Sally on the Blog

Von Pipi und Kacka

August 20th, 2010

Wir haben großen Anlaß zur Freude! Unser Kleinkind ist nun etwas über zwei Jahre alt und hat die Freuden der Toilette und an allem, was damit verbunden ist, entdeckt. Wann hört diese Phase, die wohl völlig normal ist, auf und mündet in einem regelhaften Benutzen der Toilette für große und kleine Geschäfte ohne Verstopfung derselbigen mit ganzen Klopapierrollen? WANN, hä?

Angefangen hat es damit, dass er vor ein paar Wochen nurmehr nackt sein wollte. Ständig riß er sich die Kleider und die Windel vom Leib, sprang wie ein Affe auf LSD durch die Wohnung und schrie: “Ich bin der nackte Frosch!”. Dabei bildete sich unter ihm öfter mal eine Pfütze oder auch ein Häufchen, was angesichts eines heissen Juli kein Problem war, denn wir hielten uns zumeist draußen auf. Die große eklige Wurst in der Sandkiste schoben wir einfach auf den Hund vom übernächsten Nachbarn und schütteln seither empört den Kopf, wenn dieser mit seinem Herrchen vorbei kommt.

Als er aber merkte, dass diese seltsamen Absonderungen irgendetwas mit ihm, dem nackten Frosch, zu tun haben und in direkter Verbindung mit dem lustigen kleinen Zimmer, das man absperren kann und in dem sich die vielen spaßigen Papierrollen befinden, stehen, fing der Wahnsinn an. Dauernd fordert er nun, auf die Toilette gesetzt zu werden und ignoriert anhaltend unsere Bitten, seinen Schniepel nach UNTEN zu halten. Neuerdings schickt er uns auch immer raus und verfügt, dass die Tür geschlossen sein möge. Eine Forderung, welcher wir nur zögerlich nachkommen, seit er sich eingesperrt hat und wir nicht gleich die passende Münze gefunden hatten, die in den Außenschlitz passte. Anschließend mußten wir das Zimmer generalreinigen, denn er versuchte sich mit der Klobürste in surrealer Malerei auf den Wandfließen. Seither klebt vorsorglich eine 2-Cent-Münze mit Klebeband außen oben an der Toilettentüre.

Vereinbarungen, wie z.B. “Du sperrst Dich aber nicht ein, ja?”, “Du nimmst Dir aber nur ein kleines Stück Klopapier zum Abputzen” und “Du rufst, wenn Du fertig bist, und stehst nicht einfach auf, ja?” kann man aber noch nicht zuverlässig mit ihm treffen, denn er nickt immer mit ehrenhafter Miene und bricht anschließend jedes Versprechen eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken.

Seit es dauernd regnet und wir viel zu Hause sind, versuche ich, ihn wieder an das Tragen von Windeln zu gewöhnen, was sich leider schwierig gestaltet. Vor kurzem hat eine Kita-Erzieherin zu Herrn P. gesagt, wir mögen dem Kind doch bitte Unterhosen besorgen, denn Kinder, die anhaltend Bodies trügen, würden länger nicht sauber. Daraufhin lief der brave Herr P. in seiner Mittagspause in die City und kam abends mit - ungelogen - 20 Unterhosen wieder nach Hause. Zwei davon zierten Darth-Vader-Aufdrucke, was mich sehr befremdete. Unlängst verbot er nämlich dem großen P.-Kind das Tragen eines T-Shirts mit Totenkopf-Aufdruck in der Schule. Ich untergrub diese Erziehungsalbernheit unmittelbar und schickte das Kind unter verständnislosem Kopfschütteln mit dem T-Shirt in die Schule, worauf mir mein Mann eine Szene machte, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Ich erklärte ihm, dass heutzutage sogar die Religionslehrerinnen Totenköpfe auf den Turnschuhen hätten und schimpfte ihn einen widerlichen Spießer, der wohl vergessen hätte, wie ihm seine Mutter seinerzeit das “F.i.c.k.e.n, B.u.m.s.e.n, B.l.a.s.e.n”-Shirt der Toten Hosen einfach weggeworfen hatte, nachdem sich die Schulleitung telefonisch bei ihr beschwerte. Bis heute fordert er es vergeblich von ihr zurück.

Also trägt mein Kleinkind nun Krieg-der-Sterne-Unterhosen und besteht nicht mehr nur darauf, ein nackter Frosch zu sein, sondern dabei auch noch Unterhosen zu tragen. Er schwört täglich feierlich, NICHT in die Wohnung, auf die Couch, unter den Tisch oder sonstwohin außer in die Toilette zu pinkeln und tut es doch ständig. Wie das passieren kann, wo er doch eigentlich die gefühlte Hälfte des Tages auf der Toilette verbringt, ist mir ein Rätsel, zumal er inzwischen auch wirklich oft erfolgreich hinein trifft.
Neulich hat er auf mein altes Fotoalbum mit den Kommunionbildern gepinkelt. Er fand wohl auch die gräßliche Mireille-Matthieu-Frisur schrecklich, die mir meine Eltern für diesen Tag hatten machen lassen.

Übrigens wirbt ein großes schwedisches Möbelhaus für seine Sofas dafür, dass sie familiengeeignet seien und die Bezüge sich abziehen und waschen ließen. Die Schweden haben mir aber nicht gesagt, was man machen soll, wenn das Kind auf die nicht abziehbare Armlehne pinkelt, weil es von dort gerade den Salto beim Nacktturmspringen der Frösche in Unterhosen üben wollte. Man rubbelt also mit Seifenwasser am Pinkelfleck rum und hofft, dass das Pipi schnell nach innen in den Sofakern fließt. Mein großes Kind setzt sich nur noch nach mißtrauischem und angeekeltem Abtasten des Sofas darauf.

Gleichzeitig bekommen die stubenreinen Mitglieder dieser Familie jetzt immer interessierten Besuch, wenn wir auf der Toilette sitzen. Vorbei sind die Zeiten, wo man die einzigen ruhigen fünf Minuten der Woche freitags mit dem SZ-Magazin und Axel Hacke auf dem Klo verbringen durfte. Immer kommt jetzt der nackte Frosch hinzu und möchte detailliert darüber sprechen, was man gerade tut oder zu tun im Begriff ist und ob man anschließend das trockene oder das feuchte Toilettenpapier benutzen wird. Und immer heult er hinterher frustriert, weil man ihm nicht erlaubt hat, die lustige Klobürste zu benutzen.

Wann mündet dieses etwas schwierige Verhalten in regelhafter Toilettenbenutzung? Wie oft muss ich noch bereuen, dass wir unser schweineteures Parkett aus Designgründen nur geölt, und nicht lackiert haben?
Wann darf man damit rechnen, dass dieses ewige Fäkalthema wieder etwas in den Hintergrund rutscht und wir wieder über hungrige Raupen und den Maulwurf Grabowski sprechen können?

SallyP.

Ein Mutter-Sohn-Tag

August 20th, 2010

Hilfe, das war mal ein Tag! Da ist ein Bürotag mit 6 Sitzungen hintereinander, in zu engen Schuhen und mit einer Laufmasche an der Wade, die man durch elegante Beinverrenkungen unkenntlich machen will, Zuckerschlecken dagegen. Das große P.-Kind ist aus dem Pfadfinderurlaub wieder zurück und muss diese Woche beschäftigt werden, was schwierig ist, wenn alle Kumpels in Mallorca, Ägypten und in der Türkei sind.
Da trifft es sich gut, dass es hier am Ort dieses Jahr wieder eine gigantisch große und perfekt organisierte Kinderspielstadt gibt. Dort kann man sich als Kind fast täglich von früh bis spät in verschiedenen Berufen verdingen, Geld dabei verdienen und mittels sinnlosen Taxifahrten oder im Restaurant bei von anderen Kindern gebratenem Schweinebraten mit Knödel wieder dem kapitalistischen Geldkreislauf zuführen. Leider findet der ganze Spaß am anderen Ende der Stadt statt, weshalb man das Kind dort nicht einfach so hinschicken und lassen kann.

Also schält man sich in seinem Sommerurlaub frühmorgens aus dem Bett, um rechtzeitig dort zu sein. Immerhin sind die guten Jobs schon kurz nach der Morgenöffnung vergeben und der anspruchsvolle Sohn hat ja nicht Bock auf irgendeinen Job. Er träumt von Bürgermeister und/oder Chefkoch, was auch in einer Spielstadt nicht von heute auf morgen funktioniert, sondern ein gewisses Alter und damit einhergehend auch das nötige Maß an Korrupt- und Verschlagenheit sowie das angemessene Kapital für Bestechungsgelder voraussetzt.
Über all das verfügten wir nicht, als wir heute Morgen natürlich doch zu spät dort ankamen. Ich ließ ihn 20 Mal beim Leben seines Vaters schwören, dass er das Handy anlassen, das Gelände keinesfalls verlassen und sich vom verdienten Geld nicht ausschließlich Eis kaufen würde und zog mit meinem Kleinkind von dannen. Irgendwie mußten wir den Tag dort in der Nähe totschlagen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Dort bleiben konnten wir nicht, denn mein 2-Jähriger fand es unerträglich, ca. 2000 Kinder malen, hämmern, basteln, Taxifahren und als Polizisten verkleidet herumlaufen zu sehen, ohne mitspielen zu dürfen. Nach einer Stunde, in welcher er zumeist zornig heulend am Boden lag, gab ich auf und schleifte ihn in den naheliegenden Park. Dort schlief er Gott sei Dank im Buggy ein und ich hatte etwas Zeit, mit dem langhaarigen Italiener des Espresso-to-go-Standes, welcher von Ferne aussah wie ein Plumpsklohäuschen, zu flirten und mir dabei einen gefühlten Liter Espresso ausgeben zu lassen. Als das Kind mit voller Windel aufwachte, kühlte unser zartes Liebespflänzchen unmittelbar wieder ab. Schade.

Den nächsten Flirt hatte ich mit dem jungen Mann zum Mitreisen vom Kinderkarussel, wo ich zehn Fahrchips in der Hoffnung kaufte, dass der Nachmittag schnell rumginge. Das Karussel drehte sich, mein Kleiner saß abwechselnd im Hubschrauber, Polizeiauto, rosaroten Panther und Feuerwehrauto und beschwerte sich, wenn die Hupen nicht laut genug funktionierten. Gleichzeitig versuchte ich mit niedergeschlagenem Blick, den anzüglichen Zungenbewegungen meiner neuen Eroberung auszuweichen und schielte rückwärts zum Espressoitaliener, der aber schon eine neue, blondere, jüngere, flachbäuchigere und wahrscheinlich kinderlose Eroberung gemacht hatte. Schlampe!

