eine Bildungslücke haben oder sind das Leute, welchen im Traum eine 3-beinige Pute erschien und die sich nun vergewissern wollten, dass der ordinäre deutsche Stalltruthahn in der Regel zweifüßig ist? Oder handelt es sich vielmehr um Mitmenschen, die angesichts eines großen Familienessens Hoffnung haben, im Internet Puten mit Keulen entsprechend der Anzahl der Gäste bestellen zu können? Genmanipuliert selbstredend. Oder können genmanipulierte Puten auch Bio sein? Ich werde das bei Gelegenheit mal googeln und bin gespannt, auf was für einer Art Blog ich dann lande.

Interessant war auch die Suche nach “will wieder Windeln tragen”. Zunächst denkt man da an genervte Mütter von Dreieinhalb-Jährigen, die wegen eines neuen Geschwisterchens die Eltern an den Rand des Wahnsinns treiben, indem sie regridieren und wieder in die Hose machen und nach dem Fläschchen verlangen. Bei näherem Hinsehen wird aber deutlich, dass das Thema “Windeln” weit mehr beinhaltet als die Sauberkeitserziehung von Kleinkindern. Es gibt offenbar eine unüberschaubar große Community von Leuten, die es lieben, entweder ihre Partner zu wickeln oder selbst wieder Windeln zu tragen und sich wickeln zu lassen. Viele Blogs befassen sich damit und bei genauerer Recherche gerät man auch auf Foto-Love-Storys zum Thema und wünscht sich plötzlich, wieder ahnungslos zu sein. Ein Windel-Fetisch. Dass es das gibt, wußte ich nicht, obwohl ich bis dato davon ausging, nicht naiv zu sein.

Ein weiterer Suchbegriff, der auf überraschende Fetische schließen läßt, lautet “Nacktfotos von Uromas aelter als 80 Jahre”. Da ist man sprachlos, oder? Ich habe nicht gewagt, selbst danach zu googeln, weil meine Seele noch von den Windelbildern beschadet war und in meiner Heimatstadt ein akuter Mangel an Psychotherapeuten herrscht. Und obwohl ich mir ernsthaft Sorgen um die Würde der Greisinnen mache, empfinde ich doch Mitleid mit all jenen, die nur mit Bildern von Damen jenseits des 80. Lebensjahres froh werden können. Ist das nicht sehr schwierig? Der Stoff bei so einer Sucht ist sicherlich schwer zu beschaffen oder muss ich davon ausgehen, dass ich am Bahnhof nur den richtigen Leuten die Parole “Oma nackig” zuraunen und einen Fuffi zustecken muss, um entsprechendes Bildmaterial zu erhalten?

Wieviel würde denn ein Windeln tragender Mann in der Altersspanne 90+ kosten? Geht das über die kostenlose Google-Bildersuche oder muß ich dafür mein Paypal-Konto oder gar wieder die Connection am Bahnhof bemühen?

Ich hab dann mal ganz unbefangen Herrn P. gefragt, ob er sich denn von mir mal wicklen lassen würde. Er meinte, das Rascheln in der Hose würde ihn eventuell stören und er sei sich nicht sicher, ob seine Haut die Flüssigkeit in den Feuchttüchern vertrüge. Wir haben die Angelegenheit dann vertagt auf den Zeitpunkt, wenn wir unser Kleinkind nicht mehr wicklen müssen und neue Herausforderungen suchen.

Gesucht wurde weiterhin “Sally Toilettenpapier” was mich auf die Idee des SallyP.-Merchandising brachte. Werden die Leute sich eines Tages, wenn ich reich und berühmt bin, den Hintern mit SallyP.-Klopapier putzen und soll ich nicht vielleicht auch noch gleich feuchtes Toilettenpapier dieser Serie herstellen lassen? Für die Windelfreunde? Und was wird darauf gedruckt sein? Eine Auswahl von Texten, die man auf der Toilette lesen kann, wenn gerade nicht Freitag ist und das Magazin der Süddeutschen zur Verfügung steht? Oder meine Silhouette?

Trotz langer Überlegungen bin ich hingegen nicht darauf gekommen, was hinter der  Suche nach “zeigt keine Verletzungen Tier grinsen Faultier” stecken könnte. Besitzt da jemand ein Faultier, welches entgegen aller Gewohnheit plötzlich gute Laune hat und der Besitzer sich Sorgen wegen dieser Wesensveränderung macht? Überlegt er, ob das Tier eventuell innere oder seelische Verletzungen erlitten hat und infolgedessen eine Persönlichkeitsveränderung durchlebten mußte? Sind Faultiere denn eher depressive Charaktäre?

Fragen über Fragen, die ich sehr gerne an dieser Stelle zur Diskussion stelle.

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.