Sally on the Blog

(für Andrea)

Lieber Mekso,

ist es in Ordnung, wenn wir uns duzen? Obwohl Du ja nun schon seit geraumer Zeit bei uns wohnst, sind wir uns noch nie begegnet, was ich nicht allzu sehr bedaure, wenn ich ehrlich bin. Da ich aber Deinen Nachnamen gar nicht kenne und auch nicht weiß, ob Chamäleons wie Du eines bist, überhaupt Nachnamen haben, schlage ich vor, wir bleiben einfach beim Du. Außerdem ist davon auszugehen, dass Dein Nachname unaussprechlich wäre. Wir haben ja schon mit Deinen Vornamen erhebliche Schwierigkeiten bei der Aussprache. Egal, wie wir es versuchen, unser Kleiner behauptet immer, es sei falsch betont. Er selbst spricht es eher französisch aus, mit Schwerpunkt auf dem O hinten. Deshalb dachten wir auch eine Weile, man schriebe Deinen Namen “Mequeseau” oder anders kompliziert, aber Du bist kein Franzose, das versicherte mir Dein Freund, mein dreijähriger Sohn. Du bist vielmehr ein Chamäleon und kannst nicht nur Deine Farben an die Umgebung anpassen, sondern auch je nach Bedarf Feuer oder Wasser speien und Du bist sogar in der Lage, Dich größer und kleiner zu schalten. Nicht, dass das für mich wesentlich wäre, nein. Ich kann Dich ja sowieso nicht sehen. Schon lange bekommen wir die spektakulären Geschichten über Dich von unserem Kleinen berichtet. Schon lange sitzt Du beim Essen mit uns am Tisch und wirfst ungeniert alle Nahrungsmittel, die Dir nicht schmecken, unter den Tisch und gegen die Wand. Ich habe meinen Sohn viele Male gebeten, dafür zu sorgen, dass Du das unterläßt und er war auch verständnisvoll und mitfühlend angesichts meiner zunehmenden Verzweiflung. Offenbar ist sein Einfluss auf Dich aber begrenzt.

Ich will ehrlich mit Dir sein: Deine Anwesenheit bereitet mir und Herrn P. zunehmend Unbehagen. Zu Anfang hatten wir kein Problem. Als Du hier einzogst, haben wir uns über Dich köstlich amüsiert. Meine Freundin, die Psychologin mit 4 Kindern, versicherte mir, Deine Existenz sei der Beweis großer phantasievoller und kreativer Begabung und dieser Freund verschaffe Dir Halt und Stabilität. Seit Du aber immer wieder die Wände im Kinderzimmer bemalst und zuletzt sogar die Gründerzeitkommode, die ich in einer Phase ausgeprägen Nestbautriebs in der Schwangerschaft aufwändig abgebeizt und gewachst habe, mit Wachsmalkreiden verziert hast, bin ich über Deine Anwesenheit zunehmend irritiert. Ich versichere Dir, dass wir grundsätzlich weltoffene und tolerante Menschen sind, auch was anders geartete Lebewesen und Lebensweisen betrifft. Die Freunde unserer Kinder sind bei uns jederzeit willkommen und Du darfst versichert sein, dass Du nicht die erste ziemlich schräge Type darunter bist. Wir sind wirklich willens, Dich - analog der Empfehlungen entsprechender Fachliteratur - wie einen lieben Gast zu behandelt. Da Du aber offenbar gedenkst, Dich ungefragt auf längere Zeit bei uns einzurichten, müssen wir dringend über unser Zusammenleben sprechen und ein Mindestregelwerk sozialer Normen vereinbaren. Andernfalls…. tja, andernfalls. Womit man von einem aggressiven und offenbar mutierten Chamäleon sozialverträgliches Verhalten erzwingt, ist mir noch nicht klar, zumal die Fachliteratur sich über den expliziten Umgang mit dieser Spezies nicht ausläßt.

Meine geduldigen Bemühungen waren leider vergeblich. Ich habe meinem Kleinen einige Male in kindgerechter Sprache versucht zu verdeutlichen, dass sein Freund, das Chamäleon, hier Dinge tut, die grundsätzlich verboten und zum Schaden anderer sind. Ich habe ihn gebeten, mit Dir zu sprechen, Dich zu bitten, an Deiner Vernunft zu appellieren und letztendlich, Dir zu drohen, Dich nach Hause zu schicken. Leider vergeblich, denn wie ich mir sagen habe lassen, hast Du kein Zuhause außer die Drachenhöhle in Afrika bei Deinem Mentor, dem italienischen Polizisten Chendo-Meng. Auch von ihm hören wir oft und aufgrund seines offenbar impulsiven Gemüts und seines Waffenbesitzes mit durchaus gemischten Gefühlen. Ich bin schon sehr froh, dass er in Afrika beschäftigt scheint und den Weg zu uns bisher nicht gefunden hat. Die Ente Rutschie, die auch eine Weile bei uns gelebt hat, schien dagegen ein sehr freundliches Wesen zu sein. Sie saß zumeist auf der Schulter meines Kleinen und wenn man so vorsichtig war, sie beim Anziehen der Jacke nicht hinunter zu werfen, hatte man mit ihr auch keine Unannehmlichkeiten. Schade, dass sie seit mehreren Wochen in Urlaub ist und keiner recht weiß, wann und ob sie wieder kommt. Wahrscheinlich ist sie mit ihrer introvertierten und unkomplizierten Art der Affinität meines Sohnes für spektakuläre und wilde Persönlichkeitsstrukturen nicht gerecht geworden. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sie an Deiner Stelle hier Wohnsitz nähme, aber meine Freundin, die Psychologin, meint, darauf hätte ich keinen Einfluss. Vielmehr solle ich Deine Existenz gefälligst akzeptieren, denn die grünhaarigen Punks mit “Exploitet”-Tatowierung auf der Kopfhaut seien vor 20 Jahren auch nicht die Freunde der Wahl meiner Mutter für mich gewesen. Sie hat recht, wenngleich diese Vertreter von Randgruppen in meinem Zimmer real existent und damit vielleicht leichter zu akzeptieren waren. Wie meine Mutter lernte, den Punkern freundlich selbstgebackenen Kuchen zu servieren, sollte ich lernen, das unsichtbare Chamäleon zu akzeptieren, auch wenn ich sicher bin, dass es eine klinisch relevante Störung hat.

Was ich von Chendo-Meng bisher gehört habe, ist er sicherlich nicht die geeignete Bezugsperson für Dich. Dieser alleinstehende Mann mit Affinität zu gefährlichen Waffen, der weitab seiner eigentlichen Heimat in Drachenhöhlen Chamäleons und Enten zähmt, scheint mir die Ursache Deiner extremen Verhaltensoriginalitäten zu sein. Ich bin mir meiner Verantwortung Dir gegenüber daher durchaus bewußt, möchte aber dennoch in aller Deutlichkeit gesagt haben, dass wir Dich trotz unseres ausgeprägten sozialen Gewissens dorthin zurück schicken, wenn Du in Zukunft nicht ein Minimum an Mühe erkennen läßt, Dein Verhalten zu revidieren . Was hast Du Dir denn dabei gedacht, den armen Maximilian im Kindergarten an der Wange so zu kratzen, dass man meinen konnte, Freddy Krueger hätte seinen Weg gekreuzt? Eigentlich hatte ich dieses Kind auserkoren, ein geeigneter Freund für meinen Kleinen zu sein, zumal seine Eltern unter der durchwegs dubiosen Gesellschaft im Kindergarten einigermaßen bürgerlich heraus stechen. Ich hatte schon alles gegeben, seriös und liebreizend zu wirken und es war mir gelungen, die Erziehungsdefizite meines Kleinen sowie mein kleines Tourette-Syndrom zu verheimlichen. Ich hatte seine Eltern beinahe so weit, uns ihren nobelpreisverdächtigen Maxi an einem Nachmittag zum Spielen zu überlassen und damit zukünftigen Seilschaften den Weg zu ebnen, als Du ihm aus unerfindlichen Gründen mit Deinen Krallen übers Gesicht gefahren bist. Seither grüßen mich seine Eltern nicht mehr, aber wie kann man schon erwarten, gegrüßt zu werden, wenn man einem völlig durchgeknallten Chamäleon kritiklos Unterkunft gewährt und seine Teilnahme am Kindergartenalltag nicht verhindert? Es wäre wirklich besser, Du würdest  meinen Sohn nicht dauernd heimlich zum Kindergarten begleiten. Andererseits hätte ich aber keine Ruhe, wenn Du allein den ganzen Tag in der Wohnung wärst, zumal Du bereits in kurzen unbeaufsichtigten Momenten zu delinquenter Hochform aufläufst. Die Kommode hast Du mit den Wachsmalkreiden so malträtiert, dass man wahrscheinlich 1 cm der Holzschicht abtragen müßte, um Deinen kreativen Anfall unsichtbar zu machen. Die Wand war frisch gestrichen und es war auch noch nicht lange her, dass die Fenster geputzt wurden, als Du die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz szenisch darauf umgesetzt hast.

Dass Du aber letzte Woche meinen Kleinen im Kindergarten dazu angestiftet hast, in den Mülleimer zu pinkeln, geht zu weit. Ich hatte größte Mühe, diesen Vorfall zu erklären und den Ärger von meinem schuldlosen Kind abzuwenden, indem ich gegenüber dem Personal mit Verletzung der Aufsichtspflicht argumentierte. Beliebt habe ich mich damit nicht gemacht, das kann ich Dir versichern. Außerdem habe Dir bereits mehrmals die Nachricht hinterlassen, dass es bei uns zu Hause üblich sei, sich zum Pinkeln hinzusetzen. Eine Bitte, der Du zwar nicht widersprochen hast, die Du aber offenbar mit Dir selbst nicht in Verbindung bringen konntest. Bevor Du hier eingezogen warst, gab es nie die Frage, ob gesessen oder gestanden wird. Erst Du hast die Diskussion ins Rollen gebracht und damit Regeln in Frage gestellt, die bislang ununstößlich und nie in Zweifel gezogen waren. Nun kommt mein Kleiner aus der Toilette, zieht sich die Hose hoch und erklärt betont harmlos, er hätte beim Pieseln selbstverständlich gesessen. Wenn ich dann mißtrauisch ob dieser Mitteilung genauer nachfrage, muss ich hören, dass Du es warst, der meinen Kleinen letztendlich doch überredet hat, sich vor die Toilette zu stellen. Wenn Du aber schon all meine bisherigen Erziehungsbemühungen in die Tonne trittst, kannst Du ihm dann nicht auch gleich noch das richtige Zielen beibringen? Oder ist es von einem Chaämleon zuviel verlangt, in die Schüssel zu treffen?