Als mein Zwerg im Traktor saß, wurde ich darauf hingewiesen, dass er aufgrund seines jungen Alters dort wieder aussteigen oder die Mutti zur Sicherheit mitfahren müsse. Ersteres war undenkbar, denn mein Kleiner verfügt bekanntermaßen über das, was man gemeinhin einen “starken Willen” nennt. Also schwang ich mich aufs Karussel, hielt mich im Verlauf der Fahrt krampfhaft am Lenkrad des Traktors fest und beschwor den Espresso, in meinem Magen zu bleiben, während mein Kleiner anhaltend “Mama, geh weg, ich fahr alleine!” schrie. Wir drehten uns zu “Hello Again” von Howard Carpendale gefühlte eine Million mal im Kreis, während mir der Karusselmann unentwegt zublinzelte.

Auf dem Rückweg erwarb ich an einem lateinamerkanischen Stand noch eine allerliebste Kinderstrickjacke mit aufgesticktem Schaf, Elefant und Sonne für wenig Geld. Später fiel mir ein, dass diese Jacken wahrscheinlich von peruanischen Kindern unter dem Zwang von Drogenbossen gestrickt werden, nicht zur Schule gehen dürfen und vom Verdienst ihre Familien ernähren müssen. Oh Gott, kann ich die Jacke noch zurückbringen? Komme ich dafür nun in die Hölle? Kann ich das aufwiegen, indem ich eine peruanische Kinderpatenschaft übernehme?

In der Spielstadt zurück mischten wir uns im Elterncafè unter die anderen wartenden Eltern. Leider war für die Bespaßung der Alten nicht annähernd so gut gesorgt, wie bei IKEA für die Kinder. Außer Gurkenbroten, Eis und Kaffee gab es nichts zu kaufen, zumindest nicht für reales Geld. Ersteres schmiss mein Kleinkind angeekelt sofort zu Boden und Letzterer lag mir karrusselbedingt immer noch schwer im Magen. Also aßen wir viel Eis und schlugen die Zeit tot, indem wir Regenwürmer suchten und so taten, als angelten wir mit kleinen Stöckchen Fische, was eine nachmittagsfüllende Tätigkeit sein kann.
Andere Eltern hatten Laptops, die Zeitung oder historische Romane dabei. Ich die trotzige Kröte. Super.

Am späten Nachmittag gab ich auf, suchte im Gewühl nach meinem großen Kind und fischte ihn aus einer Hochschul-Vorlesung zum Thema “Glück”. Ich erklärte ihm 20 Mal den Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause und fuhr dann - nach mir die Sintflut - mit der Kröte heim, die im Bus bester Laune mit der mehrmals laut wiederholten Frage, ob der - indische - Mann gegenüber im Sitz eigentlich angemalt sei, Interesse an ethnischen Vielfältigkeiten zeigte.

Eben ist das große Kind auch völlig heile und problemlos nach Hause gekommen und zeigte mir glückselig die vielen Scheine selbstverdientes Spielgeld. Morgen will er wieder hin und Taxifahrer werden. Mein Kleiner will wieder Traktor fahren.

Ich will heute nur noch bald schlafen und möglichst weder von heissen Italienern noch von noch heisseren Karusselmännern träumen.

SallyP.

Rollentausch…

August 12th, 2010

…hatten wir neulich mal, als Herr P. projektbezogen eine Woche lang früher auf Arbeit mußte. Normalerweise stehe ja ich, die Mutter in dieser Familie, in aller Herrgottsfrühe auf, mache allen Frühstück und mir Kaffee und verschwinde dann, kurz nachdem die Kinder aufgestanden sind und ich sie liebevoll geküßt habe, in mein Büro, wo ich mich nicht damit auseinandersetzen muss, was der Morgen mit Kindern für ein Horror sein kann, wenn man Zeitdruck hat. Herr P.  jammert mir regelmäßig die Ohren voll, wie zornig der Kleine ist, wenn er angezogen werden soll, während er gerade furchtbar busy dabei ist, alle seine Kuscheltiere in die Waschmaschine zu stecken und um wieviel langsamer der Große wird, je mehr die Zeit drängt, in die Schule zu gehen. Ich zucke dann nur arrogant die Achseln, betrachte mit hochgezogenen Augenbrauen meine Fingernägel und stelle ungefragt fest, dass dies alles wohl nur eine Frage von Selbstorganisation und Disziplin sei.

Dies zu beweisen, hatte ich letzte Woche Gelegenheit. Mein Mann machte sich also jeden Morgen schön fein schon um sieben Uhr pfeifend vom Acker und hinterließ mir beide Kinder und das Frühstücksgeschirr. Die Zeitung hätten wir in dieser Woche abbestellen können, denn ich kam an keinem einzigen Tag dazu, auch nur die Überschrift auf der Titelseite oder die Wettervorhersage zu lesen. Der Große bettelte beim Wecken nach immer weiteren fünf Minuten und schlief, nachdem ich ihn liebevoll an den Ohren sein Hochbett hinunter und in die Küche gezerrt hatte, am Frühstückstisch fast ein. Das von mir liebevoll mit Johannis- und Blaubeeren bereitete Müsli befand er als widerlich aufgeweicht und als ich ins Bad wollte, um mir den Lidstrich zu setzen und die Augenringe zu verdecken, hatte er sich darin eingesperrt, um sich die halbe Dose Wachs in die Haare zu schmieren und sich die Finger anschließend in meinem Handtuch sauber zu rubbeln. Endlich hatte ich ihn weitergebracht und gewunken, bis er um die Ecke zur Schule war, da fiel mir ein, dass gute Mütter ihren Kindern ein Pausenbrot für die Schule machen. Beschämt versuchte ich wenigstens dem anderen Kind eine verantwortungsvolle Mutter zu sein und sang ihm also das improvisierte Lied vom besten Zahnputzdrachen der ganzen Welt, während er sich unter Strampeln und ohrenbetäubendem Schreien gegen die Zahnbürste im Mund wehrte. Wie mein Blazer und der Badspiegel nach der Zahnreinigung mit der elektrischen Bürste in einem zum Schreien geöffneten Mund aussahen, muss ich nicht erwähnen, oder?

In Ruhe schminken konnte ich mich nur, weil ich jeden Handgriff auch am interessierten Kleinkind vollführte, was letztendlich einen skurril aussehenden Zweijährigen mit Lidstrich, Wimperntusche und altrosa Lippenstift zur Folge hatte. Den versuchten Trick, die Puderbürste für ihn nur gespielt in die Puderdose zu tauchen, ließ er mir nicht durchgehen und achtete penibel darauf, dass der Puder ordentlich in seinem Gesicht und auf meiner schwarzen Hose staubte. Ich war natürlich schon umgezogen, als er mir mitteilte, dass er nun ein Kacka machen müsse. Ich widerstand der Versuchung, ihn einfach aufzufordern, sein Geschäft in die Windel zu verrichten und die Krippenerzieherinnen den Rest erledigen zu lassen. Also zog ich ihm hektisch die Windel wieder aus und sah mich überraschend damit konfrontiert, dass die Dinge schon erledigt waren. Auf hohen Absätzen versuchte ich krakenartig, die auf dem Badboden in alle Richtungen davon rollenden Kügelchen einzusammeln und gleichzeitig das begeisterte Kind davon abzuhalten, sich zu bewegen.

Als wir in der Kindertagesstätte ankamen, war ich zum dritten und er zum zweiten Mal umgezogen und ich völlig fertig. Der Puder auf meiner Stirn suppte mit Schweiss vermischt in meinen Ausschnitt und die weiße Bluse, erst recht, als ich am Boden kniend unter den Kinderbänken den rechten Löwenhausschuh suchen mußte.

Auf die Nachfrage der Erzieherinnen, ob das Kind auch wirklich - wie gefordert - mit Sonnenschutz eingecremt war, log ich skrupellos und sah zu, dass ich ins Büro kam, wo ich wenigstens 5 Minuten Zeit für einen Espresso hatte, bevor ich in einer Sitzung so tat, als sei ich ausgeruht, konzentriert, kreativ, spontan und aufnahmefähig.

Vorher schrieb ich Herrn P. aber noch eine Email in die Arbeit mit dem Hinweis, dass ich mir morgens bei Kaffee und Zeitung sogar noch in aller Ruhe die Fußnägel lackiert hatte und trotzdem eine halbe Stunde früher in der Kita war, als er sonst. Das Geheimnis der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei gleichzeitig gutem Aussehen liegt schlichtweg in der Fähigkeit zu skupelloser Lüge, einem guten Abdeckstift und einem Reservepaar Feinstrümpfe unter den DIN A 4 Briefumschlägen in der Schreibtischschublade im Büro.

SallyP.

Bayerische Verpflanzungen

August 2nd, 2010

Das letzte Wochenende habe ich damit verbracht, das Leben meiner Oma in Kisten zu verpacken und ihr regelmäßig neue Schneuztücher zu reichen, weil alles so furchtbar schlimm ist. Die große Katastrophe besteht darin, dass sie ihre 3-Zimmer-Wohnung, in der sie ziemlich genau seit 50 Jahren lebt, verlassen und in eine Wohnung ziehen muss, die nur halb so groß ist. An dieser unsäglichen Frechheit ist ihrer Meinung nach die SPD schuld, selbstverständlich, denn die trägt für die Miseren im Leben meiner Oma meistens die Verantwortung, wenn es nicht grad die Grünen oder noch schlimmer, der satanische Gysi höchstpersönlich, sind. Mein bayerischer Opa hat ja zeitlebens aus alter Arbeitertradition rot gewählt und dieses in patriachalier Manier auch für sein Weib verfügt. Ich glaube, sie hat dies widerwillig immer befolgt, aber seit er aufgrund seiner cholerischen Schimpferei auf BMW-Fahrer und Preißen viel zu früh einem Herzkasperl erlegen ist, genießt sie die Freiheit, zu wählen was sie will und das ist aus reiner Trotzreaktion und um der postmortalen Emanzipation von meinem Großvater willen nun mal nicht die SPD, punktum.

Der Fairneß halber sollte an dieser Stelle erwähnt sein, dass es mitnichten nicht die rot-grüne Stadtregierung ist, die Schuld an der Tunnelmisere trägt. Vielmehr wurde Mitte der 90er Jahre die Untertunnelung aller drei Hauptverkehrsknotenpunkte in einem Volksbegehren durchgesetzt, an dem sich meine Oma sicher nicht beteiligte, weil sie sowas einen neumodischen Krampf findet.  Meine liebe Omi wohnt nun also nahe am Tunnelbau und so fragt sich die ganze Familie mit wachsender Besorgnis seit ca. 10 Jahren, was wohl aus ihr werden soll, wenn die alten Häuser durch die Untertunnelung mit monströsen Dinosaurierbohrern in sich zusammenfallen, zumal der Hagel von 1984 schon irreparable Schäden an den Häusern hinterlassen hat.

