Sally on the Blog

Gestern bin ich im Umkleideraum der Kinderkrippe ganz unfreiwillig in eines dieser Ambitionierte-Mütter-Gespräche geraten. Da habe ich gelernt, was ein aktiver Wortschatz ist. Nämlich das, was die lieben Kleinen so den ganzen Tag von sich geben. Nicht das, was sie schon verstehen, nein, sondern das, was sie einigermaßen verständlich daherplappern. Wenn ich also beim Abendessen zornig mit der flachen Hand auf den Tisch schlage und brülle, dass mit der Batzerei jetzt Schluß ist - kruzefix - und der Rucolaflan gefälligst in den Mund von dem Terrorzwerg reingeht und nicht katapultartig über und unter den Tisch geschossen werden soll und die Kröte mittels teuflischem Grinsen deutlich macht, dass sie verstanden hat… dann ist das nicht der aktive Wortschatz, sondern der passive. Wenn er daraufhin aber sagt: “Mama, fitz, fitz, batzrei” dann ist das ein Vierwortsatz mit einem aktiven Wortschatz bestehend aus den Wörtern Mama, kruzefix und Batzerei.

Er kann jetzt auch zählen. Die Finger, die Treppen, die Familienmitglieder - alles wird unaufhörlich unter Mißachtung der 3 gezählt. Was an dieser Zahl so verkehrt ist, konnte ich noch nicht herausfinden, aber er vergißt sie immer. Das ist wie mit der Farbe Grün, die kann er auch anhaltend nicht benennen. Oder will nicht. Grün hat man dieses Frühjahr offenbar einfach nicht und die Drei wurde schon immer überbewertet.

Wenn Herr P.  auf der Leiter steht und für das Vorhangseilsystem mühsam Löcher in die Betonwand bohrt, ich den Staubsauger halte und das große Kind die Leiter hält, rennt der Zwerg ganz wichtig mit dem Meterstab herum und zählt: Einweivierfünf…
Um ihn von der Leiter weg und in Schach zu halten, beauftrage ich ihn, immer 15 zu messen. Fünfzehn findet er ein tolles Wort, hält sofort den Meterstab an alle Wände und zählt 15. Herrn P.  fällt ein Dübel runter, ich bücke mich und krieche danach. Das kleine Sprachwunder setzt sich auf meine Waden, hält mir den Meterstab an den Hintern und sagt: Mami Popo Fünften.
Stimmt, sagt sein Vater, sags der Mama ruhig, die glaubt immer, ihr Popo sei 23.

Verstecken spielen steht neuerdings auch hoch im Kurs bei uns. Der Kleine hält sich die Hände vors Gesicht und ruft: 1, 2, 4, ich kooooooooooomeeeeeeeee. Währenddessen versteckt sich sein großer Bruder immer unterm Schreibtisch, wo ihn der Kleine nie findet. Er rennt dann suchend umher und fragt uns irgendwann weinend, wo sein großes Idol abgeblieben ist. Wir geben ihm den Tipp, Piep einmal zu sagen und das macht er dann auch, hört die Antwort aber nie, weil er sich selbst auch immer gleich lautstark PIIIIIIEP antwortet. Wenn er ihn gefunden hat, ist er immer aufs Neue begeistert und beklatscht sich unter Baavoooooooo-Rufen selbst. Will dann der Große mal suchen und fängt an, mit dem Gesicht in die Couch gedrückt zu zählen, versuchen wir fast gewaltsam, den Rotzzwerg in ein Versteck zu locken. Das scheitert aber meist daran, dass er sein Gesicht Wange an Wange mit seinem großen Bruder ins Sofa drückt und ebenfalls wieder zählt.
Überhaupt hört er auf uns nie, tut aber immer das, was sein Bruder ihm sagt. Weigert er sich am Tisch, das Brot zum Käse zu essen, muss man den Großen nur bitten, sehr genüßlich in sein Brot zu beißen und dabei hmmmmmmmmmm zu machen, schon futtert auch der Kleine das Brot, von welchem man vorher noch hätte annehmen müssen, dass es schimmelverseucht und aus Rosenkohlpulver gebacken ist.  Das funktioniert übrigens auch mit Thymian-Hustensaft. Dafür, dass der Große ihn todesmutig vor den Augen seines Bruders trinkt, belohnen wir ihn hinterher heimlich mit Gummibären. Pädagogik ist, wenn der Zweck die Mittel heiligt.