Ich werde mich also weiterin bemühen, die innige Freundschaft meines Kleinen zu Dir zu akzeptieren und stoisch Deine Eskapaden aus der Welt zu räumen, bitte Dich aber inständig, Deinem Ziehvater Chendo-Meng nicht zu verraten, wo Du Dich derzeit aufhälst. Glaub mir, für einen weiteren Wahnsinnigen hier habe ich nicht die Nerven. Und grüß die Rutschie ganz lieb von mir und sag ihr, sie würde mir echt fehlen. Du könntest Dir ja auch ein Beispiel an ihr nehmen, denn sie war wirklich ein Gast, wie man ihn gerne hat. Und wenn Du Dich eines Tages entschließt, doch lieber an einem Ort leben zu wollen, der einem Chaämleon eher entspricht, scheue Dich nicht, uns anzusprechen. Wir werden sehr gerne bereit sein, Dir bei der Finanzierung eines Flugtickets in den lakadonischen Urwald unter die Arme zu greifen. Auch über eine Anschubfinanzierung für eine mögliche Existenzgründung wäre sicher zu reden, solange die Sache nur genug Distanz zwischen uns bringt. Denk darüber nach und bis dahin iss bitte von dem Napf, den ich Dir ins Bad gestellt habe. Wenn Du noch einmal Nudeln vom Tisch schmeisst, weil sie angeblich von Zucchini kontaminiert wurden, dreh ich Dir vor den Augen meiner Kinder den Hals um, reiß Dir die Zunge raus und hack Dich mit dem Tomatenmesser in Stücke.

SallyP.

Schwabinger Krawalle

Juli 2nd, 2011

Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister!

Nun bin ich Ihnen ja seit vielen Jahren wirklich grundsätzlich wohlgesonnen und hege angesichts des unweigerlich nahenden Endes Ihrer letzten Amtszeit (an einen Oberbürgermeister vor Ihnen kann ich mich gar nicht erinnern, obwohl meine Oma immer erzählt, wie sie den Kronawitter nur deswegen gewählt hat, weil er ihr bei einer Wahlwerbeveranstaltung zwei roten Rosen geschenkt hat anstatt nur eine, wie den anderen Frauen) höchste Befürchtungen. Bislang müssen wir mit der rot-grünen Stadtregierung noch froh sein, so inmitten dem schwarzen Restbayern und fühlen uns damit wie ein kleines widerständiges gallisches Dorf, das umgeben von schwachsinnigen, aber gefährlichen Römern ist.

Wissen Sie, es ist ja nicht so, dass ich Ihnen all die Jahre den Bürgermeister der kleinen Leute abgekauft habe. Die Rolle hat Ihnen halt immer gut gefallen, aber die Wahrheit ist doch, dass es so viele kleine Leute in München gar nicht mehr gibt. Die sind ja entweder wegen der Immobilienpreise geflohen, weil sie ihren Kindern doch ein bissl was zu essen geben müssen und nicht ihr ganzes Einkommen in Quadratmeterzahlen stecken können, die Leute in anderen Teilen der Republik allein für ihre Gästetoilette beanspruchen. Oder sie sind von Porsche- und anderen SUV’s überfahren worden, das kann auch sein.

Sie wissen doch genau, dass wir fast nur noch Großkopferte in der Stadt haben und wenn die Wahlzettel richtig ausgezählt wurden, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass ein paar von denen Sie auch gewählt haben, was ja seine Gründe haben muss. Aber wie gesagt, angesichts der Alternativen war ich trotzdem immer froh um Sie.

Aber dass ich jetzt in der Süddeutschen lesen muss, dass Sie über eine der traditionsreichsten und originellsten Kneipen in München sagen, es sei eine Saufkneipe in einer Baubaracke und angesichts des drohenden Abrisses nicht ein paar Tränen wert, das empört mich… aber wie! Eine Saufkneipe, soso! Heißt das, eine Kneipenkultur, die von Leuten genutzt wird, die ihre Caprese nicht ausschließlich mit Büffelmozzarella vom Käfer fressen, ist in Münchens nix wert, oder wie? Gibt es nicht schon genug Etablissements in dieser Stadt, wo der Sprizz literweise ausgeschenkt wird und die Türsteher alles abweisen, was das goldene Glitzergewand auch nur einen Millimeter zuviel über dem zellulitebefreiten Arsch hat und nicht von minderbegabten Typen mit verspiegelten Sonnenbrillen in Designeranzügen im Mercedes SLK vorgefahren wird?

Die Schwabinger 7 stammt aus einer Zeit, wo dieser Stadtteil noch ein Viertel von Studenten war, die nicht in einem von Papis Aktienerträgen finanzierten Loft im 4. Stock eines renovierten Altbaus gewohnt haben. Da wurde in Schwabing noch die Revolution geplant und man wußte noch nicht, was eine Latte Macchiato ist und schon gar nicht, dass sie umgerechnet 12 Mark kosten kann. Da haben die “Schwabinger Krawalle” noch anderes bedeutet, als dass die Kunden auf dem Elisabethmarkt sich ärgern, weil das kosmobiodynamische Olivenöl, extra vergine und handgepflückt bei Vollmond von glücklichen Marokkanern, ausgegangen ist.

Freilich, ich bin selbst lang nicht so alt. Als ich regelmäßig in der Sieben gessessen bin, da waren die Altbauten schon saniert und der Durchschnittsschwabinger nicht mehr Bafög-berechtigt. Aber die Sieben hat noch mitten hinein gehört und die Penner außenrum haben nicht gestört, auch nicht in Mamas Kebaphaus daneben, wo man nachts um 3 noch günstig essen hat können, wenn man nach dem dritten Joint im Englischen Garten plötzlich einen gescheiten Hunger gekriegt hat. In der Sieben war das Bier bezahlbar und man hat immer jemanden getroffen, egal ob man den vorher gekannt hat oder nicht. Solche Etablissements waren damals schon Mangelwaren in München, wenn man von der “Gruam” (zu dt. “Grube”) am Schlachthof und dem Laimer Poststüberl einmal absieht.

In der Sieben waren Zauberkräfte am Werk, Herr Ude, auch wenn Sie es nicht glauben mögen. Da haben Leute reingepaßt…, Sie machen sich ja keine Vorstellung. Dass die Räumlichkeiten sehr klein sind, das hat man nur auf den ersten Blick gemeint. In Wirklichkeit hatte der Raum innen drinnen endlose Weiten und ich habe nie erlebt, dass man hätte wieder rausgehen müssen, weil man kein Plätzchen gefunden hat. Und das Klo…! Dass eine einzige Toilette für so viele Leute reichen könnte, unfaßbar. Man hat gut lernen können, mit diesem einen Klo und den hygienischen Bedingungen dort zu leben, wenn man erst ein paar Mal von dem rabiaten McDonalds-Mitarbeiter ums Eck´ aus den dortigen Sanitäranlagen verwiesen wurde. In der Sieben hat einfach jeder aufgepaßt, dass er nicht zu oft aufs Klo muss, regelmäßig seine Blase trainiert und einfach gewartet, bis es gar nicht mehr anders gegangen ist und fertig. Damals standen auch nicht die Raucher, sondern die Nichtraucher vor der Tür, weil sie es drinnen nicht ausgehalten haben und haben jenen zugeprostet, welchen so schlecht war, dass sie nicht drinnen vor der Toilette warten konnten, sondern auf den (bzw. in den) Gulli ausweichen mußten. Der war praktischerweise gleich draußen vor der Tür in der Feilitzstraße.

Und die Menschen drinnen waren alle immer gutaussehend. Ehrlich, Herr Ude, egal wie spät man gekommen ist und wo man vorher war und egal, was man schon getrunken hatte: Drinnen war immer eine schöne und nette Gesellschaft und wenn man einsam war, hat man dort Anschluß gefunden, bei Bedarf auch für den Rest der Nacht. Freilich, besser wars, man hat den Anschluß dann ggf. rechtzeitig vor Sonnenaufgang wieder heimgeschickt oder selbst seine Siebensachen gepackt und ist heimgeschlichen, denn der Zauber wirkte nur bis Sonnenaufgang. Ob sich vielleicht auch günstig ausgewirkt hat, dass die Sieben immer so verraucht war, dass man sowieso niemanden und nichts gescheit gesehen hat oder ob der eigene Blutalkoholspiegel bzw. der hohe Alkoholdunstpegel in der Luft dazu förderlich war, die Umgebung mit äußerst wohlwollenden Augen zu betrachten, sei dahin gestellt.

Erstaunlicherweise hat man dort aber nicht nur Bier, sondern auch solche Kräfte tanken können, dass man immer in der Lage war, nach der letzten Runde heim zu gehen. Egal, wo man gewohnt hat, am Lehel, in Moosach, in Haidhausen oder auch in Sendling: Man konnte immer heim laufen und es haben einem nie die Füß’ weh getan, zumal man in die Sieben sowieso nicht mit hohen Hacken gegangen ist. Manchmal hat man Pause auf der Rasenfläche vor der Kunstakademie gemacht oder auch nochmal im Park hinter der Kirche am Sendlinger Tor. Aber heim kam man immer und die Stadt war plötzlich gar nimmer so groß, sondern fußläufig überschaubar. Zauberei, echt. Manchmal aber hat sich in der Sieben auch ein Taxifahrer gefunden, der dort bei 4 oder 5 Bier Pause gemacht hat und einen nachher - vor dem zweiten Teil seiner Nachtschicht - noch schnell heimgebracht hat. Eventuell ist der zweite Teil der Nachtschicht dann auch ausgefallen und der Taxler ist bis morgens zum Kaffee geblieben, das war dann sehr praktisch.