Meine Großeltern lebten in den Nachkriegsjahren - “die schwierige Zeit”, wie meine Oma das nennt - am Standrand im Gartenhäusl einer Arztvilla. “Hausfrau” wurde die Arztgattin genannt und ein arg schrecklicher Besen muss sie gewesen sein, indem sie meine Oma ganz von oben herab behandelte und gleichzeitig meinen gutaussehenden Opa allerweil zum Rasenmähen und zu Hausinstandsestzungsarbeiten verpflichtete und ihn dabei in ihr Dekollet schauen hat lassen. Und das, obwohl sie für das Hinterhaus ohne fließend Wasser und Isolierung eine arg unverschämte Miete verlangt hat, aber eine ganz arg unverschämte schon, was ja nicht weiter verwunderlich ist, weil die Großkopferten den Hals niemals nicht voll kriegen. Das weiß man ja.

Jedenfalls bot sich eines Tages die Gelegenheit, in eine für damalige Verhältnisse feudale Wohnung in einer neuen Siedlung, welche ausschließlich für Familien gedacht und schon zu dieser Zeit fortschrittlich kommunal gefördert war, zu ziehen. Damals kamen sich meine Großeltern damit vor wie Könige, zumal die neue Behausung über Gasofen und fließend kaltes Wasser verfügte und sich im Hof ein Wäsch(e)aufhängplatz sowie Grünanlagen befanden, von welchen die Kinder immer vertrieben wurden. Auf der Wiese hinterm Haus hat sich begeben, dass meine Mutter den 3 Jahre älteren dicken Franz so verdroschen hat, dass er es nie wieder wagte, ihrer Schwester und meiner Tante die Schulbrotzeit abzunehmen und als meine Oma vom Schlafzimmerfenster brüllte, sie solle sofort von dem Buben runtergehen und seine Ohren loslassen, soll meine Mutter geantwortet haben, dass sie das keinesfalls tue, wo sie ihn doch gerade erst zu Boden gebracht hätte. Diese Geschichte wird zum Leidwesen meiner Mutter anläßlich jedes Familienfestes erzählt und meine sämtlichen verflossenen Männer sind angesichts dieser Heldensaga vor meiner Mutter in Ehrfurcht erstarrt. Die Wiese gibt es noch, aber den Hollerbusch, welchen ich zum Zwecke der Fertigung von Hollunderblütensirup alljährlich gerupft habe, haben sie letztes Jahr gefällt.

Nach dem Umzug also in ein bürgerlicheres Leben fiel schnell die Entscheidung, dass meine Oma ihr Hausfrauenleben aufgeben solle, da sie die Armut und Abhängigkeit leid war und auch ein Stück vom Wirtschaftswunderkuchen abhaben wollte. Der Kindergarten der nahen katholischen Pfarrgemeinde nahm die Kinder meiner Großeltern aber nicht auf. Wenn man meiner Oma Glauben schenken darf, dann nur, weil sie vor der Hochzeit evangelisch war und nur wegen den siebengescheiten katholischen Pfaffen schnell noch zur Firmung mußte, bevor sie heiraten und damit das ungeborne Kind legalsieren durfte.  Ihre Kinder kamen im städtischen Kindergarten unter, aber ich schwöre, sie betritt diese Kirche bis heute nicht und nimmt lieber die Fahrt in die Frauenkirche in der Innenstadt auf sich, weil man da ja auch freilich den Erzbischof sehen kann. Und oft erzählt sie mir die Geschichte von der dicken Pfarrschwester, die jährlich bei ihnen klingelte um das Kirchgeld einzutreiben, worauf sie ihr immer mit dem Hinweis darauf, dass die Pfarrei ihre Kinder nicht in den Kindergarten genommen  hätte, die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, katholisch hin oder her.

Viel später bin ich zu großen Teilen in dieser Siedlung aufgewachsen und immerhin durften wir schon auf den Wiesen spielen, solange es keine Ballspiele zwischen 11 und 16 Uhr mittags waren oder solange die weißhaarige Frau Vollstatter im Erdgeschoss nicht über das Schläfchen von ihrem Hans wachte. Die Kinder waren lange ausgezogen und nach und nach auch die Männer verstorben und heute sitzt meine Omi fast jeden Abend mit den verbliebenen Frauen, die fast ausnahmslos Urgroßmütter sind, auf Klappstühlen unten in der Wiese, weil es oben wegen der schlechten Isolierung sowieso viel zu warm ist. Sie richten die jeweils nicht Anwesenden aus oder trauern wahlweise auch um die Verstorbenen oder kommen sich arschgut vor, weil eine von ihnen im Pflegeheim gelandet ist und sie selbst aber noch lange nicht, obwohl ihnen die Knochen weh tun. Eine von ihnen hat ein Verhältnis mit einem 10 Jahre jüngeren Jugoslawen angefangen und hat seither Besseres zu tun, was die Gerüchteküche bezüglich seiner Liebschaften bis über die andere Seite des mittleren Ring hinaus schürt. Selbst ich hab ihn schon vom Radl aus im Park mit einer Anderen busseln sehen und dies selbstredend brühwarm bei Radler und Regensburger Würschteln - was sie  für Schonkost hält - meiner Oma berichtet, die daraufhin sofort den Klappstuhl aus dem Keller holte und ihr Wissen mit den Nachbarinnen zu teilen.

Von guter Gegend ist längst keine Rede mehr. Aus den Wohnungen wurde zunehmend sozialer Wohnungsbau und inzwischen werden die  heruntergekommenen Behausungen an Obdachlose vergeben, was meine Oma selbstgerecht sein läßt und mich wiederum in Sorge um sie. Einer ihrer Nachbarn ist seit langem als - sagen wir mal vorsichtig - auffällig bekannt. Bisher konnten wir uns aber über seine Erzählungen über seine Wasserdiät, die ihn schrecklich abmagern hat lassen, belustigen und manchmal über seine  Besuche, die im hölzernen Treppenhaus übernachteten und dabei nicht genug auf ihre Zigarettenkippen achteten, echauffieren. Neuerdings klingelt er aber oft bei meiner Oma und bittet sie um Geld und Brot, was allein bei meiner Oma schon ein großer Fehler ist, da sie für die Nöte von psychisch Kranken und die völlig unzureichende Berechnung von Bedarfen von ALG-II-Empfängern keinen Sinn hat. Dass er diese Bitte aber zumeist aber in weißem Hemd und ohne Unterhose vorbringt, läßt mich erschaudern und meine Oma hingegen zu Ausführungen über die zunehmende Widerwärtigkeit von Männern in höherem Alter spekulieren und auch darüber, dass sie alles sehen wollte, aber den nackerten Deppen von gegenüber eigentlich nicht und sein Anblick auch kein schöner war.  Mit dem anderen Nachbarn hat sie es sich verscherzt, als sie wegen einer vermeintlichen Sexorgie mit Zwangsprostiuierten mitten in der Nacht die Polizei geholt hat. Wie sich herausstellte, ist er nur ein  Freund von zu lauten Action-Computerspielen. Leider hat er dabei einen Joint geraucht und seither ist er auf meine Oma nicht mehr gut zu sprechen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wir reden schon lange auf sie ein, sich eine adäquatere Behausung in einer etwas bürgerlicherer Gegend zu suchen. Seit sie aber 2 Wochen nicht mehr mit mir geredet hat, weil ich sie angeblich entmündigen und ins Pflegeheim stecken wollte, obwohl ich ihr nur von dem Betreuten Wohnen bei uns ums Eck erzählt habe, habe ich mich tunlichst rausgehalten. Über die Entscheidung der teuflischen Stadtregierung, den Tunnel nun bei ihr vorm Haus zu graben und die damit verbundenen Abrisse der Häuser war ich ehrlich gesagt nicht traurig. Sie bekommt eine neue Wohnung, die natürlich aufgrund ihres Singledaseins viel kleiner ist. Mit Aufzug, Heizung, Balkon. Ein Traum wahrhaftig und dies ganz in der Nähe. Sie kann also weiterhin mit den noch lebenden ehemaligen Nachbarinnen zusammensitzen und darüber reden, dass der Supermarkt am Eck schon vor 20 Jahren beschissen, überteuert und die Wurst nicht frisch war. Aber sie ist bockig und traurig, weil sie eigentlich tot umgefallen sein wollte, bevor der Mittlere Ring untertunnelt wird. Nun ist es soweit und sie hat immer noch keine schwerere Krankheit als ihren Alterszucker, den sie mit Regensburger Würschtln und Brezen behandelt und die schmerzenden Knochen. In ihren Kleiderschränken hat sie Klamotten aus fünf  Jahrzehnten und weint, wenn ich ihr vorsichtig sage, dass der Fuchskopfumhang mit Obergebiss - vor welchem ich schon als kleines Mädchen schrecklich Angst hatte - wirklich nicht mehr zeitgemäß ist und in die Tonne muss. Sie weint dann und will mir weissmachen, dass alle Mode eines Tages wieder kommt, so auch der Fuchskopf und die Handtasche aus Bussardfedern und Plastikummantelung und der Schultergurt aus Goldkettchen.

Ihr Doppelbett und die ganze Schlafzimmerlandschaft kann sie nicht mitnehmen, weshalb sie eine Beschwerde beim Oberbürgermeister erwägt, aber mit der SPD will sie ja eigentlich gar nix zu tun haben. Ich packe Kisten, diskutiere mit ihr über jedes Stück und höre gleichzeitig ihre Fluchtgeschichten aus dem Krieg. Offenbar erinnert dieser Umzug sie daran und retraumatisiert sie, dabei zieht sie nur 10 Hausnummern weiter und wird in einigen Jahren den Lärm und die Abgase von Starnberger Porschefahrern nicht mehr ausgesetzt sein, weil die Autos untenrum fahren und die Gegend wieder eine Bessere wird. Aber das ist nicht das was sie wollte.