Diese Vorliebe fürs Versteckspiel kann aber auch ganz schön nerven. Wenn ich Nachmittags mit dem warmen Wintermantel und den hohen Schuhen in die Krippe komme um die Kröte abzuholen, dann möchte ich, dass es möglichst schnell geht. Die heizen dort viel, ich schwitze und möchte heim, denn der Große wartet schon. Erst muss ich den Zwerg aber im Bewegungsraum aus dem Tunnel rausziehen, denn freiwillig kommt er nicht. Dann ziehe ich ihm in gebückter Haltung (wir erinnern uns an die hohen Schuhe und die Winterjacke) unter Schreien und Wüten die Schneehose, Jacke und Schuhe an und wenn wir dann fast zur Tür raus sind, rennt er weg und versteckt sich in der tollen Riesenschachtel im Flur. Ich hasse diese Schachtel. Die wurde von ambitionierten Erzieherinnen dorthin gestellt, um Kinder mit einfachen Mitteln zu erfreuen. Oder aber, um die Elternfolter in der Abholsituation noch weiter zu erhöhen. Ich würde diese Schachtel täglich am liebsten nehmen und vor der Krippenleitung mit bloßen Händen in minikleine Stücke reißen. Stattdessen krieche ich aber wieder am Boden und versuche, den menschgewordenen Flummiball aus der Schachtel zu fischen und unter dem Arm geklemmt nach Hause zu tragen.

Im Bus quatscht er die Leute distanzlos auf ihr AUA an, wenn sie einen Pickel haben und kommentiert jeden Pups mit Kackapups macht. Dammte Seiße ist sein Lieblingswort, seit ich mir den Zeh an der Treppe gestoßen habe und wenn sein Bruder Kumpelbesuch hat, steht er unablässig vor der geschlossenen Kinderzimmertür und ruft in den Spalt aaaloooooooooo, auch bielen hinein, bis sie ihn genervt mitspielen lassen.

Aber was das Austesten sprachlicher Möglichkeiten betrifft, hat man ja an Kindern bis ins Erwachsenenalter hinein seine helle Freude. Neulich saß ich mit dem Großen in der Straßenbahn, wo er sich immer ein Stück weit von mir wegsetzt. Angeblich, weil er hinten raus schauen will, aber ich glaube, in Wahrheit bin ich ihm peinlich.
Ich saß also vermeintlich allein und wurde mittels bedeutsamen Augenbrauen- und Zungenbewegungen von einem Mann angeflirtet. Ich wußte nicht recht damit umzugehen und schaute weg, was den Mann dazu animierte, auch noch lockende Geräusche von sich zu geben. Ich liebe sowas.
Beim Aussteigen schmiegte sich mein Sohn an mich und der Mann fragte ihn entsetzt, ob ich etwa seine Mutter sei. Ja, piepste mein Sohn vertrauensvoll und wollte draußen von mir wissen, was mit dem Mann gewesen sei. Ich sah mich dann zu Erklärungen bezüglich des Balzverhaltens seltsamer männlicher Artgenossen genötigt und hoffe, er wird in Zukunft meine Theorien dazu, wie man Frauen wirklich beeindruckt, kompetent umsetzen können.

Beim Abendessen erzählte er Herrn P. sensationsheischend, dass heute in der Trambahn ein Mann die Mama angebaggert hätte. Dieser gab sich empört, wollte wissen, wer und wann das war, was mich veranlaßte, kokett mit meinen Reizen anzugeben und deutlich zu machen, dass ich durchaus noch Chancen hätte und man sich meiner nicht allzu sicher sein dürfe.

Unser Großer hatte das Geplänkel mißverstanden und wollte die Scheidung seiner Eltern damit verhindern, indem er seinem Vater tröstend zurief: Nein, Papa, das war doch nur so ein besoffener alter Sack!

