Sally on the Blog

Archive for the ‘Sallys Spurwechsel’ category

Sally wechselt die Spur #2

März 22nd, 2011

Eine vermeintliche Büroangestellte lächelt mich erwartungsvoll an und ich stammle mühevoll mein Anliegen:

ICH MÖCHTE GERNE EINEN FÜHRERSCHEIN.

Und gleich darauf entschuldigend:

ICH BIN ABER SCHON ALT.

Das mache gar nichts und da sei ich nicht die Einzige, meint sie unbeeindruckt und läßt mich viele Zettel ausfüllen. Sie beantwortet geduldig meine Fragen, versichert mir, dass auch für späte Fahrschülerinnen, die die Fahrerlaubnis quasi auf dem zweiten Bildungsweg erwerben wollten, durchaus noch Hoffnung auf Erfolg bestünde. Gleich darauf zertrampelt sie aber mein zart sprießendes Pflänzchen Hoffnung mit dem Hinweis, dass die Spätlernenden mit deutlich mehr Fahrstunden zu rechnen haben, da sie altersbedingt konzentrationsschwächer seien und zudem bei weitem nicht mehr über das förderliche Maß an Risikobereitschaft und Spaß am Nervenkitzel verfügen, welches 18-Jährige so mühelos das Fahren lernen läßt.

Schlußendlich, als der Vertrag unterschrieben ist und ich meinen Mut schon fast bereue, eröffnet sie mir, dass sie gleichen vertrockneten Alters sowie berufserfahrene Fahrlehrerin sei und sich vorstellen könnte, dass wir beide eine erfolgversprechende Verbindung darstellen könnten. Entzückt buche ich alle Stunden, die ich kriegen kann, da ich schon mit schlotternden Knien den verhältnismäßig vielen Stunden meiner Lebenszeit auf engstem Raum mit einem testosteronstrotzendem und intelligenzgeminderten Fahrlehrer mit Bürstenhaarschnitt entgegen gesehen hatte.

Vorläufig habe ich aber einige Theoriestunden abzuleisten und so betrete ich jüngst erwartungsvoll den Schulungsraum der Fahrschule, nachdem ich in bester Laune Herrn P. ein jammerndes krankes Kleinkind, einen Präpubertiernden, der bis zur Schlafenszeit noch 35 Vokabeln zu lernen hatte, sowie den Abwasch und die 60-Grad-Wäsche überlasse. Befreit radle ich durch die laue Frühligsluft in die Fahrschule und fühle mich allein dabei schon frei, kraftvoll, faltenlos und risikofreudig wie ein verliebter 18-Jähriger.

Binnen 10 Minuten im Klassenzimmer weicht diese Euphorie einem bekannten Gefühl. Ich sehe mich just in Schulzeiten zurückgebeamt und noch 10 Minuten später ist die Lage glasklar: Es gibt die Streber, die sich gleich vorne hinsetzen und dem Lehrer strahlend mitteilen, dass sie sich mittels Onlineprogramm bereits umfassend vorbereitet haben. Sie melden sich, noch ehe der Lehrer die Frage zur Hälfte gestellt hat und rufen die Antworten notfalls auch ungefragt in den Raum. Es gibt die durchgestylten Bienchen, die nicht nur in Schule und Club zusammen auf die Toilette gehen und sich dort die Lippen nachziehen, sondern auch die Fahrschule gemeinsam besuchen und darauf bestehen, nebeneinander zu sitzen. Zu diesem Zwecke nerven sie mich so lange, bis ich meinen Platz freiwillig räume und Richtung Espressoautomat umziehe, wo schon eine weitere Frau Platz genommen hat, von der ich erleichtert vermute, dass sie mindestens 10 Jahre älter ist als ich. Da sind die Jungs mit Pickel und Zahnspange in der zweiten Reihe und die Supertypen weiter hinten, die erst in einigen Jahren internalisiert haben werden, dass eine halbe Flasche Afthershave keine Dusche ersetzt und die Frauen nicht zu willigen Nymphomaninen werden läßt. Ob ich ihnen stecken soll, dass die Pickeltypen in 15 Jahren gute Haut, strahlend weiße Zähne und 100.000 Netto im Jahr haben und mühelos die Hasen abgreifen, die jetzt noch ihnen an der verspiegelten Sonnenbrille hängen? Nein, sie würden mir mutmaßlich nicht glauben.

Der Lehrer ist - wie kann es anders sein? - von urbayerischer Herkunft und erklärt die vier Ebenen der Vorfahrt so, dass nur die in der 4. Generation in Bayern Geborenen es annähernd verstehen. Durch regelmäßige Witze, welche die Minderbegabung weiblicher Mitbürger am Steuer zum Inhalt haben, macht er überdies deutlich, dass er die letzte Fortbildung zum Thema “Gender mainstreaming” ausgelassen hat.

Ich versuche freundlich, mit meinen umliegenden Banknachbarn und Klassenkameraden ins Gespräch zu kommen, scheitere aber an hochgezogenen Augenbrauen und peinlich berührtem Abwenden. Erst später, als die Dame neben mir freundlich vermutet, dass ich ja offenbar auch zu jenen gehöre, die bereits einen Führerschein habe, begreife ich. Ich werde wie die anderen älteren Semester hier für eine der Schnapsdrosseln gehalten, denen der Führerschein zeitbefristet entzogen wurde und die nun ein bestimmtes Kontingent an Theoriestunden zur Auflage bekommen haben. Fortan bemühe ich mich eifrig, durch gezielte Frageformulierungen meinen Status als spätberufene Fahranfängerin deutlich zu machen, was mir aber nicht glaubwürdig gelingt.

