Sally on the Blog

Einst - vor gefühlten hundert Jahren - absolvierte ich ein sozialwissenschaftliches Studium im Rahmen dessen es mich in ein Proseminar zum Thema “Geschlechtsspezifische Erziehung in feministischem Kontext” verschlug. Die Professorin dort vertrat auf Grundlage von Theorien Frau Badinters und Frau Beck-Gernsheims die Auffassung, kleine Jungs würden ausschließlich durch Sozialisation und Erziehung zu dem gemacht, was sie hinterher als Männer seien. Demnach ernten wir Mütter, was wir säen und sind selbst schuld, wenn unsere süßen Jungs mit 16 immer noch im Stehen pinkeln und sich intelligenzreduzierte Dummchen zur Freundin suchen. Mit Anfang 20 hing ich an den Lippen dieser Frau und legte einen feierlichen Eid ab, meine potentiellen Kinder völlig geschlechtsneutral zu erziehen, d.h. beiden Geschlechtern also alle möglichen Entwicklungen offen zu lassen.

Ich hatte mir immer sehr ein Mädchen gewünscht. Oder zwei. Aber mindestens eins. In beiden Schwangerschaften hatte ich schon Namen und beim ersten Mal sogar rosa Kleidchen in Größe 56 weil die Gynäkologin meinem vermessenen Wunsch auch noch Vorschub leistete und den Schniepel beim Ultraschall offenbar mit der Nabelschnur verwechselte. Der Gerechtigkeit halber (jeder bekommt was er verdient und das Leben ist kein Wunschkonzert) aber habe ich - wie jeder weiß - zwei Buben bekommen. Ich verfüge also inzwischen über insgesamt 12 Jahre Erfahrung in der Aufzucht von XY-Chromosomträgern und kann in der Rückschau auf Teile meines Studiums nur noch bitter lachen.

Herr P. und ich leben ein von Geschlechtsspezifika freies Eheleben und sind unseren Kindern große Vorbilder in Sachen Gleichberechtigung, Partnerschaftlichkeit, gerechte Verteilung von Haushaltsaufgaben, Teilnahme an Elternabenden und Karrierechancen, Beiträgen zum Familieneinkommen, Erwerbsarbeit und Erziehungsaufgaben. Theoretisch zumindest. Praktisch kann ich besser kochen und Herr P. den schweren Bohrhammer besser halten, was aber nicht heißt, dass wir nicht dennoch ab und an beides täten. Mit schwankdendem Erfolg.

Unsere Jungs jedoch erziehen wir konsequent frei von geschlechtspezifischen Rollenanforderungen. D.h. dass wir zum Geburtstag Werkzeugkästen und Babypuppen schenken und Herr P. unserem Kleinkind zeigt, wie man Letzteres wickelt. Das heißt weiterhin, dass wir mit unserem Großen lange Gespräche darüber führen, wieso er zu akzeptieren hat, dass in der Fußballmannschaft der Mittagsbetreuung auch Maria mitspielt und dass es nicht uncool ist, im Handarbeitsunterricht ein Murmelsäckchen zu häkeln.

Der Erfolg ist bisher zweifelhaft, denn die Babypuppe wird vornehmlich als Dummy für inszenierte Spielzeugautocrashs oder als Fallschirmspringer vom Hochbett eingesetzt. Das Murmelsäckchen hat letztendlich meine Mutter gehäkelt und Maria hat nach einigen Wochen die Fußballkarriere aufgegeben und besucht nun - wie die anderen Mädchen - ebenfalls die Kunst-AG.

Ich sehe mich also dem Schicksal ausgeliefert, zwei XY-Chromosomträger zu den Männern großziehen zu müssen, welche meiner Idealvorstellung von einem “neuen” Mann entsprechen, obwohl ich gegen die genetische Vorbestimmung keine Chance habe. Unterstützt werde ich dabei von Einem, der es gut meint, aber dennoch seinem eigenen übermächtigen Y verfallen ist und deshalb nur bedingt eine Hilfe sein kann.

Beispielsweise kämpfe ich erfolgreich gegen die Stehpinklerei an. Keiner der hier lebenden männlichen Wesen würde es wagen, sich bei der Verrichtung urinaler Bedürfnisse vor die Toilette zu stellen anstatt sich darauf zu setzen. Dies aber nicht aus Einsicht, sondern vielmehr geschürt durch die Angst vor der hormonell indisponierten Mutter und ihren Zornausbrüchen, was zur Vermutung Anlaß gibt, dass die durchaus positiven Verhaltensweisen nicht nachhaltig sind und mit dem Auszug aus dem elterlichen Nest sofort verschwinden. Außerdem wird die Sitzpinkellösung meines Erachtens völlig überschätzt. Wer mit Sitzpinklern zusammenlebt weiß, dass sich die Problematik der Urinspritzer nur verschiebt, und zwar vom Boden hinter der Toilette auf den unteren Rand der Klobrille vorne.  Insbesondere Kinder neigen nämlich dazu, nicht nach unten in die Toilette hinein zu strullern, sondern vielmehr nach vorne und im günstigsten Fall die Klobrille unten sowie die Schüssel zu verschmutzen. Bei ausreichend Druck rinnt es sogar vorne die Schüssel entlang nach unten.