Sauberkeitserziehung

Juli 2nd, 2010

Heute beim Mittagessen im Kolleginnenkreis kam die Frage auf, warum sich offenbar nur wenige der Toilettenbenutzerinnen bemüßigt fühlen, eine neue Klorolle auf den Halter zu hängen, wenn die alte leer ist. Eigentlich gehöre ich zu jenen mit ausgeprägtem Gemeinsinn. Ich nehme also regelmäßig die Geschirrhandtücher zum Waschen mit nach Hause, wische den Kühlschrank in der Teeküche aus und besorge brav neuen Espresso, auf dass keine von uns einen plötzlichen Schock durch Koffeinabfall durchleben muss, was angesichts der sehr individuellen Persönlichkeit unseres Chefs einem Todesurteil gleich käme. In diesem Fall aber mußte ich einräumen, dass ich niemals eine Klorolle wechsle und mir das sogar richtiggehend abgewöhnt habe. Aus Protest, jawohl. Ich lebe mit drei männlichen Wesen zusammen und habe lange versucht, das Wechseln von Toilettenpapier in den Familienalltag zu integrieren, leider vergebens. Die Erfindung von Klorollenhalterungen scheint in der Welt von aufrecht gehenden XY-Chromosomen nutzlos zu sein, außer sie weisen das Design eines nackten Frauenhintern auf. Zu einer Anschaffung einer solchen konnte ich mich aber bisher noch nicht durchringen. Um meinen Protest aber wenigstens nonverbal zu artikulieren, wechsle ich Klorollen seit einiger Zeit nicht mehr und habe sogar eine eigene kleine geheime Klopapierrolle im Korb mit den Putzmitteln über der Waschmaschine. Dort, wo man sie nicht auf den ersten Blick sieht und ich aber dennoch aus sitzender Haltung heraus noch mit ausgestrecktem Arm hinfassen kann. Mein geheimes Privatklopapier sozusagen. Und wenn die Rolle leer ist, entsorge ich das Innenleben und lege mir liebevoll eine neue Rolle zurecht in dem Wissen, dass sie immer da sein wird, wenn ich sie brauche. Die Zeiten, in welchen ich die frische Rolle aufgehängt habe und dann aber im Bedarfsfall immer in demütigend sitzender Haltung verzweifelt rufen musste, bis sich jemand ob meines Anblicks kichernd erbarmt und Klopapier brachte, sind vorbei. Manchmal entdecke ich eine andere Rolle auf dem Badewannenrand, unter der Heizung, auf der Waschmaschine oder - naß - neben dem Halter für elektrische Zahnbürsten. Oftmals gibt es aber im Bad kein Klopapier außer meiner Geheimrolle im Versteck und ich stelle fest, dass es offenbar manchmal tagelang niemanden stört. Mit gutem Willen könnte man unterstellen, dass offenbar der Rest der Familie gerne ausschließlich das feuchte Toilettenpapier benutzt.

Im Büro mache ich es gewohnheitsmäßig genauso. Ich schmeisse die verbrauchte Rolle zwar weg, hänge die neue aber nie auf, sondern stelle sie nur auf den Eimer für Damenhygieneartikel. Gott sei Dank ist es noch nicht soweit, dass ich im Büro auch ein Versteck bräuchte, aber schließlich muss ich mir dort die Toilette nur mit Anhörigen meines eigenen Geschlechts teilen. Hoffentlich.

Wenn man mit Kindern zusammenlebt, muss man sowieso Abstriche machen, oder man schlittert zwangsläufig über die Jahre in eine seelische Behinderung aufgrund von anhaltender hygienischer Frustrationen. Es scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein, Kindern nachhaltig eine angemessene Körperhygiene und Badorganisation zu vermitteln. In 10 Jahren habe ich meinem Großen sicherlich an die tausend Mal erklärt, wie man sich die Zähne putzt und das Gesicht wäscht. Wir haben ihn an unseren täglichen Hygienemaßnahmen teilhaben lassen, entsprechende Fachliteratur vorgelesen und kindgerecht nachbesprochen. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich wundere, dass er nach gefühlten 3 Sekunden wieder aus dem Bad kommt, nachdem ich ihn gerade zum Zähneputzen geschickt habe. Und wenn er dann geputzt hat und einige Zeit vergangen ist, kann man an seinen Mundwinkeln erkennen, dass er zwar Zahnpasta im Mund hatte, aber es bleibt völlig unklar, was er weiterhin damit gemacht hat, außer sie sich definitiv NICHT aus dem Mund zu waschen. Neulich habe ich ihn dabei erwischt, wie er sich mit der Hand 3 Tropfen Wasser ins völlig verschwitzte Gesicht gespritzt hat und die Spritzer anschließend mit dem Handtuch im Gesicht verrieben hat. Selbstredend mit meinem Handtuch, obwohl ich seit Jahren strickte Handtuchtrennung vollziehe und zwar immer gekennzeichnet durch rosa (NUR DIE MAMA) und hellblaue Handtücher (für alle, die nicht die Mama sind). Ich dachte, diese einfach zu behaltende Farbwahl könne dazu beitragen, dass ich mein Handtuch für mich alleine habe, aber weit gefehlt. Um in einem sandigen Gesicht mittels wenigen Tropfen Wasser außergewöhnliche surrealistische Dreckverzerrungen herzustellen, sind rosa Handtücher offenbar ganz besonders gut geeignet. Ich erwäge neuerdings, auch mein Handtuch zu verstecken, habe aber noch keinen guten Platz gefunden. Vielleicht sollte ich mein Handtuch als Duschvorhang tarnen oder so.

Wie oft erklärt man Kindern mühevoll die zu verrichtenden Tätigkeiten nach dem Toilettengang, vor allem nach größeren Geschäften? Die erfahrenen Eltern hier wissen, woran man erkennt, dass die Sprösslinge die entsprechenden Handlungsabläufe nicht internalisiert haben. Eine Freundin von mir meint sogar, ihr Sohn würde dem Klopapier nur kurz seinen Hintern zeigen, bevor er es in der Toilette versenkt, obwohl ihm oft und akribisch erklärt wurde, wie genau das Papier zu verwenden ist.

Meinen Kleinen sehe ich neuerdings oft, wie er mit der elektrischen Zahnbürste spielt, das Ding ratternd an die Wände hält und dabei begeistert “Bohrmaschine bin ich!” ruft. Ich habe dem Treiben bisher milde lächelnd zugesehen, bis ich ihn vor einigen Tagen dabei erwischt habe, wie er mit meinem - rosa - Zahnbürstenaufsatz in der Kloschüssel gebohrt hat.

Meine Kolleginnen mit großen Kindern haben mich diesbezüglich getröstet und geschworen, dass sich die gute Erziehung auf die lange Sicht hin durchaus lohnen würde, denn immerhin sei zu beobachten, dass heranwachsende Buben unmittelbar mit gesteigertem Interesse am anderen Geschlecht plötzlich wissen, wie man sich die Zähne putzt und dass man das Gesicht ruhig unter den Wasserhahn halten kann, ohne dass Gefahren zu befürchten sind. Ich wurde aber leider auch weiterhin darüber informiert, dass Pubertierende - und insbesondere Jungs - auch ab einem gewissen Alter zunehmend anfangen, schlechte Gerüche zu verströmen. Eine Kollegin berichtete von der LAN-Party ihres 17-Jährigen neulich bei ihnen im Keller. Nachdem 10 Jugendliche sich brav im Flur die Plastikturnschuhe ausgezogen hatten und in den Keller verschwunden waren, konnte man diesen nur noch betreten, wenn man tunlichst nicht durch die Nase atmete.

Ich habe das auch schon festgestellt. Bis zu einem gewissen Alter riechen Babies und Kleinkinder ganz wunderbar. Später tun sie das nicht mehr, sondern riechen nach dem, was sie tagsüber so tun und oft nach Hundekacke, weil sie beim Laufen in den Himmel starren und nie in die Gegenrichtung. Einen richtigen Eigengeruch verströmen sie aber erst später und dieser Zeitpunkt fällt leider meist noch nicht in die Zeit, in welcher sie wegen der Mädchen auch die wundersamen Erfindungen Dusche und Deo entdeckt haben.

Mein Großer hat ein einigermaßen ordentliches Zimmer, welches ich zwar zunehmend weniger betrete, aber immerhin noch regelmäßig, um die Wäsche einzusammeln und ab und an mit Argusaugen das kindliche Staubsaugen zu überwachen. Dabei fällt mir neuerdings schon beim Betreten immer der kaum merkliche Geruch nach Füßen und/oder alten Socken auf. Und selbst, wenn der Wäschekorb leer ist, hängt dieser Geruch in der Luft. Ich bin schon auf dem Bauch über den Boden gerobbt auf der Suche nach dem Geruchswirt in Form eines vermeintlich während des letzten verregneten Pfadfinderlagers 10 Tage am Stück getragenen Socken, aber bisher konnte ich die Quelle des Geruchs nicht finden. Vielleicht muss ich mich damit abfinden, dass mein Sohn dem kindlichen geruchlosen Alter inzwischen entwachsen ist und evolutionsbedingt täglich mehr den Moschusgeruch des angehenden Mammutjägers annimmt. Bei der Vorstellung, wie 10 solcher Geruchsträger in naher Zukunft hier Feste feiern, werde ich nervös angesichts der Tatsache, dass wir keinen LAN-Partytauglichen Keller haben.

Interessant wird allemal, ob einer der künftigen Gäste dann mein Klopapierversteck finden wird. Vielleicht sollte ich in weiser Voraussicht auf meine rosa Handtücher pink- und lilafarbene Häschen sticken.

SallyP.

Während ich neulich am Sonntag Vormittag den Riesenstapel Papier auf unserem Schreibtisch entweder bearbeiten, abheften oder in den Papiermüll bringen wollte, erteilte ich dem großen Kind den Auftrag, einen Gutschein für Omas Geburtstagsgeschenk zu entwerfen. Sie wünschte sich einen schicken Schreibtisch und von allen Beteiligten Gutscheine für das Schicke-Schreibtische-Geschäft. Ich versorgte mein Kind also mit den wesentlichen Informationen Oma, Geburtstag, malen, Tisch, Gutschein. Dann überließ ich ihn sich selbst und der künsterlischen Freiheit und wühlte mich durch Rechnungen, Mahnungen, Schulinformationen, Versicherungsangebote, Steuerunterlagen und nicht zuletzt durch die durcheinander geratenen Kontoauszüge aus vier Jahren für drei verschiedene Konten.

Als ich später wieder nach ihm sah, war der zeichnerische Teil beendet. Auf dem Blatt zu sehen war eine äußerst detailgetreue und künstlerisch hochwertige Abbildung eines Tisches. Eines Eßtisches. Darauf befanden sich erlesenste Speisen und zwar jeweils die Lieblingsspeise aller am Gutschein beteiligter Familienmitglieder. Ich atmete tief durch und wies ihn darauf hin, dass die Oma sich ja eigentlich einen Schreibtisch wünschte. Sein stolzer Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen und er meinte: “Oh, hab ich vergessen.” Ich zog also innerlich die Augenbrauen hoch und bat ihn, den Gutschein noch als das zu beschriften, was er war und beugte mich dann wieder über den Locher und die Bescheinigungen der Krankenversicherung zum Lohnersatz für Kinderbetreuungstage. Als das Bild fertiggestellt war, prangte in riesigen Krakellettern über dem Eßtisch: Gutsche für eine Schreibfisch.

Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich bin ein impulsiver Mensch und ich gestehe hiermit reuevoll, dass der Schreibfisch mir ein bißchen das Kraut ausgeschüttet hat und ich dies vor dem zerstreuten Kind nicht zu verbergen wußte.

Es ist ein Kreuz. Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom schimpft sich dieser Zustand, der Kinder traurig und ihre Eltern wahnsinnig macht. Zum Glück haben wir die Träumervariante erwischt, d.h. in der Regel fällt das Kind nicht negativ auf, wenn es überhaupt auffällt. Leider bringt dies aber auch mit sich, dass man lange damit lebt und darauf wartet, dass der Träumer endlich aufwacht.

Im Kindergarten wurden wir wegen seiner “Verhaltensstörung” zum Gespräch bestellt. Dort wurde uns vorwurfsvoll gesagt, dass unser Sohn auffällig oft mit Blick in den Himmel in der Sandkiste läge, den Sand langsam durch die Hände rieseln ließe und an der Umwelt keinen Anteil mehr nähme. Und wir wurden darauf hingewiesen, dass es nicht sein könne, dass das Kind zum Stuhlkreis und zum Mittagessen immer eine Extraeinladung bräuchte. Damals erklärten wir die Erzieherinnen kurzerhand für wichtigtuerische Dilettantinnen und vergaßen die Angelegenheit, bis die Schulärztin bei der Schuleignungsuntersuchung auf ihr Papier schrieb: “Stark unkonzentriert. Schulreif?”

Mit der Einschulung des Träumers begannen die Schwierigkeiten, denn erstmalig wurde ein gewisses Maß an Selbständigkeit von ihm verlangt. Im Winter der ersten Klasse verlor er ungelogen 6 Paar Handschuhe, 3 Mützen, 1 teure und eine billigere Winterjacke, ein Federmäppchen und einen Schuh. Ich regte mich wahnsinnig auf, kaufte alle Dinge nach und schob alles auf das schlechte Schulsystem, welches die Kinder viel zu früh in sein kinderfeindliches Terrorregime einzog. Kurz bevor ich wahnsinnig wurde, kam der Sommer und es gingen nur noch Sonnenkäppis verloren, die waren billig und der Verlust war nicht so adrenalintreibend für die Mutter. Die Klassen waren klein und die Lehrerin hatte gute Nerven und stupste mein Kind bereitwillig an, wenn es die Flugzeuge im Himmel beobachtete statt die Tüpfelchen auf dem Ä zu machen.

Heute, knapp vier Jahre später kann er sich immer noch nicht merken, die Jeans zu Hause auszuziehen, weil sie vom vielen am Boden Knien beim Comics Lesen nach 5 Tagen Löcher haben. Seit Jahren versuche ich, mich nicht mehr aufzuregen, sondern trage regelmäßig 5 Hosen zur Schneiderin und bezahle 3,50 Euro pro Knie, wenn ich die Flicken selber mitbringe und 5 Euro, wenn sie die Flicken stellt. Ich habe sogar mal die Schneiderin gewechselt, weil ich ihre Ausführungen dazu, wieso ihr gut erzogener Sohn KEINE Löcher in den Hosen hätte, nicht mehr ertrug. Auf den Herbstflohmärkten kaufe ich jährlich Handschuhe und Mützen in ausreichender Menge, um ihn nicht doch irgendwann verzweifelt anschreien zu müssen, wenn er zum 20. Mal mit blau gefrorenen Ohren nach Hause kommt und auf die Frage nach dem Verbleib seiner Mütze verwundert: “Weiß ich nicht, hab ich sie nicht auf?” fragt.

Andere Kinder werden größer, selbständiger und verständiger. Meines kann sich die morgendliche und abendliche Badroutine nicht merken und so frage ich täglich, wenn er rauskommt, ob er auf dem Klo war, sich die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen hätte. Und täglich geht er mit traurigem Gesicht wieder zurück und verrichtet, was er vergessen hat. Allmorgendlich weise ich ihn auf den Zahnpastarand um seinen  Mund hin, weil er nach dem Zähneputzen nicht ans Ausspülen gedacht hat. Manchmal kommt er aus dem Bad gar nicht mehr raus und ich finde ihn irgendwann gedankenverloren literweise Seife aus dem Spender drückend beim Hände waschen. Zwei Mal pro Woche radle ich vor der Arbeit an seiner Schule vorbei und bringe ihm den Hausschlüssel, zwei Mal mache ich es vor Zorn nicht und er sucht sich Unterschlupf bei einem Freund und einmal wöchentlich ruft er mich mittags in der Arbeit an und erzählt mir stolz, dass er den Schlüssel nicht vergessen hat. Manchmal streichelt mir die Lehrerin mitleidsvoll über den Arm, wenn ich wegen des Schlüssels ihren Unterricht störe. Eines Tages werde ich ihr weinend in die Arme fallen.

Seine schulischen Leistungen sind gut, aber nie sehr gut, obwohl er schlau ist und mühevoll, aber beharrlich lernt. Aber dass Satzenden einen Punkt haben und man danach groß weiterschreibt ist genauso schwierig zu verinnerlichen wie es schier unmöglich ist, bei Matheaufgaben in der richtigen Zeile zu bleiben und nicht plötzlich den Teiler der vorherigen Aufgabe zum Rechnen zu verwenden. Wort- und Satzenden werden einfach vergessen und manche Aufsätze lesen sich, als wäre er beim Schreiben auf einem LSD-Trip gewesen, so durcheinander ist sein Satzbau.

Das Gymnasium haben wir nur nach der Kürze des Schulweges ausgesucht. Es kommt häufig vor, dass er verloren geht, weil er in die falsche U-Bahn-Richtung eingestiegen ist und dies erst an der Endhaltestelle gemerkt hat oder weil er schlichtweg vergessen hat, nach Hause zu kommen. Ich warte täglich, dass endlich auch auf unserer U-Bahn-Linie ein Mobilfunknetz vorhanden ist und erwäge heimlich, ihm wie die Beckhams einen Ortungschip in den Oberarm implatieren zu lassen.

Von den beiden nächsten Schulen haben wir uns für die entschieden, welche keine Wanderklassen hat, denn die Vorstellung, wie unser Träumer alle 45 Minuten rechtzeitig ein neues Klassenzimmer finden soll ohne seine kompletten Schulsachen innerhalb eines Tages im gesamten Schulgebäude zu verstreuen, ist ein Grauen. Wahrscheinlich würde er schon in der ersten Woche im schwarzen Schulloch verschwinden und noch wahrscheinlicher gäbe es auch dort  kein Mobilfunknetz oder er hätte ausgerechnet an dem Tag sein Handy vergessen.

Ich wühle mich täglich mit dem Vorsatz aus dem Bett, ihm an diesem Tag keine Vorwürfe zu machen, mich nicht aufzuregen und immer daran zu glauben, dass aus diesem Kind etwas ganz Besonderes werden wird. Und abends gehe ich schlafen und zerfleische mich vor Selbstvorwürfen, weil ich doch wieder wegen vergessener Jacken, schlampigen Hausaufgaben und vulkanausbruchartigen Seifenschaumüberläufen im Bad gemeckert habe. Unsere Kinderärztin schlägt eine Behandlung mit Stimulanzien vor, aber ich frage mich, ob es richtig ist, Kindern so etwas zu geben. Wäre es nicht einfacher, eine Pille zu erfinden, die Eltern geduldiger, ausgeglicher und vor allem reicher machte, damit sie mehr Mützen nachkaufen und das Kind auf Privatschulen mit Klassenstärken von 12 Kindern schicken können? Ich würde die sofort nehmen. Ich schwöre.

Übrigens habe ich beim Papieresortieren neulich auch meine alten Grundschulzeugnisse gefunden. Im Jahreszeugnis der 1. Klasse ist zu lesen:

Die aufgeweckte Schülerin arbeitet im Unterricht zeitweise gut mit, läßt sich aber leicht ablenken und träumt viel. Es passiert häufig, daß sie Hausaufgaben vergißt oder etwas nicht findet. Sich über längere Zeit zu konzentrieren, bereitet ihr noch Schwierigkeiten….Beim Schreiben bemüht sie sich um ein einheitliches Schriftbild. Das Auswendigschreiben geübter Texte und Wörter gelingt nicht immer fehlerlos. Auch beim Abschreiben ergeben sich immer wieder Leichtsinnsfehler….Ihre Leistungen leiden jedoch unter ihrer flüchtigen Arbeitsweise.”

SallyP.


Heute Morgen im Büro ging ich an mein Postfach und fand darin meine Gehaltsabrechnung mit einem ausgewiesenen Endergebnis in unerwarteter Höhe. Sofort schrieb ich Herrn P. eine Email mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrter Herr P.,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass ich aufgrund herausragender Leistungen eine Gehaltserhöhung bekommen habe und diesen Monat daher unglaubliche xxxx Euro zum Familieneinkommen beitragen werde. Ich fordere Sie daher dringend auf, in Ehrfurcht vor mir zu erstarren und mir von nun an täglich nach dem Frühstück zu huldigen.

Mit freundlichen Grüßen,

SallyP.

Den Rest des Tages kreisten meine Gedanken darum, was ich mir von dem vielen Geld alles kaufen könnte, obwohl noch einige Tage vergehen werden, bis der Reichtum mein Konto erreicht haben wird.

So ist das. Kaum kommt man unverhofft zu ein bißchen Geld, schon ist es quasi verplant und ausgegeben. Wer jährlich hoffnungsvoll seine Einkommenssteuererklärung macht, weiß wovon ich spreche. Jedes Jahr malt man sich schillernd aus, was man sich von der zu erwartenden Rückzahlung alles kaufen wird. Wir z.B. planen davon in diesem Jahr extraordinär gute Bergschuhe für mich und Herrn P., eine italienische Markise für die Terrasse, den längst überfälligen Einbauschrank mit großem Schuhregal im Flur und einen Kurztrip nach Barcelona ohne Kinder. Erfahrungsgemäß reicht die Summe der Rückzahlung nicht annähernd für auch nur einen dieser Wünsche, zumal man sich ja auch meist nicht vor September dazu aufraffen kann, die Steuererklärung überhaupt fertig zu machen und abzuschicken. Und wer dann noch - wie ich - einer nach Niederbayern ausgelagerten Bearbeitungsstelle des Heimatfinanzamtes zugehörig ist, der weiß sowieso, was Warten ist.

