Sally on the Blog

Resozialisierung ins Arbeitsleben

November 27th, 2008

Nach 6 Wochen prä- und 8 Wochen postnatalem
Mutterschutz, einer schmerzhaften Geburt und einer
5-monatigen Elternzeit, klingelt an einem Montagmorgen
um 6 Uhr der Wecker. Die berufundfamilievereinende
Mutter, eine moderne und patente junge Frau, ist
zunächst verwirrt, denn sie kann das Geräusch nicht
zuordnen.
Während der letzten Monate wurde sie zwar oftmals
überraschend aus Tiefschlafphasen geweckt, was
- wie man aus der Forschung an Folteropfern weiß -
zu Vergeßlichkeit und Verwirrung führt, das
Weckergeräusch ist ihr jedoch fremd.
Nach intensivem Grübeln fällt ihr ein, dass dies der
Tag ihrer Rückkehr ins Berufsleben sein wird.

Neben ihr im Gitterbett fängt nun auch das das zwergenähnliche
Wesen an zu kruscheln…sie verharrt in totenähnlicher Starre,
um es nicht zu wecken und versucht dabei, nicht wieder einzuschlafen.
Irgendwann drängt aber die Zeit. Will sie nicht mit fettigen Haaren und muffigem
Schlafzimmergeruch im Büro ankommen, muss sie jetzt in die Dusche. Sie
versucht also, elfengleich ins Bad zu schweben, was sich als schwierig
erweist, da sie nach wie vor eher an eine Elfe in Elefantenkostüm
erinnert, und das, obwohl die Schwangerschaft nun bereits schon
länger vorbei ist, als sie eigentlich gedauert hat.

Sie brezelt sich also auf, schlüpft in die neue Bürohose (eine Nummer
größer als noch vor einem Jahr) und freut sich darüber, dass die
Stiefel, welche im letzten Winter wegen der Wasserfüße eher unbequem
waren, dieses Jahr wieder passen. Auch der Mantel läßt sich - bis auf
den untersten Knopf - wieder schließen.

Die berufundfamilievereinende Mutter stapft also durch den
sonnenglitzernden Schnee in die Firma, ruft im Foyer strahlend
“Guten Morgen” und will dynamisch die Stufen hoch in ihr Büro
erklimmen. Der - neue - Wachmann versperrt ihr den Weg und
blafft unverschämt: “Hamm ’se nen Termin? Erst mal schööööön
zur Anmeldung, junge Frau!”

Unsere Heldin reagiert gelassen und kompetent; sie schüttelt dem
verblüfften Wachmann die Hand, stellt sich als Frau P. vor, welche regelhaft hier
im Haus arbeite und nach einer Zeit der Beurlaubung nun wieder hier sei
und sich auf gute Zusammenarbeit freue. Der Wachmann sieht schwer
nachdenkend aus, offenbar versucht sein Gehirn, einige Synapsen zu
bilden… ob dies gelingt, bleibt ungewiß. Er macht aber den Weg frei.

Um in ihr Büro zu gelangen, muss die berufundfamilievereinende
Frau viele Stufen erklimmen. Dabei werfen sich ihr viele, viele wohl-
und weniger wohlgelittene Kolleginnen in den Weg, welche alle in
hysterisches Kreischen ausbrechen und sich über den netten Besuch
freuen. Als sich aufklärt, dass sie beileibe nicht zu Besuch da ist,
sondern völlig offiziell wieder ihren Job aufnimmt, zeigen sich
verschiedenste unkontrollierte Gesichtsausdrücke…von
aufgeschlossen-freudig bis in hin zu entsetzt-erstarrt.

“Wie alt ist denn nun Ihr Butzerl?”

“7 Monate ist der Oskar”

“Sooo klein noch? Ja, und was machens denn jetzt mit dem? Wenn Sie da
jetzt wieder arbeiten müssen…”

“Wollen, nicht müssen. Der Kleine ist jetzt bei seinem Vater daheim.”

“Woooooos? Beim Papa? Ja, muß denn der nicht arbeiten?”