Als wir im Rahmen der ersten Vorfahrtsebene die Handzeichen der Verkehrspolizei durchnehmen und ich dazu stolz den Merkspruch aus der Verkehrserziehung in der 3. Grundschulklasse zum Besten gebe,

SIEHST DU VOM SCHUTZMANN BAUCH ODER RÜCKEN, MUSST DU AUF DIE BREMSE DRÜCKEN

SIEHST DU VOM SCHUTZMANN DIE HOSENNAHT, HAST DU ALLWEIL FREIE FAHRT!

wendet sich die eine Hälfte beschämt ab, während die andere über dem Ausdruck “Schutzmann” grübelt. Kein Wunder, als ich in der 3. Klasse wegen der Fehler beim Linksabbiegen beinahe durch die Verkehrsprüfung gefallen wäre, waren die Eltern meiner neuen Klassenkameraden längst noch nichts bei der Familienplanung angelangt.

Am nächsten Tag stelle ich angesichts der falschen Antworten meines Mannes, meiner Kollegin M. sowie meiner Mutter bezüglich der Vorfahrt im Kreisverkehr die Forderung auf, das Verkehrswissen jedes Einzelnen jährlich zu überprüfen und ggf. die Fahrerlaubnis zu entziehen und ernte damit keine Freundlichkeiten.

Thema der nächsten Stunde ist das korrekte Verhalten bei Lichtsignalen und die besondere Spezifika von Halte- und Sichtlinien im Kontext von Stoppschildern. Grundsätzlich gilt im Kreisverkehr übrigens rechts vor links, was im übrigen die 4. Ebene der Vorfahrt darstellt und von Vekehrsschildern, Lichtsignalen  sowie Schutzmännern und -frauen gestochen wird.

Noch Fragen?

Sally wechselt die Spur #1

März 18th, 2011

Als ich klein war, hatte ich eine Spardose. Da kam alles Geld rein, das mir meine vielen Großtanten dann und wann freundlich für ein Eis in die Hände drückten. Mein Opa legte noch immer was dazu, brachte das Geld regelmäßig zur Sparkasse und sagte dazu, dass ich dann mit 18 problemlos den Führerschein machen könne. Ich habe als Kind wenig Eis gegessen.

Als ich dann volljährig wurde, trug ich grüne Haare, “sex pistols”-T-Shirts und setzte mich engagiert für einen Sturz der Kohl-Regierung zugunsten einer anarchistischen Selbstverwaltung ein. Mein Opa war schon gestorben und mit dem Geld, das meine Oma von der Sparkasse für den Führerschein holte, fuhr ich nach dem Abitur und ohne Studienplatz 2 Monate nach Griechenland. Dort hüpfte ich von Insel zu Insel und von Schlafsack zu Schlafsack und eignete mir wichtige Kernkompetenzen, wie z.B. das Drehen eleganter, schmaler Joints aus zwei Blättchen, an.

Ein Jahr später gab mir die Omi vertrauensvoll den Rest des Geldes und diesmal blieb ich in Griechenland, bis die Winde dort so stark und kalt wurden, dass man morgens am Strand in der Isomatte fast gänzlich mit Sand begraben war und empfindlich fror. Sie ist darüber bis heute sauer und nutzt jede Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass ich durch meine griechischen Allüren den Willen des Großvaters geschmäht habe und dieser sich deshalb sicherlich noch heute vor Gram im Grabe wälzt. Meine vorsichtigen Hinweise, dass das Geld ursprünglich für Eis gedacht war und ich mir ein solches auch ab und zu in Griechenland gegönnt hatte, helfen ihrer anhaltenden Verstimmung nicht ab.

Bald darauf erbarmte sich die Zentrale Vergabestelle von Studienplätzen - vielleicht durch transzendentale Eingebung meines Großvaters - dann doch und ich begann ein bürgerliches Studium in der Stadt, in der man mit dem Fahrrad immer Vorfahrt hat und Parkplätze so selten sind, wie elektrische Zitruspressen im lakadonischen Regenwald. Ich lockte einen Kommilitonen aus dem bayerischen Oberland erst in mein Bett und später ganz nach München, wo er sein Auto abmeldete und mit mir Kinder in die Welt setzte, welche wir fortan in Fahrradanhängern durchs Leben fuhren.

Zehn Jahre lang trug der Oberländer bei unseren wenigen motorisierten Ausflügen stoisch die Alleinverantwortung und überließ mir geduldig die Rolle der ewigen Beifahrerin, die nur zum Kaffeereichen, Kartenlesen und Besingen der Kinder auf der Rückbank sowie zur Beseitigung des kindlichen Erbrochenen und anderen niederen Tätigkeiten taugt.

In Anbetracht eines drohenden Auslandsurlaubs im kommenden Sommer mit Mietwagen und ohne öffentliche Verkehrsmittel forderte der sonst so kompromißbereite Mann dann aber meine umgehende Anmeldung in einer Fahrschule und unterstrich die Ernsthaftigkeit dieser Forderung mit der Drohung, andernfalls mit einer 24-jährigen Motocrossfahrerin durchzubrennen und die Kinder bei mir zu lassen.

Alles Flehen, Weinen und verzweifelte Versprechungen hinsichtlich täglichem und orgastischem Sex sowie wöchentlichem Schweinebraten mit zweierlei Knödeln halfen mir nicht und so betrete ich also dieser Tage angstvoll die Fahrschule um die Ecke.

Proudly powered by WordPress. Theme developed with WordPress Theme Generator.
Copyright © Sally on the Blog. All rights reserved.