Wissen Sie, Herr Oberbürgermeister, ich will Sie ja nicht langweilen mit meinem sentimentalen Schmarrn. Aber ich meine, solche Geschichten kann jeder von dieser Kneipe erzählen, egal ob aus den 70er, 80er oder 90er Jahren. Freilich, ich war selbst lang nimmer dort, weil es auch bei mir irgendwann mit der Revolution nicht mehr so weit her war und ich den Rauch in den Augen nicht mehr so gut vertragen hab. Aber ich möcht wetten, dass es den Leuten nach mir noch genauso ging, deshalb waren die ja jetzt kürzlich auch so narrisch, als die Sieben endgültig zu machen hat müssen. Schließen, weil das Gebäude jetzt endgültig abgerissen wird. Weil schöne Wohnungen hinkommen sollen. Wohnungen, die wir in München so dringend brauchen, gell? Saublöd nur, dass es wieder keine bezahlbaren Wohnungen für die kleinen Leute sein werden, für die Sie angeblich ja so ein großes Herz haben. Nein, stattdessen werden es wieder Luxusbauten mit Dachterrassen für 9000 Euro der Quadratmeter, die dann als Zweitwohnsitz für Promis und arabische Scheichs dienen, wenn sie die Maximiliansstraße zusammen kaufen wollen. Die brauchen wir ganz dringend, ich versteh das schon. Weil die den Läden Geld bringen und die wiederum können dann ganz viel Gewerbesteuer zahlen, von der wir dann super Tunnels unterm Mittleren Ring durch bauen. Da können dann die großen Autos wieder ungehindert fahren und müssen nicht so viel im Stau stehen, die Armen.

Der Süddeutschen haben Sie auch gesagt, dass Sie von Schwabinger Mitbürgern schon immer angegrantelt worden seien, wann dieser Schandfleck nun endlich weg käme. Natürlich, wer sich in Schwabing hinten in der Mandlstraße heutzutage eine Wohnung leisten kann, der mag natürlich keine Grünhaarigen nachts um 3 aus einer Kneipe kommen oder den Pennern unten am Feilitzschplatz eine Zigarette schenken sehen. Mit Schwabinger Kultur hätte das nichts zu tun, haben Sie auch noch gesagt. Klar, echte Schwabinger Kultur sind die Kabarettkneipen, wo die wohlstandsdicken Kabarettisten für 45 Euro vor dem gemäßigten linken Bürgertum auftreten, sich ein bissl über die CSU lustig machen und von einen Publikum, das sich in die wilden 70er Jahre zurückversetzt fühlt und dabei Steinpilzrisotto löffelt, herzlich dafür applaudiert bekommen. Oder hab ich das jetzt verwechselt und es sind vielmehr die Pappbechercoffeeshops auf der Leopoldstraße, wo der Kaffee mit Vanillearoma und Strohhalm serviert wird, die echte Schwabinger Kultur?

Aber was solls, jetzt ist es ja rum ums Eck. Die Sieben hat zugemacht und bald stehen an dem ehemaligen Schandfleck Häuser mit Wohnungen, für die der Stararchitekt das Bepflanzen der Balkone verbietet, weil dies die künstlerische Gesamtperformance beeinträchtigt.

Ich werde nicht weinen, weil ich eh schon lang nimmer da war und die vielen Biere, die es brauchte, um die Enge in der Sieben auszuhalten, nicht mehr vertrage.

Aber dass ausgerechnet der depperte Spaenle von der CSU der Schwabinger 7 jetzt die Stange gehalten hat und Sie der Münchner Altbau-Schickeria das Wort reden, dafür dürfen Sie sich meiner Meinung nach eine Runde schämen. Vielleicht überlegen Sie jetzt vor Ihrem endgültigen Abgang noch einmal, ob ein Rest an Subkultur einer durchgestylten Stadt wie München nicht doch ein bissl gut anstehen täte. Weil Subkultur ja auch mehr sein kann, als die Weißwürschte nach 12 Uhr mittags zu essen.

Nix für ungut,

SallyP.

Es gibt ja Zeiten, da überlegt man sich als berufstätige Mehrfachmutter viele Möglichkeiten, sich kurzfristig zu entlasten. Man erwägt Heimunterbringungen der Kinder, One-Way-Tickets auf die Bahamas oder auch eine Selbsteinweisung in eine psychiatrische Anstalt. Vor allem am Montagmorgen, wenn man die Zahnpasta sucht, mit der das kleine Kind gerade Graffitientwürfe an die Flurwand wirft und sein großer Bruder trotz mehrfacher Aufforderung zur Eile 20 Minuten braucht, um sich den rechten Socken anzuziehen, gehe ich regelmäßig sehr gerne und beschwingt, mit einem Lächeln im Gesicht ins Büro, wo mich höchstens mein Drucker ärgert.

Es gibt aber auch Tage, die sind ein Geschenk. Als ich vor Wochen mitgeteilt bekam, dass die Kindertagesstätte meines Kleinen demnächst aufgrund eines Klausurtages geschlossen sei, war ich zunächst sauer. Ich habe weithin verlautbart, dass der Dienstleistungsgedanke im Kinderbetreuungsbereich noch extrem ausbaufähig sei und ich gerne mal wüßte, wofür wir eigentlich monatlich Kosten in Höhe eines Kurzurlaubs im 4-Sterne-Wellnesshotel abdrücken.  Ich dachte mit Sorge an den Stapel Arbeit, der fordernd in meinem Büro liegen bleiben würde und hielt meinem Chef mit zu Schlitzen verengten Augen einen Vortrag über den Standortvorteil von familienfreundlichen Firmen, als dieser säuerlich meinen Urlaubszettel unterschrieb.

Umso schöner war das Gefühl, an diesem Tag im Bett liegen zu bleiben, während Herr P. und das Schulkind sich zur Erfüllung ihrer Pflichten auf den Weg machten. Als der Zwerg und ich uns in aller Ruhe erhoben hatten und - ganz außergewöhnlich - nicht unter Zeitdruck ums Zähneputzen stritten, lachte die Frühlingssonne erstmals richtig in diesem Jahr und die Kröte quietschte vor Vergnügen auf dem Fahrrad, denn sie hatte schon vergessen, wie sich Beine ohne Strumpfhose anfühlen. Wir radelten zur Bank und schafften es, Geld aus dem Automaten zu holen, ehe das Konto wegen meines Sohnes dritten Fehlversuchs beim Eintippen der Geheimnummer gesperrt wurde. Wir radelten weiter zum Fotografen, wo es viele Versuche brauchte, ehe ich zu akzeptieren bereit war, dass man auf biometrischen Fotos immer beschissen aussehen wird, da man dabei starr und bedrohlich in die Kamera schauen muss, wie einst die 3. Generation der RAF. Wahrscheinlich werden diese Fotos im Bundeszentralregister verwahrt, damit für den Fall, dass man bei Rot eine Ampel überfährt, gleich ein Verbrecherfoto für Fahndungsplakate vorhanden ist. Während wir auf die Fotos warteten, frühstückten wir in einer Bäckerei, wo mir mein Kind erfolgreich einen Himbeerkrapfen statt einer Butterbreze herausleierte und wir bei diesem und bei Milchkaffee glücklich den Mops mit seinem Herrchen beobachteten, der - wie offenbar jeden Morgen - von allen Bäckereifachangestellten gestreichelt wurde und dann unter Schmatzen und Sabbern einen riesigen Schokodonut gefüttert bekam. Auf dem Weg zurück zum Fotografen und anschließend zur KFZ-Zulassungsstelle übte das Kind das Wort “Mops” und lachte sich dabei kringelig. Am Ziel angekommen, wühlten wir uns durch Mengen schlecht riechender Menschen mit KFZ-Kennzeichen in der Hand und erfuhren, dass sich nur noch 70 Leute vor uns befanden, die ebenfalls - wie ich - ihren Führerschein anmelden wollten. Der Großteil davon war noch im Teenageralter und haßte mich für meinen zielstrebigen Gang an allen vorbei in den erstenbesten Amtsraum und meine Forderung, eine geplagte alte Mutter mit Kleinkind den Wartenden vorzuziehen. Die dauergewellte Dame hinter dem Schalter bezichtigte mich, das Kleinkind extra mitgenommen zu haben, um mir die Wartezeit zu ersparen, aber die sozial kompetente Kröte besänftigte sie, indem sie ihr eines ihrer Gummibärchen anbot, die sie schon seit dem Frühstück in ihrer schwitzigen Handinnenfläche gewärmt hatte. Sogar an der Kasse ließ man uns freundlich vor, nachdem das Kind allen Wartenden vorgeführt hatte, wie Kängurumamas machen, wenn sie Kängurubabys im Beutel haben und vor einem wilden Krokodil schnell weghüpfen müssen.

Selbstredend benutzten wir auch die Toilette, wie wir immer und überall die Toiletten benutzen, denn es gibt überhaupt nichts Schöneres, als öffentliche Toiletten zu erkunden und jedes Detail dort so zu besprechen, dass aus den Nachbarkabinen nicht nur Plätschern, sondern zunehmendes Kichern und lautes Lachen ertönt. Draußen warten dann die nachbarlichen Toilettenbenutzerinnen, um zu sehen, wer aus der Spaßkabine rauskommt und um das lustige Kasperl mit allen Süßigkeiten zu beschenken, die Handtaschen älterer Damen gemeinhin so hergeben. Bisher ist es mir nicht gelungen, dem Kind abzugewöhnen, in öffentlichen Sanitäranlagen laut darüber zu referieren, was seine Mutter gerade tut, welches Geschlecht sie hat und wie sich dieses genau vom anderen Geschlecht unterscheidet, welches wiederum beim Toilettengang gänzlich andere Routinen entwickelt hat und warum. Und ich schwöre, es gibt kein stolzer dreinblickendes Kind als das meine, wenn es sich dann mit der rosa Flüssigseife aus dem Spender die Hände gewaschen und im Trockenfön getrocknet hat. Händereibend geht er dann aus der Tür, bleibt kurz stehen, überlegt und sagt dann: “Und jetzt noch Kacka!”. Und an Tagen wie solchen, wenn man keinen Zeitdruck hat und die Sonne lacht, zuckt man die Schultern, geht nochmal zurück und hebt das glückliche Kind wieder auf die Schüssel.

Vor dem Amtsgebäude retteten wir noch einen Regenwurm, der sich wohl auf den Bürgersteig verirrt hatte. Das Kind behauptete, noch zarte Bewegungen zu erkennen und ich schwieg weise zu meiner Vermutung, dass der Wurm reichlich kurz für einen Regenwurm aussähe und der andere kurze Regenwurm einen Meter weiter auch nicht mehr zuckte. Ich trug die Wurmhälfte also in einen Seitenstreifen und erklärte meinem Kind, er würde sich erst wieder glücklich in die Erde wühlen, wenn er sich unbeobachtet fühle.