Übermorgen werde ich mit dem linguistischen Wunderzwerg eine weite Zugreise machen und sehe den 6 Stunden einfache Fahrt bereits angstvoll entgegen. Hoffentlich begegnen wir nicht vielen Leuten mit Pickeln und stattdessen vielen, die einen ähnlich gelagerten Fäkalhumor haben wie wir, und sich auch ebenfalls gerne über Maulwürfe mit Fäkalhaufen auf dem Kopf unterhalten.

SallyP.

Gestern kam eine Email von Großtante Gitti aus Köln mit einem ambitionierten “Hellau” und “Alaaaaaaaaf” und Grüßen zum Karneval. Im Anhang ein Foto von sich als volltrunkenes Funkenmariechen und ihrem neuen Lover, dem Seemann.

Nun hat ein bayerischer Vater - und damit genetisch bedingt grundgrantiger Mensch - so seine Schwierigkeiten mit derlei Festivitäten und entsprechend brummelte Herr P. bloß was von das hieße ja wohl Fasching und der sei nicht für g’spinnerte Erwachsene sondern für Kinder.

Und weil wir von letztgenannter Spezies gleich zwei Exemplare zum Zwecke der Aufzucht in unseren Haushalt aufgenommen haben, müssen wir unseren Grant jedes Jahr ausblenden und uns ebenfalls in den Faschingsspaß begeben.
Der Vorpubertierende äußerte in diesem Jahr den Wunsch, ein Jedi-Ritter zu sein. Als ich dies vernahm, mußte ich mich doch wundern, denn als Sohn pädagogisch anspruchsvoller Eltern durfte der 9-jährige die Star-Wars-Trilogie selbstredend nicht sehen. Wie sich herausstellte, hatte er aber schon vor Monaten den ersten Teil bei seinem Freund Justin kennengelernt und war völlig im Bilde. Justins Eltern hatten es entweder nicht für nötig befunden, uns zu unserer Meinung diese Form der Medienerziehung betreffend zu fragen bzw. haben gar nicht mitgekriegt, was ihr Sohn in seinem Zimmer mit eigenem Fernseher so alles treibt, wenn es gerade so schön still darin ist.

Den Wunsch nach der Jedi-Robe schlug ich dem Kind zunächst ab, denn die Ausgabe für eine originale Obi Wan Kenobi-Robe erschien mir zu groß angesichts des Fensters, welches das feinmotorisch minderbegabte Kind vor kurzem zerstört hatte. Ich hatte im Schlafzimmer gelüftet und zu diesem Zwecke ein T-Shirt in die Spalte geschoben. Als ich das Kind bat, das Fenster zu schließen, versuchte es eben dies mit aller Gewalt und kam auch nach minutenlangem Drücken und dagegen Stemmen noch nicht darauf, dass sich etwas zwischen Fenster und Rahmen befinden könnte. Als er mir genervt berichtete, dass das Fenster sich seltsamerweise nicht mehr schließen lasse, schwante mir schon Ärger.

Wie sich herausstellte, war die Befestigung im Rahmen unwiderruflich kaputt und eine Reparatur voraussichtlich teuer. Angesichts dieser drohenden Ausgabe strich ich dem Kind den Jedi-Verkleidungswunsch und war stolz, endlich Konsequenzen aufgezeigt zu haben und hart geblieben zu sein. Selbst als das Kind und Herr Kenobi senior mich tagelang nur stumm mit traurigen Augen anschauten, blieb ich hart.

Der Fensterreparaturmann kam, hörte die Geschichte und zerfloß vor Mitleid mit dem armen Bub. Er reparierte das Fenster umsonst und verbuchte es unter Gewährleistungsverpflichtung der Baufirma. Am selben Tag brachte der grobmotorische Obi Wan Kenobi eine Eins in Mathe und wünschte sich zur Belohnung, sich von seinem Taschengeld selbst ein Jedikostüm kaufen zu dürfen. Herr P.  entschied wohlweislich ohne Rücksprache mit der konsequenten Mutter, dass der Bub das Kostüm bekäme und die Strafe ungewidmet würde in eine Taschengeld-Spende für Erdbebenopfer in Haiti.

Als ich davon hörte und mich vor vollendete Tatsachen gestellt sah, gelang es mir nur noch, die Spende an den Kinderschutzbund umzuleiten. Mir war sehr daran gelegen, dass Kinder, deren Eltern angesichts solcher Fensteraffären weniger beherrscht und pädagogisch versiert waren, davon Nutzen hatten.