Neulich habe ich unseren echt repräsentativen und einer in einer Stadt, in der Kinder neuerdings zum Lifestyle gehören, lebenden Familie angemessenen High-Class-Kinderwagen verkauft. Das Kleinkind läuft ja nun selbst, wenn es nicht gerade in Verweigerungshaltung und Trotzrotz ausstoßend am Boden liegt oder vom Fahrradanhänger aus die vorbeiziehende Welt kommentiert. Der Kinderwagen hat sich auf ebay gut verkauft und eines Abends standen also typische Vertreter der schicken neuen Münchner Elterngeneration schwanger bei uns im Wohnzimmer, um das begehrte Stück abzuholen. Wir unterhielten uns angeregt über angesagte Geburtskliniken, in welchen man sich kurz nach dem empfängnisverheißenden Eisprung bereits anmelden muss, um zu den wenigen Privilegierten zu gehören, die das Wunder der Geburt dort erleben dürfen und nicht zwischen all dem Pöbel einer schnöden Uniklinik entbinden müssen. Wir besprachen auch, wo man den Geburtsvorbereitungskurs in exklusivem Ambiente unter seinesgleichen erleben kann und von einfühlsamen und homöopathisch weitergebildeten Designer-Hebammen bei Weizengrascocktails wertvolle Hinweise zur Vermeidung von Schwangerschaftsstreifen und bodenorientierten Brüsten bekommen könne und die sanfte Geburt per Akkupunktur fast garantiert ist. Kurz bevor ich soweit war, alle feine Zurückhaltung zu vergessen und den beiden die Wahrhheit zu berichten, nämlich dass die Geburt schmerzhaft, blutig und grauenvoll sein würde und die Nabelschnur durch das stilvolle Ambiente der Geburtstklinik auch nicht in Herzform springen wird und dass alle Geburstsvorbereitung für die Katz ist, wenn man mittendrin ist, eine Melone durch eine eiergroße Öffnung zu pressen während der eigene Mann mit schriller Stimme an die Pferdeatmung aus dem Kurs erinnert und dass man für eine Perdiuralanästhesie plötzlich morden würde, obwohl man sich vorher 9 Monate lang breit darüber ausgelassen hat, dass etwas anderes als eine völlig natürliche Geburt überhaupt nicht in Frage käme und dies lediglich eine Frage von Willensstärke und weiblichem Selbstbewußtsein sei und dass die Akkupunkturnadeln im kleinen Zeh fast genauso weh tun, wie Preßwehen. Bevor ich die beiden aber von Fundis zu Realos machen konnte, wollten sie sich verabschieden und rangierten den Kinderwagen in Richtung Terrassentür. Um den Weg dafür frei zu machen, musste ich im Gang zwischen Küchenzeile und Kochinsel rückwärts gehen und fiel dabei in die offene Tür der Spülmaschine. Es dauerte eine Weile, bis ich mich unter käferartigem Rudern mit allen Gliedmaßen aus meiner mißlichen Lage befreit hatte, mit verharmlosendem Lächeln wieder stehen und unseren Besuch mitsamt Kinderwagen hinaus komplimentieren konnte. Beide verschwanden unter mitleidsvollen Beteuerungen, während Herr P. sich den Bauch hielt vor Lachen ob des definitiv nicht stylischen und gänzlich uncoolen Anblicks, den ich geboten hatte. Die linke Seite meines Rückens sowie die Verlängerung bis in den Schenkel war noch tagelang blau und die Spülmaschine funktionierte fortan nur noch, wenn man die Tür unmittelbar nach Einschalten mit einem schräg zwischen Herd und Spülmaschine geklemmten Küchenstuhl fixierte und die Kinder anwies, den Stuhl nicht mal anzuschauen, da beim kleinsten Lufthauch die Konstruktion ihren Halt verlor und die Maschine zu spülen aufhörte.

Bis der Mensch vom Kundendienst Zeit fand, sich an einem Tag in einem Zeitfenster zwischen 8 Uhr und 15 Uhr zu uns zu bequemen, vergingen 3 Wochen. Als er dann kam, baute er schlecht gelaunt innerhalb von 10 Minuten Ersatzteile im Wert von 13 Euro ein, trank 3 Tassen Kaffee und verlangte im Anschluß mit barscher Stimme eine 3-stellige Summe von mir und zwar zahlbar in bar und sofort. Normalerweise verfügen wir nicht über größere Summen Bargeld im Haus, aber in der Schreibtischschublade befanden sich erfreulicherweise noch die losen Scheine aus dem Erlös des Kinderwagens. Kinderwagen amortisiert Spülmaschine sozusagen, welch ein Glück.

Letzte Woche bin ich mit meinem Kleinkind in eines der Stadtviertel geradelt, in welchem man als Prototyp der neuen Münchner Style-Familie leben muss. Eigentlich wollte ich dort eine Freundin besuchen, da wir aber viel zu früh dran waren, nutzte ich die Gelegenheit und betrat ein Kinderschuhgeschäft, um der Kröte die längst überfälligen Sandalen zu kaufen. Kinderschuhe sind ja ein ganz eigenes Thema. Der Kinderschuhkauf ist ja mindestens eine so komplexe Angelegenheit wie das Finden einer geeigenten und modernen Maßstäben entsprechenden Geburtsklinik. Erst recht, wenn man ein so groß- aber äußerst schmalfüßiges Kind hat, wie ich. Als ich nach langem Suchen zwischen Schuhen, welche in Farben, Ausführung und Beschaffenheit für vieles geeignet waren, aber nicht für die normalen Basistätigkeiten von Zweijährigen (laufen, springen, Sand spielen) fand ich scheinbar bodenständige Sandalen. Leider hielt der Laden sie nicht in der benötigten Größe vor, aber die Verkäuferin erklärte mir sehr kompetent, dass ich mit meiner Wahl ein ausgezeichnetes Auge bewiesen hatte, denn die Schuhmarke sei die allerneuste Entdeckung im italienischen Luxuskinderschuhsegment und sie könne sie mir aufgrund guter Verhandlungen zu einem unglaublich günstigen Preis anbieten. Ich zeigte mich angemessen beeindruckt, denn der Name der Schuhmarke erinnerte eher an eine franzözische Niedrigpreisprostituierte, denn an italienische Luxusschuhe. Als ich den Preis hörte, war ich versucht, ihr zu erklären, dass ich Schuhe kaufen und nicht die Füße meines Kindes mit Gold verkleiden wollte, aber ich hielt mich mit Mühe zurück. Ich bedauerte also lautstark und außerordentlich, dass die benötigte Größe nicht vorhanden waren und verließ Luft schnappend den Laden. Nachdem mit einem Sommer aber in diesem Jahr ja sowieso kaum mehr zu rechnen ist, brauchen wir auch gar keine Sandalen.

Am Nachmittag erhielt ich Herrn P.s Erwiderung per Email:

Sehr geehrte Frau P.,
meine besten Glückwünsche zu Ihrer monetären Verbesserung! Zur Planung Ihrer Ausgaben werde ich Ihnen gerne einige Vorschläge und Ausgabepositionen mitteilen, nachdem meine eigenen Haushaltsstelle eine kritische Masse erreicht hat.

Beste Grüße,

Herr P.

Da war es schon. Das Geld aus meiner Gehaltserhöhung sollte ich möglichst also ausgeben, bevor ich es in Fingern oder auf dem Konto habe, da sich der Bedarf erfahrungsgemäß unmittelbar mit den Möglichkeiten ergibt. Ich werde mir also den lila Stein für meinen Ring am besten gleich morgen besorgen, sonst kommt am Ende übermorgen der Sommer und ich muss den Kindern doch noch Schuhe besorgen. Ich schrieb also  zurück:

Sehr verehrter Herr P.,

bedauerlicherweise haben sich ganz aktuell ungeahnte Bedarfe ergeben, was bezogen auf die von Ihnen erwähnten Haushaltsstellen eklatante Verschiebungen der Prioritäten bedeutet. Wir bitten also frühestens im November bei Auszahlung des Weihnachtsgeldes um erneute Vorsprache und Beantragung Ihrer Begehrlichkeiten. Mit freundlichen Grüßen…

SallyP.

Hausfrauenreport

Mai 27th, 2010

Meine Güte…hiermit entschuldige ich mich förmlichst bei allen Vollzeitmüttern, über die ich jemals heimlich oder öffentlich gelästert habe. Ich nehme alle hämischen Gedanken zurück, denn ich war im Unrecht und bin mir dessen seit heute ehrlich und wahrhaftig bewußt. Wie es zu dieser edlen Erkenntnis kam?

Es begab sich, dass die Kinderkrippe eine Woche ihre Tore schloß und Frau P. also Urlaub nehmen mußte, um die kleine Ich-Maschine selbst zu hüten und zu erziehen. Herrn P.s wichtige Geschäfte verhinderten, dass er sich daran beteiligte und so sah ich mich urplötzlich damit konfrontiert, von früh bis spät ein Kleinkind in meiner ureigensten Verantwortung zu haben. Dabei  konnte ich noch nicht einmal auf die tatkräftige Unterstützung des Kröten-Bruders hoffen, da dieser sich seiner geschwisterlichen Pflichten mittels Flucht in ein Pfadfinderlager entzogen hatte. Infam.

Plötzlich muss man sich um ausgewogenes und altersgerechtes Essen Gedanken machen und um regelmäßige Essenszeiten sowieso. Nix mehr mit schnell in die Kantine huschen und zwischen zwei Terminen schnell das 2,80 Euro Menü herunter schlingen sondern pünktlich um 11.45 Uhr ein vitaminreiches und frisches Essen servieren, welches dem  Gourmet-Kleinkind auch noch schmecken soll, damit er sich nicht genötigt sehen muss, sein Mißfallen durch Katapultieren des Essens in die Vorhänge auszudrücken.

Sonst ist ja für gesunde Ernährung, gewaltfreie und dennoch zeitgemäß klare Erziehung sowie Förderung sämtlicher künstlerischer Talente die Kinderverwahranstalt zuständig, welcher man dafür monatlich ein Vermögen überweist. In aller Regel ist das Geld aber gut angelegt, denn wochenends zieht man das Kind dann hübsch an und führt es aus und alle Leute sagen dann, wie wohlerzogen es sei, wie gesund es aussähe und wie unglaublich strophensicher es das Lied von der Hexe Wackelzahn zum besten geben könne. Man selbst steht stolz lächelnd daneben und kann sich als Beruf und Familie perfekt vereinende Mutter arschgut vorkommen.