Wir radelten nach Hause, bepackten den Anhänger mit Glas- und Dosenmüll des letzten Jahres und verbrachten dann eine vergnügliche halbe Stunde am Glascontainer, wo meine Bandscheiben traurige Lieder sangen, weil die Kröte es sich nicht nehmen ließ, jedes Glas höchstpersönlich in den passenden Container zu werfen und zu diesem Zwecke von mir hochgehalten werden mußte. Immerhin kann man davon ausgehen, dass mein Kind die Farben Grün, Weiß und Braun nie mehr verwechseln wird. Hinterher lud ich uns in unsere Lieblingslokalität, ein Suppenschnellrestaurant ein, wo wir im Freien sitzend unsere Suppen löffelten und ausführlich über den Mann mit den wirren grauen Haaren am Container sprachen, der unter grummelnden Selbstgesprächen mit einer langen Greifzange im Container wühlte; warum er sich über die 6 Bierflaschen vom Endspiel letzten Sommer freute, die wir ihm schenkten und warum man bei diesem Grinsen keine Zähne sehen konnte. Es gehört mit Sicherheit zu den größeren Herausforderungen, einem knapp 3-Jährigen die Mängel eines Einheitssozialleistungssatzes in der teuersten Stadt Deutschlands zu erklären, das Pfandsystem verständlich zu machen und sich über Methoden auszulassen, ein geringes Einkommen mit Unterstützung von Leuten, die zu faul sind, ihre Flaschen selber wegzubringen, aufzubessern. Nach einem Teller Pfannkuchensuppe mit Rindfleischstückchen war das Kind satt und an sozialem Bewußtsein reicher.

Zurück zu Hause waren wir vom Tagwerk redlich müde und hielten einen Schlaf, bis es Zeit für Nachmittagskaffee war, den wir am Sandkasten zusammen mit Johannisbeerkuchen zu uns nahmen, während wir Sandknödel rollten und uns über die sehr wesentlichen Unterschiede von roten und schwarzen Ameisen unterhielten.

Am Abend begrüßte ich den überraschten Herrn P. mit der Mitteilung, in Zukunft wieder nur noch Teilzeit arbeiten zu wollen, da es ja nicht angehen kann, dass egoistische, karriereüberambitionierte Eltern die schönste Lebensphase ihrer Kinder verpassen und sich selbst um das einfache Glück bringen, einen halben Regenwurm zu retten oder Handtrockengeräte zu benutzen. Als das Kind beim Abendessen zornig mit Nudeln schmiß, weil wir ihm die 5. Portion Parmesankäse verweigerten, geriet mein neu erwachtes Mutterglück schon ins Wanken und noch später, als er mich im Bad mit Zahnpasta bespuckte, weil er den Nutzfaktor von Zahnhygiene anders bewertete als ich, freute ich mich schon wieder auf die Stapel Papiere in meiner Arbeit, die mir wenigstens nie widersprechen, wenn ich sie auffordere, auf öffentlichen Toiletten nicht an die Klobrille zu fassen.

SallyP.

Sally wechselt die Spur #2

März 22nd, 2011

Eine vermeintliche Büroangestellte lächelt mich erwartungsvoll an und ich stammle mühevoll mein Anliegen:

ICH MÖCHTE GERNE EINEN FÜHRERSCHEIN.

Und gleich darauf entschuldigend:

ICH BIN ABER SCHON ALT.

Das mache gar nichts und da sei ich nicht die Einzige, meint sie unbeeindruckt und läßt mich viele Zettel ausfüllen. Sie beantwortet geduldig meine Fragen, versichert mir, dass auch für späte Fahrschülerinnen, die die Fahrerlaubnis quasi auf dem zweiten Bildungsweg erwerben wollten, durchaus noch Hoffnung auf Erfolg bestünde. Gleich darauf zertrampelt sie aber mein zart sprießendes Pflänzchen Hoffnung mit dem Hinweis, dass die Spätlernenden mit deutlich mehr Fahrstunden zu rechnen haben, da sie altersbedingt konzentrationsschwächer seien und zudem bei weitem nicht mehr über das förderliche Maß an Risikobereitschaft und Spaß am Nervenkitzel verfügen, welches 18-Jährige so mühelos das Fahren lernen läßt.

Schlußendlich, als der Vertrag unterschrieben ist und ich meinen Mut schon fast bereue, eröffnet sie mir, dass sie gleichen vertrockneten Alters sowie berufserfahrene Fahrlehrerin sei und sich vorstellen könnte, dass wir beide eine erfolgversprechende Verbindung darstellen könnten. Entzückt buche ich alle Stunden, die ich kriegen kann, da ich schon mit schlotternden Knien den verhältnismäßig vielen Stunden meiner Lebenszeit auf engstem Raum mit einem testosteronstrotzendem und intelligenzgeminderten Fahrlehrer mit Bürstenhaarschnitt entgegen gesehen hatte.

Vorläufig habe ich aber einige Theoriestunden abzuleisten und so betrete ich jüngst erwartungsvoll den Schulungsraum der Fahrschule, nachdem ich in bester Laune Herrn P. ein jammerndes krankes Kleinkind, einen Präpubertiernden, der bis zur Schlafenszeit noch 35 Vokabeln zu lernen hatte, sowie den Abwasch und die 60-Grad-Wäsche überlasse. Befreit radle ich durch die laue Frühligsluft in die Fahrschule und fühle mich allein dabei schon frei, kraftvoll, faltenlos und risikofreudig wie ein verliebter 18-Jähriger.

Binnen 10 Minuten im Klassenzimmer weicht diese Euphorie einem bekannten Gefühl. Ich sehe mich just in Schulzeiten zurückgebeamt und noch 10 Minuten später ist die Lage glasklar: Es gibt die Streber, die sich gleich vorne hinsetzen und dem Lehrer strahlend mitteilen, dass sie sich mittels Onlineprogramm bereits umfassend vorbereitet haben. Sie melden sich, noch ehe der Lehrer die Frage zur Hälfte gestellt hat und rufen die Antworten notfalls auch ungefragt in den Raum. Es gibt die durchgestylten Bienchen, die nicht nur in Schule und Club zusammen auf die Toilette gehen und sich dort die Lippen nachziehen, sondern auch die Fahrschule gemeinsam besuchen und darauf bestehen, nebeneinander zu sitzen. Zu diesem Zwecke nerven sie mich so lange, bis ich meinen Platz freiwillig räume und Richtung Espressoautomat umziehe, wo schon eine weitere Frau Platz genommen hat, von der ich erleichtert vermute, dass sie mindestens 10 Jahre älter ist als ich. Da sind die Jungs mit Pickel und Zahnspange in der zweiten Reihe und die Supertypen weiter hinten, die erst in einigen Jahren internalisiert haben werden, dass eine halbe Flasche Afthershave keine Dusche ersetzt und die Frauen nicht zu willigen Nymphomaninen werden läßt. Ob ich ihnen stecken soll, dass die Pickeltypen in 15 Jahren gute Haut, strahlend weiße Zähne und 100.000 Netto im Jahr haben und mühelos die Hasen abgreifen, die jetzt noch ihnen an der verspiegelten Sonnenbrille hängen? Nein, sie würden mir mutmaßlich nicht glauben.

Der Lehrer ist - wie kann es anders sein? - von urbayerischer Herkunft und erklärt die vier Ebenen der Vorfahrt so, dass nur die in der 4. Generation in Bayern Geborenen es annähernd verstehen. Durch regelmäßige Witze, welche die Minderbegabung weiblicher Mitbürger am Steuer zum Inhalt haben, macht er überdies deutlich, dass er die letzte Fortbildung zum Thema “Gender mainstreaming” ausgelassen hat.

Ich versuche freundlich, mit meinen umliegenden Banknachbarn und Klassenkameraden ins Gespräch zu kommen, scheitere aber an hochgezogenen Augenbrauen und peinlich berührtem Abwenden. Erst später, als die Dame neben mir freundlich vermutet, dass ich ja offenbar auch zu jenen gehöre, die bereits einen Führerschein habe, begreife ich. Ich werde wie die anderen älteren Semester hier für eine der Schnapsdrosseln gehalten, denen der Führerschein zeitbefristet entzogen wurde und die nun ein bestimmtes Kontingent an Theoriestunden zur Auflage bekommen haben. Fortan bemühe ich mich eifrig, durch gezielte Frageformulierungen meinen Status als spätberufene Fahranfängerin deutlich zu machen, was mir aber nicht glaubwürdig gelingt.

Als wir im Rahmen der ersten Vorfahrtsebene die Handzeichen der Verkehrspolizei durchnehmen und ich dazu stolz den Merkspruch aus der Verkehrserziehung in der 3. Grundschulklasse zum Besten gebe,

SIEHST DU VOM SCHUTZMANN BAUCH ODER RÜCKEN, MUSST DU AUF DIE BREMSE DRÜCKEN

SIEHST DU VOM SCHUTZMANN DIE HOSENNAHT, HAST DU ALLWEIL FREIE FAHRT!

wendet sich die eine Hälfte beschämt ab, während die andere über dem Ausdruck “Schutzmann” grübelt. Kein Wunder, als ich in der 3. Klasse wegen der Fehler beim Linksabbiegen beinahe durch die Verkehrsprüfung gefallen wäre, waren die Eltern meiner neuen Klassenkameraden längst noch nichts bei der Familienplanung angelangt.

Am nächsten Tag stelle ich angesichts der falschen Antworten meines Mannes, meiner Kollegin M. sowie meiner Mutter bezüglich der Vorfahrt im Kreisverkehr die Forderung auf, das Verkehrswissen jedes Einzelnen jährlich zu überprüfen und ggf. die Fahrerlaubnis zu entziehen und ernte damit keine Freundlichkeiten.

Thema der nächsten Stunde ist das korrekte Verhalten bei Lichtsignalen und die besondere Spezifika von Halte- und Sichtlinien im Kontext von Stoppschildern. Grundsätzlich gilt im Kreisverkehr übrigens rechts vor links, was im übrigen die 4. Ebene der Vorfahrt darstellt und von Vekehrsschildern, Lichtsignalen  sowie Schutzmännern und -frauen gestochen wird.

Noch Fragen?

Sally wechselt die Spur #1

März 18th, 2011

Als ich klein war, hatte ich eine Spardose. Da kam alles Geld rein, das mir meine vielen Großtanten dann und wann freundlich für ein Eis in die Hände drückten. Mein Opa legte noch immer was dazu, brachte das Geld regelmäßig zur Sparkasse und sagte dazu, dass ich dann mit 18 problemlos den Führerschein machen könne. Ich habe als Kind wenig Eis gegessen.