An dieser Stelle wird deutlich, woher der Wind weht… Das Thema spitzt
sich in Richtung Kinderbetreuung, moderne familiäre Lebenskonzepte,
Rollenklischees und Emanzipation von althergebrachten Frauenbildern zu.
Eva Hermann vs. Alice Schwarzer…Schwieriges Thema morgens um
8.05 Uhr im Treppenhaus. Unsere Heldin hätte dies wissen sollen,
aber sie hat nach der monatelangen Beschäftigung mit Babynahrung
und Körperausscheidungen an Intuition, Schlagfertigkeit und sprachlicher Wendigkeit verloren…leider. Sie tappt also in die Falle und antwortet:

“Nein, weil der hat ja jetzt Elternzeit.”

“Woooos? Elternzeit? Isser arbeitslos?” Mitfühlender Blick.

“Nein, in Elternzeit. Das, was früher Erziehungsurlaub war.”

“Aha. Und das geht von seiner Firma aus?” Mißtrauischer Blick.

“Ja freilich. Da hat ja jeder einen Rechtsanspruch drauf.” Spätestens
hier hätte sich eine klügere Frau mit Verweis auf eine Teamsitzung mit
Beginn in zwei Minuten entschuldigt und wäre verschwunden.
Unsere Heldin scheint jedoch während der letzten vielen Monate
mehr Gehirnzellen eingebüßt zu haben, als vorher anzunehmen war.

“Rechtsanspruch. Soso. Und was macht er jetzt den ganzen Tag mit dem
Butzerl?” Fragender Blick.

Oooooh Mann, was wird er schon machen??? Das Butzerl mit pürierter
Currywurst und Pommes füttern, Cola aus der Avent-Flasche zu Saufen
geben, ihn auf der Couch vorm Fernseher parken, während er selbst ins
Pornokino geht. Die berufundfamilievereinende Rabenmutter wird zunehmend
nervös und ungeduldig, schafft aber noch ein leicht schief geratenes
Lächeln und rennt mit einem “Das kriegen die zwei schon hin, jetzt
muss ich aber los, bis späääääääter dann” schnell weiter die Stufen hoch.
Unter ihr Getuschel.

Endlich in ihrem Büro angekommen schmeißt sie schnell die Tür hinter
sich zu und atmet dreimal tief durch. Anschließend wird sie hinterrücks
von einer Reinlichkeitsattacke überfallen und beginnt hektisch,
Schreibtisch, Schreibtischunterlage, Telefon und Tastatur zu putzen.
Akribisch geht sie dabei vor, denn nichts fürchtet die zwanghafte
Persönlichkeit mehr, als flüchtig hingeschmierte und versteinerte Rotzepopel
auf Tastaturen oder eingetrocknete Nies-Tröpfchen-Reste auf Sprachmuscheln.

Beim Versuch, ihren Computer hochzufahren, stellt sie fest, dass sie ihr
Passwort vergessen hat, bzw. zumindest Teile davon. Sie versucht so
viele Varianten, bis sie auf dem Bildschirm die Aufforderung bekommt,
sich umgehend an ihren Administrator zu wenden. Sie fängt an, zu schwitzen und zum ersten Mal an
diesem Tag stellt sie sich die Frage, ob es nicht doch besser gewesen wäre,
ihrem Mann weiterhin das Geldverdienen zu überlassen und daheim bei
der Brut zu bleiben. Zu dieser Tageszeit hatte sie sonst gerade gefrühstückt,
die kleine Kröte zum ersten Tages-Schläfchen hingelegt und
sich im Schlafanzug und ohne BH bei Kaffee ihrer Cybersucht hingegeben.

Schnell - huschhusch- die schlechten Gedanken wieder verdrängen! Kein
Gejammer, nur die Tat!

Ob der Administrator für das vergessene Passwort mehr Verständnis
aufbringen wird, wenn man sich auf Schuldunfähigkeit aufgrund
von Still-Demenz beruft?

Die berufundfamilievereinende junge Frau atmet 3 Mal durch, nimmt all
ihren Mut zusammen, greift zum - antiseptischen - Hörer und ruft
den Administrator an. Sie erklärt ihm die Lage, dieser schnauft genervt
und grummelt etwas ins Telefon, was nach “Weiber” klingen könnte,
wüßte man nicht, dass ein professioneller Kollege sowas niemals
auch nur denken - geschweige denn sagen - würde.

SallyP.

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.