Am Abend vor dem großen Faschingsfest wollte ich mein müdes Haupt zur Ruhe betten und sah meinen Wecker stehengeblieben. Wie sich herausstellte, hatte Obi Wans Vater die Batterien entfernt, um das Laserlichtschwert seines Sohnes leuchten zu lassen. Dass die Mutter morgens rechtzeitig zur Arbeit in die Kantine des Sternenverwaltungshauptquartiers kommt, erschien den beiden belanglos. Im Zweifel hätten sie wohl den Schuldnerberater gerufen, um mit dem Laserlieferanten eine Ratenzahlung oder gar Stundung zu vereinbaren.

Die wichtigen Kostümierungsfragen wurden bei uns auch im Team diskuttiert. Die Tochter der einen Kollegin wollte unbedingt Unterwasserfee werden, was in der Mittagspause die Frage aufwarf, ob es sich dabei um ein meerjungfräuliches Wesen oder eher um eine Art Amphibiennymphe handelt. Die Tochter der anderen bestand darauf, als Hund kostümiert zu werden. Die Eltern waren überrascht, da das Kind all die letzten Jahre eine Prinzessin war und die Wandlung zum Hund unvorhergesehen kam. Von der Prinzessin auf den Hund gekommen quasi. Offenbar hat das Kind in einem Jahr einen riesigen Schritt von kindlicher Naivität in Richtung Realitätsbezug getan.

Unser Zwerg war in der Krippe “Pinguwin” und kann inzwischen täuschend echt den Watschelgang eines gehbehinderten Pinguins nachahmen. Beim Faschingsumzug hier im Viertel saß er hingegen dick vermummt als Drache im Schneeanzug in der Kraxe auf dem Rücken seines Vater und brüllte regelmäßig furchterregend “Kapfensoße!” und meinte damit die Krapfenfüllung, die er mit Vorliebe aus dem Krapfen zu puhlen versucht. Aus des Drachen Nüstern kam nicht Feuer, sondern furchteinflößender grüner Rotz, was die Verkleidung außerordentlich authentisch werden ließ.

Nun ist der Fasching fast vorbei. Obi Wan Kenobis Schwert leuchtet nicht mehr und der kleine Pinguwin ist mit seiner Verkleidung, deren ursprüngliche Farben aufgrund der mit Krapfensoße verklebten Konfettis nicht mehr erahnbar sind, schlafen gegangen und träumt von Rotze-Drachen.

Die Drachenmutter und der Jedivater sind froh, dass das Treiben vorbei ist und haben sich fest vorgenommen, sich für den Faschingsumzug im nächsten Jahr auch mindestens einen albernen Hut zuzulegen. Wir könnten uns bei Tante Gitti aus Köln sicherlich das nötige Equipment leihen.

Alaaaaaaaaaaaf!

SallyP.

Sallys Valentinsgeschenk

Februar 11th, 2010

Heute morgen hab ich Herrn P. gefragt, was er mir denn eigentlich zum Valentinstag schenken würde. Die Frage ist rein rhetorischer Natur, denn die brummige Antwort war dieselbe wie all die letzten Jahre:
Selbstverständlich nix, sagt er, denn wir seien ja ein modernes Paar, welches sich keinesfalls dem Diktat der imperialistischen amerikanischen Blumenmafia unterwerfen würde.
Schade, denke ich heimlich, denn angesichts der Schneemassen und der andauernden Kälte findet auch die moderne, emanzipierte und mafiöse Strukturen verachtende junge Frau Blumen schön.