Als ich dann volljährig wurde, trug ich grüne Haare, “sex pistols”-T-Shirts und setzte mich engagiert für einen Sturz der Kohl-Regierung zugunsten einer anarchistischen Selbstverwaltung ein. Mein Opa war schon gestorben und mit dem Geld, das meine Oma von der Sparkasse für den Führerschein holte, fuhr ich nach dem Abitur und ohne Studienplatz 2 Monate nach Griechenland. Dort hüpfte ich von Insel zu Insel und von Schlafsack zu Schlafsack und eignete mir wichtige Kernkompetenzen, wie z.B. das Drehen eleganter, schmaler Joints aus zwei Blättchen, an.

Ein Jahr später gab mir die Omi vertrauensvoll den Rest des Geldes und diesmal blieb ich in Griechenland, bis die Winde dort so stark und kalt wurden, dass man morgens am Strand in der Isomatte fast gänzlich mit Sand begraben war und empfindlich fror. Sie ist darüber bis heute sauer und nutzt jede Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass ich durch meine griechischen Allüren den Willen des Großvaters geschmäht habe und dieser sich deshalb sicherlich noch heute vor Gram im Grabe wälzt. Meine vorsichtigen Hinweise, dass das Geld ursprünglich für Eis gedacht war und ich mir ein solches auch ab und zu in Griechenland gegönnt hatte, helfen ihrer anhaltenden Verstimmung nicht ab.

Bald darauf erbarmte sich die Zentrale Vergabestelle von Studienplätzen - vielleicht durch transzendentale Eingebung meines Großvaters - dann doch und ich begann ein bürgerliches Studium in der Stadt, in der man mit dem Fahrrad immer Vorfahrt hat und Parkplätze so selten sind, wie elektrische Zitruspressen im lakadonischen Regenwald. Ich lockte einen Kommilitonen aus dem bayerischen Oberland erst in mein Bett und später ganz nach München, wo er sein Auto abmeldete und mit mir Kinder in die Welt setzte, welche wir fortan in Fahrradanhängern durchs Leben fuhren.

Zehn Jahre lang trug der Oberländer bei unseren wenigen motorisierten Ausflügen stoisch die Alleinverantwortung und überließ mir geduldig die Rolle der ewigen Beifahrerin, die nur zum Kaffeereichen, Kartenlesen und Besingen der Kinder auf der Rückbank sowie zur Beseitigung des kindlichen Erbrochenen und anderen niederen Tätigkeiten taugt.

In Anbetracht eines drohenden Auslandsurlaubs im kommenden Sommer mit Mietwagen und ohne öffentliche Verkehrsmittel forderte der sonst so kompromißbereite Mann dann aber meine umgehende Anmeldung in einer Fahrschule und unterstrich die Ernsthaftigkeit dieser Forderung mit der Drohung, andernfalls mit einer 24-jährigen Motocrossfahrerin durchzubrennen und die Kinder bei mir zu lassen.

Alles Flehen, Weinen und verzweifelte Versprechungen hinsichtlich täglichem und orgastischem Sex sowie wöchentlichem Schweinebraten mit zweierlei Knödeln halfen mir nicht und so betrete ich also dieser Tage angstvoll die Fahrschule um die Ecke.

Vor einiger Zeit erhielt ich den Newsletter eines Kaffeegeschäfts, das neben verschiedenen Sorten Kaffee auch - wöchentlich wechselnd - allerhand verschiedene Dinge vertreibt, von welchen viele Menschen jede Woche neu glauben, sie ganz dringend besitzen zu müssen und beim Anblick der Vorschau schon nicht mehr wissen, wie sie jemals ohne diese leben konnten. Ich bin eine davon und begrüße den Newsletter daher schon immer mit erwartungsvollem Jauchzen.

Neulich also befaßte sich das Aktionsprogramm mit der Pflege des Haushalts und innovativen Utensilien, die dafür von Nutzen sind. Diese waren allesamt rosa und mit Blümchenaufdruck, so dass die Hausfrau nicht wegen trostlos stahlgrauen Fensterwischern und schwarzen Putzeimern depressiv wird, sondern sich beim Bodenwischen wie Alice im Wunderland vorkommen kann.

Unter anderem waren dabei kleine Stoffschürzen angepriesen, die sich dekorativ um Spülmittelflaschen binden lassen. Wahrscheinlich, damit diese nicht so unansehnlich zwischen dem vom Innenarchitekten durchdesignten Wohnkonzept herumstehen, sondern sich dekorativ in dieses einfügt. Um der Schnelllebigkeit aktueller Modeerscheinungen Rechnung zu tragen, gab es die Schürzchen auch in verschiedenen Designs, zum Wechseln. Außerdem fanden sich noch Stifte, mit welchen sich unschöne Kratzer am Putzeimer ausbessern lassen. Eine wunderbare Erfindung, denn nichts ist schlimmer, als wegen des Kratzers am Eimer tagelang vor Gram nicht schlafen zu können. Bislang mußte man in diesen Fällen heimlich wochenlang Teile vom Haushaltsgeld wegsparen, um sich eines glücklichen Tages einen neuen Eimer anzuschaffen. Damit ist es aber nun vorbei. Frau zückt nur noch ihren Stift und schon ist der Eimer wie neu und das gesparte Haushaltsgeld wird für den neuen Lippenstift in der Farbe aufgewendet, wie ihn auch die Sekretärin des Ehemanns trägt. Wunderbar.

Noch schöner sind die Blümchenaufkleber für die Waschmaschine. Endlich ist jemandem aufgefallen, dass das langweilige, immerwährende Weiß der Waschmaschine auf die Dauer doch arg minimalistisch wirkt, selbst wenn zurückhaltende Farben und Understatement beim Wohndesign gerade hoch im Kurs stehen. Wie oft habe ich mir schon gedacht, dass unsere Waschmaschine eigentlich super wäre, wäre sie melonenfarben oder blaugrau und wie oft bin ich schon aus Versehen dagegen gerempelt, weil ich sie zwischen den weißen Fliesen im Bad gar nicht mehr wahrgenommen habe. Gut, dass nun das Kaffeegeschäft darum bemüht ist, dieses zentrale Elements eines Familienhaushalts ein bißchen in seiner Wirkung und damit seiner Bedeutung hervorzuheben.

Stellt man sich vor, wie man somalischen Binnenflüchtlingen oder Marokkanern auf Lampedusa nachvollziehbar erklärt, dass Menschen bei uns sich solche Dinge ausdenken und weiterhin, dass andere Menschen sich diese Dinge auch tatsächlich kaufen damit dann nochmal andere Menschen unfaßbar reich damit werden, dann wird das Ausmaß der kapitalistischen Perversion deutlich.

Wenn so ein Kaffeegeschäft schon wöchentlich neue Dinge erfinden muss, von welchen die Leute bislang noch nicht wußten, wie dringend sie sie brauchen, wieso können es dann nicht tatsächlich innovative und nützliche Gebrauchsgegenstände sein? Zum Beispiel warte ich schon sehr lange auf die Erfindung von Kinderhosen, welche Sandkastensand einfach neutralisieren. Seit 10 Jahren bin ich in Besitz von Kindern und lebe 3/4 des Jahres damit, dass aus jeder Hose - egal wie gut ich sie vorher ausgeschüttelt habe - Sand heraus rieselt. Aus den Hinter- und Vordertaschen und sehr gerne auch aus den Hosenumschlägen. Man zwingt die Kinder, sich noch auf der Terrasse bis auf die Unterhose nackig auszuziehen und sich den Sand zwischen den Zehen herauszupuhlen, man bürschtelt ihnen die Haare aus und die Kopfhaut - auf der im Sommer wie auf einem Schnitzel die Sandpanade klebt - ab, man stülpt alle Taschen um und schüttelt ambitioniert. Befriedigt steckt man die Hose in die Waschmaschine, holt sie heraus, nachdem man die ganze Wohnung gesaugt hat, schüttelt sie aus und fühlt das leichte Rieseln. Das Kaffeegeschäft bietet im 5-Wochen-Rhythmus Kinderhosen feil… kann da nicht mal eine dabei sein, die Sand entweder absorbiert oder noch besser: gar nicht erst aufnimmt, sondern antistatisch abweist. Diese Erfindung kann doch nicht schwieriger sein als ein Putzeimerausbesserungsstift, oder?

Oder eine Zahnpasta, die so lecker schmeckt, dass alle Kinder gerne Zähne putzen und nicht nur die Zahncreme einmal kurz im Mund verrühren, ausspucken und “Fääääääääärtig!” schreien. Nach Schokolade sollte also sie schmecken oder wahlweise auch nach Schnitzel mit Pommes und ohne Salat oder nach Nutellapfannkuchen. Und sämtliche - ins Waschbecken, auf den Wasserhahn und den Spiegel - gespuckten Reste vernichten sich innerhalb von 10 Sekunden selbst. Restlos.

Ich hätte auch gerne einen Pürierstab, der die zu pürierende Masse wirklich komplett in ihre kleinsten Teile zermahlt. So könnte ich ohne Sorge - unter Beweisführung anhand der stecknadelgroßen grünen Pünktchen - der Lüge überführt zu werden, gegenüber meinem Kleinkind behaupten, in der Kartoffelsuppe sei ehrlich und wahrhaftig keine Petersilie. Wieso schafft kein Pürierstab die Petersilie komplett?

Belustigt habe ich Herrn P. die Vorschau zum Angebot gezeigt und mich darüber ausgelassen, wie grenzwertig es in heutiger Zeit - und aus feministischer Sicht geradezu prostituierend- sei, sich als moderne junge Frau als Model für geblümte Putzlappen und rosa Staubfang- und Polierpantoffeln herzugeben und bezahlen zu lassen.

Zwei Wochen später kam Herr P. mit leuchtenden Augen vom Einkaufen zurück und verkündete geheimnisvoll, mir etwas mitgebracht zu haben. Neben Milch, Zucker, Saft und Basilikum zog er aus der tiefen Tasche das Doppelpack Dekoschürzchen für die Spülmittelflasche. Ich war sprachlos vor Glück, hatte ich doch so kurz vorm Weltfrauentag nicht mit einem liebesbeweisenden Mitbringsel gerechnet. Sofort zog ich der unansehnlichen und nackten Spülmittelflasche die Schürze mit den Blümchen an und erfreute mich an ihrem neuen dekorativen Dasein in der Ecke der Spüle, von wo sie seither dem Raum eine ganz neue Frischedimension verleiht.