Stattdessen bin ich nun voll im Kleinkindmutterstreß und hetze vom vitaminreichen Einkauf zum Spielplatz zur Wäscherei und wundere mich dauernd, wieso ich es nie rechtzeitig schaffe, zum Mittagsschlaf wieder zu  Hause zu sein und woher eigentlich der ganze Sand immer kommt, wenn ich das schlafende Kind vom Fahrradanhänger in sein Bett trage.  Zudem sehe ich nun ständig meine Wohnung bei Tageslicht, bin entsetzt über deren Zustand und insbesondere darüber, wie Südseite-Fenster bei Sonnenschein um die Mittagszeit aussehen können, obwohl Herr P. sie doch vor Weihnachten akribisch geputzt hat.

Nachmittags klappere ich täglich all meine lange vernachlässigten gesellschaftlichen Verpflichtungen ab und besuche also eine kindbesitzende Freundin oder Kollegin nach der anderen. Dabei muss ich mich auch was meinen Fahrradfahrstil betrifft, gewaltig umgewöhnen, denn mit Kind im Anhänger hinten muss man sich gut überlegen, ob man als stylisch-coole Radlerin über der rechts-vor-links-Regel oder der Bedeutung von roten Ampeln steht und ob man dem LKW-Fahrer auf der Kapuzinerstraße den Mittelfinger zeigt und ihm analfixierte Schimpfwörter nachbrüllt, bis er stehen bleibt und im Begriff ist, mit wutrotem Kopf auszusteigen. Mit Anhänger ist man im Zweifel nicht sehr schnell und wendig und das Kleinkind will unmittelbar wissen: “Mama, hast Du gesagt?”

Auf dem Heimweg gestern wollte ich -  natürlich viel zu spät - noch eben schnell im Supermarkt vorbei und hatte aber die Rechnung aber meine sehr müde kleine Kröte gemacht. Ohne es zu wollen, befand ich mich mitten in der Eltern-Königs-Disziplin:

Einkaufen mit einem in der Autonomiephase befindlichen Kleinkind ohne Chip für den Einkaufswagen.

Was soll ich groß darüber sagen? Ich habe vernünftig mit ihm gesprochen, später viel gebettelt und gefleht, wir haben lange und laut diskutiert und ab der Wursttheke lautstark gestritten, obwohl ich zur großzügigen Konzession bereit war, einen 1-Liter-Eimer Joghurt voller Zuckerersatzstoffe und Geschmacksverstärker zu kaufen und das Kind diesen auch  noch selbst tragen zu lassen. Von der Gemüsetheke zum Kassendurchgang habe ich ihn dann unter den mißbilligenden Blicken aller Leute an einem Arm geschleift, denn im anderen hatte ich den kompletten Einkauf. Im Kassendurchgang lag er neben dem geplatzten  Joghurteimer schreiend am Boden und ich versuchte beim Bezahlen so zu tun, als seien es weder mein Kind noch mein Joghurteimer. Bevor ich die Einkäufe verstaute, manövrierte ich ihn weiterhin schreiend in die Ecke beim Augang, wo er die vorbeifahrenden Einkaufswagen nicht so störte wie im Kassendurchgang. Dort wurde er von vielen teilnahmsvollen Menschen bemitleided und gefragt, warum so ein armes Butzerl denn so weinen müßte und wo denn die Mami (vorwurfsvoll suchender Blick) von dem armen Schneckerl sei. Und damit das Butzerl nicht weiter so traurig sein mußte, bekam es es auch noch einen Schokoriegel geschenkt, den ich ihm am liebsten aus der Hand gerissen und mir zur Beruhigung meiner Nerven quer in den Mund gesteckt hätte. Aber damit hätte ich ja zugegeben, die Rabenmutter zu sein. Nächstes Mal sollte ich solche Leute darauf hinweisen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten, denn das Jugendamt hätte für den nächsten Tag bereits einen für kleine Butzerl geeigneten Heimplatz organisiert.

Die Fahrt nach Hause verbrachte das arme Schneckerl dann glücklich Schokolade mampfend und aufmerksam in der kostenlosen Rezeptezeitschrift des Supermarktes lesend im Fahrradanhänger, während ich wild fluchend nach Hause strampelte und schwor, nie wieder Urlaub zu nehmen, sondern künftig im Büro zu wohnen.

SallyP.

Mein Kind sei nicht im Trotzalter, sondern in der Autonomiephase, sagte mir neulich meine Freundin, die Psychologin, als ich mich über meine mißliche Lebenssituation beschwerte. Dieser Abschnitt im Kleinkindalter sei wichtig zur Entwicklung der Ich-Stärke, der Willensbildung sowie zur Ablösung von den Eltern und zur Selbstbehauptung sowieso. Ich solle also aufhören, andauernd negative Gefühle auf das Kind zu projizieren und stattdessen den Entwicklungsfortschritten und den damit verbundenen Eigenheiten kraftvoll und bejahend entgegen treten.

Sicherlich ein ganz großartiges Konzept, nur leider ist kraftvoll ein Begriff, welcher so gar nicht mehr zu mir passen mag, seit jeder Tag mit einem Tobsuchtsanfall beginnt, weil wir dem Autonomieprotagonisten das Gesicht waschen wollen und damit endet, dass er uns auf dem Wickeltisch mit seinen Beinen blaue Augen schlägt, weil er das Anziehen von Schlafanzügen für einen Verstoß wider die UN-Kinderrechtskonvention hält und äußerst kraftvoll seinen Protest dagegen ausdrückt.

Begonnen hat dieser Entwicklungsabschnitt, der untrennbar verbunden scheint mit der Phase unaufhaltsamer Grauhaarvermehrung bei der Mutter, mit der Aufnahme des Wortes “NEIN” in den aktiven Sprachschatz. Das Wort “Ja” dagegen hat er bis heute nicht verinnerlichen können. Eine Weile hat er jede Frage, egal welche, mit im besten Falle einem freundlichen “Nein” und Kopfschütteln und meistens eher mit einem zornigen “NEIN!” und sofortigem auf den Boden schmeissen und strampeln beantwortet. Später wurde daraus ein vehementes “Mag i niiiiiiiiit” oder auch alternativ “Laß mich” und “Geh weg”. Bisweilen kam es sogar vor, dass wir nach vielerlei Diskussionen aufgaben und ihn genervt aufforderten, dann eben bockig zu sein und gerne auch die ganze Nacht in seiner Zorntränenpfütze liegen zu bleiben und er auch darauf noch mit hochrotem Gesicht “Mag i niiiiiiiit!” schrie und sich in unsere Waden verbiß.

Weiteres zentrales Element der Autonomiephase ist bekanntermaßen die Entdeckung des Wörtchens “ich” im kindlichen Sprachgebrauch, welches zunehmend die Nennung des eigenen Vornamens ersetzt. Bei uns ist es seit einiger Zeit soweit und wir hören mit Begeistertung seine Befehle, die den ganzen Tag in einem Ton auf uns einpeitschen, der an pakistanische Militärausbildungslager erinnert. “Trinken will ich” und “Gabel brauch ich” sind nur wenige davon. Ersteres möchte er selbstredend aus einem richtigen Glas und es gehört zu seinen autonomen Bestrebungen, die Apfelschorle darin nur zum Teil selbst zu trinken und zum weit größeren Teil kreative Ideen damit umzusetzen, die uns schon schwer bereuen haben lassen, das neue Parkett geölt und nicht lackiert zu haben. Zweiteres benutzt er gerne dafür, Tomatenschiffchen katapultartig gegen das Terrassenfenster fliegen zu lassen und danach zu schreien: “Tomate will ich!”

Seit ich neulich Geburtstag hatte, behauptet er nun täglich beim Frühstück, er hätte Geburstag (”Burtstag hab ich”) und fordert dazu “Geschenk will ich und Kuchen essen auch”. Dazu singt er sich selbst ein Ständchen und läßt sich hochleben.

Neulich im Biergarten, während Herr P. und ich kraftlos unsere Müdigkeit in einer Maß Bier ertränken wollten, ging das kleine Ich-Monster mit seinem großen Bruder auf Wanderschaft. Wieder kam er mit offen ausgestreckter Hand und der Forderung: “Geld brauch ich und Karussel will ich”. Als ich die Preise für eine Karusselfahrt sah, setzte ich in Gedanken schon einen Brief ans Familienministerium mit einer Forderung nach der längst überfälligen Erhöhung des Kinderfreibetrages auf. 1,10 Euro für eine Runde Karussel… und wir sprechen hier nicht von einem 400 Meter hohen Rollercoaster mit 6 Loopings im six flags magic mountain, sondern vom Kinderkarussel in Münchens schönstem Biergarten. Als ich klein war, fuhr mein Opa selig oftmals mit dem Radl und mir im Sitz vorne dran dorthin, bestellte sich eine Maß Bier nach der anderen und drückte mir eine Stange Zehnerl in die Hand. Ich weiß bis heute noch, wie sich viele Zehn-Pfennig-Stücke in der halbholen Hand anfühlen. Damals kostete die Karussel-Fahrt jeweils eine solche Münze und wenn das Geld alle und ich fertig war, hatte mein Opa meist schon ein rotes Gesicht und wir fuhren beide glückselig und etwas wackelig nach Hause.

Das Karussel ist dasselbe geblieben, der Preis hat sich dagegen verelffacht und um wieviel teurer die Maß Bier heutzutage ist, möchte ich gar nicht wissen. Wenn man davon ausgeht, dass wir dort noch oft sitzen und den Frust über unsere gescheiterten Erziehungsbemühungen im Alkohol ertränken, wäre es mittelfristig sowieso billiger, das Karussel einfach zu kaufen und mit den Einnahmen für ein Leben lang ausgesorgt zu haben. Das Ding wäre eine 100prozentige Wertanlage - vor allem angesichts der derzeitigen griechischen Krisen - denn Kinder, die ihre Eltern mittels emotionaler Epressung dazu bringen, sie für jeden Preis der Welt Karussel fahren zu lassen, wird es immer geben.

Neulich im Wartezimmer der Schulberatung, wo wir darauf warteten, erklärt zu bekommen, dass das bayerische Schulsystem keine Antworten auf die Verschrobenheiten unseres Großen hätte, stand ein lila Stuhl. Der Zwerg kletterte hinauf und erläuterte mir, dass der Stuhl lila sei. Ich bejahte diese Aussage erfreut, was offenbar nicht die erhoffte Reaktion war, denn sofort ließ er sich vom Stuhl auf den Boden gleiten, hämmerte mit beiden Fäusten in den Boden und schrie “Rot, rot, rot, Stuhl, roooooooooooooooooooooot, Mama!”. Ich stritt eine Weile mit ihm, aber unter den mißbilligenden Blicken der anderen Wartenden fühlte ich mich zunehmend unbehaglich und räumte irgendwann wie Orwells Winston Smith in “1984″, der unter Folter irgendwann einwilligte, drei Finger zu sehen, obwohl ihm zwei gezeigt wurden, flüsternd ein, dass der Stuhl rot sei.