Mit den Geschenken ist es ja so eine Sache. Eine Freundin hat sich neulich bitter bei mir beklagt, weil ihr Mann ihr zum Geburtstag eine Friteuse geschenkt hatte. EINE FRITEUSE! Der Mann, ein unglaublich gut aussehender, Rugby spielender Schwede aus adeliger Familie mit einem Einkommen in Höhe der Summe aller Einkommen aller Männer im Freundeskreis.
Vor Jahren hat er meine Freundin aus dem Land, in welchem die versprochenen Landschaften bis heute noch nicht blühen, auf einem weißen Schimmel entführt und fortan lebte sie dort mit ihm in einer der teuersten Städte der Welt, gebar ihm zwei wunderhübsche Kinder, verfügt über Zugehfrau, Au-pair und wöchentliche Pediküre und arbeitet nur, damit sie sich cool vorkommen kann und das ganze Bafög nicht umsonst war.
Wir anderen Freundinnen waren immer voll des Neides und ich habe Herrn P. oft zu überreden versucht, das Karate zugunsten von Rugby und einem Schwedisch-Kurs an der Volkshochschule aufzugeben. Er lacht dann immer und meint gutmütig, man - bzw. ich - könne nicht beides haben: den Consultantsuperman mit Besteinkommen und den vonderleyenschen neuen Mann, der selbstbewußt und ohne mit der Wimper zu zucken in Elternzeit und mit Knackarsch und V-Kreuz zum Babyschwimmen geht. Schade eigentlich.

Aber nun, nach all dem heimlichen Neid, die Ernüchterung: Eine Friteuse. Das Entsetzen im Freundinnenverbund darüber wurde nicht gerade gelindert durch die Tatsache, dass er ihr in den vergangenen Jahren Karten für das Endspiel der Rugby-Ligameisterschaften, eine Heavy-Metal-CD-Sammlung und kratzende Spitzenunterwäsche, die nur einer rachitischen Barbiepuppe gepaßt hätte, geschenkt hatte.

Eine Freundin meinte, das Friteusengeschenk wäre immerhin besser, als wenn er mit einer Friseuse durchgebrannt wäre. Eine andere Freudin schlug hingegen vor, sie solle ihm seinen Schniepel im neuen Gerät fritieren und mit Ketchup zum Fraß vorwerfen.

Ich bin selbstredend voll des Mitleids, kann aber nicht verhehlen, froh über die Erkenntis zu sein, dass auch der schwedische Superman
makelbehaftet ist. Andererseits haben wir keine Friteuse und wenn der Valentinshase eine brächte, wäre mir das lieber als gar kein Geschenk. Gibt es im internationalen Friteusenhandel mafiöse Strukturen, welche nicht unterstützungswürdig sind?

SallyP.

Familienliebe am Wochenende

Februar 6th, 2010

Samstag Mittag. Der König aller Trotzphasen schläft und sieht dabei plötzlich ungewohnt engelsgleich aus. Ich futtere Brot- und Käsereste an Tomatenschiffchen zu mittag; ohne Teller am Schreibtisch sitzend und fege die Krümel auf den Boden. Keiner da, für den man Vorbild sein und die eigenen Regeln einhalten müßte. Anarchische Zustände quasi, wie schön!

Ich checke meine Emails und verfolge in meiner Newsgroup für über den ganzen Globus verteilte Freundinnen die Diskussion darüber, was das Wochenende beschissener macht: Männer, die nicht nur unter der Woche dauernd am Arbeiten sind und dann auch noch Samstags irgendeinen Sondereinsatz in der Firma fliegen müssen, weshalb die Frau am samstäglichen Ausschlafen gehindert wird und den Tag alleine mit ihren Kindern, die sich allesamt gerade in der Ausgeburt einer schwierigen Phase befinden, verbringen muss. Sie nennt das der Psychohygiene wegen den “Kacken-Wichs-Samstag” in der Sicherheit, dass ihre geliebte Familie niemals von diesem Parlallelleben im Internet erfahren wird.

Oder sind Männer schlimmer, die am Wochenende zu Hause sind und sich wie bei Loriot plötzlich in alles ein- und damit die Familie aufmischen? Meine andere Freundin ist genervt von einem Ehemann, der zwar am Wochenende zu Hause ist, die freie Zeit jedoch nutzt, um ihr mit Weisheiten den Haushalt oder die Kindererziehung betreffend, auf den Zeiger zu gehen.