Die Alternativschürze - in Smokingdesign - bekam Ernie, die Handpuppe, umgebunden. Wir glauben nämlich, dass sein Freund Bert sich schon lange heimlich wünscht, von ihm - nackt und nur mit Schürze bekleidet - liebevoll bekocht zu werden und ich möchte gar nicht wissen, was die beiden mit der neuen Errungenschaft seither in der Spielzeugkiste alles heimlich treiben.

Nur den Stift für den Putzeimer habe ich jetzt immer noch nicht und muss also weiterhin nachts über der Frage brüten, wie ich mit Unzulänglichkeiten, wie verkratzten Putzeimern, existieren soll.

SallyP.

Heute morgen bin ich in der Kurve auf der Theresienhöhe volle Kanne auf den Arsch gefallen. Mit zusammengebissenen Zähnen bin ich einige Meter weit gehumpelt und habe mich dann unter dem mühsamen Versuch, die Zornestränen zurückzuhalten um mein Büromake-up nicht zu gefährden, wieder aufs Rad geschwungen und bin wackelig in die Arbeit gefahren. Ich könnte schwören, ich habe hinter mir das gehässige Kichern der Bavaria noch am Bahnhof gehört. Im Büro angekommen lief ich meiner Lieblingskollegin in die Arme, die mir bei meinem Anblick wortlos ihre warme Kaffeetasse reichte.

Ich habs richtig satt, echt. Mit dicken Handschuhen kann man nicht richtig bremsen, mit den dünneren friert man sich die Finger ab. Zur Zeit fahre ich auf der Hälfte meiner Wegstrecke mit in den Handschuhen zu Fäusten geballten Fingern und wäre dabei im Falle, abrupt bremsen zu müssen, quasi erledigt. Und das ist angesichts der völlig wahnsinnigen Vorstadtporschefahrer, die täglich meinen Weg und meine Nerven kreuzen, nicht einmal so unwahrscheinlich.

Neulich fuhr ich ohne Licht und guter Dinge daheim los. Auf der Schwanthalerstraße wurde es plötzlich stockfinster und es fing an zu schneien, in Gegenrichtung natürlich. Ich fuhr ungelogen die ganze Bayerstraße blind entlang, unter Aufbietung all meiner parapsychologischer Fähigkeiten, um unerwartete Baustellen, rote Ampeln und unter Schnee verborgene Straßenbahnschienen rechtzeitig zu erahnen. Ich erreichte überraschend lebendig meinen Arbeitsplatz. Im Flur begegnete mir der griesgrämige Controller, der sich angesichts meiner hysterischen Aufforderung, sich gefälligst über mein nicht stattgefundenes Ableben zu freuen, ängstlich an die Wand drückte. Er nickte stumm und starrte mit großen Augen auf meinen Hals, in dem sich der geschmolzene Schnee aus meinen Haaren mit Wimperntusche und Nasenrotz sammelte. In meinem Rollcontainer sind zwar Deo, Tusche, Lippenstift und sogar schwarze Pumps für den Notfall, aber an solchen Tagen müßte man einen ganzen Visagisten im Pohlschröder versteckt haben, um noch etwas zu retten.

Und dann noch das Problem mit dem Radlparkplatz… täglich sehe ich mich genötigt, das gute Stück am Pförtner vorbei in mein Büro zu schleusen, was streng verboten ist. Zum einen durch die Hausbesitzer, weil die Fahrstühle verkratzt und die Wände verdreckt werden könnten. Darüber wacht ein Pförtner mit schütterem Haar und Alkoholproblem. Die Situation habe ich aber im Griff, solange nicht seine Urlaubsvertretung im Amt weilt. Jeden Morgen eile ich mit meinem Fahrrad strahlend an seinem Kabäuschen vorbei und werfe ihm abwechselnd unanständige Blicke, verheißungsvolle Augenbrauenbewegungen und verliebte Lächeln zu, so dass er über sein Sabbern vergißt, das Fahrrad zu beanstanden.

Das zweite Problem ist unsere Geschäftsstelle, die über den Brandschutz wachen muss und daher ebenfalls Fahrräder im Büro oder gar auf den Fluren strikt verboten hat. Bisher wurde ich nicht erwischt. Notfalls muss ich zu harten Bandagen greifen und vielleicht mit Streik oder Suizid drohen. Ich könnte - wie der kleine dicke Spanier in Asterix - die Luft anhalten und vor versammelter Mannschaft rot anlaufen, bis mir die Augen aus den Höhlen treten und sie aus Angst vor meinem Ableben und damit vor Schadensersatzpflicht wegen eines Betriebsunfalls nachgeben.

Die Reinigungskraft haßt mich, weil sie täglich die geschmolzene Soße aus Schnee und Innenstadtabgasen aufwischen muss. Ich bin ehrlich versucht, ihr zuvor zu kommen, aber meistens schmilzt der Schnee genau dann von meinem Radl runter und wird zur schwarzgrauen Pfütze, wenn ich in einer Sitzung hocke. Und wenn ich es schaffe, die Lache brav selber aufzuwischen, kommt garantiert mein Chef vorbei, sieht mich mit dem Drecklumpen am Boden wedeln und fragt süffisant, ob diese Tätigkeiten in meiner Stellenbeschreibung stünden und ob ich dafür nicht leicht überbezahlt sei.
Herr P. und ich streiten jeden Abend darum, ob das Fahrrad über Nacht im Wohnzimmer wohnen darf oder nicht. Er ist der Meinung, es müsse draußen bleiben oder in den Keller getragen werden. Ersteres schadet der Schaltung und den Bremszügen und letzteres ist mir zu aufwändig. Es ist überhaupt nicht einzusehen, was dagegen spricht, dass es jeden Abend, bevor wir ins Bett gehen, in die Küche geholt wird, wo es die Nacht kuschelig zwischen Spüle und Kochinsel verbringen und sich aufwärmen kann. Etwaige Pfützen bilden sich dann auf den wischbaren Fliesen und können von mir morgens entfernt werden, bevor mein eifersüchtiger Mann überhaupt ein Auge aufgemacht hat. Er tut gerade so, als ließe ich das Fahrrad mit Reizwäsche bei uns im Bett schlafen. Täglich hebe ich das Objekt unserer Auseinandersetzungen unter seinem Geschimpfe über die Terrassentürschwelle und bringe ihn allenfalls durch ein mit kalter Stimme geflüstertes: “Wenn das Radl geht, geh ich auch!” zum Schweigen.

Bevor ich also meinen Job verliere, an zornbedingtem Atemstillstand versterbe oder meine Ehe zerbricht, wird es schlichtweg Zeit für Frühling. Also trete ich mühsam morgens über Schnee und Eis während mir die Kälte Tränen in die Augen treibt und auf meinen Backen gefrieren läßt, balle die Fäuste in den Handschuhen und singe dabei der gehässigen Bavaria das Lied vom Winter, dem alten Arschgesicht, dessen Scheiden mir überhaupt nicht weh tut. Bis sie mir dann wieder ein Bein stellt.

SallyP.

Dass Kinder gut erzogen sind, erkenne man daran, meint meine Großmutter, dass sie sich woanders gut benähmen. Das Verhalten zu Hause sei keinerlei Maßstab und das solle ich mir gut merken, wenn ich ich wieder einmal darüber jammere, dass mein Kind mit Nudeln nach mir wirft, weil es das Basilikum in der Tomatensoße als Foltermethode empfindet.

Neuerdings renne ich mindestens einmal wöchentlich frühzeitig aus dem Büro, um einen möglichen Kindergarten nach dem anderen zu besichtigen, lächelnd die Anmeldeformulare immer neu auszufüllen und dabei mich und den kleinen Nudelschmeisser möglichst gut dabei aussehen zu lassen. Während der Rest der Republik fleißig für die private Rentenversicherung sparen und sich Sorgen wegen der Alterspyramide machen muss, haben wir in München ja einen Babyboom nie geahnten Ausmaßes. Ich schätze, das liegt entweder daran, dass es bei den hiesigen Immobilienpreisen niemand mehr schafft, seine Hütte im Laufe seines Lebens selbst abzuzahlen und daher Kinder in die Welt gesetzt werden, um eines Tages die Restschuld zu übernehmen.

Oder ist der Grund vielleicht darin zu suchen, dass die Gutverdiener hier bestens von Uschis neuem Elterngeld profitieren und alle Bugaboo-Farbkombinationen einmal ausprobiert sein wollen? Jedenfalls gibt es viele Kinder und zu wenig Kita-Plätze.

Zunächst war ich ja in großer Sorge deshalb, denn bekanntermaßen befindet sich mein Kind seit der Minute seiner Geburt in irgendeiner Form der Autonomiephase und testet immer gerade dann ausgiebig seinen Willen, wenn ich verzweifelt auf seine Kooperation angewiesen bin. Nicht genug also, dass ich momentan dauernd früher von der Arbeit weg muss, um das Kind abgehetzt von der Krippe weg in einen Kindergarten nach dem anderen zu schleifen und dabei fröhlich und gelöst aussehen soll. Nein, er sah natürlich nicht ein, wieso er sein Spiel neuerdings früher als sonst unterbrechen soll und boykottierte beharrlich meine Diskussions- und Bestechungsversuche. Ich trug also die lautstark protestierende und kreischende kleine Rotzblase aus der Krippe und zog sie gegen seinen Willen an, was der Quadratur des Kreises nahe kommt. Bis wir in der entsprechenden Kindertagesstätte ankamen, war ich körperlich und nervlich am Ende, meine Friseurperformance dahin und ich harrte angstvoll der Dinge, die nun kommen mochten, obwohl ich den künftigen Kindergartenbesucher ausführlich auf seine verantwortungsvolle Rolle als Bewerber vorbereitet habe.