Zumeist stört mich das nicht weiter, denn die Reinigung des Bades steht in der heimischen Aufgabenverteilung bei Herrn P.  auf der Liste und außerdem habe ich mir das Gästeklo kürzlich mangels Raumalternativen als “mütterliches Rückzugszimmer” eingerichtet. Mit rosa Toilettenumpuschelung, Vergrößerungsspiegel zum Zwecke des gezielten Oberlippenbartzupfens, feuchtem Toilettenpapier mit Rosenduft und goldener Klobürste. Das entspannte Verweilen garantiert eine Auslage aktueller Zeitschriften wie Brigitte, Emma, Gala sowie dem SZ-Magazin. Dahingegen liegt im allgemein zugänglichen Bad eher der Sporteil der Tageszeitung und Mickymaushefte. Wäre der Kleine nicht noch Windelträger, fände sich dort sicherlich auch das Buch vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gekackt hatte.  A propos… das Fäkalthema. Wenn man mit männlichen Wesen zusammenlebt, fällt zuallererst auf, dass der Humor ein anderer ist. Bei uns zu Hause wird vornehmlich über Fäkal- und Genitalwitze gelacht und zwar vorwiegend auf Grundschulniveau. Einer der ersten Dreiwortsätze meines Kleinkindes war “Bruder pups gemacht”, gefolgt von schallendem Gelächter und dem Versuch seinerseits, durch intensives Pressen einen eigenen Witz beizutragen. Lernen am Modell nennt man das in der Pädagogik. Was soll man dem als Frau entgegenhalten? Wenn ich zur Verrichtung meiner Flatulenzen in meine rosa Toilette gehe, kriegt das ja keiner mit und kann es dementsprechend auch nicht nachahmen.

Wenn wir den Großen beim gemeinsamen Abendessen nach seinem Schultag befragen, kommt es nicht allzu selten vor, dass wir in den Genuss von den Witzen des Tages der Klasse 4c kommen, welche meist pointenlos, dafür aber reichhaltig an fäkalem Inhalt sind. Und erstaunlicherweise kann der Vater oftmals herzhaft darüber lachen, während ich die Einzige bin, die - mit leisem Stimmchen untergehend im allgemeinen Gröhlen - auf Benimmregeln beim Essen hinweist. Offenbar triggert das Wort “Pups” bei männlichen Wesen unmittelbar die Humor-Synapsen im Gehirn, während meinesgleichen einfach nur der Appetit vergeht.

Als ich mich wegen einer Magen-Darm-Grippe vor kurzem ins nächstgelegene (nicht rosa) Klo stürmte, unentschieden, ob ich mich zuerst darauf setzen oder davor knien sollte, stieß ich - weil ich mich Gott sei’s gedankt für Letzteres entschied - auf eine kleine Vorrichtung, welche unter der Brille angebracht war. Als ich dieses Ding nach Beendigung des Grundes meines Toilettenbesuchs näher in Augenschein nahm, stelle ich fest, dass es sich um einen sog. “Klospritzer” handelte. Einen Scherzartikel, welcher mittels Saugnapf unter der Brille befestigt wird und Toilettenbesuchern beim Hinsetzen Wasser in den Hintern spritzt. Extrem lustig, insbesondere in Anbetracht meiner aktuellen Verfassung. Ich war nie gefährdeter, meine Anti-Gewalt-Pädagogik über Bord zu werfen, aber mein schwacher Zustand hinderte mich Gott sei Dank daran, ein Fall fürs Jugendamt zu werden.

Die neueste Lieblingsbeschäftigung meines Kleinen ist das Ausziehen seiner Strumpfhose, Aufreißen des Bodies sowie Entledigung der Windel, um dann 1000 Mal unter lautstarkem Gröhlen und Ziehen am Allerheiligsten von der Sofalehne aufs Sofa zu springen und jeden Sprung mit lautem “Achtung, 1, 2, 4, ich kooooome” anzukündigen. Wer weiß, vielleicht wird daraus die künftige olympische Disziplin des Nacktturmspringens? Unter Berücksichtung der ewig vergessenen 3 könnte es auch Nacktturmspringen für Dyskalkuliker bei den Paralympics werden.

Nun könnte man meinen, in einer Familie mit 5 X-Chromosomen hätte die Weiblichkeit noch die Oberhand gegenüber der drei Y, aber weit gefehlt. Ypsilone haben Dreifachwirkung, glaube ich, oder sie nehmen einfach keine Rücksicht.

Demnächst haben wir Alumnitag an der Hochschule. Vielleicht gehe ich hin und frage meine alte Professorin geradeheraus, ob sie weiterhin bei dem Blödsinn bleiben will, den sie uns einst verzapft hat oder ob sie inzwischen Jungs zur Welt gebracht hat und sich damit dem realen Leben gestellt hat.

Leidgeprüfte Grüße,

SallyP.

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