Ich kenne das.  Zuweilen kommt es vor, dass auch Herr P. und ich von Montag bis Freitag das Wochenende herbei sehnen, uns aus der Arbeit verliebte Mobiltelefonkurznachrichten schreiben und uns das Familienleben in schillernsten Farben ausmalen. Kaum ist dann aber Freitag Nachmittag und die ganze P.’sche Bagage endlich zu Hause versammelt, gibts Streit und die Eltern keifen sich an, als müßten sie ihre ganzen - während der Woche im Büro erlittenen negativen Aufladungen - an sich auslassen. Was uns betrifft, so haben wir im Laufe der Jahre gelernt, dass Erholung und Entspannung im Kreise der Familie am Wochenende am schlechtesten funktioniert, wenn man nur müde die Füße hochlegen will. Meist ist es dann so, dass ich plötzlich unser Domizil bei Tageslicht betrachte (was ich zu dieser Jahreszeit ja die ganze Woche nicht kann), mich unvermittelt der Schlag trifft und der Putzteufel in mich fährt. Plötzlich erblicken meine Augen den Staub auf den Regalen und die Zahnpastaflecken im Waschbecken und die Wollmäuse unter dem Bett und die (meist sehr kleinen) Finger- und Zungenabdrücke auf dem unteren Drittel der Fenster. Ich fange also unkoordiniert und wild - unter Schimpfen und Fluchen auf den Gott, der mich zu einem Leben mit drei schmutzenden Penisträgern - verurteilt hat, zu putzen an. Davon fühlen sich die anderen Familienmitglieder unterschwellig bedroht und reagieren meist damit, mich zu behandeln wie eine aus der Geschlossenen entlaufenen Psychopathin, die man mittels beruhigender Stimme wieder die gepolsterte Zelle zurück locken will. Dass dies - erst recht wenn ich mich weit hinten im Zyklus befinde - nicht das Mittel der Wahl ist und zur völligen Eskalation der Situation führt, muss ich meinen Mitschwestern hier nicht erklären, oder? Oftmals ist die Stimmung also am Samstag Morgen, noch bevor man darüber streiten könnte, wer Semmeln holen gehen muss, im Eimer.

Bewährt hat sich deshalb, dass die Familie ihr Wochenende schon vorher gut plant und nicht vergißt, auf keinen Fall gemeinsam untätig zu sein. Auf der Erkenntis, dass man niemals gemeinsam tatenlos entspannen kann, beruht das Geheimnis (m)einer glücklichen Ehe. Entweder wir haben gemeinsam etwas vor, dann überlegen wir uns vorher genau, wann, wie und wo. Oder jeder geht seiner Wege und nimmt ein Kind mit. Auf keinen Fall darf man darauf bauen, dass das Wochenende erholsam, schön, wunderbar und voller Liebe sein wird, nur weil man gemeinsam nicht arbeiten muss und aufeinander hocken kann.

Letzten Freitag zum Beispiel: Ich rase auf hohen Schuhen um 16 Uhr aus dem Büro, stecke mit die Finger in die Ohren um nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen, was meinem Chef alles noch so einfällt, grabe mich durch Schnee und über Eis zur Turnhalle des Sportvereins, sammle dort meinen großen Sohn ein um mein Versprechen, die 2 in Mathe zu belohnen, einzulösen und ins Kino zu gehen. Dort stehe ich eine halbe Stunde in der Schlange am Kartenverkauf, während meine Füße in den Stöckeln anschwellen, als würde ich zur Elefantin mutieren. Der Film behandelt die Thematik von Maschinen, welche gewünschte Nahrungsmittel auf die Erde regnen lassen können und im weiteren Verlauf aber die Weltherrschaft übernehmen wollen und mittels angriffslustigen Pizzastücken und Spaghettitornados die Menschheit auszurotten versuchen. Ähnliches habe ich vor ca. 15 Jahren erlebt, als eine Freundin aus dem Hollandurlaub magische Pilze mitbrachte. Immerhin kam ich auf diesem Wege dazu,  Schlaf nachzuholen, denn die Nacht zuvor habe ich im Internet mit einem 20jährigen Computerwahnsinnigen verbracht, welcher eigentlich auf das Desig von Fantasyrollenspielplatformen spezialisiert ist, mit mir aber das soziale Experiment wagte, meine homepage zu gestalten und sich damit in gänzlich andere Welten begeben hatte. Letzteres galt für mich aber doppelt, denn ich sah mich damit konfrontiert, einem Menschen, der sich Drago Drachenzahn nennt, zu erklären was “altrosa” ist und warum diese Farbe schön, grellpink hingegen nur auf Schneeanzügen der 80er Jahre cool ist. Der Unterschied war ihm unter Aufgebot aller meiner sozialer Kompetenzen gegen 3 Uhr Morgens immerhin zu vermitteln. Drago Drachenzahn kennt nun den Unterschied zwischen altrosa, pink, lila, violett und magentarot, während Sally immer noch nicht versteht, was er mit der Frage nach der HTML-Farbnummer ihrer Wunschfarben meinte. Aber man muss das verstehen: ich bin 15 Jahre älter und habe im Gegensatz zu ihm schon einige Gehirnzellen bei  Presswehen und der allabendlichen Lektüre der kleinen Raupe Nimmersatt verloren.