Wider Erwarten erfüllt er seine Aufgabe aber besser als jeder Langzeitarbeitslose nach einem Bewerbungstraining beim Amt. Bisher war es noch jedesmal so, dass ich hinterher selbst nicht fassen konnte, wie höflich, freundlich, aufgeschlossen, eloquent und bezogen mein Sohn war. Im ersten Kindergarten antwortete er auf die Fragen nach seinem Namen, Vornamen und seiner Adresse korrekt und mogelte nur leicht bei seinem Alter, was angesichts der für ihn nicht zu verwindenden Tatsache, dass seine beste Freundin schon 3 Jahre alt ist, nachvollziehbar ist. Im zweiten Kindergarten gab er zur Begrüßung und zum Abschied die Hand und sagte “Grüß Gott” und “Pfüati”. Im dritten Kindergarten entdeckte er beim Rundgang die Toiletten und verlangte sofort, darauf gesetzt zu werden. Die Leiterin zeigte sich erfreut und erklärte ihm höchstpersönlich die komplizierte Spülfunktion. Noch eine Woche später bat er bereits selbst im Gespräch, die Toilette benutzen zu dürfen und wusch sich danach unaufgefordert die Hände. Anfangs war ich selber sprachlos, da er zwar die Windel seit Wochen verweigert, aber dennoch keine Ambitionen zeigt, dem Toilettenbesuch allzuviel Bedeutung beizumessen, wenn es gerade zeitlich nicht paßt.

Im fünften Kindergarten war ich aber schon versucht, der Kindergartenleitung verschwörerisch zuzuraunen, dass es ja geradezu impertinent sei, dass man den Einrichtungen neuerdings das Wickeln von 3-Jährigen zumutet und sie es nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, verweigern können, Wickelkinder aufzunehmen. In Erinnerung an mein großes Kind, welches meinen Berufseinstieg genau damit um ein Haar verhindert hätte, hielt ich aber den Mund und grinste nur innerlich wie ein Breitmaulfrosch.

Seither bitte ich meinen Sohn aber schon kurz nach der Begrüßung, einfach Bescheid zu sagen, wenn er auf die Toilette müsse, und mache damit ganz unaufdringlich deutlich, dass wir windelfrei und mit uns insgesamt wenig Unannehmlichkeiten zu erwarten sind.

Heute, im 7. Kindergarten, bat mein kleiner Albert um ein Buch, während ich zum gefühlt 2000. Mal einer Leiterin meinen schwierigen Nachnamen und meine und des Vaters Festnetz-, Mobiltelefon- und Büronummern buchstabierte sowie unsere komplexen familiären und konfessionellen Verhältnisse klärte.
Als er das Buch ausgelesen hatte, bat er freundlich um ein neues und als die Dame keine Kinderbücher mehr hatte, wagte ich mich weit aus dem Fenster: Ich schlug ihr vor, ihm einfach ein paar ihrer bebilderten pädagogischen Arbeitsbücher zu geben und versicherte, er würde gut darauf aufpassen, was angesichts meiner geliebten und leider völlig zerfetzten Jubiläums-Ausgabe der “Kleinen Raupe Nimmersatt” geradezu fahrlässig mutig war.

Mein kleiner Engel enttäuschte mich aber nicht und setzte zum Schluß noch eins drauf, als er mit einem Liederbuch zu mir kam, auf die Noten deutete und mich bat, ihm das Lied hier zu singen. Mein Gegenüber sagte nichts, aber die Begeisterung ob des vielseitig interessierten Kindes und seiner musischen Mutter stand ihr ins Gesicht geschrieben. In Gedanken spann ich die Situation weiter und malte mir aus, wie ich meinem kleinen Wolfi-Amadeus liebevoll über die blonden Locken streiche und ihn auffordere, sich das schöne Liedchen am Klavier doch schnell selbst zu spielen….

Aber soweit sind wir wahrscheinlich erst beim Anmeldetermin im 20. Kindergarten.

SallyP.

Christmas illusions

Dezember 22nd, 2010

Ein einsamer Weg, der durch tiefverschneite Wälder führt. Baumwipfel, von welchen der Schnee in der Wintersonne herunter glitzert. Hinter den Baumstämmen hervorlugende Eichhörnchen und silberne Hirsche, die der vorbei laufenden Familie neugierig hinterher sehen. Vater und Mutter halten sich verliebt lächelnd an den Händen, der Vater legt seinem Erstgeborenen stolz den anderen Arm um die Schulter und die Mutter zieht das kleine Kind mit den leuchtenden Augen im Schlitten hinterher. Aus dem Rucksack des Vaters schaut der Stiel einer Axt heraus, womit er den schönsten Tannenbaum fällen wird, den sie nun gemeinsam für das nahende Fest der Liebe aussuchen werden…

Soviel zur Theorie, die die Mutter beim Adventsfrühstück ihrer geliebten Familie erläutert und welche sie gedenkt, an diesem Tag in die Praxis umzusetzen. Beginnen soll alles an diesem 4. Advent mit einem ausgedehnten, friedvollen und reichhaltigen Frühstück inklusive frischer Semmeln und 6 1/2 Minuten-Eiern.
Das geplante Drehbuch wird jedoch schon bald durch einen Zornanfall des Kleinkinds zerstört, welches seinen Protest zum elterlichen Dogma, zwischen jeder Scheibe Wurst mindestens zwei Bissen Semmel zu sich zu nehmen, durch das Werfen des Schinkentellers demonstriert. Der Vater sammelt die Scherben auf und sucht aus den Farmerschinkenscheiben vermeintliche Splitter. Die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum und wünscht sich sehnsüchtig eine Zigarette, obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr raucht und beim Volksentscheid zum Nichtraucherschutz mit “ja” gestimmt hat.

Später vergeht eine halbe Stunde mit der Diskussion, ob Kinder, die sich die Zähne nicht putzen und die Schneehose nicht anziehen lassen, auch mit zum Christbaumkauf gehen dürfen oder nicht und erst als Vater und Erstgeborener in Schneemontur mit Schlitten durch den Garten stapfen und dem Kleinkind motivierend winken, verlangt die Ausgeburt einer Trotzphase danach, angezogen zu werden und ist nun auch endlich bereit, stillzustehen. Bedauernd denkt die einst pazifistische Mutter an den baldigen Wegfall der Wehrpflicht und damit auch die letzte Chance, dem Buben die nötige Portion Disziplin, Gehorsam und Ordnung angedeihen zu lassen.

Die Eltern ziehen die Kinder mühsam über die gekiesten Wege, die - das wollten sie schwören - während der letzten zwei Wochen, als sie in die Arbeit radelten, weder geräumt noch gesandet waren. Sie umfahren dabei mehr oder weniger erfolgreich die Hundehaufen und heben immer wieder die Handschuhe auf, die das Kleinkind hinter sich wirft, weil es nicht die blau-grün gestreiften - die es verfügt hatte, für diesen Ausflug zu tragen - sondern die verhaßten warmen Skihandschuhe sind.

Der Vater erklärt den Kindern, dass man Schnee möglichst gar nicht - und wenn doch - dann keinesfalls den gelb gefärbten essen dürfe und dass Letzterer sich auch zum Schneeball schmeissen nicht gut eignete.

Die Mutter knipst ambitioniert viele Fotos, damit man den Kindern später, wenn sie mit therapeutischer Unterstützung die Traumata ihrer Kindheit aufarbeiten, die elterliche Schuldlosigkeit beweisen und u.a. auf die glücklichen Ausflüge im Schnee verweisen kann. Das bockige Kleinkind weist sie mit grimmiger Miene an, dabei keinesfalls zu lachen. Das Gegenteil-Kind lächelt daraufhin umgehend ganz liebreizend in die Kamera, wofür die Eltern sich heimlich hämisch grinsend abklatschen.

Schon fast am Ziel angekommen, geraten die Eltern über der alten Frage in Streit, wie hoch der Baum nun sein dürfe. Der Vater hält wie immer an seinem Standpunkt fest, dass allein die mögliche Raumhöhe die Größe des Christbaums bestimme und die gebotenen Möglichkeiten unbedingt bis auf den letzten Zentimeter auszunutzen seien.

Die Mutter hält dagegen, dass der Baum, umso höher er sei, umso breiter eben auch und die vorhandene Wohnfläche in der teuersten Stadt Deutschlands knapp bemessen. Bei der Auswahl der Behausung - so führt sie weiter aus - sei ein saisonaler weiterer, nadelnder Mitbewohner nicht eingeplant gewesen und müsse sich daher möglichst schlank gebärden. Während sie aufmerksam ihre Fingernägel betrachtet, gibt sie zu bedenken, dass anderer Leute Einkommen durchaus dafür reiche, riesigen Weihnachtsbäumen die ihnen angemessene Fläche zur Verfügung zu stellen und sie auch mit der nötigen Anzahl an Designer-Weihnachtskugeln zu schmücken. Der Vater entgegnet, dass andere Leute dafür auch Sonntags im Büro weilten, um das viele Geld zu verdienen und daher nicht zur Verfügung stünden, romantische Schlittenausflüge zum Baumkaufen zu machen. Sie antwortet böse lächelnd, dass der Rest der Familie dann wenigstens einen Porsche Cayenne zur Verfügung hätte, in welchem der Baum und ein sexy Liebhaber auch leicht zu transportieren seien. Der Vater murmelt etwas von unsäglicher Konsoumorientiertheit und schrecklichem Materialismus und stapft zornig und mit tiefen Wutfalten im Gesicht weiter.

Das große Kind lüftet derweil dem Kleinen auf dem Schlitten das Geheimnis des gelben Schnees, woraufhin dieser an seinem Schneeanzug nestelt und nicht einsehen will, dass sein Geschäft in die Windel zu verrichten ist, wo die Eltern doch zu Hause immer genau das Gegenteil verlangen.

Der große Christbaumverkauf erinnert eher an den Schlussverkauf bei C&A. Es stehen nur noch vereinzelte, krumm gewachsene Bäume dort und werden ganz unbesinnlich von Menschenmassen gerafft und schlecht gelaunt ins Auto geschmissen. Unsere Familie entscheidet sich schnell für einen hohen, schlanken Baum und ignoriert tolerant seine verschiedenen Behinderungen. Als der Verkäufer den Preis nennt, sprudelt aus der Mutter alle Wut über ihr postmodern interpretiertes Adventssonntagsdrehbuch und sie streitet so lange, bis der Mann ihr angstvoll und unter Staunen ihrer Familie den Baum zum halben Preis überläßt. Stolz wird die Trophäe auf den Schlitten geladen und überragt diesen um ein Vierfaches seiner Eigenlänge. Sein Wipfel schleift am Boden und auf der Hälfte des Weges ist die Spitze bereits abgebrochen. Die Mutter ist darüber heimlich froh, denn sie ahnt, dass die Dimension des Baums die reale Höhe des Raums überstiegen und ihr Mann sich bei den Längenmaßen verschätzt hatte. Mangelnder Bezug zu realen Längenverhältnissen scheint unter Männern ein weit verbreiteter Gendefekt zu sein.