Heute erklärte mir meine Freundin die Psychololgin, dass es bei Kindern in der Autonomiephase wichtig sei, es als pädagogisch versierter Elternteil möglichst nicht auf Machtkämpfe ankommen zu lassen. Wenn diese doch unvemeidbar seien, gälte es unbedingt, diesen Kampf keinesfalls zu verlieren, da sonst die Pubertät über alle Maßen schlimmer werden würde.

Wie ist das denn, wenn die kleine willensstarke Ich-Maschine mich so mürbe gemacht hat, dass meine Farbkenntnisse schwinden und lila vor meinen Augen zu rot wird? Bin ich dann nur farbenblind oder habe ich eine strategisch wichtige Schlacht im großen entwicklungspsychologischen Krieg verloren?

SallyP.

Neulich, beim Abendessen war es soweit: Die kleine trotzige Kröte hatte die Tomate unter den Tisch geworfen statt sie zu essen und das Gurkenstück kichernd in meiner Apfelschorle versenkt, nachdem es ausschließlich die Wurst vom Brot gefuttert und sich anschließend die Butter in die Haare geschmiert hatte. Nach mehrmaliger Aufforderung meinerseits, mit dem Essen nicht zu spielen und auch das Brot seinem eigentlich Zweck zuzuführen, ist mir ein Tomatenschiffchen torpedoartig im Gesicht gelandet. Daraufhin habe ich gebrüllt, dass es mir mit der ewigen Batzerei beim Essen jetzt dann reicht und gleich der Watschnbaum umfällt, was in hiesigen Gefilden soviel bedeutet, wie dass man demnächst geneigt sein könnte, Ohrfeigen zu verteilen.
Da flüsterte das große Kind dem kleinen ganz formalistisch und wichtigtuerisch ins Ohr, dass Gewalt in der Erziehung verboten sei und die Mutter solcherlei Drohungen nicht wahr mache, man aber dennoch um diese Tageszeit auf der Hut sein müsse, was das anhaltende Werfen von Gemüse beträfe.

Nicht, dass ich eine Gegnerin des Rechts auf gewaltfreie Erziehung wäre, aber wenn man zwei Kinder in schwierigen Phasen hat, dann gerät man doch ab und an in emotionale Ausnahmezustände, vergißt sämtliche modernen Erziehungsvorstellungen und wünscht sich den Rohrstock zurück.  Wennschon nicht, um den mißratenen Fratzen die Lust am ordentlichen Essen nahe zu bringen, dann wenigstens um sich selbst per Schlag auf den Hinterkopf in gnädige Bewußtlosigkeit zu befördern, bis die Sprösslinge Abitur haben und aus dem Haus sind.

Ich habe ein Kind im Trotzalter, welches bereits nach der Neugeborenenphase trotzphasenspezifische Verhaltensweisen zeigte, was offenbar seinem Grundcharakter entstammt oder seinem Sternzeichen zuzuschreiben ist. Dementsprechend durchleben wir hier gerade die Doppeltrotzphase oder - anders ausgedrückt - den [I]Trotzphasen-Superpursuit Mode[/I]. Wenn ich nicht von jeher eine Befürwörterin von frühkindlicher Krippenverwahrung gewesen wäre, dann würde ich spätestens jetzt jeden Preis der Welt bezahlen, um das Kind tagsüber in die Hände fachlich versierter Erzieherinnen geben zu dürfen. Sein sonst umfänglicher Wortschatz beschränkt sich momentan im Wesentlichen auf das Wort “Nein” und die Sätze “Mag ich niiiiiiiiiiiiiiiiiit”und  “Lass mich”. Am allerliebsten drückt er sich aber neuerdings völlig wortlos aus, pantomimisch quasi, und das auf geradezu verblüffend deutliche Art und Weise. Bitte ich ihn z.B. Abends, seinem Bruder beim Tischdecken zu helfen, sagt er im günstigsten Falle gleichgültig “nein” und geht weg. Wahrscheinlicher ist die Variante, dass er den Tisch zwar decken will, aber nicht so, wie der bürgerliche Spießer sich das vorstellt. Statt Gläsern stellt er dann den Gästeaschenbecher und die Ramazzottigläser auf den Tisch und wirft sich kreischend auf den Boden, wenn ich ihm den Wunsch, sich selbst ein riesiges Fleischmesser an seinen Platz zu legen (”Messer brauch ich”) verwehre. Meine pädagogische Methode der Wahl ist dann meist, ihn zu ignorieren, was bei seinem Bruder großartig funktioniert und mich im Glauben bestärkt hat, dass man in Sachen Erziehung immer nur seines eigenen Glückes Schmied ist und ich eines der ganz großen Naturtalente in Sachen Pädagogik bin. Was dies betrifft, bin ich inzwischen eines Besseren belehrt, denn ich sehe mich neuerdings oftmals damit konfrontiert, dass der kleine Zornpinkel vor nichts zurückschreckt, mich aus der Haut fahren und mich selbst und alle pädagogischen Dogmen vergessen zu lassen. Es kommt vor, dass er mutwillig die Teller vom Tisch fegt, mit seinem Holzgemüse aus der Kinderküche schmeißt und mich beim Versuch, den strampelenden Wutsack in sein Zimmer zu tragen, schlägt, kratzt und beißt. Letzteres oftmals unter dem ungläubigen Staunen seines friedliebenden großen Bruders, der dann nurmehr flüstert: “Sowas hab ich nicht gemacht, gell, Mama?” “Stimmt!” stelle ich dann genervt fest und wir denken beide sehnsüchtig an die Zeiten zurück, wo er noch ein verwöhntes Einzelkind war und ich im Nachbars- und Bekanntenkreis als Vorzeigemutter fungierte. Heutzutage gehöre ich eher zu den Müttern, über die man im Supermarkt mißbilligend den Kopf schüttelt und deren Nachbarn erwägen, anonym die Supernanny zu bestellen.

Sogar wenn ich entnervt aufgebe und ihm nach minutenlangem Streit und Diskussion, z.B. über die Frage, ob man ein  Recht auf ein windelfreies Dasein hat, obwohl man regelmäßig Häufchen unter dem Küchentisch hinterläßt oder von der Sofalehne auf den Boden pinkelt, resignativ anbiete, er solle doch machen was er wolle, schreit er noch “NEIIIIIIIIIN, mag ich niiiiiiiiiiiiiiiit!” und klammert sich zornig an mein Bein. Kommt das Jugendamt im Notfall auch, um die Mutter ins Heim zu stecken? Kommt daher der Name “Müttergenesungswerk”? Ist das Müttergenesungswerk eine große Besserungsanstalt für aus der Haut gefahrene Rabenmütter? Kann man sich das mit Zaun um einen großen Garten vorstellen, in welchem zombieartige Frauen mit weit aufgerissenen Augen in Bademänteln rumlaufen und “Mag ich niiiiiiiiiiiiit!” flüstern?

Gleichzeitig lebe ich auch noch mit einem Vorpubertierendem zusammen. Dieses einst so brave Vorzeigekind treibt mich aktuell auch regelmäßig in den Wahnsinn. Was dieser Halbwüchsige, für den ich vor lauter Wachsen gar nicht mehr weiß, wo ich so viele neue Hosen und Schuhe herbringen soll, wie er bräuchte, im Kopf hat, ist mir ein völliges Rätsel. Spätestens seit der Einschulung sind ihm die täglichen Routineabläufe im Bad geläufig, aber neuerdings muss man ihm jeden Morgen und jeden Abend daran erinnern, dass man beim Zähneputzen die Zahnbürste bewegen und sich danach den Mund auswaschen muss und dass es von Vorteil ist, sich anschließend auch noch das Gesicht zu waschen, denn Zahnpastaflecken zeigen sich erst später auf dem Schulweg, wenn sie in Gänze getrocknet sind. Stattdessen beschäftigt er sich täglich mehrmals ausgiebig mit dem Haargel, welches ihm eine gute Tante zu Ostern geschickt hat. Davon schmiert er sich so viel in die Haare, dass darin wahrscheinlich bald Schlammmonster ein biotopisches zu Hause finden werden. Für wen er dies allerdings tut, bleibt unklar, denn das weibliche Geschlecht findet er nach wie vor nicht erwähnenswert. Vor kurzem mußte er ein Referat über “Pfadfinder” halten und fing beim Üben immer an der Stelle, wo es um den gemischtgeschlechtlichen Ansatz der Weltpfadfinder- und Weltpfadfinderinnenbewegung ging, verdächtig zu nuscheln an und hätte am liebsten behauptet, richtige Pfadfinder könnten nur Jungs sein.
Was er gedankenverloren andauernd mit dem Flüssigseifenspender macht, kann ich nur erahnen, aber neuerdings müssen wir ständig Nachfüllseife kaufen und seine Hände sind dabei keineswegs sauberer. Als ich vor ein paar Tagen aber zum wiederholten Male angeekelt beim Zähneputzen ausspuckte, weil meine Zahnbürste furchtbar seifig schmeckte, bat ich Herrn P. inständig darum, mit seinem Ältesten ein sehr ernstes Wort zu sprechen, da mir sonst demnächst die guten Worte ausgehen würden.

Übrigens hat das Kind uns davon, dass es Donnerstags in der Schule ein Referat halten müsse, am Dienstag Abend ganz nebenbei erzählt. Und dass es dafür Farbfolien bräuchte, ebenfalls. Die Kollegin, welche ich am nächsten Morgen gehetzt zwischen zwei Terminen bat, mir den Foliendruck am Farblaserdrucker zu erklären, hat zwei erwachsene Jungs und versicherte mir, dass man eigentlich eine von der Familienministerin persönlich überreichte Urkunde und tosenden Applaus aller Mitglieder des Kinderschutzbundes bekommen müßte, wenn man Kinder uneingeschränkt gewaltfrei erzogen und groß gebracht hätte. Sie selbst hätte es geschafft, erzählte sie mir nicht ohne einen Anflug von Stolz, räumte aber ein, dass ihr großer und muskelbepackter Ehemann sie in all den Jahren einige Male unter Aufbietung all seiner Kräfte davon abhalten mußte, in rasender Wut den Watschnbaum zu fällen.

Vor der Phase sei nach der Phase, sagte kürzlich eine Freundin und Mutter von drei Kindern zu mir. Offenbar hat die Natur mit den Phasenpausen dafür gesorgt, dass Eltern Zeit zur Regeneration, Tönung der neuen grauen Haare und Formulierung weiterer hehrer Erziehungsgrundsätze haben.

SallyP.

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