Ich werde das jetzt öfter so machen: Dem Kind einen Mutter-Sohn-Ausflug vorgaukeln und die Zeit im Kinderkino dann für ein Schläfchen nutzen. Wenn das nicht ressourcenorientiert ist, weiß ich auch nicht. Das einzige Problem war nach dem Film, dass ich mit meinen dicken Füßen nicht wieder in die Schuhe hinein gekommen bin.

Zu Hause wartete Herr P. schon mit dem Essen und Besuch, weshalb ich dann auch abends nicht dazu kam, die enge Hose auszuziehen, die Füße hochzulegen und stupide auf der Fernbedienung herumzudrücken. Gegen Mitternacht bin ich todmüde ins Bett gefallen und so verging der Freitag ohne eheliche Auseinandersetzung. Heute Morgen um 6 klingelte der Wecker und Herr P. und sein großer Sohn machten sich in aller Frühe auf den Weg ins Umland zu einem wichtigen Basketballturnier der U12-Mannschaft.

Der Trotzzwerg und ich haben derweil schön ausgeschlafen, bei Kaffee, Milch und eingetunkten Keksen darüber diskuttiert, ob der Maulwurf Grabowski Schmerzen hat, wenn ihn die Baggerschaufel hochhebt und warum die Raupe Nimmersatt eigentlich nie Bananen ißt. In regelmäßigen Abständen erreichten uns Kurznachrichten mit Texten wie

mein gott ist das schon wieder spannend, spiel gegen die dominierenden Hintertupfinger aber führung mit 12:4, es wird bis aufs blut gekämpft. der gegner wird aber stärker, hilfe

übel, die anderen eltern coachen alle ihr kind mit strengen anweisungen

nach starkem spiel leider knapp verloren. großes Kind hat sich nach foul auf die zunge gebissen mit bluten. erholt sich langsam von der tödlichen verletzung

korb von großem Kind! dicke führung gegen die Vordertupfinger

FREIWURFKORB FÜR GROSSES KIND!

Der Zwerg und ich haben jedesmal angemessen gejubelt und ich träume seither von einem Leben in Luxus und Reichtum mit wöchentlichen Botoxspritzen als Basketballsuperstarmutter.

Während ich den Einkaufszettel geschrieben habe, hat uns unser Nachzügler, eher im künstlerischen denn sportlichen Bereich hochbegabt, mit dem Zirkel seines großen Bruders geometrische Formen in die Flurwand geritzt. Aber wer will sich aufregen an solch einem ruhigen, beschaulichen Tag ohne Arbeit und Ärger?

Am Nachmittag werden wir uns im Kreise der Großfamilie bei Kaffee und Kuchen zusammen finden, wobei sich selbstredend auch keine Gelegenheit ergibt, zu streiten und insofern haben Herr P. und ich bisher ein wunderbares Wochenende verbracht und lieben uns sehr. Bleibt der Sonntag abzuwarten und was passiert, wenn Herr P. morgen, wie versprochen, ausschlafen darf während ich die Kinder übernehme. Ich werde unweigerlich allein, müde und genervt sein und einen ungehinderten Blick auf die nach Zuwendung in Form eines Putzlumpens schreiende Wohnung haben. Wie sich das gleichzeitige Bewußtsein, dass Herr P. derweilen friedlich ausschläft auf die Intensität meiner Liebe auswirken wird, bleibt spannend.

SallyP.

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.