Es wolle schlafen und könne nicht mehr laufen, jammert der Kleine. Der Vater nimmt ihn auf die Schultern und aus der Nase seines Jüngsten tropfen gelb-grüne Schleimblasen auf seinen Kopf, was die Mutter ebenfalls fotografisch festhält, um später auch die schier unendliche Elternliebe dokumentieren zu können. Sie muss nun allein den Schlitten mit dem Gozilla-Baum ziehen und ächzt dabei mit jedem Schritt ein bißchen mehr. Sie solle an den Jesus denken, ruft der Vater ihr motivierend zu und sie kämpft sich mühevoll weiter, mit rotem Kopf und weit nach vorne gebeugt, im Schweiße ihres Angesichts, die Schlittenschnur einschneidend über der Schulter. Zu Hause angekommen kann sie die Oster-Passion richtiggehend spüren. Sie legt sich neben das müde Kleinkind zum Mittagsschlaf und hakt im Einschlafen sämtliche dramaturgischen Vorstellungen bezüglich des nahenden Festes der Liebe komplett ab.

SallyP.

Neulich rief mich Herr P. empört im Büro an und berichtete von folgender, für ihn kompromittierender, Situation:

Am Morgen in der Kindertagesstätte -  er zog gerade unserem Jüngsten die Schuhe aus - begab es sich, dass der kleine Clemens-Emanuel gebracht wurde. Clemens-Emanuels Eltern sind von der Art, die großen Wert auf die bestmögliche Förderung ihres kleinen Wunderkindes legt um dessen Potential größtflächig zu nutzen. So soll er z.B. seine Schuhe immer selbst an- und ausziehen, während der jeweilige Elternteil geduldig daneben steht, ihm die dafür nötigen einzelnen Handlungsabfolgen aufzeigt,  in altersgerechter Sprache erklärt und auch nicht vergißt, jeden kleinen Teilerfolg ambitioniert zu loben. Sicherlich haben sie in einem Erziehungsratgeber gelesen, dass Kinder unbedingt nur die jeweils individuell nötige Anleitung zum Erwerb einzelner Kulturtechniken bekommen sollen und nicht mehr, da sie sich sonst evtl. bevormundet und in ihrer autonomen Entwicklung beschnitten fühlen, was langfristig schreckliche Folgen im weiteren Lebensverlauf haben könnte. Ich weiß immer gar nicht, ob ich solche Leute beneiden soll, weil sie offenbar eine große Erbschaft gemacht und das Geld gut angelegt haben und nun von den Zinsen leben können. Eilig haben sie es ja offenbar morgens nicht, um an eine Stätte potentieller Erwerbsarbeit zu gelangen. Oder soll man sie vielmehr bedauern, weil sie augenscheinlich beide trotz ihrer Dynamik keine Arbeit gefunden haben und nun ihren Tag mit pädagogischen Schuhspielen strukturieren müssen?

Sie sind selbstverständlich im Elternbeirat und beim pädagogischen Elternnachmittag begeistert dabei, bei welchem eine Sprachpädagogin zum Thema “Passende Bücher für jede Altersstufe” eingeladen ist. Clemens-Emanuels Mutter ist schon frühzeitig eingetroffen und hat riesige Tupperdosen mit selbstgebackenen biodynamischen Vollkornplätzchen mitgebracht, die so trocken und hart sind, dass man akute Asthmaanfälle davon bekommt. Sie brennt darauf, der Referentin ihre Fragen, die sie fein säuberlich auf einem Zettel vorbereitet hat, zu stellen und wartet daher den Vortrag gar nicht ab. Sie verwickelt die arme Frau vielmehr gleich nach ihrer Ankunft in ein Gespräch und zeigt ihr die Bücher, die sie im Jutebeutel mitgebracht hat und von welchen sie hofft, dass sie für Clemens-Emanuel die optimalen frühkindlichen Bildungskomponenten darstellen. Derweil sitze ich mit einer anderen Mutter in einer Ecke und stopfe mir Kuchen in den Mund. Wir haben beide unsere Mittagspause ausfallen lassen, um diesen wichtigen Termin in der Kita möglich zu machen und sind entsprechend hungrig. Dabei verdränge ich den Gedanken, dass das Lieblingsbuch meines Kleinen der “Struwelpeter” und insbesondere die Geschichte vom bösen Friederich ist, der den Hund mit Füßen tritt und die Mutter mit der Peitsche schlägt.

Zurück zur Ausgangsgeschichte: Jedenfalls ging der entzückende kleine Clemi mit seinem Vater an der Hand am in Wollmantel und Schal schwitzenden Herrn P. vorbei, der sich 2 Meter groß vor der Kinderbank kniend an des Sprösslings Schuhe abmühte, und sagte zu diesem laut: “Gell,…” und nennt den Namen meines Kindes, “du beißt jetzt nicht mehr!? Ich will das nicht!” Herr P.  schaut erstaunt und unsere Kröte antwortet zerknirscht und mit gesenktem Kopf: “Nein, ich beisse nicht mehr!” Clemens-Emanuels Vater nickt selbstgefällig und zufrieden und lobt seinen Sohn dafür, seinen Willen adäquat artikuliert zu haben und fordert ihn auf, das nun immer zu tun, wenn andere Kinder versucht seien, ihm gegenüber gewalttätig zu werden oder in anderer Form seine persönlichen Grenzen zu überschreiten.

Herr P., überraschter Vater des vermeintlichen Einrichtungsschlägers und Quotendelinquenten, des Supernannyklienten in spe und späterem Objekt von Erziehungsbemühungen einiger Kabelfernsehtherapeuten inmitten der Wüste Nevadas, schnappte nach Luft, fand aber leider so kurzfristig nicht die passenden Worte. Als er mich kurz darauf in der Arbeit anrief um die Geschichte zu erzählen, sprudelte er aber über vor Empörung. Wir überlegten gemeinsam, wie wir angemessen mit der Situation umgehen sollten und schwankten zwischen der Variante, die Geschichte schnell wieder zu vergessen oder aber ein gemeinsames Gespräch mit Bezugserzieherin und den Clemens-Emanueleltern zu bitten. Letzteres wurde schnell verworfen, da wir aus früheren Begegnungen mit Eltern dieses Naturels schon wissen, dass sich nur schwerlich eine gemeinsame Basis finden läßt und wir nach solchen Gespächen zu vermehrter Pickelbildung im Gesicht neigen.
Unser Großer ist naturgegeben ein friedfertiges und sozial kompetentes Kind, das niemals in irgendwelche Auseinandersetzungen verwickelt war. Und dennoch begab es sich, dass wir in der dritten Klasse von der Lehrerin die Mitteilung über Handgreiflichkeiten zwischen unserem Erstgeborenen und einem Viertkläßler bekamen, infolge welcher der Ältere Verletzungen davon trug. Wir wurden sehr formell aufgefordert, uns bei der Mutter des Jungen melden und die Angelegenheit und etwaige Regressansprüche zu klären. Besorgt rief Herr P. diese Frau also an und sah sich zunächst einer halbstündigen bayerischen Schimpftirade ausgesetzt, in welcher unser Sohn als aggressiver Schläger dargestellt wurde, der ihrem armen Bub absolut grundlos fast ein Ohr abgebissenhabe . Zudem sprach sie den Namen unseres Sohnes - der zwar selten, aber durchaus als deutscher Name bekannt ist - falsch aus, so dass er einen äußerst südländischen Klang bekam. Vor diesen verfälschten Namen setzte die Schimpfdrossel immer noch ein aufgebrachtes “dieser”, so dass man ihrer Tirade auch ohne besonders feinfühlig zu sein eine deutliche ablehende Haltung Migranten gegenüber entnehmen konnte. Herr P. hörte sich alles lange an und versuchte mehrmals, ruhig zu intervenieren und den tatsächlichen Ablauf des Geschehens aus der Dame herauszubringen. Vergeblich. Irgendwann explodierte er und ich hörte zu meinem Erstaunen, wie er der Frau scharf befahl, sich sofort zu mäßigen, den Namen seines Sohnes gefälligst korrekt auszusprechen und ihn nun ebenfalls zu Wort kommen zu lassen, da er das Gespräch sonst beenden würde. Die Dame hyperventilierte und legte auf. Im weiteren Verlauf, unter feierlichem Schwur unseres Sohnes sowie unter Zeugenaussage der zum Tatzeitpunkt Dienst habenden Pausenaufsicht stellte sich heraus, dass der vermeintlich so arme Junge jener Frau mit einigen anderen Viertkläßlern Äste von Büschen gerissen hatte und hinter den Drittkläßlern herjagte, um diese zu peitschen. Zur Ausführung der Drohung kam es nicht, denn mein Erstgeborener erinnerte sich an unsere dauernden Mahnungen zur Zivilcourage, nahm angstvoll all seinen Mut zusammen, überwältigte einen der die Peitsche Schwingenden und biß ihn so fest er konnte ins Ohr. Die Intensität des Bisses stellte sich leider als unverhältnismäßig heraus. Das Ohr schwoll blau an, weshalb man die Aufregung der Dame ein wenig nachvollziehen konnte. Immerhin wußte sie beim gemeinsamen klärenden Gespräch mit der Lehrerin sehr genau den Namen unseres Sohnes und grüßte Herrn P. bis zum Ende der Grundschulzeit ihres Sohnes immer überaus höflich.

Wir üben nun regelmäßig mit unserem Kleinen, sich verbal auseinander zu setzen und Strategien zu entwickeln, dem Beissimpuls nicht nachzugeben, damit er später doch noch zu einem Leistungsträger der Gesellschaft wird und nicht im Jugendknast landet.

Gleichzeitig kämpft Herr P. seither täglich morgens gegen den Impuls, Clemanuels Vater die Schuhe von den Füßen zu reißen und ihn zu zwingen, sie sich mit den Zähnen und unter stetigem Lob wieder anzuziehen. Ich dagegen leide an der Zwangsvorstellung, seine Mutter beim nächsten pädagogischen Elternabend mit Plätzchenteller in der Hand über meinen unverhofft ausgestreckten Fuß fallen zu lassen und dabei bedauernd “hoppala” zu sagen.

Die sollen froh sein, wenn wir sie nicht ins Ohr beissen.

SallyP.

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